Aufzeichnungen eines Mannes in Zeiten der Trennung und danach
Solange alles funktioniert,
stellt man sich bestimmte Fragen nicht.
Trennung und ein Abend danach.
Die erste Nacht
An die erste Nacht in der neuen Wohnung
erinnerte sich Anemun später noch.
Es war die Nacht,
in der er zum ersten Mal verstand,
wie laut Stille sein kann.
Die Wohnung war groß.
Modern.
Hell.
Über hundert Quadratmeter.
Maisonette.
Neubau.
Und trotzdem war dieser Abend schwer.
Zwei Kinder.
Ein Haus.
Termine.
Anzüge im Schrank.
Und doch ging es zu Ende.
Der Auszug war kein lauter Bruch.
Ein paar Kisten.
Einige Möbel.
Ein neuer Schlüssel.
Die neue Wohnung war ruhig.
Zu ruhig.
Anemun ging durch die Räume.
Küche.
Bad.
Schlafzimmer.
Alles war da.
Nur eines fehlte.
Leben.
Im Schlafzimmer stand kein richtiges Bett.
Für die erste Zeit
reichte eine provisorische Lösung.
Er setzte sich auf das Sofa.
Eine Weile saß er einfach da
und hörte der Wohnung zu.
In einem Haus hört man vieles.
Türen.
Schritte.
Stimmen.
Geschirr.
Kinder im Treppenhaus.
Hier
hörte man den Kühlschrank.
Sonst nichts.
Er musste kurz schmunzeln.
Dann wurde es ruhig.
An diesem Abend
tat Anemun nichts Besonderes.
Ein Glas wurde zwei.
Vielleicht drei.
Irgendwann hört man auf zu zählen.
Hauptsache, es wird leiser.
Die Wohnung wurde still.
Die Fragen auch.
Am nächsten Morgen
wachte er früh auf.
Der Kopf schwer.
Der Mund trocken.
Er lag da
und sah an die Decke.
Ein fremdes Zimmer.
Langsam kam die Erinnerung zurück.
Die Wohnung.
Der Auszug.
Ein neues Leben,
das noch keines war.
Aufzeichnungen von Anemun – 1
Manchmal hatte er den Eindruck, zu stören.
Beziehungen können still enden.
Wann es still wird
Nicht dort,
wo es juristisch endet.
Nicht mit dem Auszug.
Sondern dort,
wo es still wurde.
Kein großer Streit.
Kein Abend,
an dem alles zerbrach.
Eine langsame Verschiebung.
Über Jahre.
Ganz leise.
Gespräche wurden kürzer.
Termine.
Kinder.
Das Nötige.
Abends saß man gemeinsam.
Und trotzdem war es still.
Manchmal ging sie früher zu Bett.
Ohne Streit.
Der gemeinsame Raum wurde kleiner.
Nicht sichtbar.
Aber spürbar.
Man funktionierte miteinander.
Der Alltag lief.
Arbeit.
Aufgaben.
Alles, was nötig war.
Doch manchmal hatte er den Eindruck,
zu stören.
Sie lebten zwar zusammen.
Aber nicht mehr gemeinsam.
Zwei Leben.
Im selben Haushalt.
Man begegnete sich.
Sprach miteinander.
Und ging weiter.
Manche Beziehungen enden nicht.
Sie entfernen sich.
Und irgendwann bleibt nur der Alltag.
Der gemeinsame Weg
war längst zu Ende.
Aufzeichnungen von Anemun – 2
m
In solchen Momenten merkte er erst,
wie groß die Wohnung werden kann.
Nach der Trennung begann es.
Die Abende danach
Am schwierigsten waren die Abende.
Tagsüber lief vieles.
Abends wurde es ruhig.
Wenn Anemun die Wohnung aufschloss,
war es sofort da.
Stille.
Früher war Bewegung.
Stimmen.
Schritte.
Kinder im Flur.
Jetzt:
Nichts.
An Tagen ohne die Kinder
blieb die Wohnung ruhig.
Gelegentlich machte er sich etwas zu essen.
Oft einfach.
Ein Teller.
Ein Platz.
Stille.
Wenn die Kinder da waren,
war es anders.
Stimmen.
Schritte.
Gemeinschaft.
Dann: Aufbruch.
Jacken.
Schuhe.
Rucksäcke.
Die Rückfahrt war ruhig.
Wenn er später wieder die Wohnung aufschloss,
war es sofort wieder da.
Stille.
Manchmal lag noch etwas auf dem Boden.
Ein Zeichen:
Hier war kurz zuvor noch Leben.
Die Stille blieb.
Aufzeichnungen von Anemun – 3
Beim Laufen kam etwas in Bewegung.
Nach der Trennung – wenn man einfach wieder losgeht.
Die ersten Schritte
In den ersten Monaten
verschwammen die Tage.
Arbeit.
Wohnung.
Abende.
Nach einiger Zeit
begann er wieder zu laufen.
Früher war das selbstverständlich.
Marathons.
Trainingskilometer.
Der Körper
kannte das noch.
Zehn Minuten von der Wohnung entfernt
begann ein Wald.
Ein paar Wege.
Bäume.
Ein alter Pfad.
Am Anfang war es ungewohnt.
Der Körper.
Der Atem.
Die Schritte.
Er dachte an einen seiner Marathons.
Unvorbereitet.
Einfach los
und durch.
Früher.
Jetzt
war es anders.
Beim Laufen wurde es leiser.
Nicht lange.
Aber für einen Moment.
Im Wald stand eine alte Ruine.
Dort
hatte er einmal
Bilder gemacht.
Mit einem Fotografen.
Für eine eigene CD.
Musik,
die er selbst geschrieben
und aufgenommen hatte.
Eine andere Zeit.
Nicht weit davon
verlief eine alte Bahntrasse.
Stillgelegt.
Gras
zwischen den Schienen.
Mit den Kindern ging er dort manchmal.
Sie balancierten auf den Schienen,
so lange sie konnten.
