Aufzeichnungen eines Mannes in Zeiten der Trennung und danach
Solange alles funktioniert,
stellt man sich bestimmte Fragen nicht.
Trennung, Auszug und innere Leere.
Die erste Nacht
An die erste Nacht in der neuen Wohnung erinnerte sich Anemun noch lange.
Es war die Nacht, in der er zum ersten Mal verstand, wie laut Stille sein kann.
Die Wohnung war groß, modern und hell. Über hundert Quadratmeter.
Maisonette. Neubau.
Trotzdem war dieser Abend schwer.
Ein Haus.
Zwei Kinder.
Termine.
Anzüge im Schrank.
Und doch ging es zu Ende.
Der Auszug war kein lauter Bruch. Es waren ein paar Kisten, einige Möbel und ein neuer Schlüssel.
Die neue Wohnung war ruhig. Zu ruhig.
Anemun ging durch die Räume: Küche. Bad. Schlafzimmer.
Alles war da.
Nur eines fehlte.
Leben.
Im Schlafzimmer stand noch kein richtiges Bett. Für die erste Zeit musste eine provisorische Lösung reichen. Er setzte sich auf das Sofa und hörte
der Wohnung zu.
In einem Haus hört man vieles.
Türen.
Schritte.
Stimmen.
Geschirr.
Kinder im Treppenhaus.
Hier hörte er den Kühlschrank.
Sonst nichts.
Er musste kurz schmunzeln.
Danach wurde es wieder ruhig.
An diesem Abend tat Anemun nichts Besonderes. Ein Glas wurde zwei. Vielleicht drei. Irgendwann hört man auf zu zählen.
Hauptsache,
es wurde leiser.
Die Wohnung wurde still.
Die Fragen auch.
Am nächsten Morgen wachte er früh auf. Der Kopf schwer, der Mund trocken.
Er lag da und sah an die Decke.
Ein fremdes Zimmer.
Langsam kam die Erinnerung zurück.
Die Wohnung.
Der Auszug.
Ein neues Leben,
das noch keines war.
Aufzeichnungen von Anemun – 1
Manchmal hatte er den Eindruck,
zu stören.
Wenn Beziehungen leise auseinandergehen.
Wann es still wird
Eine Beziehung endet nicht immer dort,
wo sie juristisch endet.
Nicht mit dem Auszug.
Sondern lange davor.
Kein großer Streit.
Kein Abend, an dem alles zerbrach.
Es war eine langsame Verschiebung.
Über Jahre.
Ganz leise.
Die Gespräche wurden kürzer. Es ging um Termine, die Kinder, das Nötige. Abends saßen sie zusammen, und trotzdem war es still.
Manchmal ging sie früher zu Bett.
Ohne Streit.
Der gemeinsame Raum wurde kleiner.
Nicht sichtbar.
Aber spürbar.
Sie funktionierten miteinander. Der Alltag lief weiter. Arbeit. Aufgaben. Alles, was nötig war.
Doch manchmal hatte Anemun den Eindruck,
zu stören.
Sie lebten zusammen,
aber nicht mehr gemeinsam.
Zwei Leben
im selben Haushalt.
Man begegnete sich,
sprach miteinander
und ging weiter.
Manche Beziehungen enden nicht
auf einmal.
Sie entfernen sich.
Und irgendwann
bleibt nur der Alltag.
Der gemeinsame Weg
war längst zu Ende.
Aufzeichnungen von Anemun – 2
In solchen Momenten merkte er erst,
wie groß eine Wohnung werden kann.
Alleinsein nach einer Trennung.
Die Abende danach
Am schwierigsten waren die Abende.
Tagsüber gab es nochDinge zu erledigen. Doch wenn Anemun die Wohnung aufschloss, war sie sofort da.
Stille.
Früher war Bewegung gewesen.
Stimmen.
Schritte.
Kinder im Flur.
Jetzt:
Nichts.
Abends machte er sich etwas zu essen. Oft nur etwas Einfaches.
An Tagen ohne die Kinder
blieb es bei einem Teller.
Ein Platz.
Stille.
Wenn die Kinder da waren, war es anders.
Stimmen.
Schritte.
Gemeinschaft.
Doch irgendwann kam der Aufbruch.
Jacken.
Schuhe.
Rucksäcke.
Die Rückfahrt war ruhig.
Wenn er später wieder die Wohnung aufschloss, war sie sofort wieder da.
Stille.
Manchmal lag noch etwas auf dem Boden.
Ein Zeichen:
Hier war kurz zuvor noch Leben.
Die Stille blieb.
Aufzeichnungen von Anemun – 3
Beim Laufen wurde es leiser.
Wieder in Bewegung kommen.
Die ersten Schritte
In den ersten Monaten verschwammen die Tage: Arbeit, Wohnung, Abende.
Nach einiger Weile begann er wieder zu laufen. Früher gehörten Marathons, lange Läufe und Trainingskilometer für ihn dazu.
Der Körper brauchte Bewegung.
Der Kopf auch.
Zehn Minuten von der Wohnung entfernt begann ein Waldstück. Ein paar Wege, Bäume, ein alter Pfad.
Am Anfang war alles ungewohnt.
Der Körper.
Der Atem.
Die Schritte.
Er erinnerte sich an einen Marathon, den er früher einmal unvorbereitet gelaufen war. Er hatte sich trotzdem an den Start gestellt und sich durch den Lauf gekämpft.
Damals ging es
um Überwindung.
Jetzt ging es darum,
wieder in Bewegung
zu kommen.
Beim Laufen wurde es ruhiger.
Nicht ganz.
Aber genug.
Im Wald kam er an einer alten Ruine vorbei. Dort hatte er früher Bilder für eine Musik-CD mit Eigenkompositionen gemacht.
Eine andere Zeit.
Nicht weit davon verlief eine alte stillgelegte Bahntrasse. Gras wuchs zwischen den Schienen.
Mit den Kindern ging er dort manchmal entlang. Sie balancierten auf den Schienen, so lange sie konnten, sprangen wieder herunter und lachten.
Keine großen Wege.
Aber die ersten
seit langer Zeit.
Aufzeichnungen von Anemun - 4
Die Welt wurde kleiner.
Bis er sich selbst
nicht mehr
ausweichen konnte.
Isolation, innere Krise und Selbstzweifel.
Das Loch
Die Straßen waren leerer.
In den Cafés war es still.
Viele Büros standen fast leer.
Man nannte es
Social Distancing.
Für Anemun bedeutete das vor allem:
viel Zeit
in der Wohnung.
Die Arbeit lief weiter. Der Laptop stand auf dem Tisch.
Gespräche und Videokonferenzen liefen über Bildschirme.
Dazwischen war Zeit.
Zu viel.
Es kamen Fragen.
Warum das alles passiert war.
Was schiefgelaufen war.
Was er hätte anders machen können.
Dann kam Wut.
Auf das,
was war.
Auf sich selbst.
Und immer wieder
dieselben Gedanken.
Im Kreis.
Ohne Antwort.
Abends saß er oft lange am Tisch. Der Laptop war längst zugeklappt.
Um ihn herum
war es still.
Manchmal stand er auf dem Balkon und sah in die Nacht.
Die Gedanken liefen.
Am schwersten war nicht die Stille.
Es war die Distanz
zu seinen Kindern.
Nicht nur,
sie seltener zu sehen.
Von ihnen getrennt
zu sein.
Er griff zu Dingen, die den Schmerz leiser machten.
Für einen Abend.
Für ein paar Stunden.
Am nächsten Morgen begann alles wieder von vorn.
Irgendwann merkte er,
dass er nicht nur in der Wohnung festsaß.
Sondern auch
in sich selbst.
Und er kam
dort nicht heraus.
Aufzeichnungen von Anemun – 5
Der Satz fiel früh.
Zu früh.
Kündigung und Verlust der beruflichen Rolle.
Das verletzte Tier
Am Morgen fiel Anemun auf, dass manche Mitarbeiter ihm kaum in die Augen sahen. Das wunderte ihn. Normalerweise war der Umgang offen gewesen. Man war per Du.
Später wurde er zu einem Gespräch mit dem Aufsichtsrat gebeten.
Als er den Raum betrat und sich setzte, fiel die Kündigung.
Für einen Moment
stand alles still.
Wut.
Verletzung.
Und gleichzeitig
Erleichterung.
Eine Last
fiel ihm
von den Schultern.
Wenig später stand er in seinem Büro. Auf dem Tisch stand ein Karton.
Mehr brauchte es nicht.
Er packte seine Sachen langsam ein. Bücher. Notizen. Persönliche Dinge.
Auf dem Flur war kaum jemand unterwegs.
Ein Abschied
fand nicht statt.
Zwei Männer begleiteten ihn hinaus. Einer kam aus dem Umfeld des Aufsichtsratsvorsitzenden. Der andere war sein Bereichsleiter.
Anemun fuhr mit seinem Dienstwagen nach Hause. Der Karton lag neben ihm auf dem Beifahrersitz.
Die beiden Männer
fuhren hinter ihm her.
In der Wohnung sammelten sie noch einige Arbeitsgeräte ein. Danach nahmen sie auch den Wagen mit und fuhren wieder davon.
Ein verletztes Tier
hat im Rudel
keinen Platz mehr.
Aufzeichnungen von Anemun – 6
Die Tage hatten plötzlich
zu viel Platz.
Wenn Arbeit und vertrauter Alltag wegbrechen.
Die langen Monate
Nach diesem Tag begann eine Zeit, die sich merkwürdig dehnte. Die Monate vergingen, doch die Tage kamen kaum voran.
Früher war sein Kalender voll gewesen: Termine, Gespräche, Entscheidungen.
Jetzt:
nichts.
Viele Tage begannen spät. Die Nächte wurden lang.
Am Morgen war der Kopf schwer. Seine Gedanken kamen nicht zur Ruhe, und der Tag begann langsam.
Oft saß Anemun stundenlang in der Wohnung. Kein Termin wartete auf ihn. Der Laptop blieb zu.
Dazwischen war Zeit.
Zu viel.
Dann kamen die Fragen.
Was war eigentlich passiert?
Was hätte er anders machen können?
Warum war alles so gekommen?
Sie drehten sich im Kreis.
Nichts brachte wirklich Ruhe.
Die Energie fehlte.
An manchen Tagen
stand alles still.
Aufzeichnungen von Anemun – 7
Irgendwann ging er einfach wieder los.
Spaziergänge in der Natur,
wenn der Kopf nicht zur Ruhe kommt.
Unterwegs
An warmen Tagen ging Anemun früh los, bevor es heiß wurde. Meist war er ein bis zwei Stunden unterwegs.
Er nahm selten denselben Weg. Mal ging er durch den Wald, mal bog er auf einen anderen Pfad ab. Manchmal ließ er die Wege ganz hinter sich und ging quer über die Felder.
Draußen trat anderes in den Vordergrund: die Luft, der Boden unter seinen Schuhen, die Weite vor ihm.
Die Gedanken hörten nicht auf.
Aber sie drängten sich nicht mehr
so auf.
Wenn er zurückkam, war nichts gelöst.
Aber er kam ruhiger zurück.
Die Stille in der Wohnung
war für eine Weile
leichter auszuhalten.
Aufzeichnungen von Anemun – 8
Dann kam der Anruf.
Pflegefall in der Familie und neue Verantwortung.
Neue Verantwortung
Eines Tages rief sein Bruder an. Die Mutter war gestürzt und lag im Krankenhaus. Hüfte und Schulter, beides auf derselben Seite, waren gebrochen.
Die Ärzte hatten sofort operiert. Sie bekam eine künstliche Hüfte und eine künstliche Schulter.
Als Anemun sie danach sah, lag sie kraftlos im Bett. Der Arm war ruhig gelagert, die Hüfte fixiert. Neben ihr stand ein Infusionsständer. Bewegung war kaum möglich.
Ihr Körper brauchte Zeit.
Schnell wurde klar, dass sie nicht direkt in eine Reha konnte. Zuerst musste ein Platz in der Kurzzeitpflege gefunden werden.
Anemun sprach mit Ärzten und Pflegepersonal, suchte eine Einrichtung und füllte Formulare aus.
Es gab wieder Termine.
Gespräche.
Dinge, die entschieden werden mussten.
In den Wochen danach fuhr er regelmäßig zu ihr.
Sie war bei sich und wusste genau, was sie brauchte. Wenn etwas in der Pflege nicht so lief, wie sie es sich vorstellte, sagte sie es.
Trotzdem war sie erleichtert, dass der Platz so schnell gefunden worden war.
Bei seinen Besuchen brachte er ihr hin und wieder frisches Obst, ihre Cremes und andere Kleinigkeiten, die sie aus ihrem Alltag kannte.
Manchmal saß er einfach nur
an ihrem Bett.
Wenn er wieder ging, hoffte er,
dass sie langsam
wieder zu Kräften kommen würde.
Aufzeichnungen von Anemun – 9
Er konnte sich nicht hängen lassen.
Seine Kinder brauchten ihn auch.
Vater sein, wenn alles unsicher wird.
Für die Kinder
Es gab Tage, an denen Anemun nicht wusste, was jetzt noch Sinn hatte.
Die Ehe.
Die Arbeit.
Die vertraute Ordnung des Alltags.
Alles war weg.
Doch wenn die Kinder zu ihm kamen, war der Tag anders.
Sie saßen zusammen in der Wohnung, spielten Karten, Brettspiele oder malten.
An anderen Tagen gingen sie spazieren. Manchmal balancierten sie auf den alten Schienen, so lange sie konnten.
Wenn ihre Mutter sie abholte, kam sie manchmal noch mit in die Wohnung. Dann aßen sie noch zusammen, bevor sie die Kinder wieder mitnahm.
Die Kinder waren damals gerade einmal elf.
Ihr ganzes Leben lag noch vor ihnen.
Seine Kinder brauchten ihn noch.
Aufzeichnungen von Anemun – 10
Manchmal schaute er hin.
Und manchmal versuchte er einfach,
wegzusehen.
Innere Fragen und der Umgang mit sich selbst.
Allein mit den Gedanken
Mit der Zeit rückten bestimmte Gedanken wieder näher. Nicht jeden Abend, nicht immer mit derselben Stärke.
Oft saß Anemun am Küchentisch. Eine Flasche stand vor ihm.
Dann drängte sich auf, was er tagsüber weggeschoben hatte.
Was war passiert?
Wo hatte sich sein Leben verschoben?
Und welche Rolle spielte er selbst darin?
Manchmal blieb er bei diesen Gedanken.
An anderen Abenden
betäubte er sie.
Bis der Kopf schwer wurde.
Für eine Weile
musste er nicht hinsehen.
Am nächsten Morgen war nichts verschwunden.
Aufzeichnungen von Anemun – 11
Irgendwann stellte er sich
eine unbequeme Frage:
Welche Rolle hatte er selbst
in all dem gespielt?
Selbsterkenntnis nach Verlust und Umbruch.
Der eigene Anteil
Zuerst kreisten seine Gedanken um das, was passiert war: die Trennung, die Distanz zu seinen Kindern, die verlorene Arbeit, die langen Monate danach.
