Aufzeichnungen eines Mannes in Zeiten der Trennung und danach

 

 

 

 

 

Solange alles funktioniert,
stellt man sich bestimmte Fragen nicht.

 

 

 

Trennung, Auszug und innere Leere.

 

 

 

Die erste Nacht

 

HINWEIS

Zum Schutz der beteiligten Personen wurden Namen, einzelne Orte und weitere identifizierende Angaben verändert. Die geschilderten Erfahrungen und Zusammenhänge beruhen auf Anemuns Erinnerungen und seiner persönlichen Wahrnehmung. Einzelne zeitliche Abläufe sowie als wörtliche Rede wiedergegebene Aussagen können aus der Erinnerung heraus verkürzt oder sinngemäß rekonstruiert sein.

 

 

An die erste Nacht in der neuen Wohnung erinnerte sich Anemun noch lange.

Es war die Nacht, in der er zum ersten Mal verstand, wie laut Stille sein kann.

 

Die Wohnung war groß, modern und hell. Über hundert Quadratmeter. Maisonette. Neubau.

 

Trotzdem war dieser Abend schwer.

 

Ein Haus.

Zwei Kinder.

Termine.

Anzüge im Schrank.

 

Und doch ging es zu Ende.

 

Der Auszug war kein lauter Bruch. Es waren ein paar Kisten, einige Möbel und ein neuer Schlüssel.

 

Die neue Wohnung war ruhig. Zu ruhig.

 

Anemun ging durch die Räume: Küche. Bad. Schlafzimmer.

 

Alles war da.

 

Nur eines fehlte.

 

Leben.

 

Im Schlafzimmer stand noch kein richtiges Bett. Für die erste Zeit musste eine provisorische Lösung reichen. Er setzte sich auf das Sofa und hörte

der Wohnung zu.

 

In einem Haus hört man vieles.

 

Türen.
Schritte.
Stimmen.
Geschirr.

Kinder im Treppenhaus.

 

Hier hörte er den Kühlschrank.

 

Sonst nichts.

 

Er musste kurz schmunzeln.

 

Danach wurde es wieder ruhig.

 

An diesem Abend tat Anemun nichts Besonderes. Ein Glas wurde zwei. Vielleicht drei. Irgendwann hört man auf zu zählen.

 

Hauptsache,

es wurde leiser.

 

Die Wohnung wurde still.

 

Die Fragen auch.

 

Am nächsten Morgen wachte er früh auf. Der Kopf schwer, der Mund trocken.

Er lag da und sah an die Decke.

 

Ein fremdes Zimmer.

 

Langsam kam die Erinnerung zurück.

 

Die Wohnung.
Der Auszug.

 

Ein neues Leben,

das noch keines war.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 1

 

 

 

 

Manchmal hatte er den Eindruck,

zu stören.

 

 

 

Wenn Beziehungen leise auseinandergehen.

 

 

 

Wann es still wird

 

 

Eine Beziehung endet nicht immer dort,
wo sie juristisch endet.


Nicht mit dem Auszug.

 

Sondern lange davor.

 

Kein großer Streit.

Kein Abend, an dem alles zerbrach.

 

Es war eine langsame Verschiebung.

Über Jahre.

Ganz leise.

 

Die Gespräche zwischen Anemun und Aylin wurden kürzer. Es ging um Termine, die Kinder, das Nötige. Abends saßen sie zusammen, und trotzdem war es still.

 

Manchmal ging sie früher zu Bett.

 

Ohne Streit.

 

Der gemeinsame Raum wurde kleiner.

 

Nicht sichtbar.


Aber spürbar.

 

Sie funktionierten miteinander. Der Alltag lief weiter. Arbeit. Aufgaben. Alles, was nötig war.

 

Doch manchmal hatte Anemun den Eindruck,
zu stören.

 

Sie lebten zusammen,

aber nicht mehr gemeinsam.

 

Zwei Leben

im selben Haushalt.

 

Man begegnete sich,

sprach miteinander

und ging weiter.

 

Manche Beziehungen enden nicht

auf einmal.

 

Sie entfernen sich.

 

Und irgendwann

bleibt nur der Alltag.

 

Der gemeinsame Weg

war längst zu Ende.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 2

 

 

ANEMUNDI – Raum für Männer in Trennung und Umbruch

 

 

 

 

In solchen Momenten merkte er erst,

wie groß eine Wohnung werden kann.

 

 

 

Alleinsein nach einer Trennung.

 

 

 

Die Abende danach

 

 

Am schwierigsten waren die Abende.

 

Tagsüber gab es noch Dinge zu erledigen. Doch wenn Anemun die Wohnung aufschloss, war sie sofort da.

 

Stille.

 

Früher war Bewegung gewesen.

 

Stimmen.
Schritte.

Kinder im Flur.

 

Jetzt:

nichts.

 

Abends machte er sich etwas zu essen. Oft nur etwas Einfaches.

 

An Tagen ohne die Kinder
blieb es bei einem Teller.

 

Ein Platz.
Stille.

 

Wenn die Kinder da waren, war es anders.

 

Stimmen.
Schritte.

Gemeinschaft.

 

Doch irgendwann kam der Aufbruch.

 

Jacken.
Schuhe.

Rucksäcke.

 

Die Rückfahrt war ruhig.

 

Wenn er später wieder die Wohnung aufschloss, war sie sofort wieder da.

 

Stille.

         

Manchmal lag noch etwas auf dem Boden.

 

Ein Zeichen:

Hier war kurz zuvor noch Leben.

 

Die Stille blieb.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 3

 

ANEMUNDI – Raum für Männer in Trennung und Umbruch

 

 

 

Beim Laufen wurde es leiser.

 

 

 

Wieder in Bewegung kommen.

 

 

 

Die ersten Schritte

 

 

In den ersten Monaten verschwammen die Tage: Arbeit, Wohnung, Abende.

 

Nach einer Weile begann er wieder zu laufen. Früher gehörten Marathons, lange Läufe und Trainingskilometer für ihn dazu.

 

Der Körper brauchte Bewegung.

 

Der Kopf auch.

 

Zehn Minuten von der Wohnung entfernt begann ein Waldstück. Ein paar Wege, Bäume, ein alter Pfad.

 

Am Anfang war alles ungewohnt.

 

Der Körper.
Der Atem.

Die Schritte.

 

Er erinnerte sich an einen Marathon, den er früher einmal unvorbereitet gelaufen war. Er hatte sich trotzdem an den Start gestellt und sich durch den Lauf gekämpft.

 

Damals ging es
um Überwindung.

 

Jetzt ging es darum,
wieder in Bewegung
zu kommen.

 

Beim Laufen wurde es ruhiger.

 

Nicht ganz.

 

Aber genug.

 

Im Wald kam er an einer alten Ruine vorbei. Dort hatte er früher Bilder für eine Musik-CD mit Eigenkompositionen gemacht.

 

Eine andere Zeit.

 

 

Nicht weit davon verlief eine stillgelegte BahntrasseGras wuchs zwischen den Schienen.

 

Mit den Kindern ging er dort manchmal entlang. Sie balancierten auf den Schienen, so lange sie konnten, sprangen wieder herunter und lachten.

 

Keine großen Wege.

 

Aber die ersten

seit langer Zeit.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun - 4

 

 

 

 

Die Welt wurde kleiner.

 

Bis er sich selbst
nicht mehr
ausweichen konnte.

 

 

 

Isolation, innere Krise und Selbstzweifel.

 

 

 

Das Loch

 

 

Die Straßen waren leerer.
In den Cafés war es still.
Viele Büros standen fast leer.

 

Man nannte es
Social Distancing.

 

Für Anemun bedeutete das vor allem:

 

viel Zeit
in der Wohnung.

 

Die Arbeit lief weiter. Der Laptop stand auf dem Tisch.

 

Gespräche und Videokonferenzen liefen über Bildschirme.

 

Dazwischen war Zeit.

 

Zu viel.

 

Es kamen Fragen.

 

Warum das alles passiert war.
Was schiefgelaufen war.
Was er hätte anders machen können.

 

Dann kam Wut.

 

Auf das,
was war.

 

Auf sich selbst.

 

Und immer wieder

dieselben Gedanken.

 

Im Kreis.

 

Ohne Antwort.

 

Abends saß er oft lange am Tisch. Der Laptop war längst zugeklappt.

 

Um ihn herum
war es still.

 

Manchmal stand er auf dem Balkon und sah in die Nacht.

 

Die Gedanken liefen.

 

Am schwersten war nicht die Stille.

 

Es war die Distanz
zu seinen Kindern.

 

Nicht nur,
sie seltener zu sehen.

 

Von ihnen getrennt
zu sein.

 

Er griff zu Dingen, die den Schmerz leiser machten.

 

Für einen Abend.

 

Für ein paar Stunden.

 

Am nächsten Morgen begann alles wieder von vorn.

 

Irgendwann merkte er,
dass er nicht nur in der Wohnung festsaß.

 

Sondern auch
in sich selbst.

 

Und er kam
dort nicht heraus.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 5

 

 

 

 

 

Der Satz fiel früh.

 

Zu früh.

 

 

 

Kündigung und Verlust der beruflichen Rolle.

 

 

 

Das verletzte Tier

 

 

Ein erstes Gespräch
hatte es schon gegeben.

 

Zwei Vertreter des Aufsichtsrats.

 

Vieles blieb vage.

 

Ob alles in Ordnung sei.

 

Man müsse sich
um die Mitarbeiter kümmern.

 

Es gebe wohl
Unzufriedenheit.

 

Und die Zahlen
solle man im Blick behalten.

 

Konkret wurde niemand.

 

Danach erfuhr Anemun,

dass es offenbar einen anonymen Beschwerdebrief
an den Aufsichtsrat gegeben haben soll.


Ob es diesen Brief
wirklich gab.

 

Was darin stand.

 

Er wusste es nicht.

 

Aber die Andeutungen
bekamen ein anderes Gewicht.

 

Er verlangte
ein zweites Gespräch.

 

Er wollte wissen,
worum es wirklich ging.

 

Was man ihm vorwarf.

 

Am Morgen fiel Anemun auf, dass manche Mitarbeiter ihm kaum in die Augen sahen. Das wunderte ihn. Normalerweise war der Umgang offen gewesen. Man war per Du.

 

Später wurde er zu einem weiteren Gespräch mit dem Aufsichtsrat gebeten.

 

Als er den Raum betrat und sich setzte, fiel die Kündigung.

 

Für eine Klärung
blieb kein Raum.

 

Einen Moment lang
stand alles still.

 

Wut.

 

Verletzung.

 

Und gleichzeitig
Erleichterung.

 

Eine Last
fiel ihm
von den Schultern.

 

Wenig später stand er in seinem Büro. Auf dem Tisch stand ein Karton.

 

Mehr brauchte es nicht.

 

Er packte seine Sachen langsam ein. Bücher. Notizen. Persönliche Dinge.

 

Auf dem Flur war kaum jemand unterwegs.

 

Ein Abschied
fand nicht statt.

 

Zwei Männer begleiteten ihn hinaus. 

 

Anemun fuhr mit seinem Dienstwagen nach Hause. Der Karton lag neben ihm auf dem Beifahrersitz.

 

Die beiden Männer
fuhren hinter ihm her.

 

In der Wohnung sammelten sie noch einige Arbeitsgeräte ein. Danach nahmen sie auch den Wagen mit und fuhren wieder davon.

 

Später fragte sich Anemun,
ob das zweite Gespräch
alles beschleunigt hatte.

 

Ob die Entscheidung
schon gefallen war.

 

Er erfuhr es nie.

 

Ein verletztes Tier
hat im Rudel
keinen Platz mehr.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 6

 

 

 

 

 

Die Tage hatten plötzlich
zu viel Platz.

 

 

 

Wenn Arbeit und vertrauter Alltag wegbrechen.

 

 

 

Die langen Monate

 

 

Nach diesem Tag begann eine Zeit, die sich merkwürdig dehnte. Die Monate vergingen, doch die Tage kamen kaum voran.

 

Früher war sein Kalender voll gewesen: Termine, Gespräche, Entscheidungen.

 

Jetzt:

 

nichts.

 

Viele Tage begannen spät. Die Nächte wurden lang.

 

Am Morgen war der Kopf schwer. Seine Gedanken kamen nicht zur Ruhe, und der Tag begann langsam.

 

Oft saß Anemun stundenlang in der Wohnung. Kein Termin wartete auf ihn. Der Laptop blieb zu.

 

Dazwischen war Zeit.

 

Zu viel.

Dann kamen die Fragen.

 

Was war eigentlich passiert?

Was hätte er anders machen können?

Warum war alles so gekommen?

 

Sie drehten sich im Kreis.

 

Nichts brachte wirklich Ruhe.

 

Die Energie fehlte.

 

An manchen Tagen
stand alles still.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 7

 

 

 

 

Irgendwann ging er einfach wieder los.

 

 

 

Spaziergänge in der Natur,
wenn der Kopf nicht zur Ruhe kommt.

 

 

 

Unterwegs

 

 

An warmen Tagen ging Anemun früh los, bevor es heiß wurde. Meist war er ein bis zwei Stunden unterwegs.

 

Er nahm selten denselben Weg. Mal ging er durch den Wald, mal bog er auf einen anderen Pfad ab. Manchmal ließ er die Wege ganz hinter sich und ging quer über die Felder.

 

Draußen trat anderes in den Vordergrund: die Luft, der Boden unter seinen Schuhen, die Weite vor ihm.

 

Die Gedanken hörten nicht auf.

 

Aber sie drängten sich nicht mehr
so auf.

 

Wenn er zurückkam, war nichts gelöst.

 

Aber er kam ruhiger zurück.

 

Die Stille in der Wohnung
war für eine Weile
leichter auszuhalten.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 8

 

 

 

 

Dann kam der Anruf.

 

 

 

Pflegefall in der Familie und neue Verantwortung.

 

 

 

Neue Verantwortung

 

 

Eines Tages rief sein Bruder an. Die Mutter war schwer gestürzt, lag im Krankenhaus und musste operiert werden.

 

Sie bekam eine künstliche Hüfte und eine künstliche Schulter.

 

Als Anemun sie danach sah, lag sie kraftlos im Bett. Bewegung war kaum möglich.

 

Ihr Körper brauchte Zeit.

 

Schnell wurde klar, dass sie nicht direkt in eine Reha konnte. Zuerst musste ein Platz in der Kurzzeitpflege gefunden werden.

 

Anemun sprach mit Ärzten und Pflegepersonal, suchte eine Einrichtung und füllte Formulare aus.

 

Es gab wieder Termine.
Gespräche.
Dinge, die entschieden werden mussten.

 

In den Wochen danach fuhr er regelmäßig zu ihr.

 

Sie war bei sich und wusste genau, was sie brauchte. Wenn etwas in der Pflege nicht so lief, wie sie es sich vorstellte, sagte sie es.

 

Trotzdem war sie erleichtert, dass der Platz so schnell gefunden worden war.

 

Bei seinen Besuchen brachte er ihr hin und wieder frisches Obst, ihre Cremes und andere Kleinigkeiten, die sie aus ihrem Alltag kannte.

 

Manchmal saß er einfach nur
an ihrem Bett.

 

Wenn er wieder ging, hoffte er,
dass sie langsam
wieder zu Kräften kommen würde.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 9

 

 

 

 

Er konnte sich nicht hängen lassen.

 

Seine Kinder brauchten ihn auch.

 

 

 

Vater sein, wenn alles unsicher wird.

 

 

 

Für die Kinder

 

 

Es gab Tage, an denen Anemun nicht wusste, was jetzt noch Sinn hatte.

 

Die Ehe.
Die Arbeit.
Die vertraute Ordnung des Alltags.

 

Alles war weg.

 

Doch wenn die Kinder zu ihm kamen, war der Tag anders.

 

Sie saßen zusammen in der Wohnung, spielten Karten, Brettspiele oder malten.

 

An anderen Tagen gingen sie spazieren. Manchmal balancierten sie auf den alten Schienen, so lange sie konnten.

 

Wenn Aylin die Kinder abholte, kam sie manchmal noch mit in die Wohnung. Dann aßen sie noch zusammen, bevor sie die Kinder wieder mitnahm.

 

Die Kinder waren damals gerade einmal zehn und elf.

 

Ihr ganzes Leben lag noch vor ihnen.

 

Seine Kinder brauchten ihn noch.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 10

 

 

 

 

Manchmal schaute er hin.

 

Und manchmal versuchte er einfach,
wegzusehen.

 

 

 

Innere Fragen und der Umgang mit sich selbst.

 

 

 

Allein mit den Gedanken

 

 

Mit der Zeit rückten bestimmte Gedanken wieder näher. Nicht jeden Abend, nicht immer mit derselben Stärke.

 

Oft saß Anemun am Küchentisch. Eine Flasche stand vor ihm.

 

Dann drängte sich auf, was er tagsüber weggeschoben hatte.

 

Was war passiert?
Wo hatte sich sein Leben verschoben?
Und welche Rolle spielte er selbst darin?

 

Manchmal blieb er bei diesen Gedanken.

 

An anderen Abenden
betäubte er sie.

 

Bis der Kopf schwer wurde.

 

Für eine Weile
musste er nicht hinsehen.

 

Am nächsten Morgen war nichts verschwunden.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 11

 

 

 

 

 

Irgendwann stellte er sich
eine unbequeme Frage:

 

Welche Rolle hatte er selbst
in all dem gespielt?

 

 

 

Selbsterkenntnis nach Verlust und Umbruch.

 

 

 

Der eigene Anteil

 

 

Zuerst kreisten seine Gedanken um das, was passiert war: die Trennung, die Distanz zu seinen Kindern, die verlorene Arbeit, die langen Monate danach.

 

Dann kam etwas hinzu.

 

Nicht nur:

 

Was war geschehen?

 

Sondern:

 

Was davon hatte auch
mit ihm zu tun?

 

Die Frage kam nicht jeden Tag. Manchmal nur für einen Moment.

 

Es war leichter, auf das zu schauen, was andere getan oder entschieden hatten.

 

Doch sie ließ sich nicht mehr
ganz wegschieben.

 

Sie kam zurück.

 

Und wurde klarer.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 12

 

 

 

 

Über manche Dinge spricht man nicht.

 

 

 

Wenn Männer in Krisen über Aufgaben sprechen,
statt über sich selbst.

 

 

 

Das Schweigen der Männer

 

 

Mit seinen Brüdern sprach Anemun über die Mutter im Pflegeheim, über Termine, Formulare und alles, was noch organisiert werden musste.

 

Wenn es um ihn selbst ging, blieb er knapp.