Sprangen wieder runter.
Lachten.
Keine großen Wege.
Aber die ersten
seit langer Zeit.
Aufzeichnungen von Anemundi - 4
Er merket,
dass er nicht nur in der Wohnung festsaß,
sondern auch in sich selbst.
Wenn es still wird.
Das Loch
Vieles wurde still.
Straßen.
Cafés.
Büros.
Man nannte es
Social Distancing.
Für Anemun
bedeutete es vor allem eines:
viel Zeit
in der Wohnung.
Die Arbeit lief weiter.
Der Laptop
auf dem Tisch.
Videokonferenzen.
Gespräche
durch Bildschirme.
Dazwischen
war Zeit.
Zu viel.
Es meldeten sich Fragen.
Warum das alles passierte.
Was schiefgelaufen war.
Was er hätte anders machen müssen.
Dann kam Wut.
Auf das,
was war.
Auf sich selbst.
Und immer wieder
dieselben Gedanken.
Im Kreis.
Ohne Antwort.
Abends
saß er oft lange am Tisch.
Der Laptop
längst zugeklappt.
Die Wohnung still.
Manchmal
stand er auf dem Balkon
und sah in die Nacht.
Die Gedanken
liefen weiter.
Am schwersten
war nicht die Stille.
Sondern die Distanz
zu seinen Kindern.
Nicht sie nur seltener zu sehen.
Sondern
von ihnen getrennt zu sein.
Er griff zu Dingen,
die den Schmerz leiser machten.
Für einen Abend.
Für ein paar Stunden.
Am nächsten Morgen
begann alles
wieder von vorn.
Irgendwann merkte er,
dass er nicht nur
in der Wohnung fest saß.
Sondern auch
in sich selbst.
Und er kam
da nicht heraus.
Aufzeichnungen von Anemun – 5
Irgendwan fiel der Satz.
Zu früh.
Mit einer Kündigung,
verliert man oft mehr als nur einen Job.
Das verletzte Tier
Am Morgen war Anemun aufgefallen,
dass manche Mitarbeiter ihm kaum in die Augen sahen.
Das wunderte ihn.
Normalerweise war der Umgang offen gewesen.
Man war per Du.
An diesem Tag
wurde er zu einem Gespräch
mit dem Aufsichtsrat gebeten.
Als er den Raum betrat
und sich setzte,
fiel der Satz früh.
Die Kündigung.
Für einen Moment
stand alles still.
Es kam plötzlich.
Wut.
Verletzung.
Und gleichzeitig:
Erleichterung.
Ein Teil der Verantwortung
war plötzlich weg.
Wenig später
stand er in seinem Büro.
Ein Karton
auf dem Tisch.
Mehr brauchte es nicht.
Er packte seine Sachen langsam.
Bücher.
Notizen.
Persönliche Dinge.
Stille im Raum.
Auf dem Flur
war kaum jemand unterwegs.
Ein Abschied
fand nicht statt.
Zwei Männer begleiteten ihn.
Einer aus dem Umfeld
des Aufsichtsratsvorsitzenden.
Sein Bereichsleiter.
Gemeinsam
gingen sie hinaus.
Er fuhr
mit seinem Dienstwagen nach Hause.
Sein Karton
lag neben ihm
auf dem Beifahrersitz.
Die beiden Männer
folgten ihm.
In der Wohnung
wurden noch Arbeitsgeräte eingesammelt.
Danach
übernahmen sie auch den Wagen
und fuhren wieder davon.
Ein verletztes Tier
hat im Rudel
keinen Platz.
Aufzeichnungen von Anemun – 6
Die Tage hatten plötzlich
zu viel Platz.
Wenn der Alltag plötzlich wegbricht,
wiegt Zeit schwerer.
Die langen Monate
Danach begann eine Zeit,
die sich merkwürdig dehnte.
Die Monate
zogen vorbei.
Die Tage
waren leer.
Früher,
der Kalender voll.
Jetzt: nichts.
Viele Tage
begannen spät.
Die Nächte
wurden lang.
Seine Gedanken
kamen nicht zur Ruhe.
Am Morgen
ein schwerer Kopf.
Der Tag
begann langsam.
Manchmal
blieb er einfach sitzen.
Ohne Plan.
Viel Zeit
in der Wohnung.
Kein Laptop
auf dem Tisch.
Homeoffice.
Ohne Arbeit.
Die meiste Zeit
allein.
Die Gedanken
hatten viel Raum.
Und sie nutzten ihn.
Fragen
kamen immer wieder.
Was war eigentlich passiert?
Was hätte er anders machen können?
Warum war alles so gekommen?
Nichts brachte
wirklich Ruhe.
Die Energie
fehlte.
An manchen Tagen
stand alles still.
Aufzeichnungen von Anemun – 7
Dann ging er einfach wieder los.
Veränderung befinnt nicht mit einem Plan,
sondern mit einem einzigen Schritt.
Die ersten Wege
Mit der Zeit
veränderte sich etwas.
Nicht plötzlich.
Eher unmerklich.
An manchen Tagen
zog er einfach eine Jacke an
und ging hinaus.
Ohne Ziel.
Einfach gehen.
Die Wege
führten oft
zu dem kleinen Waldstück.
Zwischen den Bäumen
wurde es ruhiger.
Der Weg war schmal,
bedeckt
mit schimmernden Blättern.
Der Kopf
blieb selten still.
Aber manchmal
wurde es leichter.
An manchen Tagen
ging er länger.
An anderen
kehrte er schnell wieder um.
Es ging nicht um Strecke.
Nur darum,
draußen zu sein.
Die Wege
wurden vertrauter.
Ein paar Spaziergänger.
Menschen mit Hunden.
Kurze Blicke.
Manchmal ein Nicken.
Er ging einfach weiter.
Aufzeichnungen von Anemun – 8
Dann kam ein Anruf.
Das Leben zurück.
Auch wenn man es selbst noch nicht wieder gefunden hat.
