Aufzeichnungen eines Mannes in Trennung
Solange der Kalender voll ist und Verantwortung auf den Schultern liegt,
stellte ich mir bestimmte Fragen nicht.
Aufzeichnungen von Anemun – 1
Aufzeichnungen über Trennung, Einsamkeit und einen neuen Anfang.
Die erste Nacht
An die erste Nacht in der neuen Wohnung erinnerte sich Anemun heute noch.
Es war die Nacht, in der er zum ersten Mal bemerkte, wie laut Stille sein kann.
Die Wohnung war groß. Modern. Hell.
Über hundert Quadratmeter, Maisonette, Neubau.
Objektiv fehlte es an nichts.
Alles war da.
Und trotzdem fühlte sich dieser erste Abend schwer an.
Manchmal merkt man erst in der Stille,
wie viel im eigenen Leben verschwunden ist.
Anemun war damals Anfang fünfzig.
Viele Jahre hatte er ein Leben geführt,
das von außen betrachtet gut geordnet war.
Karriere.
Verantwortung.
Familie.
Ein freistehendes Haus.
Zwei gesunde Kinder.
Urlaube. Termine.
Anzüge im Schrank.
Es war ein Leben, das funktionierte.
Solange der Kalender voll ist und Verantwortung auf den Schultern liegt,
stellt man bestimmte Fragen nicht.
Mann arbeitet.
Mann organisiert.
Mann sorgt dafür, dass alles läuft.
Und vielleicht war genau das der Punkt.
Es funktionierte.
Das hatte Anemun viele Jahre lang ziemlich gut gekonnt.
Rückblickend würde er später erkennen,
dass sich manches schon lange zuvor verschoben hatte.
In der Ehe. Im Alltag. In den Gesprächen.
Nicht dramatisch. Eher schleichend.
So, dass man es im Alltag lange nicht richtig wahrnimmt.
Der Auszug aus dem Haus war deshalb kein lauter Knall.
Aber er war einschneidend.
Ein paar Kisten.
Einige Möbel.
Ein neuer Schlüssel.
Mehr braucht es manchmal nicht, um zu merken,
dass ein Lebensabschnitt wirklich vorbei ist.
Die neue Wohnung lag in einem modernen Gebäude.
Große Fenster, viel Licht, eine offene Treppe zwischen den Ebenen.
Man könnte sagen: ein schöner Ort.
An diesem Abend stand Anemun eine Weile im Wohnzimmer
und sah sich um. Es war ruhig. Zu ruhig.
Er ging einmal durch die Räume, fast so,
als würde er prüfen, ob wirklich alles da war.
Küche. Bad. Schlafzimmer.
Alles vorhanden.
Nur eines fehlte.
Leben.
Im Schlafzimmer stand noch kein richtiges Bett.
Anemun hatte sich für die erste Zeit
nur eine provisorische Schlaflösung eingerichtet.
Es funktionierte.
Schließlich setzte er sich auf das Sofa,
das noch etwas verloren im Raum stand.
Eine Weile saß er einfach da und hörte der Wohnung zu.
In einem Haus hört man vieles.
Türen.
Schritte.
Stimmen.
Geschirr. Kinder, die durchs Treppenhaus laufen.
In dieser Wohnung hörte man vor allem den Kühlschrank.
Anemun stellte fest, dass Haushaltsgeräte erstaunlich gesprächig werden können, wenn sonst niemand da ist.
Er musste kurz schmunzeln.
Ein kleines, trockenes Lächeln.
Dann wurde es wieder still.
Damals fühlte sich dieser Abend wie ein Bruch an.
Heute würde Anemun sagen:
Es war eher ein sichtbarer Punkt in einer Entwicklung,
die schon länger begonnen hatte.
Manche Lebensveränderungen kommen nicht plötzlich.
Sie wachsen über Jahre.
Und oft bemerkt man erst viel später,
wann dieser Weg eigentlich begonnen hat.