Dann kam etwas hinzu.
Nicht nur:
Was war geschehen?
Sondern:
Was davon hatte auch
mit ihm zu tun?
Die Frage kam nicht jeden Tag. Manchmal nur für einen Moment.
Es war leichter, auf das zu schauen, was andere getan oder entschieden hatten.
Doch sie ließ sich nicht mehr
ganz wegschieben.
Sie kam zurück.
Und wurde klarer.
Aufzeichnungen von Anemun – 12
Über manche Dinge spricht man nicht.
Wenn Männer in Krisen über Aufgaben sprechen,
statt über sich selbst.
Das Schweigen der Männer
Mit seinem jüngeren Bruder sprach Anemun über die Mutter im Pflegeheim, über Termine, Formulare und alles, was noch organisiert werden musste.
Wenn es um ihn selbst ging, blieb er knapp.
Es ist scheiße“, sagte er. „Aber da muss man durch.“
Er hätte sagen können, wie wenig Halt er noch hatte. Wie vieles ihm entglitten war.
Doch er blieb lieber beim Praktischen.
Über das, was in seiner eigenen Familie zerbrochen war, sprach er kaum. Was all das mit ihm machte, noch weniger.
Stattdessen ging es wieder um Pflegeheimbesuche, Entscheidungen und die nächsten Schritte.
Nicht jammern.
Stark bleiben.
Durchhalten.
Der Satz aus seiner Kindheit war noch da.
„Indianer weinen nicht.“
Auch mit seinen Brüdern
blieb vieles ungesagt.
Aufzeichnungen von Anemun – 13
Manche Dinge verschwinden nicht,
nur weil man nicht darüber spricht.
Wenn verdrängte Gefühle sichtbar werden.
Die Schattenseite
In den Monaten nach der Trennung trug Anemun vieles in sich: Wut, Enttäuschung, Selbstmitleid. Und immer wieder die Frage, warum alles so gekommen war.
Abends, wenn der Tag ruhiger wurde, kam hoch, wofür lange kein Raum gewesen war.
Trauer.
Müdigkeit.
Leere.
Früher hätte er versucht, das schnell wieder wegzudrücken. Oder zumindest so weit zu dämpfen, dass er sich einigermaßen gut fühlen konnte.
Doch diesmal gelang ihm das nicht mehr ganz.
Was er lange beiseitegeschoben hatte,
drängte nach vorn.
Er konnte nicht mehr
einfach wegsehen.
Er sah hin.
Aufzeichnungen von Anemun – 14
Er war da
und doch nicht anwesend.
Wenn der Kopf nicht bei der Familie ist.
Die Abwesenheit
Was nach der Trennung sichtbar wurde,
hatte schon vorher begonnen.
Eines Abends saß Anemun mit seinen Kindern auf der Couch. Sein Sohn erzählte etwas und lachte. Anemun sah ihn an, nickte und sagte etwas dazu.
Dann merkte er, dass nichts von dem, was sein Sohn erzählt hatte, bei ihm angekommen war.
Kein Wort.
Sein Körper war da.
Sein Kopf war woanders.
Bei der Arbeit.
Bei dem, was noch auf ihn wartete.
Er sah seinen Sohn an und wusste nicht, worüber er gerade gesprochen hatte.
Für einen Moment wurde es still.
Nicht im Raum.
Sondern in ihm.
Eine leise Lücke.
Mitten im Moment.
Aufzeichnungen von Anemun – 15
Manchmal läuft alles weiter
und trotzdem stimmt etwas nicht.
Druck, Kontrollverlust und Spannungen zu Hause.
Funktionieren
Im Beruf blieb Anemun ruhig. Termine, Gespräche, Entscheidungen. Auch wenn es schwierig wurde, hörte er zu, wog ab und blieb konzentriert. So kannte man ihn.
Zu Hause war es anders. Ein Glas, das umkippte. Ein Satz, der im falschen Moment kam. Manchmal reichte das.
Sein Ton wurde laut und bestimmend.
Die Stimmung kippte.
Es wurde kaum noch gesprochen.
Als die Energie sich entladen hatte,
merkte er,
wie heftig
er reagiert hatte.
Dann kam das schlechte Gewissen.
Mehr als einmal sagte sie:
„Du bist zu wuchtig.“
Den Satz vergaß er nicht.
Im Beruf hatte er sich im Griff.
Zu Hause,
wo Nähe gebraucht wurde,
war es anders.
Aufzeichnungen von Anemun – 16
Manchmal will man einfach nur ein wenig Ruhe
und merkt nicht, was man damit verliert.
Innere Überforderung und gemeinsame Zeit mit den Kindern.
Der innere Widerstand
Es gab Tage, an denen Anemun einfach zu Hause bleiben wollte. Keine Menschen, kein Trubel, kein Programm. Nur Ruhe.
Es gab auch andere Tage. Dann machten sie Musik, spielten draußen Fußball, gingen spazieren oder zum Spielplatz.
An solchen Tagen
war er bei ihnen.
An Geburtstagen arbeitete er nicht. Er nahm sich frei, wenn ihre Freunde kamen.
Es wurde gespielt,
gegessen
und gefeiert.
Doch wenn die Kinder fragten, ob sie etwas unternehmen wollten, regte sich an manchen Tagen Widerstand in ihm. Ein Tierpark. Ein Ausflug. Irgendwohin, wo viele Menschen sein würden.
Noch bevor sie losgingen, war er innerlich genervt. Es gab Diskussionen, ein Hin und Her. Er sagte nicht immer nein. Schließlich ging er mit.
Meist wurde es dann gut. Die Kinder hatten Spaß. Sie waren draußen, zusammen.
Und doch blieb manchmal
eine Schwere in ihm.
Nicht, weil etwas passiert war.
Sondern weil er mit ihnen unterwegs war,
ohne ganz bei ihnen zu sein.
Aufzeichnungen von Anemun – 17
Man erkennt etwas wieder,
ohne sofort zu wissen, woher.
Wiederkehrende Muster und ihre Herkunft.
Ein alter Schatten
Etwas ließ ihn nicht ganz los.
In ihm war eine Unruhe, eine Spannung.
Sie war nicht neu.
Nur konnte er sie nicht einordnen.
Kein klarer Gedanke.
Eher ein Gefühl:
Dass sich etwas wiederholte.
Und irgendwo
musste es begonnen haben.
Aufzeichnungen von Anemun – 18
Anemundi-Moment
Manches,
was im Alltag geschieht,
beginnt nicht heute.
Es zeigt sich
in einem Ton.
In einer Reaktion.
In einem Rückzug.
Wenn man merkt:
Das ist stärker
als das,
was gerade passiert.
Erst dann begann Anemun
zurückzusehen.
Nicht,
um Schuld zu suchen.
Sondern um zu verstehen,
woher etwas kam,
das er lange nicht einordnen konnte.
Vielleicht erkennst du
in diesen Aufzeichnungen
etwas von dir.
Dann wird aus seiner Geschichte
deine eigene Frage.
Melde dich, wenn du darüber sprechen magst.
Was bleibt, ist nicht immer die Erinnerung.
Sondern das Gefühl.
Frühe Ungerechtigkeit und Kindheitserinnerungen.
Der Hügel
Es war Winter. Schnee lag auf den Straßen der Stadt. Zum Schlittenfahren mussten sie ein Stück hinaus, hinauf zu den Weinbergen. Dort führten kleine, zugeschneite Straßen in Serpentinen den Hang hinab.
Anemun war mit seinem kleinen Bruder unterwegs. Er sollte auf ihn aufpassen und ihn sicher nach Hause bringen.
Sie zogen den Schlitten den Weg hinauf und fuhren die verschneiten Kurven hinunter. Sie lachten, rodelten und liefen wieder hinauf.
Immer wieder.
Es wurde dunkler. Sie hätten längst zurück sein sollen.
Aber sein Brüderchen hatte so viel Freude daran.
„Nur noch einmal, bitte.“
Dann noch einmal.
Als sie zurückkamen, war es dunkel.
Zu Hause wartete keine Frage.
Nur ein Blick, der tötete.
Der Lebensgefährte seiner Mutter.
Der Vater seines Bruders.
Dann ging es schnell.
Schläge. Für beide. Ohne Unterschied.
Anemun verstand es nicht. Er hatte auf seinen Bruder aufgepasst. Er war mit ihm nach Hause gekommen. Sie hatten einfach die Zeit aus den Augen verloren.
Aber das spielte keine Rolle.
Was blieb, war kein Gedanke.
Sondern das Gefühl,
dass etwas nicht gerecht war.
Aufzeichnungen von Anemun – 19
Die Hand des Vaters.
Sterne über einer dunklen Straße.
Kindheit, seltene Besuche beim Vater und fehlende Nähe.
Beim Vater
Den Vater sah er selten. Bei diesen Besuchen waren sie allein.
Manchmal nahm sein Vater ihn mit in seine Stammkneipe. Verrauchte Räume, laute Stimmen und Gläserklirren waren Anemun fremd. Er saß neben ihm und türmte Bierdeckel aufeinander. Ab und zu durfte er Münzen in die Spielautomaten werfen.
Irgendwann stellte sein Vater ihm ein Glas hin.
„Bier, probier.“
Es schmeckte bitter. Spezi fand er besser.
Später gingen sie nach Hause. Es war dunkel. Anemun hielt die Hand seines Vaters, als sie den Gehweg entlanggingen. Über ihnen leuchteten die Sterne.
Die Straße bewegte sich. Oder er selbst. Er wusste es nicht genau.
Alles fühlte sich leicht an.
Am nächsten Tag war er wieder bei seiner Mutter.
Sein Vater war weg.
Aufzeichnungen von Anemun – 20
Sie verstanden nicht,
worum es ging.
Aber sie hörten,
wie laut es wurde.
Streit zwischen Erwachsenen und verlorene Vorfreude auf Familienfahrten.
Die Lautstärke
Zwischen seiner Mutter und ihrem Lebensgefährten war es oft angespannt. Die Kinder wussten meistens nicht, warum.
Sie hörten das Schimpfen und wie die Stimmen lauter wurden.
Wer recht hatte, verstanden sie nicht.
Aber wer lauter war,
schon.
Besonders vor den Fahrten nach Jugoslawien spitzte sich alles zu. Es wurde gepackt, organisiert und überlegt, was alles mitmusste. Schon Tage vorher wurde der Ton im Haus schärfer.
Keine Fahrt nach Jugoslawien begann ohne Streit.
Auch vor Ausflügen wurde es oft laut. Erst der Streit. Dann stiegen sie ins Auto.
Auf der Rückbank saß Anemun still. Er wusste nicht, wer woran schuld war.
Trotzdem fühlte er sich,
als hätte er etwas falsch gemacht.
Die Fahrt begann.
Aber die Vorfreude blieb zu Hause zurück.
Aufzeichnungen von Anemun – 21
Etwas kippt,
bevor man versteht, warum.
Wenn Kinder lernen,
auf kleinste Zeichen zu achten.
Die Strafe
Es waren nicht die großen Dinge.
Oft reichte wenig:
nicht sofort zu hören,
nicht schnell genug zu reagieren
oder etwas anders zu machen,
als es erwartet wurde.
Dann kam die Reaktion.
Schnell.
Oma nahm,
was da war.
Brennnesseln.
Oder eine Rute.
Biegsam.
Im Sommer auf nackten Beinen.
Es brannte.
Ohne lange Worte.
Einfach als Antwort.
An anderen Tagen
ging es noch schneller.
Ein falscher Moment.
Ein falscher Ton.
Dann flog etwas.
Einer von Mutters Holzschlappen.
Nicht immer traf er.
Aber nah genug.
Danach war es vorbei.
Kein Gespräch.
Kein Erklären.
Nur Alltag.
Aufzeichnungen von Anemun – 22
Manches verschwindet nicht.
Es bleibt
im Körper.
Wenn frühe Anspannung lange nachwirkt.
Die alte Spannung
Als Kind war Anspannung oft da.
Nicht immer sichtbar.
Aber spürbar.
Im Raum.
In ihm.
Er wurde still.
Versuchte, nicht aufzufallen,
brav zu sein
und keinen Ärger zu machen.
Gleichzeitig war da etwas anderes:
ein Gefühl von Ungerechtigkeit.
Stark.
Klar.
Nicht zu übersehen.
Antworten gab es selten.
Also hielt er still
und wartete, dass es vorbeiging.
Doch im Inneren
passierte etwas.
Ein Teil passte sich an.
Wurde ruhig.
Beobachtete.
Ein anderer ging auf Abstand.
Zog sich zurück.
Oder wollte raus.
Weg von dem, was sich falsch anfühlte.
Diese Spannung verschwand nicht.
Sie blieb.
Im Verhalten.
Noch lange danach.
Und manchmal
brach sie sich Bahn.
Plötzlich.
Heftig.
Als würde etwas reagieren,
das nicht hier entstanden war.
Aufzeichnungen von Anemun – 23
Was lange zurückliegt,
wirkt weiter.
Wie alte Anspannung Nähe und Alltag prägt.
Im Heute
Viele Jahre später
war es noch da.
Nicht sichtbar
auf den ersten Blick.
Im Beruf lief vieles geordnet.
Seine Zündschnur war lang.
Gerade wenn es schwierig wurde,
blieb er ruhig und konzentriert.
Dort hatte er sich im Griff.
Er trug Verantwortung
für mehrere hundert Menschen.
Zu Hause ging es um Nähe.
Und genau dort
war es anders.
Kleinigkeiten reichten.
Ein Glas, das umfiel.
Ein falscher Ton.
Ein Moment,
der nicht passte.
Dann reagierte etwas in ihm.
Zu schnell.
Zu wuchtig.
Die Reaktion war größer
als das,
was gerade passiert war.
Manchmal wurde sein Ton bestimmend.
Kontrollierend.
Als müsste alles
so laufen,
wie er es für richtig hielt.
Dann kippte die Stimmung.
Danach war es still.
Und er wusste:
Es war zu viel.
Diese Spannung war nicht neu.
Sie hatte nur
eine andere Form angenommen.
Und zeigte sich jetzt dort,
wo Nähe gebraucht wurde.
Aufzeichnungen von Anemun – 24
Erst später merkt man,
wie knapp etwas war.
Innere Unruhe und riskantes Fahren.
Die Fahrt
Sie waren auf dem Heimweg.
Anemun fuhr zügig, wie so oft.
Möglichst schnell.
Möglichst ohne anzuhalten.
Der Blick nach vorn.
Weiter.
Es ging ihm nicht schnell genug.
Vor ihm lag eine unübersichtliche Stelle.
Trotzdem zog er zum Überhölen raus.
Für einen Moment wurde es eng.
Sehr eng.
Ein entgegenkommendes Auto.
Ein kurzer Augenblick.
Dann war es vorbei.
Er zog zurück auf seine Spur
und fuhr weiter.
Im Auto war es still.
Die Kinder sagten nichts.
Kein Wort.
Diese Stille war anders.
Nicht ruhig.
Sondern gespannt.