Der Anruf
Eines Tages
kam ein Anruf.
Ein Bruder.
Die Nachricht
war kurz.
Die Mutter sei gestürzt.
Im Krankenhaus.
Hüfte
und Schulter gebrochen.
Beides
auf derselben Seite.
Die Ärzte
hatten sofort operiert.
Eine künstliche Hüfte.
Eine künstliche Schulter.
Als er sie
nach der Operation sah,
lag sie still
im Bett.
Bewegung
war kaum möglich.
Der Arm
ruhig gelagert.
Die Hüfte
fixiert.
Neben dem Bett
ein Gestell
mit Infusionen.
Ihr Körper
brauchte Zeit.
Schnell wurde klar,
dass sie nicht direkt
in eine Reha konnte.
Zuerst
musste eine Kurzzeitpflege
organisiert werden.
Er sprach mit Ärzten.
Mit dem Pflegepersonal.
Suchte einen Platz.
Füllte Formulare aus.
Regelte Dinge.
Viele kleine Schritte.
Aber sie gaben den Tagen
wieder Struktur.
In den Wochen danach
fuhr er regelmäßig
zur Pflegeeinrichtung.
Manchmal
saß er einfach nur
an ihrem Bett.
Der Alltag
bekam wieder feste Punkte.
Das Leben
klopfte an.
Aufzeichnungen von Anemun – 9
Er konnte sich nicht hängen lassen.
Seine Kinder brauchten ihn auch.
Wenn alles unsicher wird,
bleibt oft nur das, wofür man Verantwortung trägt.
Für die Kinder
In den dunkleren Momenten
stellte sich Anemun manchmal eine einfache Frage.
Was hat jetzt eigentlich noch Sinn?
Vieles von dem,
was sein Leben lange bestimmt hatte,
war verschwunden.
Die Ehe.
Die Arbeit.
Die vertraute Ordnung des Alltags.
Und doch waren seine Kinder da.
Wenn sie bei ihm waren,
wurde es leichter.
Sie saßen zusammen in der Wohnung.
Spielten Karten.
Brettspiele.
Oder malten.
An anderen Tagen gingen sie hinaus.
Ein Spaziergang.
Nichts Besonderes.
Und doch war es viel.
Ein paar Schritte nebeneinander.
Oder auf den alten Schienen,
im Gleichgewicht.
Wenn die Kinder da waren,
fühlte sich vieles leichter an.
Manchmal kam ihre Mutter beim Abholen
noch mit in die Wohnung.
Dann aßen sie zusammen,
bevor sie die Kinder wieder mitnahm.
Seine Kinder waren damals noch jung.
Gerade einmal elf.
Ihr ganzes Leben
lag noch vor ihnen.
Und doch
waren sie es,
die blieben.
Seine Kinder.
Aufzeichnungen von Anemun – 10
Manchmal schaute er hin.
Und manchmal versuchte er einfach wegzusehen.
Wenn man zur Ruhe kommt,
werden die Fragen lauter.
Allein mit den Gedanken
Mit der Zeit
kamen gewisse Fragen verstärkt.
Nicht jeden Tag.
Und nicht immer mit derselben Stärke.
Oftmals saß er einfach nur da.
Am Küchentisch.
Eine Flasche vor sich.
Der Blick ins Nichts.
In der Wohnung.
Oder draußen.
Dann kamen sie.
Immer wieder.
Was war passiert?
Wo hatte sich das Leben verschoben?
Und welche Rolle spielte er selbst darin?
Es waren keine angenehmen Fragen.
Und nicht immer war er bereit,
sich ihnen zu stellen.
Manchmal ließ er sie zu.
Manchmal nicht.
Die Abende wurden lang.
Der Kopf wurde betäubt.
Der Lärm im Inneren leiser.
Für eine Weile.
Am nächsten Morgen
waren die Gedanken wieder da.
Sie liefen im Kreis.
Runde für Runde.
Und sie blieben.
Eine blieb länger.
Aufzeichnungen von Anemun – 11
Irgendwann
richtete sich eine unbequeme Frage
gegen ihn selbst.
Nach der Trennung stellte sich die Frage
nach dem eigenen Anteill.
Der eigene Anteil
Die Fragen änderten sich.
Am Anfang drehten sie sich um das,
was passiert war.
Die Trennung.
Die Distanz zu den Kindern.
Die Arbeit.
Die langen Monate danach.
Doch irgendwann tauchte eine andere Frage auf.
Leiser.
Unbequemer.
Näher.
Welche Rolle hatte er selbst darin gespielt?
Diese Frage kam nicht jeden Tag.
Manchmal nur für einen Moment.
Beim Gehen.
Oder an einem stillen Abend in der Wohnung.
Dann war sie da.
Und blieb.
Es war einfacher,
nach Gründen im Außen zu suchen.
Nach Umständen.
Nach anderen.
Doch die Frage ließ sich nicht mehr wegschieben.
Sie kam immer wieder zurück.
Und wurde klarer.
Aufzeichnungen von Anemun – 12
Über manche Dinge spricht man nicht.
Wenn Männer schweigen und Worte fehlen.
Das Schweigen der Männer
Nachdem er begonnen hatte,
sich solche Fragen zu stellen,
fiel ihm noch etwas anderes auf.
Wie selten Männer darüber sprechen.
Über Zweifel.
Über Angst.
Über das Gefühl,
den Halt zu verlieren.
Bei manchen Spaziergängen
begegnete ihm ein Mann mit einem Hund.
Sie nickten sich kurz zu.
Mehr nicht.
Wie so oft zwischen Männern.
In den Jahren davor
hatte er viele Gespräche geführt.
Über Arbeit.
Über Projekte.
Über Entscheidungen.
Über Verantwortung.
Doch über das,
was darunter lag,
wurde nicht gesprochen.
Nicht mit Kollegen.
Nicht mit Freunden.
Und oft auch nicht mit sich selbst.
Mann funktioniert.
Mann löst Probleme.