 

„Es ist scheiße“, sagte er. „Aber da muss man durch.“

 

Er hätte sagen können, wie wenig Halt er noch hatte. Wie vieles ihm entglitten war.

 

Doch er blieb lieber beim Praktischen.

 

Über das, was in seiner eigenen Familie zerbrochen war, sprach er kaum. Was all das mit ihm machte, noch weniger.

 

Stattdessen ging es wieder um Pflegeheimbesuche, Entscheidungen und die nächsten Schritte. 

 

Nicht jammern.
Stark bleiben.
Durchhalten.

 

Der Satz aus seiner Kindheit war noch da.

 

„Indianer weinen nicht.“

 

Auch mit seinen Brüdern
blieb vieles ungesagt.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 13

 

 

 

 

Manche Dinge verschwinden nicht,
nur weil man nicht darüber spricht.

 

 

 

Wenn verdrängte Gefühle sichtbar werden.

 

 

 

Die Schattenseite

 

 

In den Monaten nach der Trennung trug Anemun vieles in sich: Wut, Enttäuschung, Selbstmitleid. Und immer wieder die Frage, warum alles so gekommen war.

 

Abends, wenn der Tag ruhiger wurde, kam hoch, wofür lange kein Raum gewesen war.

 

Trauer.

 

Müdigkeit.

 

Leere.

 

Früher hätte er versucht, das schnell wieder wegzudrücken. Oder zumindest so weit zu dämpfen, dass er sich einigermaßen gut fühlen konnte.

 

Doch diesmal gelang ihm das nicht mehr ganz.

 

Was er lange beiseitegeschoben hatte,
drängte nach vorn.

 

Er konnte nicht mehr
einfach wegsehen.

 

Er sah hin.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 14

 

 

 

 

 

Er war da
und doch nicht anwesend.

 

 

 

Wenn der Kopf nicht bei der Familie ist.

 

 

 

Die Abwesenheit

 

 

Was nach der Trennung sichtbar wurde,
hatte schon vorher begonnen.

 

Eines Abends saß Anemun mit seinen Kindern auf der Couch. Sein Sohn erzählte etwas und lachte. Anemun sah ihn an, nickte und sagte etwas dazu.

 

Dann merkte er, dass nichts von dem, was sein Sohn erzählt hatte, bei ihm angekommen war.

 

Kein Wort.

 

Sein Körper war da.
Sein Kopf war woanders.

 

Bei der Arbeit.
Bei dem, was noch auf ihn wartete.

 

Er sah seinen Sohn an und wusste nicht, worüber er gerade gesprochen hatte.

 

Für einen Moment wurde es still.

 

Nicht im Raum.

 

Sondern in ihm.

 

Eine leise Lücke.

 

Mitten im Moment.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 15

 

 

 

 

Manchmal läuft alles weiter
und trotzdem stimmt etwas nicht.

 

 

 

Druck, Kontrollverlust und Spannungen zu Hause.

 

 

 

Funktionieren

 

 

Im Beruf blieb Anemun ruhig. Termine, Gespräche, Entscheidungen. Auch wenn es schwierig wurde, hörte er zu, wog ab und blieb konzentriert. So kannte man ihn.

 

Zu Hause war es anders. Ein Glas, das umkippte. Ein Satz, der im falschen Moment kam. Manchmal reichte das.

 

Sein Ton wurde laut und bestimmend.

 

Die Stimmung kippte.

Es wurde kaum noch gesprochen.

 

Als die Energie sich entladen hatte,
merkte er,
wie heftig
er reagiert hatte.

 

Dann kam das schlechte Gewissen.

 

Mehr als einmal sagte Aylin:

 

„Du bist zu wuchtig.“

 

Den Satz vergaß er nicht.

 

Im Beruf hatte er sich im Griff.

 

Zu Hause,
wo Nähe gebraucht wurde,
war es anders.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 16

 

 

 

 

 

Manchmal will man einfach nur ein wenig Ruhe
und merkt nicht, was man damit verliert.

 

 

 

Innere Überforderung und gemeinsame Zeit mit den Kindern.

 

 

 

Der innere Widerstand

 

 

Es gab Tage, an denen Anemun einfach zu Hause bleiben wollte. Keine Menschen, kein Trubel, kein Programm. Nur Ruhe.

 

Es gab auch andere Tage. Dann machten sie Musik, spielten draußen Fußball, gingen spazieren oder zum Spielplatz.

 

An solchen Tagen
war er bei ihnen.

 

An Geburtstagen arbeitete er nicht. Er nahm sich frei, wenn ihre Freunde kamen.

 

Es wurde gespielt,
gegessen
und gefeiert.

 

Doch wenn die Kinder fragten, ob sie etwas unternehmen wollten, regte sich an manchen Tagen Widerstand in ihm. Ein Tierpark. Ein Ausflug. Irgendwohin, wo viele Menschen sein würden.

 

Noch bevor sie losgingen, war er innerlich genervt. Es gab Diskussionen, ein Hin und Her. Er sagte nicht immer nein. Schließlich ging er mit.

 

Meist wurde es dann gut. Die Kinder hatten Spaß. Sie waren draußen, zusammen.

 

Und doch blieb manchmal
eine Schwere in ihm.

 

Nicht, weil etwas passiert war.

 

Sondern weil er mit ihnen unterwegs war,
ohne ganz bei ihnen zu sein.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 17

 

 

 

 

 

Man erkennt etwas wieder,
ohne sofort zu wissen, woher.

 

 

 

Wiederkehrende Muster und ihre Herkunft.

 

 

 

Ein alter Schatten

 

 

Etwas ließ ihn nicht ganz los.

 

In ihm war eine Unruhe, eine Spannung.

 

Sie war nicht neu.

 

Nur konnte er sie nicht einordnen.

 

Kein klarer Gedanke.

 

Eher ein Gefühl:

 

Dass sich etwas wiederholte.

 

Und irgendwo
musste es begonnen haben.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 18

 

 

 

 

Anemundi-Moment

 

 

Manches,
was im Alltag geschieht,
fängt nicht erst heute an.

 

Es zeigt sich mitunter
in einem Ton.

 

In einer Reaktion.

 

In einem Rückzug.

 

Und manchmal spürt man:

 

Das ist stärker
als das,
was gerade passiert.

 

So begann Anemun
zurückzublicken.

 

Nicht,
um Schuldige zu suchen.

 

Sondern um zu verstehen,
woher das kam,
was er lange nicht einordnen konnte.

 

Vielleicht erkennst du
in diesen Aufzeichnungen
auch etwas von dir.

 

Falls ja,
dann wird aus seiner Geschichte
eine leise Frage
an dein eigenes Leben.

 

Vielleicht verdient sie
deine stille Aufmerksamkeit.

 

ANEMUNDI ist ein Raum
für Menschen,
die solchen Fragen
nicht länger ausweichen wollen.

 

Wenn du an einem solchen Punkt stehst,
kann Begleitung helfen.

 

Für einen klaren Blick
auf das, was war.

 

Und Raum für das,
was werden darf.

 

Wenn es Zeit für dich ist,
dieser Frage nachzugehen:

 

 

Melde dich.

 

kontakt@anemundi.de

 

 

 

 

 

Was bleibt, ist nicht immer die Erinnerung.

 

Sondern das Gefühl.

 

 

 

Frühe Ungerechtigkeit und Kindheitserinnerungen.

 

 

 

Der Hügel

 

 

Es war Winter. Schnee lag auf den Straßen der Stadt. Zum Schlittenfahren mussten sie ein Stück hinaus, hinauf zu den Weinbergen. Dort führten kleine, zugeschneite Straßen in Serpentinen den Hang hinab.

 

Anemun war mit seinem kleinen Bruder unterwegs. Er sollte auf ihn aufpassen und ihn sicher nach Hause bringen.

 

Sie zogen den Schlitten den Weg hinauf und fuhren die verschneiten Kurven hinunter. Sie lachten, rodelten und liefen wieder hinauf.

 

Immer wieder.

 

Es wurde dunkler. Sie hätten längst zurück sein sollen.

 

Aber sein Brüderchen hatte so viel Freude daran.

 

„Nur noch einmal, bitte.“

 

Dann noch einmal.

 

Als sie zurückkamen, war es dunkel.

 

Zu Hause wartete keine Frage.

 

Nur ein Blick, der tötete.

 

Der Lebensgefährte seiner Mutter.
Der Vater seines Bruders.

 

Dann ging es schnell.

 

Schläge. Für beide. Ohne Unterschied.

 

Anemun verstand es nicht. Er hatte auf seinen Bruder aufgepasst. Er war mit ihm nach Hause gekommen. Sie hatten einfach die Zeit aus den Augen verloren.

 

Aber das spielte keine Rolle.

 

Was blieb, war kein Gedanke.

 

Sondern das Gefühl,
dass etwas nicht gerecht war.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 19

 

 

 

 

 

Die Hand des Vaters.

 

Sterne über einer dunklen Straße.

 

 

 

Kindheit, seltene Besuche beim Vater und fehlende Nähe.

 

 

 

Beim Vater

 

 

Den Vater sah er selten. Bei diesen Besuchen waren sie allein.

 

Manchmal nahm sein Vater ihn mit in seine Stammkneipe. Verrauchte Räume, laute Stimmen und Gläserklirren waren Anemun fremd. Er saß neben ihm und türmte Bierdeckel aufeinander. Ab und zu durfte er Münzen in die Spielautomaten werfen.

 

Irgendwann stellte sein Vater ihm ein Glas hin.

 

„Bier, probier.“

 

Es schmeckte bitter. Spezi fand er besser.

 

Später gingen sie nach Hause. Es war dunkel. Anemun hielt die Hand seines Vaters, als sie den Gehweg entlanggingen. Über ihnen leuchteten die Sterne.

 

Die Straße bewegte sich. Oder er selbst. Er wusste es nicht genau.

 

Alles fühlte sich leicht an.

 

Am nächsten Tag war er wieder bei seiner Mutter.

 

Sein Vater war weg.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 20

 

 

 

 

 

Sie verstanden nicht,
worum es ging.

 

Aber sie hörten,
wie laut es wurde.

 

 

 

Streit zwischen Erwachsenen und verlorene Vorfreude auf Familienfahrten.

 

 

 

Die Lautstärke

 

 

Zwischen seiner Mutter und ihrem Lebensgefährten war es oft angespannt. Die Kinder wussten meistens nicht, warum.

 

Sie hörten das Schimpfen. Die Stimmen wurden lauter.

 

Wer recht hatte, verstanden sie nicht.

 

Aber wer lauter war,
schon.

 

Besonders vor den Fahrten nach Jugoslawien spitzte sich alles zu. Es wurde gepackt, organisiert und überlegt, was alles mitmusste. Schon Tage vorher wurde der Ton im Haus schärfer.

 

Keine Fahrt nach Jugoslawien begann ohne Streit.

 

Auch vor Ausflügen wurde es oft laut. Erst der Streit. Dann stiegen sie ins Auto.

 

Auf der Rückbank saß Anemun still. Er wusste nicht, wer woran schuld war.

 

Trotzdem fühlte er sich,
als hätte er etwas falsch gemacht.

 

Die Fahrt begann.

 

Aber die Vorfreude blieb zu Hause zurück.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 21

 

 

 

 

 

Etwas kippt,
bevor man versteht, warum.

 

 

 

Körperliche Strafen, Hausarrest und Fernsehverbot in der Kindheit.

 

 

 

Die Strafe

 

 

Es waren nicht die großen Dinge. Hin und wieder reichte es, nicht sofort zu hören, nicht schnell genug zu reagieren oder etwas anders zu machen, als erwartet.

 

Wenn die Mutter schon gereizt war, weil es zuvor Streit mit ihrem Lebensgefährten gegeben hatte, ging es schneller.

 

Dann wurde durchgegriffen.

 

Oma nahm, was gerade zur Hand war: Brennnesseln oder eine biegsame Rute. Im Sommer traf es die nackten Beine.

 

Es brannte.

 

Ein falscher Moment, ein falscher Ton.

 

Dann flog einer von Mutters Holzschlappen.

 

Nicht immer traf er.

 

Aber nah genug.

 

Es gab auch Hausarrest und Fernsehverbot. Wenn die Erwachsenen oder sein großer Bruder nach Hause kamen, griff einer von ihnen zuerst hinter den Röhrenfernseher.

 

Ob er warm war.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 22

 

 

 

 

 

Manches verschwindet nicht.

Es regt sich,
bevor etwas beginnt.

 

 

 

Unruhe vor Reisen, Abfahrten und wichtigen Terminen.

 

 

 

Die alte Spannung

 

 

Als Kind war Anspannung oft da. Nicht immer sichtbar, aber spürbar. Er wurde still, versuchte nicht aufzufallen, brav zu sein und keinen Ärger zu machen.

 

Auch Außenstehende lobten ihn oft. Was für ein braver, gut erzogener Junge er sei.

 

Wie es in ihm aussah,
sahen sie nicht.

 

Diese Unruhe blieb.

 

Besonders, wenn eine Reise bevorstand oder er irgendwo pünktlich sein musste.

 

Dann begann er früh zu planen. Zwei oder drei Tage vorher wollte er am liebsten alles gepackt und vorbereitet haben. Nichts sollte bis zum letzten Tag liegen bleiben.

 

Doch das gelang ihm nur selten.

 

Je näher die Abfahrt rückte, desto mehr wuchs die Unruhe: beim Packen, beim Organisieren, bei dem Gedanken, etwas vergessen zu haben oder nicht rechtzeitig fertig zu werden.

 

Bei Terminen war es ähnlich. Fünf Minuten früher war besser als zu spät. Merkte er, dass er es nicht rechtzeitig schaffen würde, rief er an. Niemand sollte auf ihn warten müssen.

 

Wenn alles vorbereitet war, er rechtzeitig losfuhr und noch einmal alles geprüft hatte, hielt sich die Anspannung im Rahmen.

 

Ganz weg war sie nie.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 23

 

 

 

 

 

Was lange zurückliegt,
wirkt im Hintergrund.

 

 

 

Alte Anspannung, Kontrolle und Wut in Nähe und Alltag.

 

 

 

Im Heute

 

 

Viele Jahre später war sie noch da, nicht sichtbar auf den ersten Blick.

 

Im Beruf lief vieles geordnet. Gerade wenn es schwierig wurde, blieb er konzentriert. Seine Zündschnur war lang. Er trug Verantwortung für mehrere hundert Menschen.

 

Zu Hause war das anders.

 

Es ging um Nähe.

 

Es gab friedliche Tage.

 

Doch manchmal reichten Kleinigkeiten: ein umgefallenes Glas, ein falscher Ton, ein Moment, der nicht passte.

 

Dann kam seine Reaktion zu schnell.

 

Zu wuchtig.

 

Größer als das,
was gerade passiert war.

 

Beim Kochen zeigte sich seine Ordnung im Kleinen. Was er nicht mehr brauchte, spülte er sofort ab und räumte es weg. Die Spüle blieb frei.

 

Lief etwas anders, als er es erwartete, konnte die Stimmung kippen.

 

Dann wurde er laut. Manchmal brüllte er, mit rotem Kopf.

 

Danach war es still.

 

Und er wusste:

 

Es war zu viel.

 

Es tat ihm leid.

 

Gerade dort,
wo Nähe gebraucht wurde.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 24

 

 

 

 

 

Ein Augenblick - und es wurde eng.

 

 

 

Gefährliches Überholen mit Kindern im Auto.

 

 

 

Die Fahrt

 

 

Sie waren auf dem Heimweg. Neben Anemun saß sein alter Freund, der selbst gern schnell fuhr. Die Kinder saßen hinten.

 

Anemun wollte ankommen. Vor ihm lag eine unübersichtliche Stelle. Trotzdem zog er zum Überholen raus.

 

Dann kam ein Auto entgegen. Es reichte gerade so. Er zog zurück auf seine Spur.

 

Danach war es im Auto still.

 

Sein Freund stellte ihn zur Rede. 

 

Anemun spielte es herunter. Doch ihm war nicht wohl dabei.

 

Er wusste sofort.


Wie knapp es gewesen war.

 

Und was hätte passieren können.

 

Die Kinder sagten nichts.

 

Kein Wort.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 25

 

 

 

 

Der Weg war nur das,
was dazwischenlag.

 

 

 

Familienfahrten nach Jugoslawien und der Drang, schnell anzukommen.

 

 

 

Nur ankommen

 

 

Schon als Kind fuhr Anemun mit seinen Eltern nach Jugoslawien.

 

Die Strecke war lang, fast tausend Kilometer. Damals führte sie nicht nur über Autobahnen, sondern auch über Landstraßen durch Österreich und Slowenien. Vor ihnen fuhren Lastwagen, Traktoren und langsame Fahrzeuge mit Anhängern.

 

Um voranzukommen, wurde überholt. Immer wieder. Manchmal wurde es eng. Sonst, so fühlte es sich an, würde man nie ankommen. Schon damals hielt Anemun nach Gegenverkehr Ausschau.

 

Die Fahrten waren anstrengend. Er wollte nur, dass sie vorbei waren: endlich aussteigen, draußen sein, frei.

 

Später, mit achtzehn, fuhr er allein nach Jugoslawien. Zu seinen Freunden. Zu seiner Liebe.

 

Fahren. Tanken. Pinkeln. Weiter.

 

Es ging ihm nicht um die Fahrt. Er wollte ankommen, möglichst schnell und mit so wenigen Pausen wie möglich. Von der Landschaft und den Orten unterwegs bekam er kaum etwas mit.

 

Den Blick nach vorn.

 

Weiter.

 

Die Straße war nur das,
was dazwischenlag.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 26

 

 

 

 

Es gibt Augenblicke,
in denen der Körper schneller reagiert
als der Verstand begreift.

 

 

 

Sekundenschlaf am Steuer.

 

 

 

Vor dem Tunnel

 

 

Sie waren zu zweit unterwegs nach Jugoslawien, durch Österreich. Anemun fuhr die ganze Strecke. Sein Vater fühlte sich als Beifahrer unsicher und hielt sich meist fest.

 

Irgendwann schlief sein Vater ein, mit einer Hand am Haltegriff.

 

Das Wetter war trüb, aber trocken. Anemun war müde. Er fuhr etwa hundertdreißig.

 

Für einen Moment schlief er ein.

 

Als er die Augen öffnete, lag der Tunneleingang vor ihm. Die Tunnelwand auf der Beifahrerseite war nur wenige Meter entfernt.

 

Er riss das Lenkrad herum.

 

Kein Gedanke, kein Plan.

 

Nur handeln.

 

Der Wagen kam wieder in die Spur.

 

Sein Vater wurde wach, hatte aber nicht mitbekommen, was gerade geschehen war.

 

Anemun sagte ihm nichts. 