Bis irgendwann ein Moment kommt, in dem man merkt:
So, wie es bisher war, wird es nicht weitergehen.
An diesem ersten Abend tat Anemun allerdings nichts besonders Kluges.
Er ging nicht spazieren.
Er führte keine tiefen Gespräche mit sich selbst.
Er tat eher das, was viele Menschen in solchen Momenten tun.
Er versuchte, den Lärm im Kopf etwas leiser zu bekommen.
Ein Glas wurde zwei.
Vielleicht auch drei.
Und irgendwann ist es egal, was gerade zur Hand ist.
In solchen Momenten scheint alles brauchbar,
solange es den inneren Lärm für eine Weile überdeckt.
Die Wohnung wurde still.
Die Fragen auch.
Die Wahrnehmung wurden weicher.
Am nächsten Morgen wachte Anemun früh auf.
Der Kopf schwer.
Der Mund trocken.
Er lag eine Weile einfach da und sah an die Decke.
Ein fremdes Zimmer.
Eine fremde Decke.
Langsam kam die Erinnerung zurück.
Die neue Wohnung.
Der Auszug.
Das neue Leben, das noch keines war.
Damals fühlte sich das alles vor allem wie ein Ende an.
Heute weiß Anemun:
Manche Wege beginnen genau dort.
Mit einer stillen Wohnung.
Und einem Morgen, an dem man an die Decke sieht.
Und versteht:
Das alte Leben ist vorbei.
Und etwas anderes beginnt.
Manchmal hatte ich den Eindruck, zu stören.
Aufzeichnungen von Anemun – 2
Gedanken zur Trennung und der Frage, wann eine Beziehung tatsächlich endet.
Wann endet eine Ehe wirklich
Rückblickend fragte sich Anemun manchmal,
wann seine Ehe zu Ende gegangen war.
Nicht juristisch.
Nicht mit dem Auszug.
Sondern dort, wo es wirklich still wurde.
Eine klare Antwort darauf gab es nicht.
Es gab nicht den großen Streit, an den man sich erinnern könnte.
Keinen Abend, an dem plötzlich alles zerbrach.
Wenn Anemun später darüber nachdachte,
sah er eine langsame Verschiebung.
Über Jahre.
Undramatisch.
Leise.
Gespräche wurden kürzer.
Man sprach noch über das Nötige.
Termine. Kinder. Dinge, die erledigt werden mussten.
Abends saßen sie gemeinsam am Tisch.
Oder nebeneinander vor dem Fernseher.
Und trotzdem war es still.
Manchmal ging sie früher ins Bett.
Ohne Streit. Einfach so.
Der gemeinsame Raum im Alltag wurde kleiner.
Nicht sichtbar.
Aber spürbar.
Man funktionierte weiterhin miteinander.
Der Alltag lief.
Die Familie lief.
Alles war organisiert.
Von außen betrachtet gab es wenig Anlass, sich Sorgen zu machen.
Auch Anemun stellte sich lange keine Fragen.
Solange der Kalender voll ist
und Verantwortung auf den Schultern liegt,
stellt man bestimmte Fragen nicht.
Man arbeitet.
Man übernimmt Aufgaben.
Man sorgt dafür, dass alles weiterläuft.
Das hatte Anemun viele Jahre lang ziemlich gut gekonnt.
Arbeit hat eine praktische Eigenschaft.
Sie gibt Struktur.
Sie gibt Richtung.
Und manchmal sorgt sie auch dafür,
dass man bestimmte Fragen gar nicht erst stellt.
Rückblickend würde Anemun sagen,
dass er in diesen Jahren oft sehr beschäftigt war.
Vielleicht auch deshalb.
Weil es einfacher war, beschäftigt zu sein.
In den letzten Jahren hatte er sogar versucht,
beruflich öfter zu Hause zu sein.
Weniger Termine.