Mann hält durch.
„Indianer weinen nicht.“
Solche Sätze waren da.
Und sie blieben.
Viele Fragen machte er mit sich selbst aus.
Still.
Allein.
Sie drehten sich weiter.
Aufzeichnungen von Anemun – 13
Manche Dinge verschwinden nicht,
nur weil man nicht darüber spricht.
Es war schon lange da. Wie ein Schatten, ohne Namen.
Die Schattenseite
Mit der Zeit
wurde ihm etwas klar.
Dass vieles,
was man verdrängt,
nicht einfach verschwindet.
Es bleibt.
Leise.
Im Verborgenen.
In den Monaten nach der Trennung
trug er vieles in sich.
Wut.
Enttäuschung.
Selbstmitleid.
Und immer wieder die Frage,
warum alles so gekommen war.
Viele Abende
saß er in der Wohnung.
Die Räume still.
Eine Flasche auf dem Tisch.
Sein stiller Begleiter.
Nach außen blieb vieles ruhig.
Doch innen sah es anders aus.
Gefühle kamen hoch,
für die es lange keinen Platz gegeben hatte.
Trauer.
Müdigkeit.
Leere.
Früher hätte er versucht,
das schnell wieder wegzudrücken.
Oder zumindest zu dämpfen.
Und manchmal tat er das noch.
Aber es ließ sich nicht mehr ganz verbergen.
Es war da.
Und er sah hin.
Aufzeichnungen von Anemun – 14
Manches zeigt sich nicht im Denken.
Sondern mitten im Moment.
Rückzug bedeutet nicht immer Weggehen –
manchmal bleibt man, ohne da zu sein.
Der Rückzug
Oft merkt man es nicht in der Stille.
Sondern, wenn es passiert.
Es gab Momente,
in denen er da war.
Und trotzdem
nicht ganz.
Er erinnerte sich an einen Abend,
da saß er mit seinen Kindern
auf der Couch.
Sein Sohn erzählte etwas.
Er sprach.
Er lachte.
Er schaute ihn an.
Anemun nickte.
Sagte etwas.
Und merkte plötzlich:
Er hatte nichts gehört.
Kein Wort.
Der Körper war da.
Aber der Kopf
war woanders.
Bei der Arbeit.
Bei offenen Themen.
Bei Dingen,
die noch erledigt werden mussten.
Er sah seinen Sohn an.
Und wusste nicht,
was er gerade erzählt hatte.
Für einen Moment
wurde alles still.
Nicht im Raum.
Sondern in ihm.
Es war kein Weggehen.
Kein Streit.
Kein Abbruch.
Nur ein leiser Abstand.
Mitten im Moment.
Er war da,
ohne wirklich da zu sein.
Aufzeichnungen von Anemun – 15
Manchmal läuft alles weiter
und trotzdem stimmt etwas nicht.
Warum viele Männer funktionieren –
nach außen stark, innen unter Druck.
Funktionieren
Nach außen
lief damals alles.
Termine.
Gespräche.
Entscheidungen.
Er war ruhig.
Konzentriert.
Verlässlich.
Im Geschäft
funktionierte er.
So, wie man es von ihm kannte.
Niemand hätte gedacht,
dass etwas nicht stimmte.
Zuhause
war es anders.
Kleinigkeiten reichten.
Ein Glas,
das umkippte.
Ein Satz,
der im falschen Moment kam.
Dann ging es schnell.
Zu schnell.
Ungeduld.
Genervtheit.
Ein lauter Ton.
Es passte nicht
zu dem Bild von draußen.
Später
tat es ihm leid.
Fast immer.
Doch in dem Moment
war es da.
Ohne Abstand.
Ohne Kontrolle.
Einmal sagte sie:
Hier zählt nicht,
wer du draußen bist.
Der Satz blieb.
Vielleicht
stimmte er.
Nach außen
funktionieren.
Dort,
wo es Nähe brauchte,
fehlte sie.
Aufzeichnungen von Anemun – 16
Er wollte einfach nur ein wenig Ruhe
und merkte nicht, was er damit verlor.
Körperlich anwesend,
aber innerlich nicht wirklich da.
Der Widerstand
Es gab Tage,
da wollte Anemun
einfach nur zuhause bleiben.
Keine Menschen.
Kein Trubel.
Kein Programm.
Nur Ruhe.
Wenn die Kinder fragten,
ob sie etwas unternehmen,
regte sich der Widerstand sofort.
Tierpark.
Ausflug.
Irgendwohin.
Er sagte nicht immer nein.
Aber es fühlte sich
wie ein Müssen an.
Innerlich war er
schon vorher genervt.
Noch bevor sie losgingen.
Es gab Diskussionen.
Kleine Spannungen.
Ein Hin und Her.
Irgendwann
ging er doch mit.
Und oft war es dann gut.
Die Kinder lachten.
Bewegung.
Luft.
Für einen Moment
war es leichter.
Aber etwas blieb.
Diese Schwere.
Die er mitgenommen hatte.
Und manchmal
legte sie sich über den ganzen Tag.
Unmerklich.
Aber spürbar.
Nicht, weil etwas passiert war.
Sondern weil er
eigentlich gar nicht wirklich da war.
Aufzeichnungen von Anemun – 17
Etwas kommt einem vertraut vor,
ohne sofort zu wissen, woher.
Wenn sich Gefühle und Situationen im Leben vertraut anfühlen,
ohne dass man sofort weiß, warum.
Ein alter Schatten
Dieses Gefühl
kannte er schon.
Es ließ ihn nicht ganz los.
In solchen Momenten
war da etwas.
Eine Unruhe.
Eine Spannung.
Als würde er es kennen.
Ohne sagen zu können,
woher.
Kein klarer Gedanke.
Eher ein Gefühl.
Dass sich etwas
wiederholte.
Und irgendwo
musste es begonnen haben.
Aufzeichnungen von Anemun – 18
Wenn du dich darin wiederfindest,
schreib mir.