 

Die Tunnelwand hatte er noch vor Augen.

 

Sie fuhren weiter.

 

An Schlaf
war nicht mehr zu denken.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 27

 

 

 

 

Manchmal wird das Tempo
zur Antwort auf alles.

 

 

 

Beruflicher Druck, Selbstüberschätzung und riskantes Fahren.

 

 

 

Das Messen

 

 

Am schlimmsten wurde es in den Jahren, in denen Anemun Vorstand war. Termine, Entscheidungen, Verantwortung. Alles musste schnell gehen, nichts durfte übersehen werden.

 

Im Büro blieb er konzentriert. Doch sobald die Autotür zufiel, fuhr der Druck mit.

 

An seine ersten Fahrstunden erinnerte er sich noch. Kuppeln, bremsen, lenken, blinken, schalten. Verkehr überall.

 

Er dachte:

 

Das lerne ich nie.

 

Später glaubte er, den Verkehr lesen zu können. Er hatte mehrere Fahrzeuge vor und hinter sich im Blick, behielt Rück- und Seitenspiegel im Auge. Einen Schulterblick hielt er nicht mehr für nötig.

 

Er glaubte, alles unter Kontrolle zu haben: das Auto, die Straße, den Verkehr.

 

Auf der Autobahn fuhr er oft schneller als zweihundert. Wenn jemand lange links blieb oder ihm zu langsam vorkam, drängelte er, überholte rechts und wechselte über alle drei Spuren, nur um weiterzukommen.

 

Manchmal nutzte er auch den Standstreifen.

 

Für ihn war es kein Spiel. Er glaubte, den Verkehrsfluss lesen zu können: Autos, Motorradfahrer, die nächste Lücke.

 

Und manchmal wurde daraus ein Duell mit jemandem,
den er für gleichgesinnt hielt
.

 

Er nannte es
vorausschauendes Fahren.

 

Einmal stand an einer Ampel in der Stadt ein Porsche vor ihm. Als die Ampel auf Grün sprang, fuhren beide zügig los. Anemun blieb dicht dahinter.

 

Beim Rechtsabbiegen nahm der Porschefahrer die Kurve zu schnell und kam zu weit nach außen. Fast wäre der Porsche mit den Autos in der gegenüberliegenden Abbiegespur zusammengestoßen.

 

Danach fuhren beide langsamer.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 28

 

 

 

 

Was ihn auf der Straße trieb,
blieb nicht dort.

 

 

 

Vorstandsarbeit, Familienalltag und Dauerstress.

 

 

 

Es lief

 

 

In den ersten Jahren als Vorstand ging es um Umstrukturierung. Sechzig, siebzig, manchmal achtzig Stunden in der Woche waren keine Ausnahme. An Urlaub war nicht zu denken. Selbst unterwegs arbeitete Anemun weiter.

 

So manche Nacht stand er auf, schrieb noch etwas oder bereitete den nächsten Tag vor.

 

Die Nacht vor der Geburt seines Sohnes fuhr er noch ins Büro. Weihnachtskarten mussten unterschrieben werden.

 

Erst nach der Geburt nahm er sich für einige Wochen frei.

 

Es gab auch andere Zeiten. Bei seiner erstgeborenen Tochter blieb er über zwei Monate zu Hause. Damals war er noch angestellt. Das war möglich. Er genoss diese Zeit sehr. Zu erleben, wie ein kleines Kind sich entwickelte und ins Leben fand, war für ihn etwas Besonderes.

 

Seine beiden Kinder lagen nur dreizehn Monate auseinander. Mit zwei so kleinen Kindern hatte vor allem Aylin alle Hände voll zu tun. Eine Windel war gerade gewechselt, schon war die nächste voll.

 

Für die ersten Jahre hatten sie eine klare Aufteilung gewählt. Die Kinder sollten bei ihrer Mutter bleiben und nicht früh fremdbetreut werden. Anemun übernahm alles, was außerhalb des unmittelbaren Alltags mit den Kindern geregelt werden musste: Rechnungen, Termine, Geld und Organisatorisches.

 

Solange das gelang,
schien es genug.

 

Die nächste Aufgabe wartete schon.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 29

 

 

 

Anemundi-Moment

 

 

Vielleicht teilt ihr noch einen Alltag.

 

Vielleicht nur noch Verantwortung.

 

Was zwischen euch leiser geworden ist,
findet keine Worte mehr.

 

Du hast geschwiegen,
damit nicht noch mehr zerbricht.

 

Und weitergemacht,
weil immer etwas dringender schien.

 

Aber manches wird nicht leichter,
nur weil man es lange mit sich trägt.

 

ANEMUNDI ist ein Raum
für Menschen,
die spüren,
dass Schweigen
nichts mehr zusammenhält.

 

Wenn du an einem solchen Punkt stehst,
kann Begleitung helfen.

 

Für einen klaren Blick
auf das, was still geworden ist.

 

Und Raum für das,
was lange unausgesprochen blieb.

 

Wenn es Zeit ist,
Worte dafür zu finden:

 

 

Melde dich.

 

kontakt@anemundi.de

 

 

 

 

Erleichterung
ist nicht immer
eine Lösung.

 

 

 

Rauschmittel als schnelle Entlastung bei innerer Unruhe.

 

 

 

Es wurde leiser

 

 

Viele Jahre hatte Anemun nichts mehr genommen.

 

Dann wollte Aylin Cannabis einmal ausprobieren. Sie wollte es lieber mit ihm als irgendwo anders.

 

Er besorgte etwas, und sie nahmen es zusammen.

 

Ihr bekam es nicht gut.

 

Für sie blieb es bei diesem Versuch.

 

Bei ihm blieb es nicht dabei.

 

Mit der Zeit wurde die Unruhe immer schwerer auszuhalten.

 

Am meisten setzte ihm der Streit zu Hause zu. Wenn der Streit eskalierte, wollte Anemun nur, dass es aufhörte. Dann vaporisierte er Gras, um so schnell wie möglich wieder zur Ruhe zu kommen.

 

Oder er trank ein Bier.

 

Meist blieb es nicht bei einem. Die Kinder sammelten die Kronkorken in einer großen Vase.

 

Alkohol dämpfte. Er brachte ihn in eine „Leckt mich am Arsch“-Stimmung. Cannabis-Cookies legten einen dichten Nebel über seine Gedanken und ließen vieles aus einer anderen Sicht erscheinen. Kokain gab Auftrieb und das Gefühl, alles richtig zu machen.

 

Die Mittel wirkten unterschiedlich.

 

Am Ende dienten sie alle demselben Zweck.

 

Was sonst schwer auszuhalten war,
rückte für eine Zeit in den Hintergrund.

 

Wenn die Anspannung zurückkam, wusste er, was zu tun war.

 

Es ging nicht um das Mittel.

 

Sondern um die Wirkung:

 

Ruhe und Abstand von allen. Alles vergessen.

 

Für eine Zeit
funktionierte es.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 30

 

 

 

 

Ruhiger
ist nicht immer
näher.

 

 

 

Wenn weniger Streit wachsende Distanz in einer Beziehung verdeckt.

 

 

 

Nebeneinander

 

 

Zu Hause nahm die Reibung ab. Es gab weniger Streit. Die Tage verliefen etwas harmonischer.

 

Aylin bestärkte ihn darin, zu „rauschen“. Sie backte ihm sogar glutenfreie Cannabis-Cookies.

 

Die Kinder fragten danach. Sie bekamen keine. Also sagte man ihnen, sie seien für seine Arbeit. Seine Frau backte auch sonst öfter Leckereien für seine Mitarbeiter.

 

Später, als sein Sohn älter war, roch er unterwegs in der Stadt Cannabis und sagte:

 

„Riecht wie Papas Cookies.“

 

Der Geruch war ihm in der Nase geblieben.

 

Abends saßen sie oft zusammen vor dem Fernseher. Nebeneinander. Still.

 

Es wirkte vertraut.

 

Fast wie Nähe.

 

Noch gab es Ideen und Pläne: mit dem Wohnmobil durch Europa. Ein anderes Leben.

 

Es schien möglich.

 

Doch es blieb bei Gedanken. Arbeit, Geld, Alltag und Sicherheit waren stärker.

 

Und so blieb alles,
wie es war.

 

Gespräche wurden seltener. Wenn sie sprachen, ging es meist um das Nötige: Organisation, Alltag, die Kinder.

 

Die Ruhe fühlte sich zunächst entlastend an.

 

Doch sie war
kein Frieden.

 

Mit dem Streit war auch etwas anderes verschwunden.

 

Ohne dass es jemand aussprach.

 

Oder bemerkte.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 31

 

 

 

 

Was zum Alltag gehört,
stellt man nicht infrage.

 

 

 

Wenn Freundeskreis und Familienleben ineinander übergehen.

 

 

 

Im Freundeskreis

 

 

Die Familien kannten sich über die Kinder. Auf Spielplätzen, bei Spaziergängen und auf Kindergeburtstagen trafen sie sich regelmäßig. Man besuchte sich. Mal hier, mal dort.

 

Beim Kinderturnen und bei Unternehmungen mit den Kindern waren beide Familien immer wieder zusammen unterwegs. Vieles davon geschah tagsüber, wenn er arbeitete.

 

Der Mann war der Partner von Aylins bester Freundin. 

 

Für Anemun war er ein lockerer Bekannter.

 

Mit dessen Frau war er selbst einmal klettern gegangen. Deshalb war es für ihn nichts Besonderes, dass seine Frau mit dem Mann etwas unternahm, während einer von ihnen bei den Kindern blieb.

 

Wenn es nötig war, kam er rechtzeitig von der Arbeit nach Hause, damit sie zum Yoga, Ballett oder Tanzen gehen konnte. Dann kümmerte er sich um die Kinder.

 

In den Menschen um sich herum sah er zuerst das Gute. Einen Grund, etwas infrage zu stellen, hatte er nicht.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 32

 

 

 

 

Manchmal spürt man etwas,
bevor man es weiß.

 

 

 

Wenn sich etwas ankündigt, ohne dass man es greifen kann.

 

 

 

Der Abend

 

 

Es war ein Abend wie viele andere. Aylin wollte mit dem Mann ihrer besten Freundin schwimmen gehen. Der Plan stand schon länger. Für Anemun war daran nichts Ungewöhnliches.

 

Doch als sie sich fertig machte, kam eine Unruhe in ihm auf. Er wusste nicht, woher sie kam. Es gab keinen Gedanken, an dem er sie hätte festmachen können. Nur etwas, das er nicht greifen konnte.

 

An der Tür sah er seine Frau an und sagte:

 

„Geh nicht.“

 

Kein Vorwurf. Keine Szene. Nur dieser Satz.

 

Sie hielt seinen Blick einen Moment lang.

 

Ihr Blick wirkte nachdenklich, als würde sie etwas abwägen.

 

Seltsam. Er verstand nicht, warum.

 

Sie sagte nichts.

 

Dann ging sie.

 

Zurück blieb ein Gefühl,
das nicht verschwand.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 33

 

 

 

 

Manchmal braucht es keine Worte,
um zu wissen.

 

 

 

Wenn aus einem Gefühl
Gewissheit wird.

 

 

 

Das Wissen

 

 

Der Abend ging vorbei. Die Nacht auch. Doch die Unruhe blieb.

 

Mit jeder Stunde wurde aus ihr Gewissheit.

 

Als Aylin später darüber sprach, sagte sie, es sei nur einmal gewesen und es habe sie selbst erschüttert, nicht nur ihm fremdgegangen zu sein, sondern damit auch ihre beste Freundin verletzt zu haben.

 

Doch ihre Worte änderten nichts. Sie bestätigten nur, was sich in ihm in dieser Nacht bereits angedeutet hatte.

 

Es war passiert.

 

Etwas war nicht mehr unversehrt.

 

Die Fragen nach dem Wie und dem Warum ließen ihn nicht los. Doch keine Antwort machte es ungeschehen.

 

Er wusste nicht,
wie er damit
leben sollte.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 34

 

 

 

 

Nicht jeder neue Ort
ist ein Neubeginn.

 

 

 

Wenn ein Umzug Abstand schafft,
aber Nähe nicht zurückbringt.

 

 

 

Der Versuch

 

 

Anemun und Aylin versuchten es noch einmal. Eine Zeit lang führten sie ihren Alltag weiter, so gut es ging.

 

Später entschieden sie sich für einen Umzug. Auch der bisher längere Schulweg der Kinder spielte dabei eine Rolle. Dazu kam der Wunsch, dem alten Umfeld nicht länger so nah zu sein.

 

Noch vor dem Einzug bereiteten Anemun und einige Freunde das Haus vor. Sie strichen, erledigten, was getan werden musste, und richteten alles so her, dass seine Frau und die Kinder mit dem eigentlichen Umzug möglichst wenig Stress hatten.

 

Als die Umzugsfirma kam, war vieles schon vorbereitet. Sie brachte Kartons und Möbel in das freistehende Haus in einer ruhigen Straße. Es gab einen Garten, eine Werkstatt mit Werkbank und ein Gartenhäuschen. Die freie Grundschule der Kinder war zu Fuß erreichbar.

 

Ein neuer Ort.
Ein anderer Alltag.

 

Für einen Moment schien es, als könnten sie dort wieder zueinanderfinden. Sie richteten sich ein, organisierten den Alltag und versuchten, wieder miteinander zurechtzukommen.

 

Doch was sich zwischen ihnen verändert hatte, ging mit.

 

Unsichtbar.

 

Der neue Ort änderte nichts. Nicht im Inneren. Nicht zwischen ihnen.

 

Was vorher schon fehlte,
fehlte auch dort.

 

Der Ort war neu.

 

Das Entscheidende nicht.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 35

 

 

 

 

 

Manchmal zeigt Abstand
nicht den Weg zurück.

 

Sondern
wie weit man sich
schon entfernt hat.

 

 

 

Mutter-Kind-Kur, Hoffnung und wachsende Distanz in einer Beziehung.

 

 

 

Die Kur

 

 

Aylin fuhr mit den Kindern zu einer Mutter-Kind-Kur. Die Idee lag nahe: rauskommen, durchatmen, Abstand gewinnen. Vielleicht würde sich etwas ordnen.

 

Anemun blieb zurück.

 

Das Haus war still. Er ging zur Arbeit, kam nach Hause. Die Tage wurden ruhiger und zugleich schwerer.

 

Bei einem Besuch gingen sie gemeinsam durch das Moor. Über Stege führte der Weg, dazwischen lagen immer wieder feste Landstücke. Die Sonne lag warm über allem. Eidechsen huschten umher, und die Kinder versuchten, sie zu fangen.

 

Für einen Moment fühlte es sich wieder nach Familie an.

 

Doch es blieb bei diesem einen Tag.

 

Als sie zurückkam, kam die Nähe nicht mit ihr.

 

Kein Neubeginn.

 

Mehr Abstand.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 36

 

 

 

 

Manchmal wird man beschrieben,
und erkennt sich
nicht wieder.

 

 

 

Paartherapie, verletzende Zuschreibungen und Verunsicherung in einer Beziehung.

 

 

 

Die Worte

 

 

Aylin war allein in Therapie. Dort sprach sie über ihr Erleben, über den Streit und die Distanz zwischen ihnen.

 

Schon bevor sie in Therapie ging, schlug sie vor, gemeinsam in eine Paartherapie zu gehen. Anemun lehnte ab. Damals war er nicht bereit, sich darauf einzulassen.

 

Später bedauerte er es. Ob es etwas verändert hätte, wusste er nicht. Doch als er selbst dazu bereit gewesen wäre, war die Distanz zwischen ihnen längst zu groß geworden.

 

Aus ihrer Therapie brachte sie ein Wort mit, das sich in ihm festsetzte. Sie sagte, ihre Therapeutin habe ihn als Narzissten bezeichnet. Ob die Therapeutin das tatsächlich gesagt hatte, wusste Anemun nicht.

 

Er war nie dort gewesen. Die Therapeutin kannte ihn nicht.

 

Er begann zu lesen, was mit diesem Wort gemeint war: Selbstbezogenheit, das Bedürfnis nach Bewunderung, wenig Empathie für andere.

 

Manches ließ ihn innehalten. Er wusste, dass er laut geworden war und in seinen Reaktionen wuchtig werden konnte. Dass er Menschen damit verletzt hatte.

 

Doch das Bild eines Menschen, dem die Gefühle anderer gleichgültig waren, erkannte er bei sich nicht wieder.

 

Er sprach es an. Nicht um sich zu verteidigen. Sondern weil er verstehen wollte, was seine Frau in ihm sah.

 

Klarer wurde nichts.

 

Nur das Gefühl,
dass ihr Bild von ihm
nicht seinem eigenen entsprach.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 37

 

 

 

 

Manchmal findet man eine Erklärung,
bevor man die Ursache erkennt.

 

 

 

Reizbarkeit, Wut und die Suche nach tieferen Ursachen.

 

 

 

Die Erklärung

 

 

Lange hatte er eine Erklärung für diese kurzen Momente, in denen es kippte. Ein Ton, ein Blick, eine Kleinigkeit – und es wurde zu viel. Schneller als gedacht. Härter als gewollt.

 

Er kannte diese Spannung, diese Reaktion. Für ihn war klar: Es lag an dem, was er nahm. An den Mitteln.

 

Wenn er nichts nahm, fühlte sich alles enger an. Er war schneller gereizt, unruhiger. So erklärte er es sich.

 

Es passte.

 

Für eine Zeit.

 

Doch mit der Zeit hatte er das Gefühl, dass sein Körper sich an die Mittel gewöhnte. Was sie anfangs gedämpft hatten, drängte sich im Alltag wieder nach vorn.

 

Im Beruf hatte sein Wort Gewicht. Zu Hause war das anders. Wenn die Kinder nicht hörten oder es um Erziehung, Ernährung und andere Entscheidungen ging, hatte er immer wieder das Gefühl, mit seiner Meinung außen vor zu sein.


Dann reagierte er trotzdem.

 

Auch wenn er etwas genommen hatte.

 

Nicht immer gleich.

 

Aber deutlich genug,
um ihn zu beunruhigen.

 

Zum ersten Mal tauchte der Gedanke auf:

 

Vielleicht lag es nicht daran.

 

Vielleicht lag es tiefer.

 

Er verfolgte ihn nicht weiter.

 

Noch nicht.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 38

 

 

 

 

Manchmal passt die Reaktion
nicht zu dem,
was passiert.

 

 

 

Wenn Kleinigkeiten mehr auslösen, als sie sollten.

 

 

 

Die Situation

 

 

Es war ein Familienbesuch. Zuvor hatten sie vereinbart, dass niemand etwas mitbringen sollte. Kein Aufwand. Einfach kommen.