Mehr Zeit im Haus.
Rückblickend wirkte es fast so, als wäre es zu spät gewesen.
Manchmal hatte er den Eindruck,
eher zu stören.
Als würde sein Platz im Alltag
dort gar nicht mehr richtig vorgesehen sein.
Irgendwann merkte er,
dass sich etwas verändert hatte.
Nicht laut.
Nicht dramatisch.
Aber deutlich genug, um es nicht mehr ganz zu übersehen.
Sie lebten noch zusammen.
Der Alltag funktionierte.
Aber sie waren nicht mehr wirklich gemeinsam unterwegs.
Es war eher so,
als würden zwei Menschen parallel durch denselben Haushalt gehen.
Man begegnete sich.
Man sprach miteinander.
Aber der gemeinsame Weg war stiller geworden.
Damals hätte Anemun vermutlich nicht gesagt,
dass die Ehe vorbei war.
Heute sieht er das anders.
Manche Beziehungen enden nicht mit einem Ereignis.
Sie entfernen sich.
Schritt für Schritt.
Bis irgendwann nur noch der Alltag übrig bleibt.
Und erst viel später merkt man,
dass der gemeinsame Weg
schon eine ganze Weile vorher
zu Ende gegangen war.
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In solchen Momenten merkte ich erst,
wie groß eine Wohnung werden kann.
Aufzeichnungen von Anemun – 3
Nach der Trennung – über Stille, Alltag und das Leben ohne Familie.
Die Abende danach
Am schwierigsten waren die Abende.
Tagsüber ließ sich vieles noch organisieren.
Arbeit.
Termine.
Dinge, die erledigt werden mussten.
Aber am Abend wurde es spürbar still.
Wenn Anemun die Wohnung aufschloss,
merkte er es sofort.
Diese besondere Art von Stille.
Deutlich. Nicht zu überhören.
Die Räume wirkten größer als früher.
Nicht, weil sie größer waren.
Sondern weil weniger Leben darin blieb.
Früher war immer irgendwo Bewegung gewesen.
Stimmen.
Schritte.
Kinder, die durch den Flur liefen.
Türen, die auf und zu gingen.
Jetzt war davon nichts mehr zu hören.
Die Wohnung war ordentlich.
Fast zu ordentlich.
Besonders merkte er es an den Tagen,
an denen er seine Kinder nicht sah.
Früher waren sie einfach da gewesen.
Im Alltag.
Beim Frühstück.
Am Abend.
Jetzt gab es Tage, an denen die Wohnung den ganzen Tag still blieb.
Dass man seine eigenen Kinder plötzlich nicht mehr jeden Tag sieht,
daran muss man sich erst gewöhnen.
An manchen Tagen machte Anemun sich etwas zu essen.
Oft blieb es bei etwas Einfachem.
Nicht, weil er nicht hätte kochen können.
Sondern weil Kochen für eine Person
eine andere Sache ist.
Man stellt den Teller auf den Tisch.
Setzt sich.
Und merkt,
wie groß ein Raum werden kann,
wenn niemand spricht.
Besonders deutlich wurde es an den Tagen,
an denen seine Kinder bei ihm gewesen waren.
Dann war die Wohnung für ein paar Stunden wieder voller Leben.
Stimmen.
Schritte.
Türen, die auf und zu gingen.
Dann kam irgendwann der Moment des Aufbruchs.
Jacken. Schuhe.
Anemun brachte seine Kinder meist selbst zurück.
Die Rückfahrt war oft ruhig.
Wenn er später wieder die Wohnung aufschloss, war es sofort wieder da.
Diese Stille.
Er blieb einen Moment im Flur stehen.
Bevor er das Licht einschaltete.
In solchen Momenten merkte Anemun erst,
wie groß eine Wohnung werden kann.
Manchmal lag noch etwas auf dem Boden.
Ein kleines Zeichen dafür,
dass kurz zuvor noch Leben in der Wohnung gewesen war.