Aufzeichnungen eines Mannes in Zeiten der Trennung und danach
Solange alles funktioniert,
stellt man sich bestimmte Fragen nicht.
Trennung und ein Abend danach.
Die erste Nacht
An die erste Nacht in der neuen Wohnung
erinnerte sich Anemun später noch.
Es war die Nacht,
in der er zum ersten Mal verstand,
wie laut Stille sein kann.
Die Wohnung war groß.
Modern.
Hell.
Über hundert Quadratmeter.
Maisonette.
Neubau.
Und trotzdem war dieser Abend schwer.
Zwei Kinder.
Ein Haus.
Termine.
Anzüge im Schrank.
Und doch ging es zu Ende.
Der Auszug war kein lauter Bruch.
Ein paar Kisten.
Einige Möbel.
Ein neuer Schlüssel.
Die neue Wohnung war ruhig.
Zu ruhig.
Anemun ging durch die Räume.
Küche.
Bad.
Schlafzimmer.
Alles war da.
Nur eines fehlte.
Leben.
Im Schlafzimmer stand kein richtiges Bett.
Für die erste Zeit
reichte eine provisorische Lösung.
Er setzte sich auf das Sofa.
Eine Weile saß er einfach da
und hörte der Wohnung zu.
In einem Haus hört man vieles.
Türen.
Schritte.
Stimmen.
Geschirr.
Kinder im Treppenhaus.
Hier
hörte man den Kühlschrank.
Sonst nichts.
Er musste kurz schmunzeln.
Dann wurde es ruhig.
An diesem Abend
tat Anemun nichts Besonderes.
Ein Glas wurde zwei.
Vielleicht drei.
Irgendwann hört man auf zu zählen.
Hauptsache, es wird leiser.
Die Wohnung wurde still.
Die Fragen auch.
Am nächsten Morgen
wachte er früh auf.
Der Kopf schwer.
Der Mund trocken.
Er lag da
und sah an die Decke.
Ein fremdes Zimmer.
Langsam kam die Erinnerung zurück.
Die Wohnung.
Der Auszug.
Ein neues Leben,
das noch keines war.
Aufzeichnungen von Anemun – 1
Manchmal hatte er den Eindruck, zu stören.
Beziehungen können still enden.
Wann es still wird
Nicht dort,
wo es juristisch endet.
Nicht mit dem Auszug.
Sondern dort,
wo es still wurde.
Kein großer Streit.
Kein Abend,
an dem alles zerbrach.
Eine langsame Verschiebung.
Über Jahre.
Ganz leise.
Gespräche wurden kürzer.
Termine.
Kinder.
Das Nötige.
Abends saß man gemeinsam.
Und trotzdem war es still.
Manchmal ging sie früher zu Bett.
Ohne Streit.
Der gemeinsame Raum wurde kleiner.
Nicht sichtbar.
Aber spürbar.
Man funktionierte miteinander.
Der Alltag lief.
Arbeit.
Aufgaben.
Alles, was nötig war.
Doch manchmal hatte er den Eindruck,
zu stören.
Sie lebten zwar zusammen.
Aber nicht mehr gemeinsam.
Zwei Leben.
Im selben Haushalt.
Man begegnete sich.
Sprach miteinander.
Und ging weiter.
Manche Beziehungen enden nicht.
Sie entfernen sich.
Und irgendwann bleibt nur der Alltag.
Der gemeinsame Weg
war längst zu Ende.
Aufzeichnungen von Anemun – 2
m
In solchen Momenten merkte er erst,
wie groß die Wohnung werden kann.
Nach der Trennung begann es.
Die Abende danach
Am schwierigsten waren die Abende.
Tagsüber lief vieles.
Abends wurde es ruhig.
Wenn Anemun die Wohnung aufschloss,
war es sofort da.
Stille.
Früher war Bewegung.
Stimmen.
Schritte.
Kinder im Flur.
Jetzt:
Nichts.
An Tagen ohne die Kinder
blieb die Wohnung ruhig.
Gelegentlich machte er sich etwas zu essen.
Oft einfach.
Ein Teller.
Ein Platz.
Stille.
Wenn die Kinder da waren,
war es anders.
Stimmen.
Schritte.
Gemeinschaft.
Dann: Aufbruch.
Jacken.
Schuhe.
Rucksäcke.
Die Rückfahrt war ruhig.
Wenn er später wieder die Wohnung aufschloss,
war es sofort wieder da.
Stille.
Manchmal lag noch etwas auf dem Boden.
Ein Zeichen:
Hier war kurz zuvor noch Leben.
Die Stille blieb.
Aufzeichnungen von Anemun – 3
Beim Laufen kam etwas in Bewegung.
Nach der Trennung – wenn man einfach wieder losgeht.
Die ersten Schritte
In den ersten Monaten
verschwammen die Tage.
Arbeit.
Wohnung.
Abende.
Nach einiger Zeit
begann er wieder zu laufen.
Früher war das selbstverständlich.
Marathons.
Trainingskilometer.
Der Körper
kannte das noch.
Zehn Minuten von der Wohnung entfernt
begann ein Wald.
Ein paar Wege.
Bäume.
Ein alter Pfad.
Am Anfang war es ungewohnt.
Der Körper.
Der Atem.
Die Schritte.
Er dachte an einen seiner Marathons.
Unvorbereitet.
Einfach los
und durch.
Früher.
Jetzt
war es anders.
Beim Laufen wurde es leiser.
Nicht lange.
Aber für einen Moment.
Im Wald stand eine alte Ruine.
Dort
hatte er einmal
Bilder gemacht.
Mit einem Fotografen.
Für eine eigene CD.
Musik,
die er selbst geschrieben
und aufgenommen hatte.
Eine andere Zeit.
Nicht weit davon
verlief eine alte Bahntrasse.
Stillgelegt.
Gras
zwischen den Schienen.
Mit den Kindern ging er dort manchmal.
Sie balancierten auf den Schienen,
so lange sie konnten.