 

Doch seine Schwiegermutter hatte trotzdem etwas vorbereitet, wie so oft. Sie hatte sich Mühe gemacht. Anemun dachte daran, dass bei solchen Besuchen am Ende oft Essen übrig blieb und weggeworfen wurde.

 

Das alles war für ihn der Grund, etwas zu sagen.

Sein Schwager widersprach ihm. Er ließ es nicht stehen. Aus einem Satz wurden mehrere. Der Ton wurde schärfer.

 

Anemun wurde laut.

 

Der Streit verschärfte sich
wegen etwas,
das von außen kaum Gewicht hatte.

 

Mitten darin wurde ihm unangenehm klar:

 

Seine Reaktion war wieder einmal größer
als der Anlass.

 

Die Kinder waren dabei.

 

Im Nachhinein schämte er sich vor ihnen.

 

So hatte er es ihnen nicht vorleben wollen.

 

Der Streit war vorbei.

 

Die schlechte Stimmung blieb. Auch für die anderen.

 

Zurück blieb ein Gefühl,
das nicht passte.

 

Nicht zu dem,
was tatsächlich geschehen war.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 39

 

 

 

 

Manchmal bleibt nicht der Streit.

 

Sondern das,
was danach kommt.

 

 

 

Wenn Schuldgefühle bleiben, obwohl der Moment vorbei ist.

 

 

 

Danach

 

 

Der Besuch war vorbei. Der Streit auch.

 

Doch in ihm ging es weiter.

 

Es begleitete ihn durch den Alltag, in Gesprächen und bei der Arbeit.

 

Nicht immer im Vordergrund.

 

Aber nie ganz weg.

 

Er kannte dieses Danach. Nach Momenten, in denen es gekippt war. Zu schnell. Zu heftig.

 

Am schwersten wog, dass die Kinder es gesehen hatten.

 

Nicht nur den Streit.

 

Sondern ihn darin.

 

Das ließ ihn nicht los.

 

Und die Frage,
warum er es wieder
so weit hatte kommen lassen.

 

Später versuchte er, es wegzuerklären.

 

Doch wenn es wieder geschah,
verloren seine Worte an Gewicht.

 

Was blieb,
war ein Gefühl von Scheitern.

 

Leise.

 

Aber vertraut.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 40

 

 

 

 

Manches erkennt man erst,
wenn man zurückblickt.

 

 

 

Wiederkehrende Reaktionen in Beziehungen und Konflikten.

 

 

 

Der Blick zurück

 

 

Hinter diesem Moment lag mehr als der Besuch, mehr als der Streit. Etwas zeigte sich darin: in der Wucht seiner Reaktion und in dem, was danach blieb.

 

Zu heftig.

 

Und nicht neu.

 

Er kannte solche Momente. Nicht nur aus dieser Beziehung, auch aus früheren. Die Beziehungen waren unterschiedlich. Die Gründe für ihr Ende auch.

 

Doch je länger er zurücksah, desto öfter erkannte er etwas Wiederkehrendes: Situationen, in denen Druck entstand. Streit. Das Gefühl, übergangen, nicht gesehen oder nicht respektiert zu werden. Augenblicke, in denen etwas in ihm kippte.

 

Dann wurde er laut, zog sich zurück oder es entstand Abstand.

 

Lange dachte er, es liege an den Umständen. An der jeweiligen Beziehung. Am Zeitpunkt. Daran, dass es einfach nicht gepasst hatte.

 

Doch diese Erklärung hielt nicht mehr ganz stand.

 

Es waren nicht ein oder zwei Beziehungen. Es waren mehrere Versuche, Anfänge und Trennungen.

 

Was genau dahinterlag,
wusste er noch nicht.

 

Aber er konnte es nicht mehr nur
auf die Umstände schieben.

 

Etwas in ihm
zeigte sich immer wieder.

 

Klar genug,
um nicht mehr wegzusehen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 41

 

 

 

 

Manches erkennt man erst,
wenn die alten Begründungen
nicht mehr reichen.

 

 

 

Wenn die Suche nach einer Ursache weiter zurückführt als die eigene Erinnerung.

 

 

 

Die Lücke

 

 

Je länger Anemun auf die Beziehungen, die Konflikte und seine Reaktionen zurücksah, desto weniger konnte er alles auf Umstände, andere Menschen oder den falschen Zeitpunkt schieben.

 

Es gab etwas, das er lange kannte.

 

Allein zurechtkommen.

 

Es fiel ihm schwer um Hilfe zu bitten.

 

Das Gefühl, Dinge mit sich selbst ausmachen zu müssen.

 

Woher es kam, wusste er nicht.

 

Hatte es begonnen,
bevor er überhaupt
eine Erinnerung daran haben konnte?

 

Die Spur führte weiter zurück.

 

Vor jedes Bild,
das er von sich kannte.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 42

 

 

 

 

Wenn ein Leben beginnt
und es zuerst
ums Überleben geht.

 

 

 

Frühgeburt, Wärmebettchen und die ersten Monate.

 

 

 

Der Ursprung

 

 

Seine Mutter wusste nicht, dass sie schwanger war. Ein Arzt hatte ihr gesagt, sie könne keine Kinder mehr bekommen. Eine bewusste Vorbereitung auf seine Ankunft gab es deshalb nicht.

 

Sie putzte gerade mit ihrer Mutter, als die Fruchtblase platzte. Zuerst dachte sie, sie habe Putzwasser verschüttet. Später glaubte sie, sie habe sich eingenässt.

 

Als es ihr nicht gut ging, kam sie ins Krankenhaus.

 

Dort wurde klar, dass sie schwanger war.

 

An diesem Nachmittag im Februar kam Anemun auf natürlichem Weg zur Welt.

 

Im sechsten Monat.

 

Fünfundachtzig Tage zu früh.

 

Er wog sechshundertachtzig Gramm.

 

Niemand wusste, ob er die nächsten Stunden oder Tage überstehen würde.

 

Ob er später einmal
ohne größere Einschränkungen leben könnte,
schien damals kaum vorstellbar.

 

Seine kleinen Hände waren umwickelt, damit er sich nicht kratzte. Als seine Mutter ihn so zum ersten Mal sah, erschrak sie und zuckte zusammen. Für einen Moment dachte sie, der winzige Körper habe keine Hände und keine Arme.

 

Das war ihre erste Begegnung mit ihrem zweiten Sohn.

 

Die nächsten drei Monate verbrachte er im Wärmebettchen. Erst als er dreitausendvierhundert Gramm wog, durfte er nach Hause.

 

Was diese ersten Monate in ihm hinterlassen hatten,
wusste er nicht.

 

Sie lagen vor seiner ersten Erinnerung.

 

Er kannte sie nur
aus dem Mund seiner Mutter.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 43

 

 

 

 

Manches beginnt sehr früh –
und bleibt lange unsichtbar.

 

 


Pflegeeltern, Tagesheim und das frühe Gefühl,
nirgends ganz dazuzugehören.

 

 


Zwischen mehreren Zuhause

 


Nach der Zeit im Krankenhaus war er zunächst mit seiner Mutter zu Hause.

 

Eine Zeit lang.


Dann nahm sie ihre Arbeit wieder auf. Tagsüber war sie im Büro, abends bediente sie.


Unter der Woche war er bei Pflegeeltern. Am Wochenende holte seine Mutter ihn nach Hause.


Er kannte es nicht anders.


Seine Mutter erzählte später, dass die Pflegeeltern ihre eigenen Kinder nicht bei sich im Bett schlafen ließen. Anemun aber kroch nachts immer wieder zu ihnen ins Bett.

 

Später kam der ganztägige Kindergarten. Danach die Schule. Und auch dann gab es einen Ort, an dem man blieb: das Tagesheim. Ein Platz, an dem alles geregelt war, bis er wieder abgeholt wurde.


Doch eines blieb gleich.


Es gab nie nur einen Ort.


Nie nur ein Zuhause.


Immer wieder ein Dazwischen.


Und vielleicht war genau das,
was blieb:


Ein Gefühl,
nirgends ganz dazuzugehören.

 


Aufzeichnungen von Anemun – 44

 

 

 

 

Manche Kinder lernen früh,
Verantwortung zu tragen.

 

 

 

Schlüsselkind zwischen Kinderkrippe, Schule und Tagesheim.

 

 

 

Der Schlüssel um den Hals

 

 

Er trug einen Schlüssel an einer Schnur um den Hals. Dazu zwanzig Pfennig in der Tasche. Falls etwas war, sollte er anrufen.

 

Morgens brachte er seinen kleinen Bruder zur Kinderkrippe. Auf dem Weg gingen sie zuerst zum Bäcker.

 

Vor der hohen Glasvitrine stellte er sich auf die Zehenspitzen und legte das Geld auf den Tresen.

 

Zwei Brezeln.
Zwei Getränke.
Manchmal Matschbrötchen.

 

Weiche Brötchen, gefüllt mit Schokoküssen. Beim Reinbeißen quetschte sich alles zusammen. Gelbe Plastikflaschen mit Saft. Alles kam in die Taschen.

 

Dann gingen sie weiter zur Kinderkrippe. Er gab seinen Bruder ab.

 

Anfangs ging er danach selbst noch in den Kindergarten. Später ging er weiter zur Schule. Nachmittags ins Tagesheim.

 

Der Schlüssel hing um seinen Hals.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 45

 

 

 

 

Manche Grenzen
verschwimmen,
ohne dass man es merkt.

 

 

 

Süßigkeiten, ein Spielplatz und eine Grenze,
die niemand zog.

 

 

 

Die Beute

 

 

Es gab eine Zeit, da streiften er und ein paar Jungen um die Häuser. Niemand fragte, wo sie waren. Wichtig war nur, dass sie wieder pünktlich zu Hause waren.

 

Irgendwann entdeckten sie die Läden: den Discounter und den Bäcker an der Ecke.

 

Sie gingen hinein, nahmen eine Tüte, packten Süßigkeiten ein und gingen wieder hinaus.

 

Niemand hielt sie auf.

 

Am Anfang fühlte es sich aufregend an. Dann wurde es normal. Die Tüten wurden voller.

 

Auf dem Spielplatz setzten sie sich in den Sand und kippten alles aus: Schokoriegel, Bonbons, Gebäck.

 

Jeder griff zu. Sie lachten und aßen, bis nichts mehr ging.

 

Dann schoben sie Sand über das, was übrig war.

 

Und zogen weiter.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 46

 

 

 

 

Eine Hand
auf der Schulter –

und alle Leichtigkeit
war vorbei.

 

 

 

Kindheit, Regeln und die Folgen eines Fehlers.

 

 

 

Die Hand auf der Schulter

 

 

Eine Zeit lang ging alles gut.

 

Die Wege waren vertraut: der Discounter, der Bäcker, der Sandkasten. Hineingehen, eine Tüte füllen, wieder hinausgehen.

 

Die Bewegungen wurden ruhiger. Sicherer.

 

Sie dachten nicht mehr daran, dass sie erwischt werden könnten.

 

An einem Nachmittag stand Anemun allein beim Bäcker. Vor ihm lag die Auslage. Er öffnete die Tüte.

 

Duplo.

Hanuta.

Gummibärchen.

 

Es ging schnell.

 

Fast wie Routine.

 

Dann legte sich eine Hand auf seine Schulter.

 

In diesem Moment wurde ihm heiß und kalt zugleich. Noch bevor er sich umdrehte, wusste er, dass etwas nicht stimmte.

 

Dann hörte er ihre Stimme.

 

„Junger Mann.“

 

Er drehte sich um.

 

Die Bäckersfrau.

 

Sie sagte nichts mehr. Sie sah ihn an und rief die Polizei.

 

Auf der Wache saß er allein. Sie fragten nach seinem Namen, seiner Adresse und nach der Telefonnummer seiner Mutter.

 

Danach durfte er gehen.

 

Der Weg nach Hause zog sich.

 

Nicht wegen der Strecke.

 

Sondern wegen dessen,
was dort auf ihn wartete.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 47

 

 

 

 

Manchmal sitzt der Schmerz
nicht dort,
wo der Schlag
landet.

 

 

 

Körperliche Strafe, Scham und Enttäuschung in der Kindheit.

 

 

 

Die Blamage

 

 

Zu Hause wartete seine Mutter. Die Polizei hatte mit ihr telefoniert.

 

Er erinnerte sich an ihren Blick.

 

Nicht nur Wut.

 

Enttäuschung.

 

Für sie war er der gewesen, auf den sie sich verlassen konnte. Der Junge, der seinen kleinen Bruder zur Krippe brachte und ihn wieder abholte. Der anrief, wenn etwas nicht funktionierte.

 

Und jetzt war er der Grund, warum die Polizei bei ihr angerufen hatte.

 

Der Gürtel hing über der Lehne eines Stuhls. Sie nahm ihn herunter.

 

„Wie kannst du mich nur so blamieren.“

 

In Erinnerung blieben vor allem das Geschimpfe und die Prügel.

 

Und dass er in diesem Moment
am liebsten
nicht da gewesen wäre.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 48

 

 

 

 

Manche Kinder sind allein –
und nennen es Abenteuer.

 

 

 

Kindheit, Umzüge und eine eigene Fantasiewelt.

 

 

 

Das Leben interessanter machen

 

 

Er spielte oft für sich. Nicht, weil er es sich so ausgesucht hatte. Es ergab sich.

 

Sie waren oft umgezogen. Mit den Orten wechselten auch die Menschen. Freundschaften blieben selten lange genug, um fest zu werden.

 

Der ältere Bruder war neun Jahre älter. Schon fast erwachsen. In seiner eigenen Welt und viel unterwegs.

 

Der kleine Bruder war noch zu klein.

 

Wenn Anemun nicht auf ihn aufpassen musste, zog er los.

 

Um die Häuser. Zwischen Garagen und in Hinterhöfen. Durch Büsche, die für andere nur Büsche waren.

 

Für ihn waren sie Wege.


Verstecke.
Grenzen.
Länder.

 

Manchmal kämpfte er sich durch das Gestrüpp, als müsste er irgendwohin.

 

Dabei gab es kein Ziel.

 

Nur Bewegung.

 

Einmal beobachtete ihn der Lebensgefährte seiner Mutter. Er sah, wie Anemun hinter einem Busch in Deckung ging, die Hand zur Pistole geformt und den Blick nach vorn gerichtet.

 

In einem Kampf,
den nur er sah.

 

Später fragte er ihn, was er da eigentlich gemacht habe.

 

„Ich mache mir das Leben interessanter“,
sagte Anemun.

 

Mehr sagte er nicht.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 49

 

 

 

 

Manche Träume sind groß –
auch wenn sie keinen Platz bekommen.

 

 

 

Der Kindheitstraum und ein Heft voller Bilder.

 

 

 

Das Heft
 

 

Schon als Kind wollte Anemun Schauspieler werden.

 

Er legte sich ein dickes Heft an. Darin sammelte er Bilder, Ausschnitte, Gesichter und Szenen.

 

Alles, was nach Film aussah.
Nach Bühne.
Nach einem anderen Leben.

 

Zu Hause führte er manchmal etwas vor. Er tanzte, spielte und stand auf dem Tisch, als wäre es eine Bühne.

 

Dort war er nicht der Junge mit dem Schlüssel um den Hals.

 

Nicht der,
der seinen kleinen Bruder
zur Krippe brachte.

 

Dort stand er im Mittelpunkt.

 

Eine Schauspielschule war kein Thema.

 

Der Traum blieb
in seinem Heft.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 50

 

 

 

 

Manche Kinder stören nicht,
weil sie nichts verstehen.

 

Sondern weil zu viel
in ihnen in Bewegung ist.

 

 

 

Belustigung im Unterricht und eine Lehrerin ohne Verständnis.

 

 

 

Der kurze Abstecher ins Französische

 

 

Zu Hause träumte Anemun von Film und Bühne.

 

In der Schule fiel er auf andere Weise auf.

 

Er war nicht schlecht. Er kam mit und verstand vieles. Bei Gesprächen mit den Lehrern hieß es oft, er sei eigentlich clever.

 

Er könne viel mehr, wenn er wollte - 

wenn er weniger Quatsch machte

und sich auf den Unterricht konzentrierte.

 

Doch stillsitzen fiel ihm schwer. Er war ruhelos. Ihm kam immer wieder etwas in den Sinn, das andere zum Lachen brachte.

 

Manchmal auch dann,
wenn es nicht passte.

 

Ab der dritten Klasse gab es freiwilligen Französischunterricht. Er ging hin.

 

Die Sprache fand er lustig. Die Wörter, die Laute. Alles klang anders.

 

Weicher.
Runder.
Komischer.

 

Er hörte zu und sprach die Wörter nach.

 

Mamo. Papo.

 

Er musste immer wieder lachen. Die anderen lachten mit.

 

Für ihn war es Spaß.

 

Für die Lehrerin
irgendwann nicht mehr.

 

Nach einiger Zeit durfte er nicht mehr kommen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 51

 

 

 

 

Manchmal sieht ein Kind etwas,
wofür es noch keine Worte hat.

 

 

 

Ein Vorfall auf dem Schulhof und eine Polizeibefragung.

 

 

 

Der Mann auf dem Schulhof

 

 

In der Grundschulzeit stand am Rand des Schulhofs ein Mann.

 

Er öffnete seinen Mantel.

 

Die Kinder sahen hin.

 

Was sie sahen, passte nicht dorthin.

 

Nicht auf einen Schulhof.

Nicht vor Kindern.

 

Zurück blieben

der Mantel,
die Bewegung,
etwas Weißes.

 

Später kam die Polizei. Die Kinder wurden befragt. Man zeigte ihnen Fotos.

 

Sie sollten sagen, ob sie den Mann wiedererkannten.

 

Etwas benennen,
das sie nicht verstanden.

 

Der Schultag ging weiter.

 

Das Bild blieb.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 52

 

 

 

 

 

Manche Orte sind nicht nur anders.

 

Sie fühlen sich
lebendig an.

 

 

 

Bei der Oma: Ferien, Nähe und ein anderer Alltag.

 

 

 

Die Ferien

 

 

In den Ferien war Anemun meist bei seiner Oma. Dort war vieles anders: das Haus, die Sprache, das Essen. Alles hatte einen anderen Rhythmus.

 

Sein Cousin war da. Mit ihm konnte er spielen, draußen sein, herumlaufen, verschwinden und wieder auftauchen.

 

Die Wege führten über Höfe, durch Gärten, an Feldern vorbei, zu Tieren und Nachbarn.

 

Überall war etwas los.

 

Das Leben dort war weiter.
Interessanter.

 

Er musste es nicht erst erfinden.

 

Diese Freiheit war groß.

 

Aber sie war nicht grenzenlos.