Früher hatte Anemun oft wenig Zeit gehabt.
Arbeit. Termine.
Vieles im Alltag der Kinder lief deshalb über ihre Mutter.
Nach der Trennung wurde dieser Abstand manchmal noch spürbarer.
Mit der Zeit gewöhnte er sich langsam an diese neue Realität.
Nicht plötzlich.
Eher Schritt für Schritt.
Anemun richtete sich ein.
Er lernte, mit der Stille umzugehen.
Und irgendwann merkte er,
dass auch in einer stillen Wohnung wieder Leben entstehen kann.
Aber an den ersten Abenden war davon noch wenig zu spüren.
„Beim Laufen wurde es im Kopf manchmal leiser.“
Aufzeichnungen von Anemundi - 4
Die ersten Kilometer
In den ersten Monaten nach dem Umzug hing Anemun eher durch.
Die Tage liefen irgendwie ineinander.
Arbeit.
Wohnung.
Abende.
Erst nach einiger Zeit begann er langsam wieder zu laufen.
Früher war das für ihn selbstverständlich gewesen.
Viele Jahre lang war Anemun regelmäßig gelaufen.
Mehrere Marathons.
Unzählige Trainingskilometer.
Mit den Jahren war das weniger geworden.
Vor allem in den Jahren mit viel Verantwortung.
Die Tage waren damals meist zu voll gewesen.
Arbeit.
Termine.
Entscheidungen.
Es gab immer etwas, das wichtiger schien.
Jetzt merkte er, dass sein Körper Bewegung brauchte.
Und auch der Kopf.
Manchmal musste er einfach raus.
Etwa zehn Minuten von der Wohnung entfernt begann ein kleines Waldstück.
Ein paar Wege.
Bäume.
Ein alter Pfad.Ein guter Ort zum Laufen.
Am Anfang fühlte sich alles ungewohnt an.
Der Körper war es nicht mehr gewohnt.
Die Kondition auch nicht.
Die ersten Minuten fühlten sich schwer an.
Der Atem suchte seinen Rhythmus.
Die Schritte fanden ihn langsam wieder.
Anemun musste dabei an einen Marathon denken, den er einmal komplett unvorbereitet
gelaufen war.
Kilometer für Kilometer.
Ab der Hälfte mit Krämpfen.
Aufgeben war damals keine Option.
Jetzt waren es keine zweiundvierzig Kilometer.
Nur ein paar Runden durch den Wald.
Aber das Gefühl von damals ließ grüßen.
Beim Laufen wurde es im Kopf manchmal etwas ruhiger.
Nicht sofort.
Aber ein wenig.
In diesem Wald stand auch eine alte Ruine.
Viele Jahre zuvor hatte Anemun dort einmal ein Fotoshooting gemacht.
Damals ging es um Musik.
Eine CD.
Ein paar Bilder für das Cover.
Als er jetzt wieder dort vorbeikam, blieb er kurz stehen.
Manche Orte tragen Erinnerungen länger, als man selbst denkt.
Nicht weit davon verlief auch eine alte Eisenbahntrasse.Die Strecke war schon lange stillgelegt.
Zwischen den Schienen wuchsen inzwischen Gras und kleine Bäume.
Ein Teil des Weges führte genau dort entlang.
Wenn seine Kinder ihn am Wochenende besuchten und das Wetter gut war, gingen sie
manchmal dort spazieren.
Entlang der alten Strecke.
Zwischen den Bäumen.
Die alten Schienen lagen noch im Boden.
Manchmal balancierten wir ein Stück auf den Schienen.
Wir versuchten, so lange wie möglich oben zu bleiben.
Dann sprangen sie wieder herunter.
Es waren einfache Wege.
Keine großen Ausflüge.
Aber sie taten gut.
Es waren keine langen Strecken.
Aber es waren die ersten Kilometer seit langer Zeit.