Für einen Moment wurde ihm klar,
was gerade passiert war.
Wie knapp es gewesen war.
Und was hätte passieren können.
Aufzeichnungen von Anemun – 25
Wie knapp es gewesen war.nd was hätte passieren können.
Der Weg war nur das,
was dazwischenlag.
Wie frühe Anspannung das Fahren prägt.
Nur ankommen
Schon als Kind kannte Anemun diese Fahrten.
Wenn es mit den Eltern nach Jugoslawien ging,
begann die Anspannung oft schon vor der Abfahrt.
Die Strecke war lang.
Fast tausend Kilometer.
Damals führte sie nicht nur über Autobahnen.
Vieles ging über Landstraßen.
Durch Österreich.
Durch Slowenien.
Vor ihnen fuhren Lastwagen.
Traktoren.
Langsame Fahrzeuge mit Anhänger.
Um voranzukommen,
wurde überholt.
Immer wieder.
Manchmal wurde es sehr, sehr eng.
Sonst, so fühlte es sich an,
würde man nie ankommen.
Die Fahrten waren anstrengend.
Er wollte nur,
dass sie vorbei waren.
Endlich aussteigen.
Draußen sein.
Frei.
Später, mit achtzehn,
fuhr er allein nach Jugoslawien.
Zu seinen Freunden.
Zu seiner Liebe.
Einsteigen.
Tanken.
Weiter.
Es ging ihm nicht um die Fahrt.
Es ging darum,
endlich da zu sein.
Möglichst schnell.
Möglichst ohne anzuhalten.
Die Landschaft.
Die Orte.
Die Pausen.
Er nahm sie kaum wahr.
Der Blick nach vorn.
Weiter.
Vielleicht lag darin etwas,
das er damals noch nicht verstand.
Nicht nur Ungeduld.
Sondern der Wunsch,
wegzukommen.
Raus aus der Enge.
Hinein in das Gefühl,
frei zu sein.
Später zeigte sich,
wie stark dieser Drang
sein Fahren bestimmte.
Doch die Unruhe
war nicht erst auf der Straße entstanden.
Sie war schon da,
lange bevor er selbst fuhr.
Aufzeichnungen von Anemun – 26
Es gibt Augenblicke,
in denen der Körper schneller reagiert
als der Verstand begreift.
Wenn ein kurzer Moment zeigt,
wie schmal der Grat zwischen Sicherheit und Gefahr sein kann.
Vor dem Tunnel
Sie waren zu zweit unterwegs
nach Jugoslawien.
Durch Österreich.
Tunnel um Tunnel.
Anemun fuhr die ganze Strecke.
Sein Vater saß neben ihm.
Er schlief.
Das Wetter war trüb.
Trocken.
Anemun war müde.
Er fuhr etwa hundertdreißig.
Für einen Moment
schlief er ein.
Als er die Augen öffnete,
lag der Tunneleingang vor ihm.
Auf der Beifahrerseite
die Tunnelwand.
Nur wenige Meter.
Er riss das Lenkrad herum
und brachte den Wagen
wieder in die Spur.
Sein Vater wurde wach.
Doch er hatte nicht mitbekommen,
was gerade geschehen war.
Anemun schon.
Geschockt.
Und dankbar.
Sie fuhren weiter.
An Schlaf
war zunächst nicht mehr zu denken.
Aufzeichnungen von Anemun – 27
Manchmal wird das Tempo
zur Antwort auf alles.
Wenn beruflicher Druck innere Unruhe am Steuer verstärkt.
Die Folgen
Am schlimmsten wurde es in den Jahren,
in denen Anemun Vorstand war.
Termine.
Entscheidungen.
Verantwortung.
Alles musste schnell gehen.
Nichts durfte übersehen werden.
Im Büro blieb er ruhig.
Doch sobald die Tür des Autos zufiel,
stieg der Druck mit ein.
An seine ersten Fahrstunden
erinnerte er sich noch.
Kuppeln.
Bremsen.
Lenken.
Blinken.
Schalten.
Hoch.
Runter.
Verkehr überall.
Er dachte:
Das lerne ich nie.
Später glaubte er,
den Verkehr lesen zu können.
Drei Fahrzeuge vor ihm.
Drei hinter ihm.
Rückspiegel.
Seitenspiegel.
Links.
Rechts.
Ein Schulterblick
schien ihm nicht nötig.
Er glaubte,
alles unter Kontrolle zu haben.
Das Fahrzeug.
Den Untergrund.
Den Verkehrsfluss.
Auf der Autobahn fuhr er oft
schneller als zweihundert.
Er wollte vorbei.
Er fuhr nicht sofort dicht auf.
Erst wenn jemand lange links blieb
oder ihm zu langsam vorkam.
Dann drängelte er,
überholte rechts,
wechselte über alle drei Spuren,
nur um weiterzukommen.
Manchmal nutzte er dafür
den Standstreifen.
Der Verkehr wurde für ihn
zu einem Spiel.
Mit Autos.
Mit Motorradfahrern.
Mit der nächsten Lücke.
Er nannte es
vorausschauendes Fahren.
Einmal stand an einer Ampel in der Stadt
ein Porsche neben ihm.
Als die Ampel auf Grün sprang,
fuhren beide zügig los.
Anemun blieb an ihm dran.
Er kannte die Strecke.
Der Porsche beschleunigte.
Anemun blieb dicht
an seiner Stoßstange.
Dann bog der Porsche rechts ab.
Abbiegespur.
Gegenverkehr.
Für einen Moment
wurde es eng.
Fast wäre der Porsche
in die Spur des Gegenverkehrs geraten.
Danach fuhren beide langsamer.
Für Anemun fühlte es sich damals nicht
wie Drängeln an.
Eher wie ein Messen.
Es blieb nicht bei solchen Fahrten.
Immer wieder wurde er geblitzt.
Strafzettel.
Bußgelder.
Auch eine zivile Polizeistreife
winkte ihn heraus.
Mehr als einmal
musste Anemun den Führerschein abgeben.
Bei einer Fahrt auf einer Landstraße
war er mehr als achtzig Kilometer pro Stunde
zu schnell.
Dafür musste er sich
vor Gericht verantworten.
Es folgten ein hohes Bußgeld
und mehrere Monate
ohne Führerschein.
In dieser Zeit holten seine Mitarbeiter
ihn zu Hause ab.
Vieles erledigte er
im Homeoffice.
Die Zeit ohne Führerschein
war eine erzwungene Pause.
Mehr zu Hause.
Weniger unterwegs.
Sie tat ihm gut.
Zum ersten Mal seit Langem
wurde es etwas langsamer.
Die Folgen waren sichtbar.
Doch der Druck
war noch da.
Aufzeichnungen von Anemun – 28
Was ihn auf der Straße trieb,
blieb nicht dort.
Wenn Arbeit und Verantwortung so viel Raum einnehmen,
dass das Eigene kaum noch wahrnehmbar ist.
Es lief
Der Druck ging mit
in die Arbeit,
in den Alltag,
in die Art, wie Anemun Verantwortung trug.
Weiter.
Mehr.
Alles geben.
Nichts liegen lassen.
Nach außen war alles da:
Arbeit, Verantwortung, Einkommen.
Die Familie war versorgt.
Ein Dach über dem Kopf.
Essen auf dem Tisch.
Alles, was nötig war.
Er hatte gelernt, sich zu kümmern.
Dafür zu sorgen,
dass nichts fehlte.
Solange das gelang,
schien es genug zu sein.
Doch manchmal tauchte ein Gedanke auf.
Still.
Kurz.
Dass etwas fehlte.
Nicht sichtbar.
Nicht greifbar.
Aber da.
Und genauso schnell
war er wieder weg.
Die nächste Aufgabe
wartete schon.
Aufzeichnungen von Anemun – 29
Anemundi-Moment
Vielleicht teilt ihr noch
einen Alltag.
Vielleicht nur noch
die Verantwortung.
Doch das,
was zwischen euch
leise geworden ist,
findet keinen Satz mehr.
Du hast geschwiegen,
damit nicht noch mehr
zerbricht.
Und weitergemacht,
weil es immer etwas gab,
das wichtiger schien.
Manches wird nicht leichter,
nur weil man es
lange für sich behält.
Melde dich, wenn du darüber sprechen magst.
Erleichterung
ist nicht immer
eine Lösung.
Wenn innere Anspannung
nach schneller Entlastung sucht.
Es wurde leiser
Mit der Zeit gab es etwas,
das die Unruhe
erst einmal dämpfte.
Die Gedanken drehten sich langsamer.
Die Spannung trat zurück.
Es war nicht neu.
Aus früheren Jahren
war ihm dieses Gefühl vertraut.
Kehrte die Unruhe zurück,
wusste er,
was sie leiser machte.
Immer öfter
griff er zu dem,
was verfügbar war.
Es ging nicht um das Mittel.
Sondern um die Wirkung.
Ruhe.
Abstand.
Weniger Druck.
Manches,
was sonst schwer auszuhalten war,
rückte in den Hintergrund.
Es funktionierte.
Für eine Zeit.
Aufzeichnungen von Anemun – 30
Ruhiger
ist nicht immer
näher.
Wenn weniger Streit
Distanz in einer Beziehung verdeckt.
Nebeneinander
Auch zu Hause nahm die Reibung ab.
Es gab weniger Streit.
Die Tage liefen gleichmäßiger.
Sie bestärkte ihn darin.
Wenn er etwas nahm,
wurde es mit ihm
leichter.
Abends saßen sie oft zusammen
vor dem Fernseher.
Nebeneinander.
Still.
Es wirkte vertraut.
Fast wie Nähe.
Noch gab es Ideen.
Pläne.
Mit dem Wohnmobil
durch Europa.
Ein anderes Leben.
Es schien möglich.
Doch es blieb bei Gedanken.
Die Strukturen waren stärker.
Arbeit.
Geld.
Alltag.
Sicherheit.
Und so blieb alles,
wie es war.
Wenn sie sprachen,
ging es meist um das Nötige.
Organisation.
Alltag.
Die Kinder.
Die Ruhe fühlte sich zunächst
entlastend an.
Doch sie war
kein Frieden.
Mit dem Streit
war auch etwas anderes
verschwunden.
Ohne dass es jemand
aussprach.
Oder wirklich bemerkte.
Aufzeichnungen von Anemun – 31
Was zum Alltag gehört,
stellt man nicht infrage.
Wenn Vertrauen im gemeinsamen Umfeld
selbstverständlich wird.
Im Freundeskreis
Die Familien kannten sich
über die Kinder.
Auf dem Spielplatz,
bei Spaziergängen
oder auf Kindergeburtstagen
traf man sich regelmäßig.
Man besuchte sich.
Mal hier.
Mal dort.
Er war der Mann
der besten Freundin seiner Frau.
Beim Kinderturnen
und bei Unternehmungen
mit den Kindern
sahen sie sich regelmäßig.
Vieles davon geschah tagsüber,
wenn Anemun arbeitete.
Für ihn
war das selbstverständlich.
In den Menschen
um sich herum
sah er zuerst das Gute.
Aufzeichnungen von Anemun – 32
Manchmal spürt man etwas,
bevor man es weiß.
Wenn sich etwas ankündigt,
ohne dass man es greifen kann.
Der Abend
Es war ein Abend
wie viele andere.
Sie wollte schwimmen gehen.
Mit dem Mann
ihrer besten Freundin.
Der Plan stand schon länger.
Für Anemun war daran
nichts Ungewöhnliches.
Doch als sie sich fertig machte,
kam eine Unruhe in ihm auf.
Er wusste nicht,
woher sie kam.
Es gab keinen Gedanken,
an dem er sie hätte festmachen können.
Nur dieses unbestimmte Gefühl.
An der Tür
sah er sie an.
Dann sagte er:
„Geh nicht.“
Kein Vorwurf.
Keine Szene.
Nur dieser Satz.
Sie hielt seinen Blick
einen Moment lang.
Etwas in ihrem Blick
schien endgültig.
Er verstand nicht,
was es war.
Und doch wirkte es,
als wäre es
schon länger da gewesen.
Nur hatte er es
bis dahin
nicht gesehen.
Sie sagte nichts.
Dann ging sie.
Zurück blieb
eine Unruhe,
die nicht wegging.
Aufzeichnungen von Anemun – 33
Manchmal braucht es keine Worte,
um zu wissen.
Wenn aus einem Gefühl
Gewissheit wird.
Das Wissen
Der Abend ging vorbei.
Die Nacht auch.
Doch die Unruhe blieb.
Mit jeder Stunde
wurde sie klarer.
Später sprach sie darüber.
Es gab Worte.
Erklärungen.
Versuche,
es einzuordnen.
Doch ihre Worte
änderten nichts.
Sie bestätigten nur,
was in ihm
längst angekommen war.
Die Gewissheit
kam nicht erst
mit dem, was sie sagte.
Sie war vorher da.
Noch nicht
als Wissen.
Aber nicht mehr
unbemerkt.
Es war passiert.
Vielleicht nur einmal.
Ein Ausrutscher.
Doch damit
war etwas
nicht mehr unversehrt.
Die Fragen nach dem Wie
und dem Warum
ließen ihn nicht los.
Doch keine Antwort
machte ungeschehen,
was es in ihm
zurückgelassen hatte.
Einen Bruch.
Einen Schmerz.
Einen Verlust.
Und das tiefe Gefühl,
nicht zu wissen,
wie er damit
leben sollte.
Aufzeichnungen von Anemun – 34
Nicht jeder neue Ort
ist ein Neubeginn.
Wenn ein Umzug Abstand schafft,
aber Nähe nicht zurückbringt.
Der Versuch
Sie versuchten
es noch einmal.
Eine Zeit lang
führten sie ihren Alltag weiter,
so gut es ging.
Später entschieden sie sich
für einen Umzug.
Auch der längere Schulweg
der Kinder
spielte bei dieser Entscheidung
eine Rolle.
Dazu kam der Wunsch,
dem alten Umfeld
nicht länger so nah zu sein.
Ein neuer Ort.
Ein anderer Alltag.
Für einen Moment schien es,
als könnten sie dort
wieder zueinanderfinden.
Sie richteten sich ein,
organisierten den Alltag
und versuchten,
wieder miteinander
zurechtzukommen.
Doch was sich zwischen ihnen
verändert hatte,
ging mit.
Unsichtbar.
Der neue Ort änderte nichts.
Nicht im Inneren.
Nicht zwischen ihnen.
Was vorher schon fehlte,
fehlte auch dort.
Der Ort war neu.
Das Entscheidende nicht.
Aufzeichnungen von Anemun – 35
Manchmal zeigt Abstand
nicht den Weg zurück.
Sondern
wie weit man sich
schon entfernt hat.
Wenn eine Auszeit in einer Beziehung
Hoffnung weckt,
aber keine Nähe zurückbringt.
Die Kur
Es gab noch
einen Versuch.
Eine Mutter-Kind-Kur für sie und die Kinder.
Die Idee lag nahe.
Rauskommen.
Durchatmen.
Abstand gewinnen.
Vielleicht würde es helfen.