 

Seine Oma sah viel.

 

Und sie konnte auch durchgreifen.

 

Einmal nahm Anemun etwas Geld aus ihrem Geldbeutel. Sie merkte es. Es gab Ärger.

 

Danach war es wieder gut.

 

Die Sache war vorbei.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 53

 

 

 

 

Kinder geraten in Welten,
die nicht für sie gestaltet sind.

 

 

 

Familie und wechselnde Bezugspersonen.

 

 

 

Zwischen den Erwachsenen

 

 

Anemuns Leben verteilte sich auf mehrere Menschen und Orte.

 

Da war seine Mutter.

 

Der Vater, den er selten sah.

 

Der neue Mann an ihrer Seite.

 

Der ältere Bruder, der kaum da war.

 

Der kleine Bruder.

 

Seine Oma und die Familie in Jugoslawien.

 

Und er selbst.

 

Alle gehörten zu seinem Leben.

 

Doch zusammen ergab es kein Ganzes.

 

Die Erwachsenen sprachen, stritten und entschieden.

 

Manchmal laut.

 

Manchmal gar nicht.

 

Für Anemun wurde dieses Wechseln irgendwann normal. Orte änderten sich. Menschen auch. Kaum war etwas vertraut, war es schon wieder anders.

 

Er lernte, sich darin zu bewegen.

 

Zur Schule, ins Tagesheim, nach Hause, in die Ferien – oder dorthin, wo gerade jemand auf ihn wartete.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 54

 

 

 

 

Das Leben stellte eine Frage –

 

und eine Antwort
veränderte alles.

 

 

 

Scheidung, Familiengericht und eine Frage an ein Kind.

 

 

 

Die Entscheidung
 

 

Seine Eltern hatten sich längst getrennt.

 

Die Scheidung stand an.

 

Es ging um Papiere, Zuständigkeiten und darum, was danach kommen sollte.

 

Anemun saß beim Familiengericht.

 

Er war damals etwa acht Jahre alt.

 

Der Raum war groß und fremd.

 

Ein Tisch.
Stühle.
Aktenstapel.

 

Der Richter wandte sich an ihn.

 

Seine Füße berührten kaum den Boden. Sie baumelten in der Luft.

 

Für die Erwachsenen ging es um vieles.

 

Für ihn verdichtete sich alles zu einer Frage:

 

„Willst du bei Mama
oder bei Papa leben?“

 

Er musste nicht lange nachdenken.

 

Für ihn gab es eine andere Antwort.

 

„Bei der Oma.“

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 55

 

 

 

 

Ein Ort, der vertraut ist,
bevor er ein Zuhause wird.

 

 

 

Kein Ferienort. Ein neues Zuhause.

 

 

 

Ankommen

 

 

Er kam bei seiner Oma an.

 

Nicht zum Besuch.
Nicht für ein paar Tage.

 

Das Haus lag außerhalb. Hier war es ruhiger.

 

Weniger Stimmen.
Weniger Fragen.

 

Er stellte seine Sachen ab.

 

Seine Oma umarmte ihn.

 

Draußen bellten Hunde. Ein Wind ging durch den Hof.

 

Er kannte es aus den Ferien.

 

Diesmal blieb er.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 56

 

 

 

Anemundi-Moment

 

 

Manchmal liegt in einem Satz
mehr,
als man zuerst hört.

 

„Bei der Oma.“

 

Nur scheinbar
eine Antwort
auf eine Frage
der Erwachsenen.

 

Doch in dieser Antwort lag:

 

die Nähe zu jemandem,
bei dem er sich geborgen fühlte.

 

Und die leise Frage:

 

Wo darf ich sein,
so wie ich bin?

 

ANEMUNDI ist ein Raum
für Menschen,
die spüren,
dass Ankommen
mehr ist
als ein vertrauter Ort.

 

Wenn du nach diesem Gefühl suchst,
kann Begleitung helfen.

 

Für einen klaren Blick
auf das, was du vermisst.

 

Und Raum für das,
was sich in dir
nach Geborgenheit sehnt.

 

 

Melde dich.

 

kontakt@anemundi.de

 

 

 

 

Am Morgen
war aus Ferien
Alltag geworden.

 

 

 

Kindheit bei der Oma und ein neuer Lebensabschnitt.

 

 

 

Der erste Morgen

 

 

Am ersten Morgen wachte er früh auf.

 

Diesmal war er nicht nur zu Besuch.

 

Das Fenster stand offen. Hunde bellten. Dann krähte ein Hahn.

 

Er stand auf und ging in die Küche.

 

Seine Oma war schon wach. Die Tiere hatte sie längst versorgt. Jetzt stand sie am Herd.

 

Als sie ihn sah, lächelte sie kurz.

 

Sie sprachen nicht viel. Seine Oma bewegte sich ruhig durch die Küche.

 

Für den Kartoffelsterz hatte sie Kartoffeln zerdrückt und den Teig geknetet.

 

Kartoffelsterz mit Rahm.

 

Dann stellte sie ihm einen Teller hin.

 

Er nahm den ersten Bissen.

 

Es schmeckte wie in den Ferien.

 

Draußen begann der Morgen.

 

Erste Schritte vor dem Haus.

Stimmen in der Ferne.
Ein Traktor sprang an.

 

Es war nichts Besonderes.

 

Außer dass er diesmal
hier blieb.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 57

 

 

 

 

Manche Orte
verändern nicht alles.

 

Aber sie verändern,
wie sich ein Leben anfühlt.

 

 

 

Ländlicher Alltag und Freiheit bei der Oma.

 

 

 

Die andere Welt

 

 

Bei seiner Oma war nicht nur das Haus anders.

 

Es hatte zwei Stockwerke und Platz für die Großfamilie. Hinter dem Haus standen die Ställe. Im Garten wuchsen Obstbäume. Dahinter begannen die Felder.

 

Mais.
Kartoffeln.
Kürbisse.

Wassermelonen.

 

Seine Oma und sein Opa lebten dort. Der Rest seiner Familie war damals in Deutschland.

 

Wenn sie aus Deutschland zu Besuch kamen, brachten sie oft Kaffee, Öl oder Zucker mit – Dinge, für die man sonst manchmal vor dem Laden anstand.

 

Auch Anemun stand mit in der Schlange.

 

Trotzdem fühlte sich das Leben dort für ihn frei an.

 

Er war viel draußen: bei den Tieren, im Hof, zwischen Bäumen und Feldern.

 

Kein Tagesheim.
Kein Schlüssel um den Hals.

 

Die Welt begann nicht irgendwo außerhalb.

 

Sie lag vor der Tür.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 58

 

 

 

 

Ein Hof endet.

Ein Weg beginnt.

 

 

 

Kindheit in Jugoslawien, Brunnenwasser und Streifzüge mit dem Cousin.

 

 

 

Der Weg hinter den Ställen

 

 

Neben dem Haus stand ein alter Steinbrunnen. Von dort kam das Wasser: klar und kalt, auch an heißen Tagen.

 

Hinter den Ställen begann ein Weg, der an den Feldern entlangführte. Unten verlief ein Graben. Wer ihm folgte, kam zu einem Waldstück.

 

Auf den Feldern wuchs auch der Mais, den sie auf einen Stock steckten und ins Feuer hielten. Oder seine Oma kochte ihn in einem großen Topf – mit Salz und Butter.

 

Anemuns Cousin kam oft vorbei.

 

Dann liefen sie los, in Richtung Wald, ohne festes Ziel, immer weiter, bis die Sonne tiefer stand.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 59

 

 

 

 

Manches lernt man nicht in der Schule,
sondern auf einem Feld.

 

 

 

Kindheit bei der Oma, Feldarbeit und Sommer auf dem Land.

 

 

 

Die Tage auf dem Feld

 

 

Am frühen Morgen ging er mit seiner Oma hinaus, bevor die Sonne hochstand.

 

Sie nahm eine Hacke.

Er bekam seine eigene.

 

Zuerst fühlte es sich wie eine Auszeichnung an.

 

Seine Oma packte einen Tragekorb: Wasser und etwas zu essen.

 

Dann gingen sie aufs Feld.

 

Die Maispflanzen waren noch klein. Die Erde musste gelockert und das Unkraut entfernt werden.

 

Reihe für Reihe arbeiteten sie sich durch die Sommerhitze.

 

Die Erde war trocken und roch warm. Staub klebte auf der Haut.

 

Er lernte, die Hacke zu führen.

 

Als die Sonne höher stand, machten sie Pause.

 

Am Rand des Feldes standen einzelne Bäume. Dort breitete seine Oma ein Tuch aus.

 

Brot.
Käse.
Speck.
Tomaten.

 

Dazu Brunnenwasser.

 

Sie saßen im Schatten. Die Luft flimmerte über den Feldern. Kaum lag das Essen auf dem Tuch, gesellten sich die Fliegen dazu.

 

Als sie gegessen hatten, faltete seine Oma das Tuch wieder zusammen.

 

Sie nahmen die Hacken auf und gingen zurück in die Reihen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 60

 

 

 

 

Eine Landschaft kann
Teil der Kindheit werden.

 

 

 

Wassergräben, hohes Gras und lange Tage im Freien.

 

 

 

Hinter den Feldern

 

 

Nach den Feldern wurde das Land weit. Für zwei Jungen schien es grenzenlos.

 

Zäune gab es kaum.

 

Sie liefen hinter dem Haus los, am Maisfeld entlang und hinunter zu den Wassergräben.

 

Meist lagen sie trocken zwischen den Feldern. Nach Regen standen sie voll Wasser.

 

Libellen schwirrten über den Gräben. Frösche sprangen hinein.

 

An trockenen Tagen balancierten sie über die Böschungen und sprangen von einer Seite zur anderen.

 

Nach Regen nahmen sie Anlauf.

 

Nicht immer reichte es.

 

Wenn sie bis zum Abend draußen blieben und groß mussten, gingen sie nicht jedes Mal zurück zum Haus.

 

Einmal trat Anemun mit der Sandale in einen Haufen, den einer von ihnen im hohen Gras hinterlassen hatte.

 

Etwas davon klebte an der Sohle.

 

Der Geruch ekelte ihn an.

 

Die Sandale wieder sauber zu bekommen,
dauerte länger als hineinzutreten.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 61

 

 

 

 

Eine Hand
kann ein Leben halten.

 

 

 

Baden im Fluss, ein Sandfloß und ein Augenblick unter Wasser.

 

 

 

Die rettende Hand

 

 

Nicht weit von Omas altem Haus lag der Fluss. Dort gingen sie baden, manchmal auch angeln.

 

An diesem Tag war Anemun mit mehreren Jungen dort.

 

Im Wasser lag ein Sandfloß. Von dort wurde Sand aus dem Fluss geholt.

 

Sie kletterten hinauf, sprangen ins Wasser und zogen sich an den Ösen am Rand wieder hoch.

 

Anemun konnte nicht gut schwimmen.

 

Er sprang trotzdem.

 

Als er zurück zum Floß wollte, griff er nach einer Öse.

 

Seine Hand rutschte ab.

 

Er tauchte unter, kam wieder hoch und griff noch einmal.

 

Wieder rutschte er ab.

 

Er griff erneut danach.

 

Schneller.

Wilder.

 

Nach mehreren vergeblichen Versuchen bekam er Wasser in den Mund.

 

Er ging wieder unter.

 

Die Geräusche wurden dumpf.

 

Das Licht über ihm wurde schwächer.

 

Vor seinen Augen wurde es schwarz.

 

Dann griff einer der Jungen nach ihm.

 

Er zog Anemun hoch.

 

Aus dem Wasser.
An die Luft.

 

Er hustete.

 

Atmete.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 62

 

 

 

 

Freiheit –
bis es plötzlich wehtut.

 

 

 

Barfuß unterwegs, Scherben und offene Wunden.

 

 

 

Unter der Brücke

 

 

Die Jungen liefen manchmal barfuß über Wiesen und Felder.

 

Die Erde war im Sommer warm. An manchen Tagen heiß.

 

Sie kannten die Wege gut.

 

Die Felder, die Gräben, die Brücke.

 

Eines Tages lief Anemun unter ihr hindurch.

 

Dunkelheit.

 

Scherben.

 

Der erste Schnitt.

 

Dann noch einer.

 

Zuerst merkte er es kaum. Erst draußen sah er das Blut.

 

Die Jungen rissen große Blätter ab und drückten sie auf die Wunden.

 

Als könnten sie damit verhindern, dass die Oma es merkte.

 

Es half nicht.

 

Sein Cousin rannte los. Anemun folgte ihm, so gut er konnte.

 

Der Großvater stand schon wartend da und nahm ihn in die Arme.

 

Die Oma brachte eine Flasche Schnaps.

 

Sie goss ihn direkt auf die offenen Wunden.

 

Es brannte.

 

Er schrie.

 

Irgendwann ließ das Brennen nach.

 

Einige Tage später lief er wieder barfuß.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 63

 

 

 

 

Nicht alles,
was andere meiden,
macht einem Kind Angst.

 

 

 

Kindliche Neugier und der Mut, näher zu gehen.

 

 

 

Die Schlange

 

 

In den Weinbergen war es ruhig. Die Großen beschnitten die Reben. Die Jungen liefen zwischen den Reihen umher.

 

In einem ausgetrockneten Wasserloch lag eine Schlange in der Sonne.

 

Sein Cousin blieb stehen.

 

„Lass sie.“

 

Anemun ging vorsichtig näher.

 

Die Schlange hob leicht den Kopf.

 

Er griff nach ihrem Schwanz.

 

Sofort spannte sich ihr Körper.

 

Sein Cousin rief, er solle sie loslassen.

 

Doch Anemun hielt sie fest.

 

Im Gras lag eine leere Flasche. Er hob sie auf und versuchte, die Schlange hineinzubekommen.

 

Es gelang nicht.

 

Dann ließ er sie los.

 

Sie verschwand im Gebüsch.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 64

 

 

 

 

Nicht alles

will berührt werden.

 

 

 

Ein Loch im Boden, ein Stock und brennende Stiche.

 

 

 

Die Wespen

 

 

Auf den Wiesen am Rand der Weinberge gab es kleine Löcher im Boden. Manche stammten von Mäusen, andere von Maulwürfen.

 

Die Jungen gingen mit Stöcken von Loch zu Loch und stocherten hinein.

 

Eines davon sah aus wie die anderen.

 

Anemun steckte den Stock hinein.

 

Zuerst geschah nichts.

 

Dann kam Bewegung.

 

Ein Schwarm Wespen schoss aus dem Loch.

 

Sie rannten, so schnell sie konnten.

 

Doch einige erwischten sie.

 

Stiche.

 

Brennen.

 

Schreie.

 

Seitdem waren Löcher im Boden
nicht einfach nur Löcher.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 65

 

 

 

 

 

Bestimmte Schmerzen
vergisst man nicht.

 

 

 

Eine Kette, ein rostiger Nagel und die Wunde in der Hand.

 

 

 

Der Hund

 

 

Auf dem Hof lebte ein Hund. Er war an einer langen Kette angebunden.

 

Manchmal nahmen die Jungen die Kette vom Häuschen und gingen mit ihm los.

 

Der Hund lief voraus.

 

Am Ende der Kette hing ein rostiger Nagel. Mit ihm war sie am Häuschen festgemacht.

 

Der Hund verhedderte sich um einen Pfahl.

 

Die Kette spannte sich.

 

Anemun zog daran.

 

Im nächsten Moment schoss der Nagel nach vorn.

 

Er bohrte sich durch seine Handfläche.

 

Anemun sah auf seine Hand.

 

Blut.

 

Der Schmerz kam danach.

 

Er zog den Nagel heraus und ging zur Oma.

 

Sie griff zur Flasche und goss den Schnaps über die Wunde.

 

Es brannte.

 

Er hielt still.

 

Dieses Brennen
kannte er schon.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 66

 

 

 

 

 

Manche Sätze
gehen nicht mehr weg.

 

 

 

Fieber, Ohnmacht und ein Krankenwagen nach Zagreb.

 

 

 

Gerade noch rechtzeitig

 

 

In der achten Klasse wurde Anemun krank.

 

Zuerst waren es Fieber, Halsschmerzen und Unwohlsein.

 

Die Ärzte sagten: Mumps.

 

Ruhe.
Schlafen.
Abwarten.

 

Doch es wurde nicht besser. Das Fieber stieg.

 

Irgendwann musste er auf die Toilette. Er stand auf und ging los.

 

Dann wurde alles weich.

 

Der Boden.
Die Wände.
Der Körper.

 

Auf der Toilette wurde ihm schwarz vor Augen.

 

Er fiel.

 

Dann war er weg.

 

Seine Oma bekam es mit und rief den Krankenwagen.

 

An den Krankenwagen erinnerte er sich später nicht.

 

Nicht an die Männer.
Nicht an die Fahrt nach Zagreb.

 

Als er wieder zu sich kam, lag er im Krankenhaus.

 

Ärzte.
Betten.
Gerüche.
Stimmen.

 

Es war nicht bei Mumps geblieben.

 

Hirnhautentzündung.

 

Er blieb einige Wochen dort.

 

Die Ärzte sagten:

 

„Wären Sie später gekommen,
wäre es aus gewesen.“

 

So ein Satz sitzt.

 

Später erklärte man ihm, seine Kopfschmerzen seien eine Folge der Hirnhautentzündung. Narben an den Hirnhäuten hätten den Fluss der Hirnflüssigkeit behindert.

 

Die Kopfschmerzen gingen viele Jahre später weg.

 

Aber er

war noch da.

 

Aufzeichnungen von Anemun – 67

 

 

 

 

Ein einziger Ton
kann lange nachhallen.

 

 

 

Hausschlachtung auf dem Land.

 

 

 

Der Schlachttag

 

 

Früh am Morgen standen die Männer im Hof, noch vor Sonnenaufgang.

 

Zuerst gab es einen Guten-Morgen-Schnaps. Dazu Kaffee.

 

Dann zogen sie das Schwein an den Ohren aus dem Stall.

 

Früher lag ein Schlachtermesser bereit. Später kam das Bolzenschussgerät.

 

Ein kurzer Knall.

 

Dann begann die Arbeit.

 

Heißes Wasser. Dampf in der kalten Luft. Die Borsten wurden abgeschabt.

 

Bald hing das Schwein an einem Balken.

 

Fleisch.
Innereien.
Blut.

 

Alles wurde verwertet.

 

Es roch nach Knoblauch, Gewürzen und Blut.

 

Die Erwachsenen arbeiteten, die Kinder sahen zu.

 

So ging es bis zum Abend.

 

Dann war alles erledigt.

 

Doch eines nicht.

 

Der Schrei.

 

Schrill.