Sprangen wieder runter.
Lachten.
Keine großen Wege.
Aber die ersten
seit langer Zeit.
Aufzeichnungen von Anemundi - 4
Er merket,
dass er nicht nur in der Wohnung festsaß,
sondern auch in sich selbst.
Wenn es still wird.
Das Loch
Vieles wurde still.
Straßen.
Cafés.
Büros.
Man nannte es
Social Distancing.
Für Anemun
bedeutete es vor allem eines:
viel Zeit
in der Wohnung.
Die Arbeit lief weiter.
Der Laptop
auf dem Tisch.
Videokonferenzen.
Gespräche
durch Bildschirme.
Dazwischen
war Zeit.
Zu viel.
Es meldeten sich Fragen.
Warum das alles passierte.
Was schiefgelaufen war.
Was er hätte anders machen müssen.
Dann kam Wut.
Auf das,
was war.
Auf sich selbst.
Und immer wieder
dieselben Gedanken.
Im Kreis.
Ohne Antwort.
Abends
saß er oft lange am Tisch.
Der Laptop
längst zugeklappt.
Die Wohnung still.
Manchmal
stand er auf dem Balkon
und sah in die Nacht.
Die Gedanken
liefen weiter.
Am schwersten
war nicht die Stille.
Sondern die Distanz
zu seinen Kindern.
Nicht sie nur seltener zu sehen.
Sondern
von ihnen getrennt zu sein.
Er griff zu Dingen,
die den Schmerz leiser machten.
Für einen Abend.
Für ein paar Stunden.
Am nächsten Morgen
begann alles
wieder von vorn.
Irgendwann merkte er,
dass er nicht nur
in der Wohnung fest saß.
Sondern auch
in sich selbst.
Und er kam
da nicht heraus.
Aufzeichnungen von Anemun – 5
Irgendwan fiel der Satz.
Zu früh.
Mit einer Kündigung,
verliert man oft mehr als nur einen Job.
Das verletzte Tier
Am Morgen war Anemun aufgefallen,
dass manche Mitarbeiter ihm kaum in die Augen sahen.
Das wunderte ihn.
Normalerweise war der Umgang offen gewesen.
Man war per Du.
An diesem Tag
wurde er zu einem Gespräch
mit dem Aufsichtsrat gebeten.
Als er den Raum betrat
und sich setzte,
fiel der Satz früh.
Die Kündigung.
Für einen Moment
stand alles still.
Es kam plötzlich.
Wut.
Verletzung.
Und gleichzeitig:
Erleichterung.
Ein Teil der Verantwortung
war plötzlich weg.
Wenig später
stand er in seinem Büro.
Ein Karton
auf dem Tisch.
Mehr brauchte es nicht.
Er packte seine Sachen langsam.
Bücher.
Notizen.
Persönliche Dinge.
Stille im Raum.
Auf dem Flur
war kaum jemand unterwegs.
Ein Abschied
fand nicht statt.
Zwei Männer begleiteten ihn.
Einer aus dem Umfeld
des Aufsichtsratsvorsitzenden.
Sein Bereichsleiter.
Gemeinsam
gingen sie hinaus.
Er fuhr
mit seinem Dienstwagen nach Hause.
Sein Karton
lag neben ihm
auf dem Beifahrersitz.
Die beiden Männer
folgten ihm.
In der Wohnung
wurden noch Arbeitsgeräte eingesammelt.
Danach
übernahmen sie auch den Wagen
und fuhren wieder davon.
Ein verletztes Tier
hat im Rudel
keinen Platz.
Aufzeichnungen von Anemun – 6
Die Tage hatten plötzlich
zu viel Platz.
Wenn der Alltag plötzlich wegbricht,
wiegt Zeit schwerer.
Die langen Monate
Danach begann eine Zeit,
die sich merkwürdig dehnte.
Die Monate
zogen vorbei.
Die Tage
waren leer.
Früher,
der Kalender voll.
Jetzt: nichts.
Viele Tage
begannen spät.
Die Nächte
wurden lang.
Seine Gedanken
kamen nicht zur Ruhe.
Am Morgen
ein schwerer Kopf.
Der Tag
begann langsam.
Manchmal
blieb er einfach sitzen.
Ohne Plan.
Viel Zeit
in der Wohnung.
Kein Laptop
auf dem Tisch.
Homeoffice.
Ohne Arbeit.
Die meiste Zeit
allein.
Die Gedanken
hatten viel Raum.
Und sie nutzten ihn.
Fragen
kamen immer wieder.
Was war eigentlich passiert?
Was hätte er anders machen können?
Warum war alles so gekommen?
Nichts brachte
wirklich Ruhe.
Die Energie
fehlte.
An manchen Tagen
stand alles still.
Aufzeichnungen von Anemun – 7
Dann ging er einfach wieder los.
Veränderung befinnt nicht mit einem Plan,
sondern mit einem einzigen Schritt.
Die ersten Wege
Mit der Zeit
veränderte sich etwas.
Nicht plötzlich.
Eher unmerklich.
An manchen Tagen
zog er einfach eine Jacke an
und ging hinaus.
Ohne Ziel.
Einfach gehen.
Die Wege
führten oft
zu dem kleinen Waldstück.
Zwischen den Bäumen
wurde es ruhiger.
Der Weg war schmal,
bedeckt
mit schimmernden Blättern.
Der Kopf
blieb selten still.
Aber manchmal
wurde es leichter.
An manchen Tagen
ging er länger.
An anderen
kehrte er schnell wieder um.
Es ging nicht um Strecke.
Nur darum,
draußen zu sein.
Die Wege
wurden vertrauter.
Ein paar Spaziergänger.
Menschen mit Hunden.
Kurze Blicke.
Manchmal ein Nicken.
Er ging einfach weiter.
Aufzeichnungen von Anemun – 8
Dann kam ein Anruf.
Das Leben zurück.
Auch wenn man es selbst noch nicht wieder gefunden hat.