Vielleicht würde sich
etwas ordnen.
Sie fuhren.
Anemun blieb zurück.
Die Wohnung war still.
Er ging zur Arbeit.
Kam nach Hause.
Die Tage wurden ruhiger.
Und gleichzeitig schwerer.
Etwas fehlte.
Nicht nur in der Wohnung.
Auch zwischen ihnen.
Bei einem Besuch
gingen sie gemeinsam
durch das Moor.
Die Sonne lag warm
über dem Weg.
Sie unterhielten sich.
Für einen Moment
war da wieder
etwas Vertrautes.
Der Tag war ruhig.
Fast schön.
Doch er blieb
ein einzelner Tag.
Als sie zurückkam,
kam die Nähe
nicht mit zurück.
Kein Neubeginn.
Mehr Abstand.
Aufzeichnungen von Anemun – 36
Manchmal wird man beschrieben,
und erkennt sich
nicht wieder.
Wenn Worte über den Partner verunsichern.
Die Worte
Sie war allein in Therapie. Dort ging es um ihr Erleben.
Irgendwann erzählte sie ihm, was dort über ihn gesagt worden war.
Ein Wort blieb hängen.
„Narzisst.“
Anemun verstand es nicht. Es fühlte sich an wie ein Bild, das nicht zu ihm passte.
Er konnte es nicht einfach wegschieben. Er begann zu lesen
und suchte nach einer Erklärung.
Je mehr er las, desto unsicherer wurde er.
Manches ließ ihn innehalten. Anderes erkannte er bei sich nicht.
Er sprach es an. Nicht als Angriff,
sondern weil er verstehen wollte, was sie in ihm sah.
Doch klarer wurde nichts.
Nur das Gefühl,
dass ihr Bild von ihm
nicht seinem eigenen entsprach.
Aufzeichnungen von Anemun – 37
Manchmal findet man eine Erklärung,
bevor man die Ursache erkennt.
Wenn Reizbarkeit und Wut
auf etwas Tieferes hinweisen.
Die Erklärung
Lange
hatte er eine Erklärung.
Für diese kurzen Momente.
Wenn es kippte.
Ein Ton.
Ein Blick.
Eine Kleinigkeit.
Und es wurde zu viel.
Schneller als gedacht.
Härter als gewollt.
Er kannte das.
Diese Spannung.
Diese Reaktion.
Für ihn
war es klar.
Es lag an dem,
was er nahm.
An den Mitteln.
Danach
war manches anders.
Wenn er nichts nahm,
war alles enger.
Reizbarer.
Unruhiger.
So erklärte er es sich.
Es passte.
Für eine Zeit.
Doch irgendwann
stimmte etwas nicht mehr.
Die Reaktion
war trotzdem da.
Auch an den Tagen,
an denen er etwas nahm.
Nicht immer gleich.
Aber deutlich genug,
um ihn zu beunruhigen.
Zum ersten Mal
tauchte der Gedanke auf.
Vielleicht
lag es nicht daran.
Vielleicht
lag es tiefer.
Doch er verfolgte ihn
nicht weiter.
Noch nicht.
Aufzeichnungen von Anemun – 36
Manchmal passt die Reaktion
nicht mehr
zu dem, was passiert.
Wenn Kleinigkeiten
mehr auslösen,
als sie sollten.
Die Situation
Es war nichts Besonderes.
Ein Besuch.
Familie.
Sie hatten abgesprochen,
dass niemand
etwas mitbringen sollte.
Kein Aufwand.
Einfach kommen.
So war es vereinbart.
Und doch
brachten sie etwas mit.
Kleinigkeiten.
Gut gemeint.
Eigentlich nichts.
Und trotzdem
kippte etwas.
In ihm.
Er merkte es sofort.
Dieser Druck.
Diese Spannung.
Es war nicht so,
wie es sein sollte.
Nicht wie vereinbart.
Es war nicht nötig.
Es wäre genug
da gewesen.
Er wurde unruhig.
Im Ton.
Im Blick.
In sich.
Ein Wort.
Dann noch eins.
Er geriet in einen Streit.
Mit dem Schwager.
Wegen etwas,
das kaum Gewicht hatte.
Als es passierte,
wurde ihm etwas bewusst.
Kurz.
Unangenehm klar.
Dass die Reaktion
größer war
als das,
was passiert war.
Der Besuch
ging weiter.
Von außen
veränderte sich wenig.
Und doch
blieb etwas zurück.
Ein Gefühl,
das nicht passte.
Nicht zu dem,
was tatsächlich
geschehen war.
Aufzeichnungen von Anemun – 37
Manchmal bleibt nicht der Streit.
Sondern das,
was danach kommt.
Wenn Schuldgefühle bleiben,
obwohl der Moment vorbei ist.
Danach
Es war vorbei.
Der Besuch.
Der Streit.
Und doch
war es nicht weg.
Etwas blieb.
Schwer.
Er kannte dieses Gefühl.
Dieses Danach.
Wenn es kippte.
Wenn es zu viel war.
Wieder einmal.
Zu schnell.
Zu heftig.
Er spürte es.
Diese Enge.
Diese Schwere.
Die Enttäuschung.
Über sich selbst.
Und auch
vor den Kindern.
Dass sie es gesehen hatten.
Still.
Ohne etwas zu sagen.
Und er wusste,
dass er ihnen
in solchen Momenten
nicht das gab,
was sie gebraucht hätten.
Ruhe.
Sicherheit.
Halt.
Das ließ sich
kaum ertragen.
Der Versuch,
es später
wieder geradezurücken.
Worte.
Erklärungen.
Vielleicht
eine Entschuldigung.
Und doch
veränderte es wenig.
Vor allem dann nicht,
wenn es wieder geschah.
Mit der Zeit
verloren die Worte
an Gewicht.
Was blieb,
war etwas anderes.
Ein Gefühl
von Scheitern.
Leise.
Aber vertraut.
Als würde es
zu etwas gehören,
das schon lange
da war.
Aufzeichnungen von Anemun – 38
Manches erkennt man erst,
wenn man zurückblickt.
Wenn aus einzelnen Situationen
ein Muster wird.
Der Blick zurück
Hinter diesem Moment
lag mehr.
Mehr als der Besuch.
Mehr als der Streit.
Etwas,
das sich darin zeigte.
In der Reaktion.
In der Wucht.
In dem,
was danach blieb.
Zu heftig.
Nicht passend
zu dem,
was passiert war.
Und nicht neu.
Er kannte es.
Nicht nur
aus dieser Beziehung.
Auch aus früheren.
Immer dann,
wenn es ernst wurde.
Wenn Nähe mehr wollte
als Funktionieren.
Dann kam etwas.
Unruhe.
Druck.
Innerer Widerstand.
Und irgendwann
Abstand.
Manchmal ging er.
Manchmal
ging die andere Seite.
Wenn es zu viel wurde.
Zu laut.
Zu unberechenbar.
Wenn etwas in ihm kippte
und er es
nicht mehr halten konnte.
Dann entstand Abstand.
Nicht geplant.
Aber immer wieder.
Lange dachte er,
es läge an den Umständen.
An Situationen.
An Beziehungen.
Am Zeitpunkt.
Dass es einfach
nicht gepasst hatte.
Doch je länger
er zurücksah,
desto weniger
hielt das stand.
Es waren nicht
ein oder zwei Beziehungen.
Es waren einige.
Versuche.
Anfänge.
Nähe.
Und dann
wieder Abstand.
Es ließ sich nicht mehr
auf die Situation schieben.
Nicht mehr
auf andere.
Es hatte etwas
mit ihm zu tun.
Etwas,
das schon länger da war.
Und sich immer wieder
ähnlich zeigte.
Nicht laut.
Aber klar genug,
um es nicht mehr
zu übersehen.
Aufzeichnungen von Anemun – 39
Manches fehlt nicht später.
Es fehlt von Anfang an.
Wenn etwas,
das nie da war,
später nicht einfach entstehen kann.
Die Lücke
Er hatte lange geglaubt,
dass sein Herz
am richtigen Fleck war.
Dass das,
was nicht funktionierte,
im Außen lag.
An den Umständen.
An den Beziehungen.
An den anderen.
Lange
hatte das gereicht.
Bis es das
nicht mehr tat.
Mit der Zeit
ließ sich etwas
nicht mehr wegschieben.
Nicht erklären.
Nicht beruhigen.
Es kam wieder.
Und wieder.
Nicht laut.
Aber deutlich genug.
Nicht als Gedanke.
Sondern als Gefühl.
Als würde etwas fehlen.
Schon lange.
Und je weiter
er zurückblickte,
desto klarer wurde:
Es war nicht erst
später entstanden.
Aufzeichnungen von Anemun – 40
Wenn ein Leben beginnt
und es zuerst
ums Überleben geht.
Wenn frühe Trennung,
fehlende Nähe
und ein unsicherer Anfang
später Spuren hinterlassen.
Der Ursprung
Sein Leben
hatte nicht ruhig begonnen.
Nicht gehalten.
Nicht getragen.
Es begann
mit Abstand.
Zu früh.
Seine Mutter
hatte lange nicht gewusst,
dass er unterwegs war.
Verdrängt.
Zu viel Arbeit.
Zu viel Alltag.
Zu viel Stress.
Er kam
im sechsten Monat
zur Welt.
Zu klein.
Zu schwach.
Für das,
was eigentlich
vorgesehen war.
Die ersten Monate
verbrachte er
nicht bei ihr.
Sondern in einem Kasten
aus Glas.
Schläuche.
Geräte.
Ein Körper,
der erst einmal
überleben musste.
Kaum Berührungen.
Nähe nicht vorgesehen.
Kein Halt.
Es ging darum,
dass er bleibt.
Und vielleicht
war genau das
der Anfang von etwas,
das später
nicht mehr einfach
nachzuholen war.
Aufzeichnungen von Anemun – 41
Manches beginnt sehr früh –
und bleibt lange unsichtbar.
Pflegeeltern.
Tagesheim.
Und das frühe Gefühl,
nirgends ganz dazuzugehören.
Zwischen mehreren Zuhause
Nach der Zeit im Krankenhaus
war er zunächst
mit seiner Mutter zu Hause.
Eine Zeit lang.
Dann begann sie wieder
zu arbeiten.
Den ganzen Tag.
Unter der Woche
kam er
zu Pflegeeltern.
Am Wochenende
holte sie ihn nach Hause.
Es war so.
Und damit
war es richtig.
Ein Ort
unter der Woche.
Ein anderer
am Wochenende.
Zwei Welten.
Ohne Übergang.
Später
kam der ganztägige Kindergarten.
Danach
die Schule.
Und auch dann
gab es einen Ort,
an dem man blieb.
Das Tagesheim.
Ein Platz,
an dem alles geregelt war.
Bis jemand
wieder Zeit
für ihn hatte.
Doch eines
blieb gleich.
Es gab nie
nur einen Ort.
Nie
nur ein Zuhause.
Immer wieder
ein Dazwischen.
Und vielleicht
war genau das,
was blieb:
Ein Gefühl,
nirgends ganz dazuzugehören.
Aufzeichnungen von Anemun – 42
Manche Kinder lernen früh,
Verantwortung zu tragen.
Ein Schlüsselkind.
Sein kleiner Bruder.
Und ein Alltag,
der zu früh erwachsen machte.
Der Schlüssel um den Hals
Schon früh
begann für ihn
eine neue Rolle.
Ein Schlüssel
an einer Schnur
um den Hals.
Und zwanzig Pfennig
in der Tasche.
Für den Fall,
dass etwas war.
Dann
sollte er anrufen.
Morgens
brachte er seinen kleinen Bruder
zur Kinderkrippe.
Der Weg führte zuerst
zum Bäcker.
Vor der Theke
blieben sie stehen.
Die Glasvitrine
war hoch.
Er stellte sich
auf die Zehenspitzen.
Legte das Geld
auf den Tresen.
Zwei Brezeln.
Zwei Getränke.
Manchmal
Matschbrötchen.
Die Bäckerin
reichte ihm die Tüte.
Für ihn
und seinen Bruder
war das der Morgen.
Die weichen Brötchen,
gefüllt mit Schokoküssen.
Beim Reinbeißen
quetschte sich
alles zusammen.
Ein kleines Fest.
Gelbe Plastikflaschen.
Saft.
Alles
kam in die Taschen.
Dann
gingen sie weiter
zur Kinderkrippe.
Er gab seinen Bruder ab.
Anfangs
ging er noch
in den Kindergarten.
Später
war der Ablauf ähnlich.
Den kleinen Bruder abgeben.
Und weiter
zur Schule.
Danach
ins Tagesheim.
Auch das
war normal.
Der Schlüssel
hing um seinen Hals.
Als gehörte er dorthin.
Aufzeichnungen von Anemun – 43
Manche Grenzen
verschwimmen,
ohne dass man es merkt.
Süßigkeiten.
Ein Spielplatz.
Und eine Grenze,
die niemand zog.
Die Beute
Es gab eine Zeit,
da streiften er und ein paar Jungen
um die Häuser.
Niemand fragte,
wo sie waren.
Wichtig war nur,
wieder pünktlich
zu Hause zu sein.
Irgendwann
entdeckten sie die Läden.
Den Discounter.
Den Bäcker
an der Ecke.
Es war einfach.
Hineingehen.
Eine Tüte.
Süßigkeiten einpacken.
Wieder hinausgehen.
Niemand
hielt sie auf.
Am Anfang
fühlte es sich
aufregend an.
Dann
wurde es normal.
Die Tüten
wurden voller.
Mit jeder Tüte
fühlten sie sich größer.
Mutiger.
Wie Abenteurer
mit Beute.
Sie gingen
zum Spielplatz.
Setzten sich
in den Sand.
Kippten alles aus.
Schokoriegel.
Bonbons.
Gebäck.
Ihr kleiner Schatz.
Jeder
griff zu.
Es wurde gelacht.
Geschmatzt.
Bis nichts mehr ging.
Dann
schoben sie Sand
darüber.
Als würden sie
etwas vergraben.
Nicht aus Scham.
Eher
aus Gewohnheit.
Dann
zogen sie weiter.
Aufzeichnungen von Anemun – 44
Eine Hand
auf der Schulter –
und alle Leichtigkeit
war vorbei.
Die Tüte.
Die Bäckersfrau.
Und der Moment,
in dem alles anders wurde.
Die Hand auf der Schulter
Eine Zeit lang
ging alles gut.
Die Wege
waren vertraut.
Der Discounter.
Der Bäcker.
Der Sandkasten.
Es war einfach.
Reingehen.
Tüte füllen.
Rausgehen.
Die Bewegungen
wurden ruhiger.
Sicherer.
Als hätte es niemand
im Blick.
Für die Jungen
war es längst
kein Risiko mehr.
Eher
ihr Geheimnis.
An einem Nachmittag
stand Anemun
ohne die anderen
beim Bäcker.
Die Auslage
vor ihm.
Er öffnete die Tüte.
Duplo.
Hanuta.
Gummibärchen.
Es ging schnell.
Routine.