Roh.


Hilflos.

 

Ein Ton,
der blieb.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 68

 

 

 

Anemundi-Moment

 

 

Nicht alles,
was vorbei ist,
ist vergangen.

 

Manches bleibt.

 

In einem Satz.

 

In einer Reaktion,
die man selbst
nicht versteht.

 

Anemun beginnt,
seiner Geschichte
nicht mehr auszuweichen.

 

Nicht,
um sie zu erklären.

 

Sondern um zu erkennen,
was bis heute
in ihm weiterwirkt.

 

ANEMUNDI ist ein Raum
für Menschen,
die spüren,
dass manches aus ihrer Geschichte
noch offen ist.

 

Wenn du an einem solchen Punkt stehst,
kann Begleitung helfen.

 

Für einen klaren Blick
auf das, was weiterwirkt.

 

Und den Raum,
in dem bewusst werden darf,
was lange offen war.

 

Wenn die Zeit reif ist,
deiner Geschichte
anders zu begegnen:

 

 

Melde dich.

 

kontakt@anemundi.de

 

 

 

 

Manche Männer reden wenig.

Und trotzdem
erzählen sie viel.

 

 

 

Schusterwerkstatt, Lederarbeit, Tabak und ein Großvater aus Kindertagen.

 

 

 

Der Schuster

 

 

Opa war Schuster.

 

Er war nicht sein leiblicher Großvater. Oma hatte ihren Mann im Krieg verloren.

 

Für Anemun war er trotzdem Opa.

 

In seiner Werkstatt roch es nach Leder, Kleber und Tabak. Auf der Werkbank lagen Messer, Ahlen und dicke Nadeln.

 

Wenn jemand Schuhe brachte, saß Opa auf seinem niedrigen Hocker, die Lederschürze vor sich, den Kopf leicht nach vorn geneigt.

 

Im Mundwinkel hing eine selbstgedrehte Zigarette, manchmal aus Zeitungspapier gedreht.

 

Ohne Filter.

 

Seine Finger waren gelb
vom Rauchen.

 

Stummel warf er nicht weg. Er sammelte sie in einer kleinen Blechschachtel, um den Tabak später wiederzuverwenden.

 

Wenn er arbeitete, lief das Radio in der Werkstatt.

 

Er saß über dem Leder,
ruhig und konzentriert.

 

Er konnte sein Handwerk.

 

Opa sprach wenig.

 

Wenn er sprach,
dann laut.

 

Oft war er betrunken. Er trank, was da war.

 

Nur kein Wasser.

 

„Vom Wasser bekommt man
Frösche im Bauch.“

 

Mit dem Fahrrad war er viel unterwegs. Oft hörte man ihn, bevor man ihn sah.

 

Dann kam er schwankend herangefahren.

 

Mit den Kindern machte er nicht viel.

 

Die Sandalen, die er machte, waren aus dickem Leder. Ein Riemen führte über den Zeh, einer über den Fuß.

 

Einfach.

 

Bequem.

 

Anemun nannte sie
„Jesusschlappen“.

 

Manchmal nahm Anemun etwas von Opas Tabak und versuchte zu rauchen. Er zog daran, hustete und verzog das Gesicht.

 

Der Geschmack war scheußlich.

 

Trotzdem fühlte er sich für einen Moment erwachsen.

 

Opa merkte,
dass etwas fehlte.

 

Gesagt
hat er nichts.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 69

 

 

 

 

Manche Dinge begegnen einem früh.

 

Auch wenn sie nicht
für Kinder gedacht sind.

 

 

 

Schnapsbrennen: Kupferkessel, Feuer und die ersten Tropfen.

 

 

 

Der Schnapskessel

 

 

Im Herbst wurde nicht nur geschlachtet.

 

Dann wurde auch Schnaps gebrannt.

 

Der Kupferkessel stand im Hof, darunter brannte ein Feuer. In großen Fässern gärten Pflaumen, manchmal auch Aprikosen oder Birnen. Aus Trester wurde ebenfalls Schnaps gebrannt.

 

Für Anemun wirkte der ganze Aufbau wie eine Dampfmaschine.

 

Über dem Kessel führte ein Rohr in einen zweiten großen Metallbehälter. Dort kühlte Wasser die heißen Dämpfe ab, bis der Schnaps unten herauszutropfen begann.

 

Langsam.

 

Tropf.
Tropf.

 

Ein süßer Geruch hing in der Luft.

 

Die ersten Tropfen waren nicht zum Trinken gedacht.

 

Normalerweise schüttete man sie weg.

 

Opa nicht.

 

Immer wieder hielt er ein Glas unter den Auslauf und nahm einen Schluck.

 

Auch die ersten Tropfen.

 

Kein Zögern. Kein Verziehen.

 

Dann nickte er.

 

„Gut.“

 

Es lief weiter, Tropfen für Tropfen. Der Geruch wurde stärker: süß, scharf und warm.

 

Die Fässer wurden leer. Das Feuer brannte langsam herunter.

 

Am Ende des Tages war der Hof still.

 

Der Kupferkessel war noch warm.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 70

 

 

 

 

Ein Schnaps
ist kein Schnaps.

 

 

 

Schnaps auf dem Land: Arbeit, Besuch und kleine Gläser.

 

 

 

Ein Schnaps geht immer

 

 

Getrunken wurde fast zu jeder Gelegenheit.

 

Wenn Besuch kam. Wenn jemand ging. Vor dem Essen, nach dem Essen. Zum Kaffee stand oft ein Schnaps auf dem Tisch.

 

Nicht nur bei der Oma.

 

Auch bei den Verwandten väterlicherseits und mütterlicherseits.

 

Und bei den Nachbarn.

 

Nicht nur im Haus.

 

Am Feldrand standen die Männer zusammen. Die Flasche ging von Hand zu Hand. Einer nahm einen Schluck, reichte sie weiter und griff wieder zur Hacke.

 

Sogar der Briefträger bekam einen.

 

Er stellte seine Tasche ab und blieb kurz stehen.

 

„Nur einen Kleinen“,
sagte Oma.

 

Er nahm ihn.

 

Der Weg war noch lang.

 

In der Kneipe, vor dem Laden oder im Weinkeller standen die Gläser selten lange voll.

 

Schnaps gehörte dazu.

 

Wie Brot.
Wie Arbeit.
Wie Wetter.

 

Schnaps war Männersache.

 

Kleine Gläser.
Ein Nicken.
Ein Anstoßen.

 

Dann auf ex.

 

Die Gespräche begannen mit Arbeit, Politik und Nachbarn. Mit jedem Glas wurden die Stimmen lauter.

 

Es wurde gelacht.

 

Manchmal gestritten.

 

Schon als Kinder waren sie dabei.

 

Nicht mittendrin.

 

Aber nah genug,
um alles mitzubekommen.

 

Einmal durfte Anemun probieren.

 

Nur den Finger ins Glas.

 

Kurz.

 

Der Geschmack brannte auf der Zunge.

 

Die Männer lachten.

 

„Ein Schnaps
ist kein Schnaps.“

 

„Auf einem Bein
steht sich schlecht.“

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 71

 

 

 

 

Ein Lied reichte,
und eine eigene Welt ging auf.

 

 

 

Hardrock und Heavy Metal: AC/DC, Metallica, Venom und Slayer.

 

 

 

Der Sound

 

 

Die Welt der Erwachsenen hatte ihre eigenen Geräusche.

 

Klirren von Gläsern.
Stimmengewirr.
Lautes Gelächter.

 

Anemun war vielleicht zwölf, als er die ersten Kassetten aus Deutschland bekam. Allein in seinem Zimmer hörte er sie über die Anlage. Unterwegs nahm er manchmal den Ghettoblaster mit.

 

Am Anfang lief vor allem AC/DC.

 

Wenn „Highway to Hell“ begann, waren da Gitarren, Schlagzeug und diese Stimme.

 

Laut genug,
dass sein Körper sofort mitging.

 

Er ließ den Kopf nach vorn fallen und riss ihn wieder hoch. Die Haare flogen.

 

Headbangen.

 

Es war kein Tanzen.

 

Er fiel in den Rhythmus, in die Gitarren, in die Stimme.

 

Für ein paar Minuten gab es nur noch die Kassette, die Lautsprecher und diesen einen Song.

 

Später wurde die Musik härter.

 

Metallica.
Venom.
Slayer.

 

Aber AC/DC war der Anfang.

 

Der erste Sound,
in den er ganz eintauchte.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 72

 

 

 

 

Manche Veränderungen
sieht man von außen zuerst.

 

 

 

Lange Haare, Jeanskutte und Jugendkultur in Jugoslawien.

 

 

 

Sichtbar werden

 

 

Die Musik blieb nicht im Zimmer.

 

Die Haare wurden länger, die Kleidung auffälliger. Springerstiefel, Lederjacke, manchmal eine Bomberjacke. Darüber trug Anemun eine Jeanskutte, die er selbst Stück für Stück mit Aufnähern versehen hatte.

 

Dazu kamen Nieten
und ein Patronengurt.

 

Kleidung,
die nicht jeder trug.

 

Wenn Anemun auftauchte, fiel er auf. Auf der Straße, vor der Schule, in der Stadt.

 

Nicht nur wegen der Haare.

 

Auch wegen dem,
was er trug.

 

Manche nannten ihn
„Čupavac“.

 

Der Zottelige.

Der mit den langen Haaren.

 

Nicht immer böse.

 

Aber oft
mit Unterton.

 

In der Clique nannten sie ihn Pero.

 

Das war anders.

 

Näher.
Vertrauter.

 

Und doch hing noch ein anderer Name an ihm:

 

„Jugo-Švabo.“

 

Kein richtiger Name.

 

Eher ein Stempel.

 

Einer aus Deutschland.

 

Nicht ganz von hier.
Nicht ganz von dort.

 

Doch draußen zählten andere Dinge: Haare, Musik, Kleidung.

 

Die älteren Jungs hatten lange Haare und trugen ähnliche Kleidung. Sie wirkten frei. Sie waren draußen, nicht nur tagsüber.

 

In der Stadt kannte man sie.

 

Nicht unbedingt
im guten Sinne.

 

Für manche waren sie genau die,
vor denen man warnte.

 

Bei ihnen war Anemun nicht mehr unsichtbar.

 

Nicht mehr irgendwo
dazwischen.

 

Sondern einer,
den man sah.

 

Und nicht allein.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 73

 

 

 

 

Irgendwann
blieb man nicht mehr drinnen.

 

 

 

Jugendclique, Nächte draußen und erste Freiheit.

 

 

 

Die Nächte beginnen

 

 

Irgendwann ging man nicht mehr direkt nach Hause.

 

Vor der Schule stand immer jemand. Beim Sportheim auch. Und an den Ecken, an denen die anderen schon warteten.

 

Musik, lange Haare und die Kleidung brachten sie zusammen. Draußen waren sie unter sich.

 

Für Anemun war das neu.

 

Nicht irgendwo
dazwischen.

 

Sondern mittendrin.

 

Mit Jungs, die wussten, wo man sich traf, wo man rauchte, wo man trank und wie man nicht erwischt wurde.

 

Man fragte nicht viel.

 

Man war einfach da.

 

Musik wurde geteilt. Zigaretten gingen herum. Flaschen auch.

 

Aus Abenden wurden Nächte.

 

Die Stadt wurde leiser, die Straßen leerer.

 

Es gab keinen Plan.

 

Nur den Gedanken:

 

Noch nicht nach Hause.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 74

 

 

 

 

Dabeisein
hat seinen Preis.

 

 

 

Jugendclique, Anerkennung und Gruppendruck.

 

 

 

Dazugehören

 

 

Dazugehören war alles.

 

Nicht mehr der Kleine sein, der nur mitlaufen durfte.

 

Sondern einer,
den man sah.

 

Die Älteren gingen voraus. Sie hatten einen Ruf und diese Art dazustehen, als müsste ihnen niemand etwas erklären.

 

Einer von ihnen war der Hai.

 

So nannten sie ihn.

 

Anemun schaute zu ihm auf.

 

Er wollte nicht nur mitlaufen. Nicht geduldet werden.

 

Er wollte einer von ihnen sein.

 

Auch er brachte etwas mit: Kassetten aus Deutschland. Manchmal hatte er Geld dabei, wenn Zigaretten oder Alkohol gekauft wurden.

 

So verschaffte er sich einen Platz in der Clique.

 

Nicht durch Worte, sondern indem er mitmachte, aushielt und übertrieb.

 

Er trank mit.

 

Er rauchte mit.

 

Er wich nicht zurück.

 

Während er zu den Großen aufschaute, sahen manche Jüngeren inzwischen zu ihm auf.

 

Nicht mehr nur der Kleine.

 

In der Clique zählte,
ob man mithielt.

 

Anemun hielt mit.

 

Die Clique gab ihm Zugehörigkeit.

 

Aber keine Grenze.


Niemand sagte im richtigen Moment:

 

Jetzt ist genug.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 75

 

 

 

 

Manche Orte haben keine Tür.

 

Und trotzdem
kommt nicht jeder rein.

 

 

 

Rohbau neben der Schule, Jugendclique und ein eigener Ort.

 

 

 

Das Ziegelhaus

 

 

Ein Rohbau stand ein paar Meter von der Schule entfernt.

 

Ohne Fenster.
Ohne Putz.

 

Nur Beton, Staub und Ziegel.

 

Innen war noch nichts fertig.

 

Für sie war es genau richtig.

 

Man musste nur die Straße überqueren.

 

Dann war man da.

 

Drinnen roch es nach Staub und kaltem Beton. Licht fiel durch die leeren Fensteröffnungen auf den Boden, auf dem Ziegel lagen.

 

Sie stapelten sie zu Hockern.

 

Aus ein paar Brettern wurde ein Tisch.

 

Mehr brauchte es nicht.

 

Hier trafen sie sich regelmäßig, vier oder fünf Jungs. Karten lagen auf dem Tisch, Zigaretten in den Händen, Bier oder etwas Stärkeres daneben.

 

Ein Laden war ganz in der Nähe.

 

Manchmal verschwand eine Flasche im Rucksack.

 

Dann ging man zurück, setzte sich, mischte die Karten und zündete die nächste Zigarette an.

 

Die Schule war nur ein paar Meter entfernt.

 

Aber hier
war sie weit weg.

 

Der Rohbau gehörte ihnen nicht.

 

Aber niemand fragte,
ob sie dort sein durften.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 76

 

 

 

 

Manche Orte gehören offiziell der Stadt.

 

Und doch
nimmt die Jugend
sie sich.

 

 

 

Gymnasium, Sporthalle und ein Treffpunkt im Zentrum.

 

 

 

Die Sporthalle

 

 

Mit dem Wechsel aufs Gymnasium verschob sich auch der Ort.

 

Der Schulweg wurde weiter.

 

Dort wurde die Sporthalle zum Treffpunkt.

 

Eine große Halle für Spiele, Veranstaltungen und Sportunterricht.

 

Für sie war die Theke wichtig.

 

Dort traf man sich.

 

Auch während des Unterrichts.

 

Manche kamen mit Schulranzen. An anderen Tagen ging man einfach an der Schule vorbei und direkt zur Sporthalle.

 

Ein Kanister Wein
war dann wichtiger als die Bücher.

 

Man setzte sich, bestellte ein Bier oder schenkte sich selbst nach.

 

Die Gläser klirrten. Ein Feuerzeug ging von Hand zu Hand. Rauch lag über dem Tresen.

 

Billard lief nebenbei.

 

Die Kegelbahn auch.

 

Man lachte laut.

 

Aber meistens saß man einfach da, redete und beobachtete.

 

Niemand fragte nach dem Alter.

 

Niemand hielt sie auf.

 

Das Ziegelhaus war ihr Versteck gewesen.

 

In der Sporthalle
saßen sie mitten im Zentrum.

 

Jeder konnte sie sehen.
Einen eigenen Raum
hatten sie dort nicht.

 

Aber sie waren da,
als gehörten sie hin.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 77

 

 

 

 

Manche Dummheiten
beginnen klein.

 

 

 

Jugendliche Langeweile und ihre Folgen.

 

 

 

Die Autobahnbrücke

 

 

Es war ein heller, warmer Tag.

 

Anemun war mit anderen unterwegs. Sie liefen herum, ohne Ziel und ohne Plan.

 

Irgendwann standen sie auf einer Brücke über der Autobahn. Unter ihnen fuhren die Autos vorbei, von oben klein, schnell und laut.

 

Zuerst war es nur ein Spiel.

 

Sie warfen kleine Steinchen über das Geländer.

 

Eines.

 

Dann noch eines.

 

Doch einer der Steine traf die Scheibe eines Autos.

 

Ein harter Schlag.

 

Bremsen.

 

Das Auto hielt auf dem Standstreifen.

 

Da wurde klar,
dass es kein Spiel mehr war.

 

Dann rannten sie.

 

Weg von der Brücke.
Weg von dem,
was gerade passiert war.

 

Niemand blieb stehen.

 

Keiner ging zurück.

 

Später wirkte es,
als wäre nichts passiert.

 

Keine Polizei fand sie.

 

Kein Erwachsener fragte nach.

 

Aber Anemun wusste:

 

Da unten saßen Menschen.

 

Es hätte alles anders
ausgehen können.

 

Schlimmer.

 

Dieses Wissen blieb.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 78

 

 

 

 

Es kippt nicht immer langsam.

Man merkt es erst,
wenn es ernst wird.

 

 

 

Alkohol, Feuerleiter und ein gefährlicher Moment.

 

 

 

Die Feuerleiter

 

 

Es war ein sonniger Tag.

 

Anemun und ein Freund hatten sich eine Flasche Stroh besorgt.

 

Hochprozentig.

 

Sie leerten die Flasche zu zweit.

 

Am Anfang lachten sie, machten blöde Sprüche und große Gesten.

 

Dann wurde sein Freund stiller.

 

Unruhig.

 

Er ging zur Feuerleiter der Sporthalle. Sie führte aufs Dach.

 

Dort oben hatten sie oft gesessen, geraucht und geredet.

 

Jetzt begann er hinaufzusteigen.

 

Er drehte sich um.

 

„Ich springe von oben runter.“

 

Anemun packte ihn am Bein.

 

Der Freund hing halb an der Leiter.

 

„Komm runter.“

 

Kein Lachen mehr.

 

Keine Sprüche.

 

Nur noch die Feuerleiter,
sein Freund
und der Alkohol.

 

Dann stieg er langsam wieder herunter.

 

Sie setzten sich auf die Stufen vor der Sporthalle.

 

Und schwiegen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 79

 

 

 

 

Manche Nächte machen einen älter,
als es die Jahre je könnten.

 

 

 

Kneipentouren, Discos und lange Nächte.