Der Anruf
Eines Tages
kam ein Anruf.
Ein Bruder.
Die Nachricht
war kurz.
Die Mutter sei gestürzt.
Im Krankenhaus.
Hüfte
und Schulter gebrochen.
Beides
auf derselben Seite.
Die Ärzte
hatten sofort operiert.
Eine künstliche Hüfte.
Eine künstliche Schulter.
Als er sie
nach der Operation sah,
lag sie still
im Bett.
Bewegung
war kaum möglich.
Der Arm
ruhig gelagert.
Die Hüfte
fixiert.
Neben dem Bett
ein Gestell
mit Infusionen.
Ihr Körper
brauchte Zeit.
Schnell wurde klar,
dass sie nicht direkt
in eine Reha konnte.
Zuerst
musste eine Kurzzeitpflege
organisiert werden.
Er sprach mit Ärzten.
Mit dem Pflegepersonal.
Suchte einen Platz.
Füllte Formulare aus.
Regelte Dinge.
Viele kleine Schritte.
Aber sie gaben den Tagen
wieder Struktur.
In den Wochen danach
fuhr er regelmäßig
zur Pflegeeinrichtung.
Manchmal
saß er einfach nur
an ihrem Bett.
Der Alltag
bekam wieder feste Punkte.
Das Leben
klopfte an.
Aufzeichnungen von Anemun – 9
Er konnte sich nicht hängen lassen.
Seine Kinder brauchten ihn auch.
Wenn alles unsicher wird,
bleibt oft nur das, wofür man Verantwortung trägt.
Für die Kinder
In den dunkleren Momenten
stellte sich Anemun manchmal eine einfache Frage.
Was hat jetzt eigentlich noch Sinn?
Vieles von dem,
was sein Leben lange bestimmt hatte,
war verschwunden.
Die Ehe.
Die Arbeit.
Die vertraute Ordnung des Alltags.
Und doch waren seine Kinder da.
Wenn sie bei ihm waren,
wurde es leichter.
Sie saßen zusammen in der Wohnung.
Spielten Karten.
Brettspiele.
Oder malten.
An anderen Tagen gingen sie hinaus.
Ein Spaziergang.
Nichts Besonderes.
Und doch war es viel.
Ein paar Schritte nebeneinander.
Oder auf den alten Schienen,
im Gleichgewicht.
Wenn die Kinder da waren,
fühlte sich vieles leichter an.
Manchmal kam ihre Mutter beim Abholen
noch mit in die Wohnung.
Dann aßen sie zusammen,
bevor sie die Kinder wieder mitnahm.
Seine Kinder waren damals noch jung.
Gerade einmal elf.
Ihr ganzes Leben
lag noch vor ihnen.
Und doch
waren sie es,
die blieben.
Seine Kinder.
Aufzeichnungen von Anemun – 10
Manchmal schaute er hin.
Und manchmal versuchte er einfach wegzusehen.
Wenn man zur Ruhe kommt,
werden die Fragen lauter.
Allein mit den Gedanken
Mit der Zeit
kamen gewisse Fragen verstärkt.
Nicht jeden Tag.
Und nicht immer mit derselben Stärke.
Oftmals saß er einfach nur da.
Am Küchentisch.
Eine Flasche vor sich.
Der Blick ins Nichts.
In der Wohnung.
Oder draußen.
Dann kamen sie.
Immer wieder.
Was war passiert?
Wo hatte sich das Leben verschoben?
Und welche Rolle spielte er selbst darin?
Es waren keine angenehmen Fragen.
Und nicht immer war er bereit,
sich ihnen zu stellen.
Manchmal ließ er sie zu.
Manchmal nicht.
Die Abende wurden lang.
Der Kopf wurde betäubt.
Der Lärm im Inneren leiser.
Für eine Weile.
Am nächsten Morgen
waren die Gedanken wieder da.
Sie liefen im Kreis.
Runde für Runde.
Und sie blieben.
Eine blieb länger.
Aufzeichnungen von Anemun – 11
Irgendwann
richtete sich eine unbequeme Frage
gegen ihn selbst.
Nach der Trennung stellte sich die Frage
nach dem eigenen Anteill.
Der eigene Anteil
Die Fragen änderten sich.
Am Anfang drehten sie sich um das,
was passiert war.
Die Trennung.
Die Distanz zu den Kindern.
Die Arbeit.
Die langen Monate danach.
Doch irgendwann tauchte eine andere Frage auf.
Leiser.
Unbequemer.
Näher.
Welche Rolle hatte er selbst darin gespielt?
Diese Frage kam nicht jeden Tag.
Manchmal nur für einen Moment.
Beim Gehen.
Oder an einem stillen Abend in der Wohnung.
Dann war sie da.
Und blieb.
Es war einfacher,
nach Gründen im Außen zu suchen.
Nach Umständen.
Nach anderen.
Doch die Frage ließ sich nicht mehr wegschieben.
Sie kam immer wieder zurück.
Und wurde klarer.
Aufzeichnungen von Anemun – 12
Über manche Dinge spricht man nicht.
Wenn Männer schweigen und Worte fehlen.
Das Schweigen der Männer
Nachdem er begonnen hatte,
sich solche Fragen zu stellen,
fiel ihm noch etwas anderes auf.
Wie selten Männer darüber sprechen.
Über Zweifel.
Über Angst.
Über das Gefühl,
den Halt zu verlieren.
Bei manchen Spaziergängen
begegnete ihm ein Mann mit einem Hund.
Sie nickten sich kurz zu.
Mehr nicht.
Wie so oft zwischen Männern.
In den Jahren davor
hatte er viele Gespräche geführt.
Über Arbeit.
Über Projekte.
Über Entscheidungen.
Über Verantwortung.
Doch über das,
was darunter lag,
wurde nicht gesprochen.
Nicht mit Kollegen.
Nicht mit Freunden.
Und oft auch nicht mit sich selbst.
Mann funktioniert.
Mann löst Probleme.