Dann
legte sich eine Hand
auf seine Schulter.
In diesem Moment
wurde ihm heiß
und kalt zugleich.
Noch bevor
er sich umdrehte,
wusste er,
dass etwas nicht stimmte.
Dann
hörte er ihre Stimme.
„Junger Mann.“
Er drehte sich um.
Die Bäckersfrau.
Sie sagte nichts mehr.
Sie sah ihn nur an.
Alles
wurde still.
Sie rief die Polizei.
Auf der Wache
saß er allein.
Fragen.
Name.
Adresse.
Die Telefonnummer
der Mutter.
Danach
durfte er gehen.
Der Weg nach Hause
zog sich.
Nicht wegen der Strecke.
Sondern wegen dem,
was vor ihm lag.
Aufzeichnungen von Anemun – 45
Manchmal sitzt der Schmerz nicht dort,
wo der Schlag landet.
Strafe.
Enttäuschung.
Und ein Kind,
das in diesem Moment
nicht da sein wollte.
Die Blamage
Zu Hause
wartete seine Mutter.
Die Polizei
hatte mit ihr telefoniert.
Er erinnerte sich
an ihren Blick.
Nicht nur Wut.
Enttäuschung.
Für sie
war er der gewesen,
auf den sie sich verlassen konnte.
Der Junge,
der seinen kleinen Bruder
zur Krippe brachte.
Der ihn wieder abholte.
Der anrief,
wenn etwas nicht funktionierte.
Und jetzt
war er der Grund,
warum sie
angerufen wurde.
Der Gürtel
hing über der Lehne
eines Stuhls.
Sie nahm ihn herunter.
„Wie kannst du mich nur so blamieren.“
In Erinnerung blieb
vor allem eines.
Das Theater.
Das Geschimpfe.
Die Prügel.
Und dass er
in diesem Moment
am liebsten
nicht da gewesen wäre.
Aufzeichnungen von Anemun – 46
Manche Kinder sind allein –
und nennen es Abenteuer.
Allein unterwegs.
Zwischen Büschen und Häusern.
Und eine Welt,
die nur er sah.
Das Leben interessanter machen
Oft spielte er allein.
Nicht, weil er es sich so ausgesucht hatte.
Es ergab sich.
Sie waren oft umgezogen.
Orte wechselten.
Menschen auch.
Freundschaften blieben selten lange genug,
um fest zu werden.
Der ältere Bruder
war neun Jahre älter.
Schon fast erwachsen.
In seiner eigenen Welt.
Unterwegs.
Der kleine Bruder
war noch zu klein.
Wenn Anemun nicht auf ihn aufpassen musste,
zog er los.
Allein.
Um die Häuser.
Zwischen Garagen.
Hinter Höfen.
Durch Büsche,
die für andere
nur Büsche waren.
Für ihn
waren sie Wege.
Verstecke.
Grenzen.
Länder.
Manchmal kämpfte er sich
durch das Gestrüpp,
als müsste er irgendwohin.
Dabei gab es kein Ziel.
Nur Bewegung.
Einmal
beobachtete ihn
der Lebensgefährte seiner Mutter.
Er sah,
wie Anemun
hinter einem Busch
in Deckung ging.
Die Hand
zur Pistole geformt.
Den Blick
nach vorn gerichtet.
In einem Kampf,
den nur er sah.
Später
fragte er ihn,
was er da eigentlich gemacht habe.
„Ich mache mir das Leben interessanter“,
sagte Anemun.
Mehr sagte er nicht.
Aufzeichnungen von Anemun – 47
Manche Orte sind nicht nur anders.
Sie fühlen sich
lebendig an.
Bei der Oma.
Ein Leben,
das er nicht erfinden musste.
Die Ferien
In den Ferien
war Anemun meist bei der Oma.
Dort
war vieles anders.
Nicht nur das Haus.
Nicht nur die Sprache.
Nicht nur das Essen.
Alles hatte
einen anderen Rhythmus.
Der Cousin war da.
Mit ihm
konnte er spielen.
Draußen sein.
Herumlaufen.
Verschwinden
und wieder auftauchen.
Die Wege
waren andere.
Sie führten
über Höfe.
Durch Gärten.
An Felder.
Zu Tieren.
Zu Nachbarn.
Überall
war etwas los.
Das Leben
war weiter.
Interessanter.
Ohne dass er es
erfinden musste.
Die Oma
war liebevoll.
Nicht mit vielen Worten.
Durch Nähe,
die selbstverständlich war.
Ein Blick.
Eine Stimme.
Sie sah viel.
Sie konnte auch
klar sein.
Und wenn sie durchgriff,
dann richtig.
Aber sie war da.
Für ihn
war das viel.
Mehr,
als er damals
hätte sagen können.
Aufzeichnungen von Anemun – 48
Manche Träume sind groß –
auch wenn sie keinen Platz bekommen.
Schauspieler werden.
Ein Heft voller Bilder.
Und der Wunsch,
sichtbar zu sein.
Das Heft
In dieser Zeit
gab es noch etwas.
Einen Traum.
Anemun
wollte Schauspieler werden.
Nicht nur ein bisschen.
Richtig.
Er hatte sich
ein dickes Heft angelegt.
Darin
klebte er alles ein,
was damit zu tun hatte.
Bilder.
Ausschnitte.
Gesichter.
Szenen.
Alles,
was nach Film aussah.
Nach Bühne.
Nach einem anderen Leben.
Zu Hause
führte er manchmal etwas vor.
Er tanzte.
Spielte.
Stand auf dem Tisch.
Als wäre dort
eine Bühne.
Für einen Moment
war er nicht nur der Junge
mit dem Schlüssel um den Hals.
Nicht nur der,
der den kleinen Bruder brachte.
Nicht nur der,
der funktionieren musste.
Für einen Moment
war er jemand anderes.
Größer.
Freier.
Sichtbarer.
Vielleicht
hätte er gern
eine Schauspielschule besucht.
Aber daran
dachte niemand.
Nicht wirklich.
Nicht aus Bosheit.
Es passte einfach
nicht in die damalige Welt.
Und so
blieb der Traum
in einem Heft.
Zwischen Bildern,
Ausschnitten
und einem Kind,
das mehr in sich trug,
als jemand sah.
Aufzeichnungen von Anemun – 49
Manche Kinder stören nicht,
weil sie nichts verstehen.
Sondern weil zu viel
in ihnen in Bewegung ist.
Französischunterricht.
Eine Lebendigkeit,
die keinen Platz hatte.
Der kurze Abstecher ins Französische
In der Schule
war Anemun nicht schlecht.
Er kam mit.
Verstand vieles.
Auch bei Gesprächen
mit den Lehrern
hieß es oft:
Anemun
sei eigentlich clever.
Er könne viel mehr,
wenn er wollte.
Wenn er weniger Quatsch machte.
Wenn er sich
auf den Unterricht
konzentrieren würde.
Doch stillsitzen
war nicht seine Stärke.
Er war unruhig.
Quirlig.
Schnell.
Einer,
der andere zum Lachen brachte.
Manchmal auch dann,
wenn es nicht passte.
Ein Klassenkasper.
Ab der dritten Klasse
gab es freiwilligen Französischunterricht.
Er ging hin.
Nicht,
weil er schon wusste,
wohin das einmal führen sollte.
Es war ein Angebot.
Er fand die Sprache einfach lustig.
Die Wörter.
Die Laute.
Alles klang anders.
Weicher.
Runder.
Komischer.
Er hörte zu.
Versuchte mitzusprechen.
Mamo.
Papo.
Und musste lachen.
Nicht einmal.
Immer wieder.
Dann machte er Quatsch.
Die anderen lachten mit.
Für ihn
war es Spaß.
Für die Lehrerin
irgendwann nicht mehr.
Nach einiger Zeit
durfte er nicht mehr kommen.
So endete
sein erster Kontakt
zur französischen Sprache.
Kurz.
Laut.
Lustig.
Nicht besonders erfolgreich.
Aufzeichnungen von Anemun – 50
Manchmal sieht ein Kind etwas,
wofür es noch keine Worte hat.
Ein Mann.
Ein Mantel.
Und ein Bild,
das keinen Namen hatte.
Der Mann auf dem Schulhof
Es war in der Grundschulzeit.
Auf dem Schulhof.
Eine Gestalt
stand am Rand.
Dann
öffnete der Mann den Mantel.
Die Kinder sahen hin.
Nicht,
weil sie verstanden,
was geschah.
Sondern weil etwas
nicht stimmte.
Er machte etwas,
das nicht dorthin gehörte.
Nicht auf einen Schulhof.
Nicht vor Kindern.
Anemun konnte es
nicht einordnen.
Zurück blieb
nur ein Bild.
Der Mantel.
Die Bewegung.
Etwas Weißes.
Und das Gefühl,
dass etwas nicht stimmte,
ohne zu wissen,
was genau.
Später
kam die Polizei.
Die Kinder
wurden befragt.
Man zeigte ihnen Fotos.
Gesichter.
Sie sollten sagen,
ob sie den Mann
wiedererkannten.
Antworten geben
auf etwas,
das sie
noch nicht verstanden.
Danach
ging der Schultag weiter.
Doch manches,
was man nicht versteht,
verschwindet nicht.
Es bleibt
ohne Namen.
Aufzeichnungen von Anemun – 51
Kinder geraten in Welten,
die nicht für sie gestaltet sind.
Erwachsene entschieden.
Kinder folgten.
Zwischen den Erwachsenen
Anemun lebte
zwischen mehreren Welten.
Da war die Mutter.
Der Vater,
den er selten sah.
Der neue Mann
an der Seite der Mutter.
Der ältere Bruder,
der kaum da war.
Der kleine Bruder.
Und er.
Alle
gehörten irgendwie dazu.
Und doch
fügte sich nichts
zu einem Ganzen.
Erwachsene sprachen.
Stritten.
Entschieden.
Manchmal laut.
Manchmal gar nicht.
Für Anemun
gehörte dieses Wechseln
irgendwann einfach dazu.
Orte veränderten sich.
Menschen auch.
Und kaum war etwas vertraut,
war es schon wieder anders.
Er lernte,
sich darin zu bewegen.
Vielleicht
fragte er deshalb
nicht viel.
Er spürte,
dass es ohnehin
keine einfache Antwort gab.
Es ging weiter.
Zur Schule.
Ins Tagesheim.
Nach Hause.
Oder dorthin,
wo gerade jemand
auf ihn wartete.
Und irgendwann
wurde aus diesem Durcheinander
eine Frage.
Bei wem
willst du leben?
Aufzeichnungen von Anemun – 52
Das Leben stellte eine Frage –
und eine Antwort
veränderte alles.
Scheidung.
Familiengericht.
Und eine Antwort,
mit der niemand rechnete.
Die Entscheidung
Die Eltern
hatten sich längst getrennt.
Die Scheidung
stand an.
Es ging um Dinge,
die Erwachsene regelten.
Um Papiere.
Um Zuständigkeiten.
Um das,
was danach kommen sollte.
Anemun
saß beim Familiengericht.
Noch keine zehn Jahre alt.
Der Raum
war groß.
Fremd.
Ein Tisch.
Stühle.
Aktenstapel.
Der Richter
wandte sich an ihn.
Die Füße
berührten kaum den Boden.
Sie baumelten
in der Luft.
Für die Erwachsenen
ging es um vieles.
Für ihn
verdichtete sich alles
zu einer Frage.
Willst du bei Mama
oder bei Papa leben?
Er musste
nicht lange nachdenken.
Nicht wirklich.
Für ihn
gab es eine andere Antwort.
Keine von beiden.
Dann
sagte er:
„Bei der Oma.“
Aufzeichnungen von Anemun – 53
Anemundi-Moment
Manchmal entscheidet sich ein Kind
nicht für etwas.
Sondern weg
von dem,
was zu viel geworden ist.
Weg vom Durcheinander.
Weg von Orten,
an denen es
nie ganz ankam.
„Bei der Oma.“
Ein einfacher Satz.
Und doch lag darin
mehr als eine Antwort.
Der Wunsch
nach einem Ort.
Nach Halt.
Und vielleicht
nach einem neuen Anfang.
Nicht alles beginnt
ganz von vorn.
Manches verändert nur
den Ort,
an dem es weitergeht.
Und darin liegt
eine leise Frage:
Wo kann ich sein, ohne mich ständig anzupassen
und Abstriche machen zu müssen?
Vielleicht ist dies auch deine Frage.
Melde dich, wenn du darüber sprechen magst.
Ein Ort, der vertraut ist,
bevor er ein Zuhause wird.
Kein Ferienort mehr.
Ein neues Zuhause.
Ankommen
Als es so weit war,
kam er bei seiner Oma an.
Nicht zum Besuch.
Nicht für ein paar Tage.
Diesmal
blieb er.
Das Haus lag außerhalb.
Ruhiger.
Weiter.
Weniger Stimmen.
Weniger Fragen.
Er stellte seine Sachen ab.
Und in ihm
war Freude.
Seine Oma
war da.
Das reichte.
Draußen
bellten Hunde.
Irgendwo
schlug Metall auf Metall.
Ein Wind
ging durch den Hof.
Alles war anders.
Und doch
nicht fremd.
Aufzeichnungen von Anemun – 54
Am Morgen
war das Neue da.
Der Ort war vertraut.
Neu war,
dass er blieb.
Der erste Morgen
Am ersten Morgen
wachte er früh auf.
Es war anders.
Diesmal
war er nicht nur zu Besuch.
Das Fenster
war offen.
Hunde bellten.
Irgendwo
klapperte ein Eimer.
Dann
krähte ein Hahn.
Er stand auf
und ging in die Küche.
Seine Oma
war schon wach.
Sie stand
am Herd.
Als sie ihn sah,
lächelte sie kurz.
Dann stellte sie ihm
einen Teller hin.
Er setzte sich.
Nahm den ersten Bissen.
Es schmeckte gut.
Sie sprachen nicht viel.
Es war nicht nötig.
Seine Oma
bewegte sich ruhig
durch die Küche.
Jeder Handgriff
saß.
Er sah ihr
eine Weile zu.
Draußen
begann das Leben.
Schritte
vor dem Haus.
Stimmen
in der Ferne.
Ein Traktor,
der ansprang.
Es war nichts Besonderes.
Und genau das
war neu.
Kein Druck.
Keine Erwartung.
Kein Müssen.
Nur dieser Morgen.
Aufzeichnungen von Anemun – 55
Ein Ort ist manchmal mehr
als ein Ort.
Er kann
eine andere Welt sein.
Das damalige Jugoslawien.
Weniger Regeln.
Und eine Freiheit,
die sich anders anfühlte.
Die andere Welt
Bei der Oma
war nicht nur das Haus anders.
Es war groß.
Über zwei Stockwerke.
Gebaut von den Eltern.
Gedacht für alle.
Mit Platz
für die Großfamilie.
Und mit einem Grundstück,
das nicht einfach
am Haus endete.
Ställe.
Obstbäume.
Dahinter
begannen die eigenen Felder.
Mais.
Kartoffeln.
Kürbisse.