 

 

 

Zwischen Nacht und Tag

 

 

Die Brücke. Die Feuerleiter. Der Schreck danach.

 

Sie machten weiter.

 

Zuerst kamen die Schuldiscos, dann das Ziegelhaus. Später die Sporthalle.

 

Irgendwann reichte auch das nicht mehr.

 

Die Jungs wollten in die Stadt, auf Kneipentouren und in Discos.

 

Anemun war um die fünfzehn.

 

Die Nächte wurden länger.

 

In den Kneipen saßen Männer, viele von ihnen Arbeiter oder Trinker, älter als sie.

 

An vielen Abenden wurde getanzt, getrunken und gelacht.

 

Wenn Alkohol im Spiel war, blieb es nicht immer ruhig. Manchmal flogen Fäuste.

 

Mitunter reichte ein falscher Ton oder ein schräger Blick.

 

Dann war es Zeit zu gehen.

 

Sie waren meist zu Fuß oder per Anhalter unterwegs und wussten oft nicht, wie sie später wieder nach Hause kommen würden.

 

Einmal ging es im Winter aus einer Disco zurück.

 

Es war vier oder fünf Uhr morgens.

 

Sie fuhren zwanzig Kilometer per Anhalter auf der Pritsche eines Wagens.

 

Die kalte Luft schlug ihnen um die Ohren.

 

Als sie ankamen, sprang Anemun von der Pritsche.

 

Seine Füße waren durchgefroren.

 

Für einen Moment dachte er,
sie würden zerspringen
wie Glas.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 80

 

 

 

 

Erst am Morgen merkt man,
wie knapp es war.

 

 

 

Alkohol, Winterkälte und ein gefährlicher Heimweg.

 

 

 

Der Straßengraben

 

 

Es war Winter.

 

Minusgrade.

 

Die Nacht war lang gewesen.

 

Anemun war völlig betrunken. Er torkelte im Zickzack den Gehweg entlang. Bis nach Hause waren es noch gute zwei Kilometer.

 

Irgendwann dachte er, er müsse sich nur kurz ausruhen.

 

Zwischen Gehweg und Straße verlief ein tiefer Straßengraben.

 

Er legte sich hinein, die Füße nach unten, den Kopf oben in Richtung Gehweg.

 

Dann schlief er ein.

 

In der Morgendämmerung wachte er auf.

 

Der Boden war gefroren.

 

Seine Kleidung auch.

 

Der Kopf war schwer.

 

Er blieb noch einen Moment liegen.

 

Dann setzte er sich auf und schaute sich um.

 

Kein Mensch.

 

Nur die Straße.

 

Die Kälte.

 

Und er.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 81

 

 

 

 

Nicht jede Nacht

endet im Graben.

 

 


Hochzeiten, Musik und ein Tisch am Rand.

 

 


Die Hochzeit

 


Wenn irgendwo eine Hochzeit war, ging die Nacht oft weiter.


Auch dann,
wenn sie für die meisten
längst vorbei war.

 

Anemun und seine Jungs kamen meistens erst im Morgengrauen.


Direkt aus der Disco.


Müde.
Angetrunken.
Nicht ganz bei sich.


Die Musik lief noch. In der Halle saßen die letzten Gäste. Es wurde gegessen, getrunken, gelacht und getanzt.


Am Rand standen Tische für die, die nicht eingeladen waren und trotzdem kamen.


Jemand zeigte den Jungs,
wo sie Platz nehmen konnten.

 

Nicht lange danach standen Gläser vor ihnen.


Dann kamen Teller dazu.


Warmes Essen.


Nach einer Nacht unterwegs
war das eine Wohltat.


Die Hochzeitsbands spielten Volkslieder, Schlager und auch Rock.


Wenn es rockig wurde,
standen die Jungs auf.


Und headbangten.


Für eine Weile saßen sie nicht nur am Rand.


Sie gehörten fast dazu.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 82

 

 

 

 

Nach langen Nächten
beginnt der Morgen zu früh.

 

 

 

Heimkehr im Morgengrauen, Heuhaufen und eine Mistgabel.

 

 

 

Am Morgen danach

 

 

Der Weg nach Hause war still.

 

Als es dämmerte, schlich Anemun in den Stall. Er wollte unbemerkt nach Hause kommen und niemanden wecken. Es roch nach Heu und Tieren.

 

Hinten bei den Ziegen lag ein großer Haufen Heu.

 

Er ließ sich hineinfallen.

 

Der Körper war schwer,
der Kopf noch voll vom Alkohol.

 

Dann schlief er ein.

 

Die Stalltür ging auf.

 

Seine Oma kam herein, die Mistgabel in der Hand.

 

Sie stach in den Heuhaufen,

um den Ziegen Heu zu geben.

 

Der Haufen bewegte sich.

 

Sie fuhr erschrocken zurück.

 

„Bist du verrückt geworden?“

 

Er kroch aus dem Heu.

 

Die Oma schimpfte kurz und schüttelte den Kopf.

 

Anemun ging ins Haus und schlief noch ein paar Stunden.

 

Als er aufwachte, stand etwas Warmes auf dem Tisch.

 

Für den Magen.

 

Und für den Tag.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 83

 

 

 

 

Nach dem Saufen
war vor dem Saufen.

 

 

 

Alkohol in der Schule, Fehlstunden und Kontrollverlust.

 

 

 

Die Exzesse

 

 

„Klin se klinom izbija.“

 

Einen Keil
treibt man mit einem anderen aus.

 

Mit der Zeit ging es nicht mehr nur ums Draußensein oder um Musik.

 

Es ging ums Trinken.

 

Wer mehr schaffte.
Wer länger stehen blieb.
Wer am nächsten Morgen wieder weitermachte.

 

Die Flaschen waren nicht nur nachts dabei. 

 

In den Pausen saßen sie im Klassenzimmer.

 

Die Flasche ging herum.

 

Niemand versteckte es.

 

Nacht und Tag begannen zu verschwimmen.

 

Man trank.

 

Und irgendwann
trank man einfach weiter.

 

Draußen vor dem Einkaufszentrum saßen sie auf der Wiese. Der Kopf drehte sich, der Magen gab nach.

 

Man übergab sich.

 

Einmal wachte Anemun auf und merkte erst dann, dass er in seinem Erbrochenen gelegen hatte.

 

Damals lachten sie darüber und tranken weiter.

 

Auch die Jüngeren wollten mithalten. Sie tranken, was die Älteren tranken.

 

Zu viel.

 

Für manche endete die Nacht im Krankenhaus.

 

Zum Auspumpen.

 

Kurz wurde darüber geredet.

 

Dann machte man weiter.

 

Die Schule lief nur noch nebenher.

Oft ging man gar nicht mehr hin.

 

Die Fehlstunden wurden dreistellig.

 

Man lief morgens los.

 

Und kam irgendwo an.

 

Nur nicht dort,
wo man hätte sein sollen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 84

 

 

 

 

Wenn nichts mehr ernst genommen wird,
verliert irgendwann alles
seine Bedeutung.

 

 

 

Fehlstunden, Alkohol und Schulprobleme im Jugendalter.

 

 

 

Nur noch auf dem Papier

 

 

Die Schule lief weiter.

 

Stundenpläne.
Noten.
Lehrer.
Klingeln.

 

Alles war noch da.

 

Aber für die Jungs
zählte es kaum noch.

 

Sie kamen seltener. Und wenn sie kamen, saßen sie müde und verkatert im Klassenzimmer.

 

Manchmal lag die Nacht
noch in ihren Gesichtern.

 

In den Pausen ging die Flasche herum.

 

Niemand versteckte sie.

 

Lehrer schimpften.


Drohten.


Schrieben auf.

 

Einmal war die Aula vollgekotzt.

 

Der Geruch blieb. Es gab großen Ärger.

 

Doch es änderte wenig.

 

Die Fehlstunden wurden mehr.

 

Die Gespräche häufiger.

 

Morgens ging Anemun los.

 

Die Schule war der Plan.

 

Aber im Klassenzimmer
saß er immer seltener.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 85

 

 

 

 

Die Rechnung kommt,
wenn die Nacht
längst vorbei ist.

 

 

 

Fehlstunden, Nachprüfung und ein verlorenes Schuljahr.

 

 

 

Der Preis

 

 

Lange hatte es sich nicht nach Konsequenzen angefühlt.

 

Schule.
Fehlstunden.
Ärger.

 

In der neunten Klasse hatte es noch einmal gereicht.

 

Im Sommer.

Nachprüfungen.

 

Gerade so durch.

 

Ein Jahr später gab es nichts mehr schönzureden.

 

Vierzehn Fächer.

 

Zehn davon ungenügend.

 

Damit war klar:

 

Das Schuljahr
war verloren.

 

Die Freiheit hatte ihren Preis.

 

Nicht sofort.

 

Sondern Stunde für Stunde.
Fehltag für Fehltag.

 

Draußen war alles wichtiger geworden.

 

Die Clique.
Die Nächte.
Das Dazugehören.

 

Und irgendwann half nichts mehr.

 

Kein Reden.
Keine Nachprüfung.
Kein Hoffen.

 

Die Rechnung war da.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 86

 

 

 

 

Dann war da Lana.

 

 

 

Erste Liebe, Discos und Handballtraining.

 

 

 

Lana

 

 

Die Nächte, die Clique und der Ärger in der Schule waren Normalität.

 

Aber dann war da Lana.

 

Sie war ein Jahr jünger und spielte Handball.

 

Anemun hatte sie zuerst auf Schuldiskos bemerkt, später auf der Kirmes.

 

Wenn sie lachte,
wurde alles leichter.

 

Sonst ging er auf Menschen zu,
ohne lange zu überlegen.

 

Bei ihr war er zurückhaltend.

 

Dann begann er, zu ihrem Training zu gehen.

 

Er saß auf der Tribüne
und sah ihr zu.

 

Immer wieder.

 

Sie wusste, wer er war.

 

In der Stadt war Anemun längst kein Unbekannter mehr.

 

Aber darum ging es ihm nicht.

 

Es reichte ihm,
in ihrer Nähe zu sein.

 

Sie zu sehen.

 

Ein gemeinsamer Freund half irgendwann nach.

 

Ein Gespräch.

Ein erster Schritt.

 

Und plötzlich waren sie zusammen.

 

Für Anemun war sie nicht einfach eine Freundin.

 

Sie war seine erste Liebe.

 

Tiefer,
als er es damals
hätte sagen können.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 87

 

 

 

 

Was innen groß war,
musste nach außen.

 

 

 

Selbstgestochene Tattoos, Initialen und Streit mit Lanas Eltern.

 

 

 

Die Initialen

 

 

Diese Liebe musste sichtbar werden.

 

Mit zwölf hatte Anemun sich schon zwei kleine Piraten-Totenköpfe in den Unterarm gestochen.

 

Ein wilder Versuch.

 

Halb Spiel.
Halb Ernst.

 

Zuerst lief er damit noch cool durch die Straße.

 

Dann bekam er Panik
und begann, die Stelle abzuwaschen.

 

Er hatte Glück:
Die Nadel war nicht tief genug eingedrungen.

 

So blieben nur Reste zurück.

 

Auch Sicherheitsnadeln hatte er sich schon durch die Haut gesteckt.

 

Einfach so.

 

Schmerz.
Grenze.
Beweis.

 

Jetzt nahm er wieder Nadel und Tinte.

 

Über die Totenkopf-Reste
stach er „La“,
mit Strahlen darum.

 

Roh.
Unsauber.

 

Ihre Buchstaben
auf seiner Haut.

 

Für immer.

 

Als müsste das, was in ihm so groß war,
eine Form bekommen.

 

Für Anemun war es Liebe.

 

Ihre Eltern sahen darin ein Problem.

 

Die Beziehung blieb heimlich.

 

Zumindest eine Zeit lang.

 

Einmal besuchte Anemun Lana bei ihr zu Hause.

 

Ihre Eltern waren nicht da.

 

Sie alberten herum,
küssten sich
und schmusten.

 

Dann ging die Haustür auf.

 

Es wurde hektisch.

 

Unters Bett zu kriechen oder sich im Schrank zu verstecken,
war keine Option.

 

Also sprang Anemun aus dem Fenster
im ersten Stock
und versuchte, unbemerkt zu verschwinden.

 

Danach bekam Lana Hausarrest.

 

Es gab heftige Diskussionen
mit ihren Eltern.

 

Die beiden ließen sich davon nicht beirren.

 

Und während ihre Liebe größer wurde,
fiel an anderer Stelle
eine Entscheidung.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 88

 

 

 

 

Manchmal endet etwas,
gerade als man beginnt,
es zu erleben.

 

 

 

Rückkehr nach Deutschland, Abschied und Briefe.

 

 

 

Der Abschied

 

 

„So kann es nicht weitergehen“,

sagte seine Mutter.

 

Er sollte zurück nach Deutschland.

 

Anemun sagte nichts.

 

Das Schwerste war nicht die Freiheit.

Nicht die Clique.

 

Das Schwerste war Lana.

 

Vor der Abfahrt trafen sie sich noch einmal, in der Nähe der alten Schule,
dort, wo sie sich oft getroffen hatten.

 

Sie hielten sich fest, sahen sich an und sagten wenig.

 

Der Abschied
stand zwischen ihnen.

 

Kurz darauf saß Anemun im Auto.

 

Die Straße führte hinaus, vorbei an Feldern, Häusern und Orten, die einmal sein Leben gewesen waren.

 

Er sah aus dem Fenster.

 

Und wusste,
dass etwas von ihm
hierblieb.

 

In den langen Monaten danach schrieben sie sich viele Briefe.

 

Seitenweise.

 

Manchmal telefonierten sie stundenlang.

 

Dann kamen die Telefonrechnungen.

 

Mehrere hundert Mark.

 

Monat für Monat.

 

Bei den Rechnungen
brach seine Mutter
fast zusammen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 89

 

 

 

Anemundi-Moment

 

 

Manches endet nicht,
nur weil man geht.

 

Anemun fuhr zurück
nach Deutschland.

 

Doch etwas in ihm
blieb dort.

 

Bei Lana.

 

Bei den Jungs.

 

In einer Zeit,
die noch nicht
abgeschlossen war.

 

Das Leben ging weiter.

 

Manchmal versteht man
erst später,
dass sich Wege trennen.

 

Und doch bleibt etwas,
das weiterlebt.

 

ANEMUNDI ist ein Raum
für Menschen,
die spüren,
dass eine Trennung
vor allem innen geschieht.

 

Wenn du verstehen möchtest,
was dich innerlich noch festhält

 

und was sich
lösen darf:

 

 

Melde dich.

 

kontakt@anemundi.de

 

 

 

 

Manchmal geht es weiter,
auch wenn man selbst noch nicht angekommen ist.

 

 

 

Rückkehr nach Deutschland und Beginn einer Ausbildung.

 

 

 

Eine andere Welt

 

 

Er war wieder in Deutschland. In der Region Stuttgart, dort, wo er geboren wurde.

 

Die Sprache war kein Problem. Deutsch hatte er nie verlernt. Im Gegenteil. In Jugoslawien war es immer sein bestes Fach gewesen.

 

Doch Sprache war nicht alles.

 

Alles wirkte ordentlicher, regelmäßiger, enger. Vieles, was für andere selbstverständlich war, blieb ihm fremd.

 

Am deutlichsten wurde es beim Bezahlen.

 

Wenn man zusammensaß, etwas aß oder trank, zahlte jeder für sich.

 

Jeder.

 

Das kannte er nicht. Dort, wo er herkam, gehörte das Geld allen. Wenn einer etwas hatte, tranken alle, bis nichts mehr da war.

 

Hier rechnete jeder für sich. Für Anemun fühlte sich das kalt an. Nicht richtig.

 

Das war nur eines von vielen Dingen, die hier anders waren.

 

Dann ging es darum, wie es für ihn weitergehen sollte.

 

Seine Mutter machte sich Sorgen. Die Schule wollte ihn zurückstufen: in die neunte statt in die zehnte. Noch einmal.

 

Für ihn kam das nicht infrage. Noch einmal zurückzugehen, fühlte sich falsch an.

 

Also gingen sie zum Arbeitsamt.

 

Seine Mutter dachte an Zahntechnik. Ruhig, sauber, fein.

 

Der Berater blätterte in seinen Unterlagen. Dann blieb er stehen.

 

„Da wäre noch etwas.“

 

Bei einem großen Kolbenhersteller war ein Ausbildungsplatz frei geworden. Der Junge, für den er vorgesehen gewesen war, war kurz zuvor bei einem Motorradunfall gestorben.

 

Für den einen war alles zu Ende.

 

Für den anderen öffnete sich etwas.

 

Anemun meldete sich zum Einstellungstest an.

 

Und bestand.

 

Ein neuer Abschnitt begann.

 

Nicht mehr draußen,
sondern an Maschinen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 90

 

 

 

 

Zurück zu sein
bedeutete nicht, wieder dazuzugehören.

 

 

 

Berufsschule und Ausbildung in Deutschland.

 

 

 

Fremd

 

 

Mit der Ausbildung begann auch die Berufsschule. Neue Klasse, neue Leute. Er kannte niemanden. Trotzdem fühlte es sich für ihn nicht wie ein Anfang an.

 

Er setzte sich hinten in die letzte Reihe. Manchmal schlief er, nicht weil ihn der Unterricht nicht interessierte, sondern weil er nachts woanders war.

 

In den Pausen ging er raus. Ein Kollege aus der Firma hatte einen alten VW-Campingbus. Dort saßen sie, tranken Bier und rauchten Joints.

 

Mitten am Tag.

 

In der Schule fiel das nicht auf. Die Noten waren gut. Besser, als sie bei so wenig Einsatz hätten sein sollen.

 

Das reichte ihm. Mehr wollte er nicht.

 

Kein Druck. Kein Ziel. Keine Richtung.

 

Nur dieses Gefühl:

 

fremd.

 

Als würde er hier sitzen und doch nicht dazugehören.

 

Einmal stand auf dem Schulgelände einer allein. Auf seiner Kleidung stand groß:

 

„Jesus liebt dich.“

 

Mehr nicht.

 

Er machte sich laut darüber lustig. Die anderen lachten. Er auch.

 

Mehr als die anderen.

 

Manchmal dachte er: Das ist nicht mein Film. Und wenn doch, dann hat jemand anderes Regie geführt.

 

Und irgendwo wusste er:

 

So würde es nicht bleiben.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 91

 

 

 

 

Manchmal lernt man etwas,
ohne es lernen zu wollen.

 

 

 

Ausbildung im Kolbenwerk und Jugendvertretung.