Mann hält durch.
„Indianer weinen nicht.“
Solche Sätze waren da.
Und sie blieben.
Viele Fragen machte er mit sich selbst aus.
Still.
Allein.
Sie drehten sich weiter.
Aufzeichnungen von Anemun – 13
Manche Dinge verschwinden nicht,
nur weil man nicht darüber spricht.
Es war schon lange da. Wie ein Schatten, ohne Namen.
Die Schattenseite
Mit der Zeit
wurde ihm etwas klar.
Dass vieles,
was man verdrängt,
nicht einfach verschwindet.
Es bleibt.
Leise.
Im Verborgenen.
In den Monaten nach der Trennung
trug er vieles in sich.
Wut.
Enttäuschung.
Selbstmitleid.
Und immer wieder die Frage,
warum alles so gekommen war.
Viele Abende
saß er in der Wohnung.
Die Räume still.
Eine Flasche auf dem Tisch.
Sein stiller Begleiter.
Nach außen blieb vieles ruhig.
Doch innen sah es anders aus.
Gefühle kamen hoch,
für die es lange keinen Platz gegeben hatte.
Trauer.
Müdigkeit.
Leere.
Früher hätte er versucht,
das schnell wieder wegzudrücken.
Oder zumindest zu dämpfen.
Und manchmal tat er das noch.
Aber es ließ sich nicht mehr ganz verbergen.
Es war da.
Und er sah hin.
Aufzeichnungen von Anemun – 14
Manches zeigt sich nicht im Denken.
Sondern mitten im Moment.
Rückzug bedeutet nicht immer Weggehen –
manchmal bleibt man, ohne da zu sein.
Der Rückzug
Oft merkt man es nicht in der Stille.
Sondern, wenn es passiert.
Es gab Momente,
in denen er da war.
Und trotzdem
nicht ganz.
Er erinnerte sich an einen Abend,
da saß er mit seinen Kindern
auf der Couch.
Sein Sohn erzählte etwas.
Er sprach.
Er lachte.
Er schaute ihn an.
Anemun nickte.
Sagte etwas.
Und merkte plötzlich:
Er hatte nichts gehört.
Kein Wort.
Der Körper war da.
Aber der Kopf
war woanders.
Bei der Arbeit.
Bei offenen Themen.
Bei Dingen,
die noch erledigt werden mussten.
Er sah seinen Sohn an.
Und wusste nicht,
was er gerade erzählt hatte.
Für einen Moment
wurde alles still.
Nicht im Raum.
Sondern in ihm.
Es war kein Weggehen.
Kein Streit.
Kein Abbruch.
Nur ein leiser Abstand.
Mitten im Moment.
Er war da,
ohne wirklich da zu sein.
Aufzeichnungen von Anemun – 15
Manchmal läuft alles weiter
und trotzdem stimmt etwas nicht.
Warum viele Männer funktionieren –
nach außen stark, innen unter Druck.
Funktionieren
Nach außen
lief damals alles.
Termine.
Gespräche.
Entscheidungen.
Er war ruhig.
Konzentriert.
Verlässlich.
Im Geschäft
funktionierte er.
So, wie man es von ihm kannte.
Niemand hätte gedacht,
dass etwas nicht stimmte.
Zuhause
war es anders.
Kleinigkeiten reichten.
Ein Glas,
das umkippte.
Ein Satz,
der im falschen Moment kam.
Dann ging es schnell.
Zu schnell.
Ungeduld.
Genervtheit.
Ein lauter Ton.
Es passte nicht
zu dem Bild von draußen.
Später
tat es ihm leid.
Fast immer.
Doch in dem Moment
war es da.
Ohne Abstand.
Ohne Kontrolle.
Einmal sagte sie:
Hier zählt nicht,
wer du draußen bist.
Der Satz blieb.
Vielleicht
stimmte er.
Nach außen
funktionieren.
Dort,
wo es Nähe brauchte,
fehlte sie.
Aufzeichnungen von Anemun – 16
Er wollte einfach nur ein wenig Ruhe
und merkte nicht, was er damit verlor.
Körperlich anwesend,
aber innerlich nicht wirklich da.
Der Widerstand
Es gab Tage,
da wollte Anemun
einfach nur zuhause bleiben.
Keine Menschen.
Kein Trubel.
Kein Programm.
Nur Ruhe.
Wenn die Kinder fragten,
ob sie etwas unternehmen,
regte sich der Widerstand sofort.
Tierpark.
Ausflug.
Irgendwohin.
Er sagte nicht immer nein.
Aber es fühlte sich
wie ein Müssen an.
Innerlich war er
schon vorher genervt.
Noch bevor sie losgingen.
Es gab Diskussionen.
Kleine Spannungen.
Ein Hin und Her.
Irgendwann
ging er doch mit.
Und oft war es dann gut.
Die Kinder lachten.
Bewegung.
Luft.
Für einen Moment
war es leichter.
Aber etwas blieb.
Diese Schwere.
Die er mitgenommen hatte.
Und manchmal
legte sie sich über den ganzen Tag.
Unmerklich.
Aber spürbar.
Nicht, weil etwas passiert war.
Sondern weil er
eigentlich gar nicht wirklich da war.
Aufzeichnungen von Anemun – 17
Etwas kommt einem vertraut vor,
ohne sofort zu wissen, woher.
Wenn sich Gefühle und Situationen im Leben vertraut anfühlen,
ohne dass man sofort weiß, warum.
Ein alter Schatten
Dieses Gefühl
kannte er schon.
Es ließ ihn nicht ganz los.
In solchen Momenten
war da etwas.
Eine Unruhe.
Eine Spannung.
Als würde er es kennen.
Ohne sagen zu können,
woher.
Kein klarer Gedanke.
Eher ein Gefühl.
Dass sich etwas
wiederholte.
Und irgendwo
musste es begonnen haben.
Aufzeichnungen von Anemun – 18
Wenn du dich darin wiederfindest,
schreib mir.