Doch viele
lebten in Deutschland.
In Wohnungen.
Als Gastarbeiter.
Und hier
stand dieses Haus.
Groß.
Geräumig.
Stadtnah.
Wie ein anderes Leben.
Auch die Tage
waren anders.
Die Art,
wie sie begannen
und wieder ausklangen.
Weniger geregelt.
Weniger geplant.
Aber nicht ohne Mangel.
Manchmal
stellte man sich
vor dem Laden an.
Für Brot.
Für Kaffee.
Für Öl.
Auch Kinder
standen mit in der Schlange.
Und lernten früh,
dass nicht alles
einfach da war.
Für Anemun
bedeutete das trotzdem zuerst:
Freiheit.
Viel draußen.
Viel Bewegung.
Nicht Tagesheim.
Nicht Schlüssel.
Nicht ständig
auf die Uhr achten.
Nicht immer wissen müssen,
was als Nächstes kam.
Hier
war vieles offener.
Nicht unbedingt einfacher.
Einfach anders.
Lebendiger.
Unmittelbarer.
Als würde die Welt
nicht irgendwo in der Ferne beginnen.
Sondern direkt
um ihn herum.
Aufzeichnungen von Anemun – 56
Eine Welt, die direkt
hinter dem Haus beginnt.
Kindheit in Jugoslawien.
Und Freiheit
direkt hinter dem Haus.
Die Welt hinter dem Haus
Hinter dem Haus
standen die Ställe.
Dahinter
öffnete sich das Grundstück.
Links
die Obstbäume.
Rechts
die Felder.
Mais.
Kartoffeln.
Kürbisse.
Ein Teil
für die Tiere.
Ein Teil
für sie.
Manchmal
steckten sie Maiskolben
auf einen Stock
und hielten sie ins Feuer.
Oder die Oma
kochte sie
in einem großen Topf.
Mit Salz.
Und Butter.
Neben dem Haus
stand ein alter Steinbrunnen.
Von dort
kam das Wasser.
Klar.
Kalt.
Auch an heißen Tagen.
Hinter den Ställen
begann ein Weg.
An den Feldern entlang.
Unten
ein Graben.
Wenn man ihm folgte,
führte er
zu einem Waldstück.
Oft
kam sein Cousin vorbei.
Dann liefen sie los.
Ohne Ziel.
Nur weiter.
Bis die Sonne tiefer stand.
Aufzeichnungen von Anemun – 57
Manches lernt man nicht in der Schule,
sondern auf einem Feld.
Feldarbeit mit der Oma.
Eine Arbeit,
die einfach dazugehört.
Die Tage auf dem Feld
Früh am Morgen
ging er mit seiner Oma hinaus.
Bevor die Sonne
hochstand.
Sie nahm eine Hacke.
Er bekam
seine eigene.
Zuerst
fühlte es sich
wie eine Auszeichnung an.
Oft bereitete sie
einen Tragekorb vor.
Mit Wasser.
Etwas zu essen.
Dann gingen sie
aufs Feld.
Dort
begann die Arbeit.
Die Maispflanzen
waren noch klein.
Die Erde
musste gelockert werden.
Unkraut
entfernt.
Reihe für Reihe
arbeiteten sie sich vor.
Die Erde
war trocken.
Warm
im Geruch.
Staub
klebte auf der Haut.
Er lernte,
die Hacke zu führen.
Wenn die Sonne
höher stand,
machten sie Pause.
Seine Oma
breitete ein Tuch aus.
Brot.
Käse.
Speck.
Tomaten.
Dazu
Brunnenwasser.
Am Rand des Feldes
standen einzelne Bäume.
Dort saßen sie
im Schatten.
Die Hitze
lag drückend über dem Feld.
Ein Vogel
rief.
Dann
standen sie wieder auf.
Und machten weiter.
Aufzeichnungen von Anemun – 58
Eine Landschaft kann
Teil der Kindheit werden.
Wassergräben.
Felder.
Und eine Freiheit
ohne Ende.
Hinter den Feldern
Nach den Feldern
wurde das Land weit.
Für zwei Jungen
schien es grenzenlos.
Zäune
gab es kaum.
Dazwischen
lagen Wassergräben.
Meist trocken.
Nach Regen
voller Wasser.
Libellen
standen in der Luft.
Frösche
sprangen ins Wasser.
Sie liefen
hinter dem Haus los.
Am Maisfeld entlang.
Dann hinunter
zum Graben.
Dort
begann ihre Welt.
Sie balancierten
über die Böschungen.
Sprangen
über die Gräben.
Bei Hochwasser
nahmen sie Anlauf.
Nicht immer
reichte es.
Sie streiften
durch hohes Gras.
Folgten den Wegen,
die sich ergaben.
Wenn sie lange
draußen waren,
blieb alles dort.
Auch das,
was man sonst
zu Hause erledigt.
Ein falscher Schritt
reichte manchmal.
Dann wurde es
kurz laut.
Und danach
wieder still.
Aufzeichnungen von Anemun – 59
Eine Hand
kann ein Leben halten.
Ein Fluss.
Ein Sandfloß.
Und ein Kind,
das fast nicht mehr auftauchte.
Die rettende Hand
In der Nähe
von Omas altem Haus
war der Fluss.
Dort gingen sie baden.
Und manchmal
auch angeln.
Mit mehreren Jungen.
An diesem Tag
war ein Sandfloß im Wasser.
Nicht zum Spielen gedacht.
Für die Sandförderung
aus dem Fluss.
Sie kletterten hinauf.
Sprangen ins Wasser.
Kletterten wieder hinauf.
An der Seite
waren Ösen.
Daran
konnte man sich
beim Hochklettern festhalten.
Anemun
konnte nicht gut schwimmen.
Er sprang trotzdem.
Als er zurück
zum Floß wollte,
griff er nach einer Öse.
Seine Hand
rutschte ab.
Er tauchte unter.
Kam hoch.
Griff wieder.
Rutschte wieder ab.
Panik
kam.
Er griff
wilder.
Nach mehreren
vergeblichen Griffen
kam Wasser
in seinen Mund.
Er schluckte.
Wieder
ging er unter.
Die Geräusche
wurden dumpf.
Das Licht
wurde weniger.
Vor seinen Augen
wurde es schwarz.
Dann
war da eine Hand.
Die Hand
eines Freundes.
Sie griff nach ihm.
Zog ihn hoch.
Aus dem Wasser.
An die Luft.
Er hustete.
Atmete.
Die Hand
war rechtzeitig da.
Aufzeichnungen von Anemun – 60
Freiheit –
bis es plötzlich wehtut.
Barfuß durch Felder und Gräben.
Und Schnaps
auf offene Wunden.
Unter der Brücke
Die Jungen
liefen barfuß.
Über die Felder.
Durch das hohe Gras.
Entlang der Gräben.
Die Erde
war warm.
An manchen Tagen
heiß.
Sie kannten
die Wege.
Die Felder.
Die Gräben.
Die Brücke.
Eines Tages
lief er darunter.
Dunkelheit.
Scherben.
Der erste Schnitt.
Dann
noch einer.
Zuerst
merkte er es kaum.
Erst als er
wieder draußen war,
sah er das Blut.
Sie rissen große Blätter ab.
Drückten sie
auf die Wunden.
Als könnten sie
damit verhindern,
zur Oma zu müssen.
Es half nicht.
Sein Cousin
rannte los.
Er folgte ihm.
So gut er konnte.
Der Großvater
kam.
Nahm ihn in die Arme.
Die Oma
brachte eine Flasche Schnaps.
Direkt
auf die offenen Wunden.
Es brannte.
Er schrie.
Irgendwann
ließ es nach.
Einige Tage später
lief er wieder barfuß.
Aufzeichnungen von Anemun – 61
Nicht alles,
was andere meiden,
macht einem Kind Angst.
Ein Wasserloch.
Neugier.
Und ein Kind,
das näher ging.
Die Schlange
In den Weinbergen
war es still.
Die Großen beschnitten die Reben.
Die Jungen
streiften umher.
Wiesen.
Wege.
In einem ausgetrockneten Wasserloch
lag eine Schlange
in der Sonne.
Sein Cousin
blieb stehen.
„Lass sie.“
Anemun
ging näher.
Vorsichtig.
Die Schlange
hob leicht den Kopf.
Er griff nach ihr.
Am Schwanz.
Sofort
spannte sich ihr Körper.
Sein Cousin
rief,
er solle sie loslassen.
Er hielt sie fest.
Im Gras
lag eine leere Flasche.
Er hob sie auf.
Versuchte,
sie hineinzubekommen.
Es gelang nicht.
Dann
ließ er sie los.
Sie verschwand
im Gebüsch.
Aufzeichnungen von Anemun – 62
Neugier
hat ihren Preis.
Ein Loch im Boden.
Ein Stock.
Und eine Lektion,
die unmittelbar brannte.
Die Wespen
Auf den Wiesen
am Rand der Weinberge
gab es kleine Löcher.
Manche
von Mäusen.
Andere
von Maulwürfen.
Sie hatten Stöcke
in der Hand.
Stocherten
in den Löchern.
Eines
sah aus wie jedes andere.
Er steckte den Stock hinein.
Zuerst
geschah nichts.
Dann
kam Bewegung.
Ein Schwarm
schoss aus der Erde.
Wespen.
Sie rannten.
So schnell sie konnten.
Einige
waren schneller.
Stiche.
Brennen.
Schreie.
Seitdem
waren Löcher im Boden
nicht einfach
nur Löcher.
Aufzeichnungen von Anemun – 63
Bestimmte Schmerzen
vergisst man nicht.
Eine Kette.
Ein rostiger Nagel.
Und ein Schmerz,
den er schon kannte.
Der Hund
Auf dem Hof
lebte ein Hund.
Er war
an einer langen Kette angebunden.
Ab und zu
nahmen die Jungen
die Kette vom Häuschen
und gingen mit ihm los.
Er
lief voraus.
Das Ende der Kette
hielt Anemun
in der Hand.
Daran
war ein rostiger Nagel
eingehakt.
Damit wurde die Kette
am Häuschen befestigt.
Der Hund
verhedderte sich
um einen Pfahl.
Die Kette
spannte sich.
Anemun
zog daran.
Im nächsten Moment
schoss der Nagel
nach vorn.
Er bohrte sich
in seine Handfläche.
Und kam
auf der anderen Seite
wieder heraus.
Er sah auf seine Hand.
Blut.
Der Schmerz
kam danach.
Er zog den Nagel
heraus.
Ging zur Oma.
Sie nahm
die Flasche.
Goss den Schnaps
über die Wunde.
Es brannte.
Er hielt still.
Dieses Brennen
kannte er schon.
Aufzeichnungen von Anemun – 64
Manche Sätze
gehen nicht mehr weg.
Fieber.
Ohnmacht.
Und ein Krankenwagen
nach Zagreb.
Gerade noch rechtzeitig
In der achten Klasse
wurde Anemun krank.
Zuerst
war es Fieber.
Halsschmerzen.
Unwohlsein.
Die Ärzte
sagten:
Mumps.
Ruhe.
Schlafen.
Abwarten.
Doch es wurde
nicht besser.
Das Fieber
stieg.
Irgendwann
musste er
auf die Toilette.
Er stand auf.
Ging los.
Dann
wurde alles weich.
Der Boden.
Die Wände.
Der Körper.
Auf der Toilette
wurde ihm schwarz
vor Augen.
Er fiel.
Ohnmacht.
Die Oma
bekam es mit.
Sie rief
den Krankenwagen.
An ihn
erinnerte er sich nicht.
Nicht an die Männer.
Nicht an die Fahrt.
Als er wieder
zu sich kam,
war er im Krankenhaus.
Ärzte.
Betten.
Gerüche.
Stimmen.
Aus Mumps
war mehr geworden.
Hirnhautentzündung.
Er blieb
einige Wochen dort.
Später
sagten die Ärzte:
Wären Sie später gekommen,
wäre es aus gewesen.
So ein Satz
sitzt.
Danach
blieben Narben
im Gehirn.
So wurde es später
erklärt.
Und Kopfschmerzen.
Heftig.
Immer wieder.
Aber er
war noch da.
Aufzeichnungen von Anemun – 65
Ein einziger Ton
kann lange nachhallen.
Schlachttag.
Der erste Blick
auf Leben und Tod.
Der Schlachttag
Geschlachtet wurde
früh am Morgen.
Noch vor der Sonne
standen die Männer im Hof.
Erst
ein Guten-Morgen-Schnaps.
Dann
wurde das Schwein
an den Ohren gepackt
und aus dem Stall gezogen.
Draußen
begann das Schlachten.
Früher
noch mit dem Schlachtermesser.
Später
kam das Bolzenschussgerät.
Ein kurzer Knall.
Dann
begann die Arbeit.
Heißes Wasser.
Dampf
in der kalten Luft.
Die Borsten
wurden abgeschabt.
Bald hing das Schwein
an einem Balken.
Fleisch.
Innereien.
Blut.
Nichts
wurde weggeschmissen.
Aus allem
wurde etwas gemacht.
Es roch nach Rauch.
Nach Knoblauch.
Nach Gewürzen.
Und nach Fleisch.
Alle
halfen mit.
Die Kinder
standen daneben.
Es wurde gearbeitet
bis zum Abend.
Vieles
war getan.
Doch eines
verschwand nicht.
Der Schrei.
Schrill.
Roh.
Hilflos.
Ein Ton,
der blieb.
Aufzeichnungen von Anemun – 66
Anemundi-Moment
Anemun steht für den Menschen,
der sich seiner Geschichte stellt.
Nicht,
um darin stehen zu bleiben.
Sondern um zu erkennen,
was ihn geprägt hat.
Welche Muster ihn begleiten.
Und was bis heute
in ihm weiterwirkt.
ANEMUNDI ist der Raum
für diese Begegnung.
Kein fertiger Trost.
Kein schnelles Versprechen.
Sondern ein Weg:
Hinsehen.
Hinhören.
Sich erinnern.
Aushalten.
Und Verantwortung
übernehmen.
Wenn diese Aufzeichnungen
etwas in dir berühren,
lies sie nicht nur als Geschichte.
Vielleicht wird daraus
eine Frage,
die auch dich betrifft.
Melde dich, wenn du darüber sprechen magst.
Manche Männer reden wenig.
Und trotzdem
erzählen sie viel.
Wenn Männer wenig sagen –
und trotzdem Spuren hinterlassen.
Der Schuster
Opa war Schuster.
Eigentlich
war er nicht
Anemuns leiblicher Großvater.
Den Mann
hatte Oma
im Krieg verloren.
Aber für Anemun
war er Opa.
In seiner Werkstatt
roch es nach Leder,
Kleber
und Tabak.
Auf der Werkbank
lagen Messer,
Ahlen
und dicke Nadeln.
Er saß
auf einem niedrigen Hocker.
Die Lederschürze
vor sich.
Der Kopf
leicht nach vorne geneigt.
Eine Zigarette
im Mundwinkel.
Er drehte sie selbst.
Manchmal
aus Zeitungspapier.
Stummel
warf er nicht weg.
Er sammelte sie.
Der Tabak
wurde wiederverwendet.
Opa sprach wenig.
Wenn er sprach,
dann laut.
Oft betrunken.
Er trank,
was da war.
Nur kein Wasser.
„Vom Wasser bekommt man
Frösche im Bauch.“
Mit dem Fahrrad
war er unterwegs.
Oft schwankend.
Man hörte ihn,
bevor man ihn sah.
Mit den Kindern
machte er nicht viel.
Aber er war da.
Auf seine Art.
Manchmal
brachte jemand Schuhe.
Dann arbeitete er.
Ruhig.
Konzentriert.
Er konnte sein Handwerk.
Seine Sandalen
waren aus dickem Leder.
Ein Riemen
über dem Zeh.
Einer
über dem Fuß.
Einfach.
Bequem.
Anemun nannte sie
„Jesusschlappen“.
Manchmal
nahm er
etwas von seinem Tabak.
Versuchte zu rauchen.
Husten.
Scheußlicher Geschmack.
Er fühlte sich erwachsen.
Opa merkte,
dass etwas fehlte.
Gesagt
hat er nichts.
Aufzeichnungen von Anemun – 67
Manche Dinge begegnen einem früh.
Auch wenn sie nicht
für Kinder gedacht sind.
Wenn Alkohol zum Alltag gehört –
und niemand eine Grenze zieht.
Der Schnapskessel
Im Herbst
wurde nicht nur geschlachtet.
Es wurde auch
Schnaps gebrannt.
Im Hof
stand der Kupferkessel.
Darunter
brannte ein Feuer.
In großen Fässern
gärte das Obst.
Pflaumen.
Trester.
Manchmal
Aprikosen
oder Birnen.
Ein süßer Geruch
hing in der Luft.
Wenn der Kessel
heiß genug war,
begann es zu tropfen.
Langsam.
Tropf.
Tropf.
Der erste Schnaps
war nicht zum Trinken.
Man schüttete ihn weg.
Normalerweise.
Opa nicht.
Er saß direkt
neben dem Kessel.
Eine Zigarette
im Mundwinkel.
Kaum waren
die ersten Tropfen
im Glas,
hob er es an.
Ein kurzer Schluck.
Kein Zögern.
Kein Verziehen.
Dann ein Nicken.
„Gut.“
Es lief weiter.
Tropfen für Tropfen.
Der Geruch
wurde stärker.
Süß.
Scharf.
Warm.
Die Fässer
wurden leer.
Das Feuer
brannte langsam herunter.
Am Ende des Tages
war der Hof still.
Nur der Kessel
war noch warm.
Aufzeichnungen von Anemun – 68
Ein Schnaps ist kein Schnaps.
Wenn Alkohol zum Alltag gehört –
und niemand ihn infrage stellt.
Ein Schnaps geht immer
Getrunken wurde
zu fast jeder Gelegenheit.
Wenn Besuch kam.
Wenn jemand ging.
Vor dem Essen.
Nach dem Essen.
Zum Kaffee
stand oft ein Schnaps dabei.
Nicht nur
bei der Oma.
Väterlicherseits.
Mütterlicherseits.
Auch bei den Nachbarn.
Alkohol
war einfach da.
Auf dem Tisch.
Im Glas.
In der Hand.
Auch draußen.
Die Männer standen
am Feldrand.
Die Flasche
ging von Hand zu Hand.
Ein Schluck.
Dann griffen sie wieder
zur Hacke.
Sogar der Briefträger
bekam einen.
Er stellte
seine Tasche ab.
Blieb kurz stehen.
„Nur einen kleinen“,
sagte Oma.
Er nahm ihn.
Der Weg
war noch lang.
Auch sonst
standen die Gläser
selten lange voll.
In der Kneipe.
Vor dem Laden.
Im Weinkeller.
Alkohol
gehörte dazu.
Wie Brot.
Wie Arbeit.
Wie Wetter.
Schnaps
war Männersache.
Kleine Gläser.
Ein Nicken.
Ein Anstoßen.
Dann auf Ex.
Die Gespräche
begannen ruhig.
Arbeit.
Politik.
Nachbarn.
Mit jedem Glas
wurden die Stimmen lauter.
Es wurde gelacht.
Manchmal
gestritten.
Schon als Kinder
waren sie dabei.
Nicht mittendrin.
Aber nah genug,
um alles mitzubekommen.
Anemun
beobachtete es.
Einmal
durfte er probieren.
Nur den Finger
ins Glas.
Kurz.
Der Geschmack
brannte auf der Zunge.
Die Männer
lachten.
„Ein Schnaps
ist kein Schnaps.“
„Auf einem Bein
steht sich schlecht.“
Aufzeichnungen von Anemun – 69
Ein Lied reichte,
und eine eigene Welt ging auf.
Wenn Musik nicht nur gehört wird,
sondern einen fortträgt.
Der Sound
Anemun war vielleicht zwölf.
Die Musik
wurde härter.
AC/DC
lief auf Kassette.
Gitarren.
Schlagzeug.
Stimme.
Laut.
Die Kassetten
kamen aus Deutschland.
Dinge,
die nicht jeder hatte.
Wenn die Musik lief,
veränderte sich etwas.
Nicht nur im Raum.
In ihm.
Der Kopf
fiel nach unten.
Und riss
wieder hoch.
Haare flogen.
Der ganze Körper
ging mit.
Headbangen.
Es war kein Tanzen.
Nicht wirklich.
Eher ein Hineinfallen.
In den Rhythmus.
In die Gitarren.
In die Stimme.
Highway to Hell.
Für ein paar Minuten
gab es nichts anderes.
Kein Zuhause.
Keine Fragen.
Kein Dazwischen.
Nur diesen Sound.
Anemun hörte die Musik
nicht einfach.
Er tauchte darin ein.
Ganz.
Bis in die Haarspitzen.
Und tiefer.
Roh.
Laut.
Direkt.
Als gäbe es darin
einen Ort,
an dem er endlich
ganz sein konnte.
Ohne Erklärung.
Ohne Vergangenheit.
Und dieses Gefühl,
für einen Moment
ganz er selbst zu sein.
Aufzeichnungen von Anemun – 70
Manche Veränderungen
sieht man von außen zuerst.
Wenn aus Musik
Auftreten wird –
und man plötzlich sichtbar ist.
Der Auftritt
Die Haare
wurden länger.
Die Kleidung
auffälliger.
Springerstiefel.
Lederjacke.
Manchmal
Bomberjacke.
Darüber
die Jeanskutte.
Selbst gemacht.
Aufnäher drauf.
Stück für Stück
wurde daraus
ein Unikat.
Dazu
Nieten.
Ein Patronengurt.
Kleidung,
die nicht jeder trug.
Wenn Anemun auftauchte,
fiel er sofort auf.
Auf der Straße.
Vor der Schule.
In der Stadt.
Nicht nur
wegen der Haare.
Sondern wegen dem,
was er trug.
Manche
sahen hin.
Manche
sahen weg.
Manche
sagten:
„Čupavac.“
Der Zottelige.
Der mit den langen Haaren.
Nicht immer böse.
Aber oft
mit Unterton.
In der Clique
nannten sie ihn
Pero.
Das war anders.
Näher.
Vertrauter.
Und doch
gab es noch etwas,
das an ihm hing.
„Jugo-Švabo.“
Kein richtiger Name.
Eher ein Stempel.
Einer aus Deutschland.
Nicht ganz von hier.
Nicht ganz von dort.
Draußen
zählte etwas anderes.
Haare.
Musik.
Kleidung.
Die älteren Jungs
sahen ähnlich aus.
Sie wirkten frei.
Und sie waren draußen.
Nicht nur tagsüber.
In der Stadt
kannte man sie bald.
Nicht unbedingt
im guten Sinne.
Für manche
waren sie genau die,
vor denen man warnte.
Für Anemun
fühlte es sich anders an.
Nicht mehr unsichtbar.
Nicht mehr irgendwo
dazwischen.
Sondern einer,
den man sah.
Und nicht allein.
Aufzeichnungen von Anemun – 71
Irgendwann
blieb man nicht mehr drinnen.
Wenn Jugendliche beginnen,
nachts draußen zu sein –
und Freiheit
plötzlich einen Ort bekommt.
Die Nächte beginnen
Irgendwann
blieb man einfach länger.
Nicht gleich nach Hause.
Man blieb
vor der Schule stehen.
Beim Sportheim.
An den Ecken,
an denen die anderen standen.
Die Clique
entstand nebenbei.
Musik
verband sie.
Haare.
Kleidung.
Und das Gefühl,
gemeinsam
durch die Nacht zu gehen.
Für Anemun
war das neu.
Nicht irgendwo
dazwischen.
Sondern mittendrin.
Mit Jungs,
die wussten,
wo man sich traf.
Wo man rauchte.
Wo man trank.
Wie man nicht
erwischt wurde.
Niemand fragte viel.
Niemand erklärte etwas.
Niemand hielt einen auf.
Man teilte Kassetten.
Zigaretten.
Flaschen.
Nächte.
Und dieses Gefühl:
Wir
gegen den Rest der Welt.
Ein Schluck hier.
Ein Glas dort.
Abende
mündeten in die Nacht.
Die Stadt
wurde leiser.
Die Straßen
wurden leerer.
Es gab keinen Plan.
Nur das Gefühl:
Nicht nach Hause.
Noch bleiben.
Aufzeichnungen von Anemun – 72
Dazugehören
hat seinen Preis.
Wenn Anerkennung zählt –
und Grenzen verschwinden.
Dazugehören
Dazugehören
war alles.
Nicht der Kleine sein.
Nicht einer,
der mitlaufen durfte.
Sondern einer,
den man sah.
Die Älteren
gingen voraus.
Sie hatten einen Ruf.
Eine Art,
da zu stehen,
als müsste ihnen niemand
etwas erklären.
Einer von ihnen
war der Hai.
So nannten sie ihn.
Härte.
Coolness.
Wirkung.
Anemun
schaute zu ihm auf.
Aber er wollte
nicht nur
mitlaufen.
Nicht geduldet werden.
Er wollte
auf Augenhöhe.
Er
hatte auch etwas,
das zählte.
Kassetten
aus Deutschland.
Manchmal Geld.
Für Zigaretten.
Für Alkohol.
Auch so
bekam er seinen Platz.
Nicht durch Worte.
Durch Mitmachen.
Durch Aushalten.
Durch Übertreiben.
Er trank mit.
Er rauchte mit.
Er rockte mit.
Er wich nicht zurück.
Und während er
zu den Großen aufschaute,
schauten manche Jüngeren
schon zu ihm auf.
Auch das
spürte er.
Da war plötzlich
Bedeutung.
Eine Rolle.
Ein Platz.
Die Clique
gab ihm Zugehörigkeit.
Sie gab ihm Mut.
Aber keine Grenze.
Sie fühlte sich an
wie Familie.
Nur ohne jemanden,
der zur richtigen Zeit sagte:
Jetzt ist genug.
Aufzeichnungen von Anemun – 73
Manche Orte haben keine Tür.
Und trotzdem
kommt nicht jeder rein.
Ein paar Ziegel.
Und ein Ort,
den sie sich nahmen.
Das Ziegelhaus
Ein Rohbau.
Keine Fenster.
Kein Putz.
Nur Beton,
Staub
und Ziegel.
Ein paar Meter
von der Schule entfernt.
Innen
war alles offen.
Unfertig.
Für sie
war es genau richtig.
Man musste nur
die Straße überqueren.
Dann war man da.
Drinnen roch es
nach Staub
und kaltem Beton.
Licht fiel
durch die offenen Fenster.
Auf dem Boden
lagen Ziegel.
Daraus
wurden Hocker.
Bretter
wurden zu einem Tisch.
Mehr
brauchte es nicht.
Hier
traf man sich.
Vier oder fünf Jungs.
Karten
auf dem Tisch.
Zigaretten
in der Hand.
Bier.
Oder etwas Stärkeres.
Ganz in der Nähe
war ein Laden.
Manchmal
verschwand eine Flasche
im Rucksack.
Dann
ging man zurück.
Setzte sich.
Mischte die Karten.
Zündete
die nächste Zigarette an.
Die Schule
war nur ein paar Meter entfernt.
Aber hier
war sie weit weg.
Der Raum
gehörte ihnen nicht.
Aber hier
fragte niemand.
Aufzeichnungen von Anemun – 74
Manche Orte gehören offiziell der Stadt.
Und doch
nimmt die Jugend
sie sich.
Aus einer Halle
wurde ein Treffpunkt,
an dem sie nicht mehr
versteckt waren.
Das Sportheim
Mit dem Schulwechsel
verschob sich auch der Ort.
Anemun
kam aufs Gymnasium.
Ins Zentrum.
Der Schulweg
wurde weiter.
Dort
wurde das Sportheim
zum Treffpunkt.
Eine große Halle.
Für Spiele.
Veranstaltungen.
Sportunterricht.
Für sie
war etwas anderes wichtig.
Die Theke.
Der Ausschank.
Dort
traf man sich.
Auch während des Unterrichts.
Mit Schulranzen.
Oder ohne.
An manchen Tagen
ging man einfach
an der Schule vorbei.
Direkt zum Sportheim.
Statt Büchern
ein Kanister Wein.
Man setzte sich.
Bestellte ein Bier.
Oder schenkte sich
selbst nach.
Die Gläser
klirrten.
Ein Feuerzeug
ging von Hand zu Hand.
Rauch lag
über dem Tresen.
Billard lief nebenbei.
Die Kegelbahn auch.
Man lachte.
Laut.
Aber meistens
saß man einfach da.
Redete.
Beobachtete.
Niemand fragte
nach dem Alter.
Niemand hielt sie auf.
Das Ziegelhaus
war ihr Versteck gewesen.
Das Sportheim
war etwas anderes.
Offener.
Sichtbarer.
Es gehörte ihnen nicht.
Aber sie nahmen
sich den Raum.
Aufzeichnungen von Anemun – 75
Manche Dummheiten
beginnen harmlos.
Wenn Langeweile
plötzlich gefährlich wird.
Die Autobahnbrücke
Es war ein heller Tag.
Sonne.
Warme Luft.
Anemun war
mit anderen unterwegs.
Sie liefen herum.
Ohne Ziel.
Ohne Plan.
Langeweile.
Irgendwann
standen sie
auf einer Brücke.
Unter ihnen
die Autobahn.
Autos fuhren vorbei.
Klein
von oben.
Schnell.
Laut.
Zuerst
war es nur ein Spiel.
Kleine Steinchen.
Eines fiel.
Dann noch eines.
Und dann
flog wieder ein Stein.
Klein genug,
um harmlos zu wirken.
Groß genug,
um es nicht zu sein.
Ein Auto kam.
Der Stein traf.
Ein Schlag.
Dann
die Scheibe.
Bremsen.
Das Auto
hielt auf dem Standstreifen.
In Anemun
wurde es still.
Dann rannten sie.
Weg von der Brücke.
Weg von dem,
was gerade passiert war.
Niemand blieb stehen.
Niemand ging zurück.
Sie liefen einfach.
So schnell sie konnten.
Später
wirkte es,
als wäre nichts passiert.
Keine Polizei,
die sie fand.
Kein Erwachsener,
der fragte.
Aber er
wusste es.
Da unten
saßen Menschen
in einem Auto.
Es hätte alles anders
ausgehen können.
Schlimmer.
Dieses Wissen
blieb.
Manchmal überschreitet man
eine Grenze
und weiß es sofort.
Auch wenn man
davor wegrennt.
Aufzeichnungen von Anemun – 76
Es kippt nicht immer langsam.
Man merkt es erst,
wenn es ernst wird.
Wenn aus Alkohol
und Übermut
Gefahr entsteht.
Die Feuerleiter
Es war ein sonniger Tag.
Anemun und ein Freund
hatten sich eine Flasche besorgt.
Stroh.
Hochprozentig.
Etwas,
das direkt brannte.
Sie leerten die Flasche zu zweit.
Am Anfang
wurde gelacht.
Blöde Sprüche.
Große Gesten.
Dann
veränderte sich etwas.
Sein Freund
wurde anders.
Stiller.
Unruhig.
Er ging zur Feuerleiter
des Sportheims.
Sie führte
aufs Dach.
Dort oben
hatten sie oft gesessen.
Geraucht.
Geredet.
Er begann
hinaufzusteigen.
Drehte sich um.
„Ich springe von oben runter.“
Anemun griff nach ihm.
Eine Hand
an seinem Bein.
Der Freund
hing halb
an der Leiter.
„Komm runter.“
Kein Lachen.
Kein Spruch.
Nur die Leiter.
Der Körper.
Der Alkohol.
Dann
stieg er langsam
wieder herunter.
Sie setzten sich
auf die Stufen.
Keiner
sagte etwas.
Es war still.
Aufzeichnungen von Anemun – 77
Manche Nächte machen einen älter,
als es die Jahre je könnten.
Wenn Nächte länger werden –
und Grenzen undeutlich werden.
Zwischen Nacht und Tag
Die Brücke.
Die Feuerleiter.
Der Schreck danach.
Nichts davon
hielt sie auf.
Die Freiheit
wurde größer.
Erst
die Schuldiscos.
Dann
das Ziegelhaus.
Später
das Sportheim.
Und irgendwann
reichte auch das
nicht mehr.
Die Jungs
wollten weiter.
Stadt.
Kneipentouren.
Discos.
Anemun
war fünfzehn.
Die Nächte
wurden länger.
Man fuhr
per Anhalter.
Oder lief
einfach los.
Am Anfang
wusste man oft nicht,
wie man wieder
nach Hause kam.
In den Kneipen
saßen Männer.
Arbeiter.
Trinker.
Keine Jungen mehr.
Wenn Alkohol
im Spiel war,
blieb es nicht immer ruhig.
Manchmal
flogen Fäuste.
Die Jungs
standen am Rand.
Schauten zu.
Lernten schnell,
wann man besser
ging.
Nicht jede Nacht
kippte.
Oft
wurde getanzt.
Getrunken.
Gelacht.
Aber manchmal
reichte wenig.
Eine Stimme.
Ein Blick.
Zu viel Alkohol.
Dann
veränderte sich
die Luft.
Aufzeichnungen von Anemun – 78
Erst am Morgen merkt man,
wie knapp es war.
Wenn der Heimweg entgleitet.
Der Straßengraben
Es war Winter.
Minusgrade.
Die Nacht
war lang gewesen.
Irgendwann
konnte Anemun nicht mehr weiter.
Er legte sich einfach hin.
Am Straßenrand.
In den Graben.
In der Morgendämmerung
wachte er auf.
Der Boden
war gefroren.
Die Kleidung
auch.
Der Kopf
schwer.
Er blieb
noch kurz liegen.
Dann
setzte er sich auf.
Schaute sich um.
Stille.
Kein Mensch.
Nur die Straße.
Und die Kälte.
Aufzeichnungen von Anemun – 79
Nicht jede Nacht
endet im Graben.
Ein Tisch am Rand.
Und ein wenig dazugehören.
Die Hochzeit
Wenn irgendwo
eine Hochzeit war,
ging die Nacht oft weiter.
Auch dann,
wenn sie eigentlich
schon vorbei war.
Anemun
und die anderen
kamen manchmal erst am Morgen.
Direkt aus der Nacht.
Müde.
Angetrunken.
Nicht ganz bei sich.
Die Musik
lief noch.
In der Halle
saßen die letzten Gäste.
Es wurde gegessen.
Getrunken.
Gelacht.
Und getanzt.
Am Rand
standen Tische
für die,
die nicht geladen waren
und trotzdem kamen.
Dorthin
setzten sich die Jungs.
Niemand
fragte viel.
Jemand
stellte Gläser hin.
Dann
kamen Teller dazu.
Warmes Essen.
Eine Wohltat.
Die Bands
spielten alles.
Volkslieder.
Schlager.
Und manchmal
auch Rock.
Dann
standen die Jungs
wieder auf.
Müde.
Mit schweren Köpfen.
Und headbangten mit.
Für eine Weile
gehörten sie dazu.
Ohne Erklärung.
Einfach da.
Aufzeichnungen von Anemun – 80
Nach langen Nächten
beginnt der Morgen zu früh.
Wenn die Nacht
im Heu endet.
Am Morgen danach
Der Weg nach Hause.
Stille.
Morgendämmerung.
Anemun
schlich in den Stall.
Geruch
von Heu und Tieren.
Neben den Ziegen
lag ein großer Haufen Heu.
Er ließ sich
hineinfallen.
Der Körper
schwer.
Der Kopf
voller Alkohol.
Irgendwann
Schritte,
wie durch den Nebel.
Die Stalltür
ging auf.
Die Oma
kam herein.
Mit der Mistgabel
stach sie ins Heu.
Der Haufen
bewegte sich.
Sie fuhr
erschrocken zurück.
„Bist du verrückt geworden?“
Anemun
kroch heraus.
Die Oma
schimpfte kurz.
Dann
schüttelte sie den Kopf.
Die Tiere
fraßen.
Anemun
ging ins Haus.
Er schlief
ein paar Stunden.
Als er aufwachte,
stand etwas Warmes
auf dem Tisch.
Für den Magen.
Und für den Tag.
Aufzeichnungen von Anemun – 81
Nach dem Saufen
war vor dem Saufen.
Wenn aus einzelnen Nächten
ein Zustand wird.
Die Exzesse
„Klin se klinom izbija.“
Einen Keil
treibt man
mit einem anderen aus.
Mit der Zeit
veränderte sich etwas.
Es ging nicht mehr nur
ums Draußensein.
Nicht mehr nur
um Musik.
Es ging
ums Trinken.
Wer mehr schaffte.
Wer länger
stehen blieb.
Wer am nächsten Morgen
wieder weitermachte.
Der Alkohol
war überall.
Auch in der Schule.
Flaschen
in Taschen.
In Plastiktüten.
In den Pausen
saßen sie im Klassenzimmer.
Die Flasche
ging herum.
Niemand
versteckte es.
Nacht und Tag
begannen zu verschwimmen.
Man trank.
Und irgendwann
trank man einfach weiter.
Draußen vor dem Einkaufszentrum
saßen sie auf der Wiese.
Der Kopf
drehte sich.
Der Magen
gab nach.
Man übergab sich.
Einmal
wachte Anemun auf
und merkte erst dann,
dass er
in seinem Erbrochenen
gelegen hatte.
Sie lachten darüber.
Damals.
Sie tranken weiter.
Auch Jüngere
wollten mithalten.
Sie tranken,
was die Älteren tranken.
Zu viel.
Manche Nacht
endete für sie nicht zu Hause.
Sondern im Krankenhaus.
Zum Auspumpen.
Es wurde
kurz darüber geredet.
Dann
machte man weiter.
Die Schule
lief nebenher.
Eher gar nicht mehr.
Fehlstunden
sammelten sich.
Dreistellig.
Man ging morgens los.
Und kam irgendwo an.
Nur nicht dort,
wo man hätte sein sollen.
Aufzeichnungen von Anemun – 82
Wenn nichts mehr ernst genommen wird,
verliert irgendwann alles
seine Bedeutung.
Keine Ordnung
hält mehr.
Die Schule kippt
Nichts lief mehr.
Stundenpläne.
Noten.
Lehrer.
Klingeln.
Alles war noch da.
Doch nichts
zählte mehr.
Die Jungs
kamen seltener.
Und wenn sie kamen,
waren sie nicht
wirklich da.
Müde.
Verkatert.
Manchmal
lag noch die Nacht
in ihren Gesichtern.
Respekt
spielte kaum noch
eine Rolle.
Nicht vor Lehrern.
Nicht vor Regeln.
Vor nichts.
Einmal
war die Aula
vollgekotzt.
Der Geruch
blieb.
Lehrer
schimpften.
Drohten.
Schrieben auf.
Doch nichts
drang zu ihnen durch.
Die Fehlstunden
wurden mehr.
Die Gespräche
wurden häufiger.
Aber es änderte
wenig.
Anemun
ging morgens los.
Mit einem Ziel,
das auf dem Papier
noch Schule hieß.
Und doch
kam er immer seltener
dort an.
Nicht nur
im Gebäude.
Auch in sich.
Aufzeichnungen von Anemun – 83
Die Rechnung kommt,
wenn die Nacht
längst vorbei ist.
Konsequenzen
werden sichtbar.
Der Preis
Lange
war es egal.
Schule.
Fehlstunden.
Ärger.
In der neunten Klasse
ging es noch einmal
knapp gut.
Sommer.
Nachprüfungen.
Gerade so durch.
Ein Jahr später
war nichts mehr
schönzureden.
Vierzehn Fächer.
Zehn davon
ungenügend.
Damit
war klar:
Dieses Jahr
war verloren.
Diese Freiheit
hatte einen Preis.
Nicht sofort.
Stunde für Stunde.
Fehltag für Fehltag.
Draußen
war alles wichtiger geworden.
Die Clique.
Die Nächte.
Das Dazugehören.
Und irgendwann
half nichts mehr.
Kein Reden.
Keine Nachprüfung.
Kein Hoffen.
Die Rechnung war da.
Aufzeichnungen von Anemun – 84
Dann war da Diana.
Wenn die erste Liebe
alles heller macht –
aber nichts leichter.
Diana
Während in der Schule
alles zerfiel,
begann etwas Wundervolles.
Schon länger
war da dieses Mädchen.
Diana.
Eine Handballerin.
Ein Jahr jünger.
Wenn sie lachte,
wurde alles leicht.
Anemun
sah sie zuerst
auf Schuldiskos.
Später
auf der Kirmes.
Er sprach sie nicht an.
Sonst
war er nicht so.
Aber bei ihr
war er still.
Dann begann er,
zu ihrem Training zu gehen.
Er saß
auf der Tribüne.
Immer wieder.
Und sah ihr zu.
Sie wusste,
wer er war.
In der Stadt
war er längst
kein Unbekannter mehr.
Aber darum
ging es ihm nicht.
Für ihn
reichte es,
in ihrer Nähe zu sein.
Sie zu sehen.
Mehr brauchte es
zunächst nicht.
Ein gemeinsamer Freund
half irgendwann nach.
Ein Gespräch.
Ein erster Schritt.
Und plötzlich
waren sie zusammen.
Für Anemun
war sie nicht einfach
eine Freundin.
Es war die erste Liebe,
die ihn wirklich traf.
Tiefer,
als er es damals
hätte sagen können.
Aufzeichnungen von Anemun – 85
Was innen groß war,
musste nach außen.
Wenn Liebe
unter die Haut geht.
Die Initialen
Diese Liebe
musste sichtbar werden.
Mit zwölf
hatte Anemun sich schon einmal
zwei kleine Piraten-Totenköpfe
in den Unterarm gestochen.
Ein wilder Versuch.
Halb Spiel.
Halb Ernst.
Auch Sicherheitsnadeln
hatte er sich
durch die Haut gesteckt.
Einfach so.
Schmerz.
Grenze.
Beweis.
Jetzt
nahm er wieder
Nadel und Tinte.
Stach
ihre Initialen
darüber.
Roh.
Unsauber.
Ihre Anfangsbuchstaben
auf seiner Haut.
Für immer.
Als müsste etwas,
das in ihm so groß war,
eine Form bekommen.
Für Anemun
war es Liebe.
Ihre Eltern
sahen darin ein Problem.
Sie waren dagegen.
Es blieb heimlich.
Zumindest
eine Zeit lang.
Dann
bekamen sie es mit.
Hausarrest für sie.
Heftige Diskussionen
mit ihren Eltern.
Die beiden
ließen sich davon
nicht beirren.
Und während diese Liebe
größer wurde,
fiel eine Entscheidung
an anderer Stelle.
Aufzeichnungen von Anemun – 86
Manchmal endet etwas,
gerade als man beginnt,
es zu erleben.
Zurück nach Deutschland.
Ohne Diana.
Der Abschied
„So kann es nicht weitergehen.“
Mehr sagte seine Mutter nicht.
Bevor alles
noch weiter abrutschte.
Anemun
sagte nichts.
Das Schwerste
war nicht die Freiheit.
Nicht die Clique.
Das Schwerste
war Diana.
Sie trafen sich
vor der Abfahrt noch einmal.
In der Nähe
der alten Schule.
Dort,
wo sie sich oft
getroffen hatten.
Sie hielten
sich fest.
Sahen sich an.
Sagten wenig.
Der Abschied
stand zwischen ihnen.
Kurz darauf
saß Anemun im Auto.
Die Straße
führte hinaus
aus der Stadt.
Vorbei an Feldern.
An Häusern.
An Orten,
die einmal
sein Leben gewesen waren.
Er sah
aus dem Fenster.
Und wusste,
dass etwas von ihm
hierblieb.
In den langen Monaten danach
schrieben sie sich Briefe.
Viele.
Seitenweise.
Und sie telefonierten.
Selten.
Es war teuer.
Und weil seine Mutter
bei den Rechnungen
fast zusammenbrach.
Aufzeichnungen von Anemun – 87
Anemundi-Moment
Manche Abschiede enden nicht mit der Abfahrt.
Sie verändern nur den Ort, an dem etwas weiterlebt.
Anemun fuhr zurück nach Deutschland. Aber nicht alles ging mit ihm. Ein Teil seines Lebens blieb dort: bei Diana, bei den Jungs, in den Nächten und in der Stadt, die ihn geprägt hatte.
Es gehörte nicht mehr zu seinem Alltag.
Aber es war noch da.
Es taucht in Erinnerungen wieder auf.
Oder als Wunde,
die erst viel später
einen Namen bekommt.
Die Aufzeichnungen gehen weiter.
Nicht,
weil alles verstanden ist.
Sondern weil sich vieles
erst im Rückblick zeigt.
Vielleicht gibt es auch in deiner Geschichte einen Ort, den du längst verlassen hast und der dir trotzdem nicht fremd geworden ist.
Melde dich, wenn du darüber sprechen magst.