 

 

 

Die Werkhalle

 

 

Die Werkhalle roch nach Bohremulsion und Metallspänen. Pressen schlugen, Maschinen liefen auf Hochtouren. Überall Arbeiter in Blaumännern.

 

Anemun stand mitten unter ihnen. Zu Hause fühlte er sich dort nie.

 

Schon im ersten Lehrjahr ließ er sich zum Jugendvertreter wählen. Später vertrat er die Jugendlichen sogar konzernweit.

 

Er saß im Betriebsratsbüro, war auf Seminaren. Es wurde diskutiert, verhandelt, gestritten.

 

Bei einem dieser Seminare ging es für zwei Wochen nach Berlin. Andere Jugendvertreter, eine große Stadt, ein Seminarhotel.

 

Gelernt wurde auch. Aber vieles drehte sich um etwas anderes.

 

Partys. Hasch, roter Afghane, den sie sich aus Bremen an das Hotel schicken ließen. Sie hatten Angst, dass es auffliegen könnte.

 

Doch es kam an.

 

In diesen zwei Wochen entstand auch eine Liebschaft mit einer Jugendvertreterin aus Nürnberg.

 

Es war mehr Nacht als Seminar.

 

Als Vertreter der Jugendlichen stand er manchmal vor vielen und sagte laut, was andere nicht aussprachen.

 

Der Langhaarige.

 

Nicht jeder war begeistert.

 

Seine Ausbilder hätten ihn lieber still an der Maschine gesehen. Aber still war er nicht.

 

Die Tage waren von Maschinen bestimmt. Gleichzeitig wurden die Nächte länger.

 

Noch wusste er nicht,
dass sie bald alles übernehmen würden.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 92

 

 

 

 

Man merkt nicht,
wann aus einer Nacht ein Alltag wird.

 

 

 

Rockfabrik, Frühschicht und Nächte ohne Schlaf.

 

 

 

Die Nächte

 

 

Mittwoch war Heavy-Tag. Bier für eine Mark.

 

Drei- oder viermal in der Woche ging es in die Rockfabrik. Die Musik war laut und aggressiv.

 

Anemun stand oft direkt an den Boxen. Stundenlang. Der Körper vibrierte, der Kopf gleich mit.

 

Danach ging es nicht mehr nach Hause, sondern direkt von der Nacht in die Frühschicht.

 

Im Umkleideraum standen Pappkartons bereit. Auf einen davon legte er sich vor seinen Spint, ein paar Minuten lang, bis die ersten Kollegen ankamen.

 

Dann wieder hoch.

 

Maschinen. Lärm. Arbeit.

 

Der Körper lief einfach weiter.

 

Manchmal rauchte er auf dem Weg zur Arbeit einen Joint. Dann wurde alles etwas leiser. Zumindest für eine Weile.

 

Mit der Zeit kam mehr dazu. Nicht nur Alkohol. Alles, was schneller machte oder ruhiger werden ließ.

 

Der Schlaf verschwand. Irgendwo dazwischen verlor sich das Gefühl für Maß.

Erst später fiel beim Betriebsarzt auf: Ein Bereich seines Gehörs funktionierte nicht mehr wie früher.

 

Zu viel Lärm.
Zu nah.
Zu lange.

 

Damals war das egal.

 

Die Nächte waren stärker als alles andere. Sie begannen, den Tag zu bestimmen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 93

 

 

 

 

Manchmal wird aus Übermut eine Nacht,
die später nicht mehr lustig ist.

 

 

 

Baustelle, Polizeieinsatz und Ausnüchterungszelle.

 

 

 

Die Baustelle

 

 

Es war längst nach Mitternacht. Sie waren zu Fuß auf dem Weg nach Hause, betrunken, laut und ausgelassen.

 

Sie kamen an einer Baustelle vorbei und stießen ein paar Schilder um. Dann liefen sie über das Gelände. Erst war es nur Blödsinn.

 

Dann stand da dieser Bagger.

 

Irgendjemand sagte: „Lasst uns Bagger fahren.“

 

Einige von ihnen kletterten hinein und suchten nach dem Schlüssel. Sie fanden keinen.

 

Die Nachbarn hatten den Lärm gehört.

 

Dann kamen mehrere Polizeiwagen.

 

Blaulicht.
Stimmen.
Polizisten mit Taschenlampen.

 

Sie rannten los, durch die Dunkelheit, zwischen Kies, Absperrungen und Maschinen. Anemun versteckte sich hinter einem Erdhaufen.

 

Es half nichts.

 

Sie nahmen alle mit.

 

Mehrere Stunden in der Ausnüchterungszelle. Befragung. Warten.

 

Später brachten sie ihn bis vor die Wohnungstür. Zum Glück wollten die Polizisten nicht mehr mit seiner Mutter sprechen.

 

In dieser Nacht war alles Übermut gewesen. Lachen, Alkohol, Adrenalin.

 

Nach dem Ausnüchtern blieb die Vorstellung, deswegen vor Gericht zu müssen.

 

Die Anzeige wurde fallengelassen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 94

 

 

 

 

Manchmal reicht ein Moment,
und alles wird still.

 

 

 

Nacht, Alkohol und ein Angriff in einer S-Bahn-Station.

 

 

 

Der Schlag

 

 

Es war Nacht. Anemun war mit ein, zwei Kumpels unterwegs. Volltrunken, laut, mit einem Ghettoblaster auf der Schulter.

 

Die Musik lief, sie grölten, und in der S-Bahn-Station hallte alles zurück.

 

Für einen Moment
gab es nur sie.

 

Dann beschwerte sich ein Mann über den Lärm.

 

Sie nahmen ihn nicht ernst.
Überhaupt nicht.

 

Der Mann kam näher.

 

Ein Schlag.
Direkt auf den Kopf.

 

Es wurde schwarz.

 

Als Anemun wieder zu sich kam, lag er im Krankenwagen. Licht über ihm. Stimmen. Bewegung.

 

Später musste die Wunde am Kopf genäht werden. Darüber kam ein Netz. Seine Mähne durfte er zunächst nicht waschen.

 

Kopfschmerzen.

Für Tage.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 95

 

 

 

 

Es zog ihn immer wieder dorthin,
wo er nicht bleiben konnte.

 

 

 

Autofahrten zwischen Deutschland und Jugoslawien.

 

 

 

Das Auto

 

 

Am Anfang dachte er, dass er nie fahren lernen würde.

 

Kupplung. Gang. Blinken. Lenken.
Zu viel auf einmal.

 

Später fuhr er schnell. Sehr schnell.

 

Sein erstes Auto war ein roter Ford Escort. Gebraucht, aber gut in Schuss. Mit einer Anlage, die laut genug war.

 

Am Rückspiegel hing ein Totenkopf, so groß wie eine Kokosnuss, mit langen Haaren. Auch der Schaltknüppel hatte die Form eines Totenkopfs.

 

Manchmal stieg er freitags nach der Arbeit in sein Auto und fuhr los. Richtung Süden.

 

Zehn, zwölf Stunden. Manchmal mehr.

 

Allein im Auto. Er stieg nur zum Tanken aus oder um sich kurz am Straßenrand zu erleichtern. Dann weiter.

 

Landstraßen. Überholen. LKWs.

 

Eng.
Schnell.
Gefährlich.

 

Manchmal fehlte nicht viel.

 

An der Grenze wurde lange gewartet. Die Kontrolle war streng. Jeder wurde geprüft. Keiner einfach durchgewunken.

 

Aber das spielte keine Rolle.

 

Unten wartete Lana.

 

Wenn er dort war, waren sie zusammen. Wenn er wieder in Deutschland war, hatte sie einen Freund.

 

Ihm war klar, dass das keine gemeinsame Zukunft hatte.

 

Irgendwann begann auch er in Deutschland, andere Mädels zu treffen.

 

Doch die Liebe zu ihr zog ihn immer wieder dorthin.

 

Zu den Jungs. Zur Clique. Zu den Nächten.

 

Jedes Mal war es wie ein Ereignis. Egal, ob Urlaub oder nur zwei Tage.

 

Er kam an und war sofort wieder mittendrin.

 

„Dobro nam došao, Jugo-Švabo.“

 

Alkohol, Musik, Nacht und Gemeinschaft. Es war laut, eng, lebendig und familiär.

 

Am Sonntag ging es zurück. Mittags ins Auto. Montagmorgen: Arbeit.

 

Zwei Leben,
die nebeneinander liefen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 96

 

 

 

 

Nicht jeder Schritt
bringt näher.

 

 

 

Streit vor einer Disco in Jugoslawien.

 

 

 

Zu nah

 

 

Es war eine dieser Nächte in Jugoslawien. Kaum angekommen, ging es wieder los: Disco, Alkohol und mehr als das.

 

Draußen auf dem Parkplatz stand eine kleine Gruppe. Die Worte wurden lauter. Seine Jungs wurden stiller.

 

Anemun ging näher heran.

 

Zu nah.

 

Der andere Mann wich keinen Schritt zurück. Sie standen direkt voreinander.

 

Anemun beleidigte die Mutter des Mannes.

 

Dann kam die Kopfnuss.

 

Hart.
Direkt.

 

Das Blut lief sofort über die Augenbraue und ins Gesicht.

 

Warm.
Unaufhaltsam.

 

Später, in der Ambulanz, wurde die Wunde genäht.

 

Danach musste er sie versorgen.

 

Kein Rausgehen.
Keine Nächte.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 97

 

 

 

 

Nähe entsteht dort,
wo zuerst nur Hilfe war.

 

 

 

Wundversorgung nach einer Kopfverletzung in Jugoslawien.

 

 

 

Der Besuch

 

 

Die Wunde musste täglich versorgt werden.

 

Reinigen. Verband wechseln.

 

In der Disco hatte Anemun an diesem Abend eine junge Frau kennengelernt. Sie war gelernte Krankenschwester und kam zu ihm nach Hause, um die Wunde zu versorgen.

 

Ihre Hände waren ruhig, ihre Bewegungen sicher.

 

Anemun saß da und ließ sich verarzten.

 

Nach der Versorgung blieb sie erst noch ein wenig. Dann länger.

 

Irgendwann auch über Nacht.

 

Bei ihm wurde es ruhiger.

 

Die Wunde heilte langsam.

 

Ihre Besuche hörten nicht auf.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 98

 

 

 

 

Nicht alles endet
mit einem letzten Wort.

 

 

 

Neue Arbeitsstelle in Deutschland und nachlassender Kontakt.

 

 

 

Zu viel

 

 

Sie hatte schon länger nach einer Stelle in Deutschland gesucht. Dann bekam sie eine in einem Krankenhaus.

 

Am Anfang meldete sie sich oft. Sie fragte, wann er kommen würde und wann sie sich sehen könnten.

 

Er antwortete, aber selten klar.

 

Seine Tage waren voll, seine Nächte auch. Freunde, andere Frauen, unterwegs sein, Musik, Alkohol.

 

Es gab immer etwas.

 

Er wich aus, nicht bewusst. Er ließ ihre Fragen einfach offen.

 

Was in Jugoslawien ruhig begonnen hatte, ging in Deutschland zu Ende.

 

Die Nachrichten wurden weniger.

 

Irgendwann hörte es auf.

 

Ohne Streit.
Ohne ein letztes Gespräch.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 99

 

 

 

 

Nicht alles,
woran man beteiligt ist,
erlebt man selbst.

 

 

 

Liebschaft, Geld und eine später offene Frage.

 

 

 

Die Schwestern

 

 

Er hatte die ältere Schwester in der Rockfabrik kennengelernt. Zuerst traf er sich mit ihr. Locker, nichts Festes. Ab und zu sahen sie sich und schliefen miteinander.

 

Dann bandelte er mit der jüngeren Schwester an. Es ging ihm ums Spaßhaben und darum, das Leben zu genießen.

 

Irgendwann kam die ältere auf ihn zu. Sie sagte, ihre jüngere Schwester sei schwanger.

 

Sie brauchten Geld für einen Schwangerschaftsabbruch in den Niederlanden.

 

Er besprach alles mit der älteren Schwester. Sie kümmerte sich darum. Er gab damals mehrere hundert Mark.

 

Die beiden fuhren nach Holland.

 

Er selbst blieb außen vor.

 

Danach brach der Kontakt ab – zur jüngeren Schwester und auch zur älteren.

 

Ob alles so gewesen war,
wie es ihm erzählt wurde,
wusste er nie.

 

Dieser Gedanke kam ihm erst später.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 100

 

 

 

 

Eine Nacht kann am Morgen
plötzlich anders wirken.

 

 

 

Ein unerwarteter Morgen nach der Rockfabrik.

 

 

 

Der Sohn

 

 

In der Rockfabrik holte Anemun sein Bier oft bei ihr am Ausschank. Sie kannte ihn als Stammgast.

 

Er wusste, dass sie etwa zwanzig Jahre älter war. Dass sie einen Sohn hatte, wusste er nicht.

 

Nach Feierabend gingen sie zu ihr nach Hause. Sie machten es sich gemütlich. Sie zeigte ihm Bilder aus ihrer Zeit als Model.

 

Später gingen sie ins Bett.

 

Am nächsten Morgen öffnete sich die Schlafzimmertür. Ihr Sohn kam herein. Er wollte mit seiner Mutter noch etwas klären, bevor er zu seiner Zivildienststelle ging.

 

Er verhielt sich, als wäre es nichts Besonderes.

 

Er war kaum älter als Anemun.

 

Das verstörte ihn.

 

Es blieb bei dieser einen Nacht.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 101

 

 

 

 

Nähe entsteht,
auch ohne dass viel geschieht.

 

 

 

Heimliche Beziehung mit einer Kunstlehrerin in Jugoslawien.

 

 

 

Die Lehrerin

 

 

Er kannte sie, weil sie mit einem Kumpel zusammen war. Zwischen den beiden ging es immer wieder hin und her. Sie trennten sich, kamen wieder zusammen und so fort.

 

Sie war Kunstlehrerin, malte Bilder und stellte sie aus.

 

Bei einer seiner Fahrten nach Jugoslawien war er eines Abends bei ihr in der Wohnung. Ein bisschen Party. Leute kamen und gingen.

 

Irgendwann waren alle weg.

 

Sie blieben allein zurück.

 

Sie legten sich nebeneinander und hielten Händchen.

 

Mehr nicht.

 

Daraus wurde später eine heimliche Beziehung. Sie sahen sich immer wieder.

 

Für ein paar Tage trafen sie sich auch in München, bei ihrer Schwester. Dort konnten sie zusammen sein, ohne dass jemand aus ihrem Umfeld dabei war.

 

Zehn Jahre lagen zwischen ihnen.

 

Alter spielte für ihn keine Rolle.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 102

 

 

 

 

Es war nicht seine Geschichte.
Doch die Folgen sieht er bis heute.

 

 

 

Messerangriff nach einem Streit in Jugoslawien.

 

 

 

Die Grenze

 

 

Die Nächte gingen weiter. Disco, Alkohol, Cliquen. Hier wie dort.

 

Dort kannte man ihn. Er war etwas älter als Anemun, oft vorlaut und immer nah am Streit. In den Diskotheken fiel er auf. Man wusste, dass es mit ihm schnell kippen konnte.

 

Eines Abends legte er sich mit den Falschen an. Männer, die nicht aus der Stadt kamen.

 

Was genau geschah, wusste später niemand mehr.

 

Nur das Ergebnis.

 

Ein Messer.
In den Rücken.

 

Wenn Anemun nach Kroatien kommt, sieht er ihn oft noch.

 

Im Rollstuhl.

 

Er lebt.

 

Aber nichts ist mehr wie vorher.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 103

 

 

 

Er blieb stehen.
Dann eskalierte die Nacht.

 

 

 

Konfrontation und Flucht aus der Rockfabrik.

 

 

 

Die Nacht, in der es hätte enden können

 

 

In der Rockfabrik war eine Gruppe Biker, die man kannte. Männer, mit denen man sich nicht anlegte. Sie suchten Ärger.

 

Ihr Anführer war gut doppelt so alt wie Anemun. Immer wieder kam er an ihm vorbei. Einmal stieß er gegen ihn. Bier lief über sein Shirt.

 

Anemun wich aus und ging weiter.

 

Dann kam der Mann wieder. Wieder ein Stoß. Wieder Bier. Blickkontakt.

 

Der Gedanke war da:

 

Wenn er jetzt noch einmal kommt ...

 

Den Bierkrug fest in der Hand.

 

Dann kam er wieder.

 

Anemun schlug zu.

 

Direkt ins Gesicht.

 

Die Nase brach. Blut lief.

 

Der Mann blieb stehen. Kein Zucken. Kein Wanken.

 

Er wischte sich das Blut aus dem Gesicht und griff nach dem Aschenbecher.

 

„Du Drecksau.“

 

Anemun bewegte sich nicht.

 

Dass der Mann unbeeindruckt stehen blieb, damit hatte er nicht gerechnet.

 

Der Mann machte einen Schritt.

 

Dann ging die Security dazwischen, hielt ihn fest und versuchte, die Biker zu beruhigen. Anemun wurde durch den Hinterausgang hinausgebracht.

 

Draußen war Nacht. Stimmen, Motorräder, Unruhe.

 

Die Biker waren unterwegs. Viele.

 

Seine eigenen Jungs nicht.

 

Anemun rannte über die Straße, ohne zu schauen. Lichter. Dunkelheit. Dann ein Gebüsch.

 

Er ließ sich hineinfallen und blieb still.

 

Er hörte Motoren. Stimmen. Lange.

 

Später erfuhr er, dass sie nach ihm gesucht hatten. Sie sprachen jeden vor dem Eingang an und wollten wissen, wo er wohnte.

 

In dieser Nacht hatte er zum ersten Mal richtig Angst.

 

Die Gewissheit war da:

 

Das hätte sein Ende sein können.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 104

 

 

 

 

Die Nacht war vorbei.
Die Angst nicht.

 

 

 

Heimweg nach einer Bedrohung in der Rockfabrik.

 

 

 

Der Nachhall

 

 

Der Weg nach Hause war lang. Einige Kilometer zu Fuß durch die Nacht.

 

Der Alkohol war noch da. Trotzdem war sein Kopf hellwach.

 

Jedes Auto ließ ihn aufhorchen. Wenn Lichter auftauchten und näher kamen, ging er langsamer. Manchmal blieb er stehen oder wich aus.

 

Er wartete, bis das Auto vorbei war.

 

Erst dann ging er weiter.

 

Die Straße war ruhig.

 

Er nicht.

 

Auch danach blieb die Anspannung. Tage, Wochen.

 

Ein Klingeln an der Tür. Das Telefon.

 

Sofort war sie wieder da.

 

Der Gedanke:

 

Jetzt haben sie mich gefunden.

 

Es kam niemand.

 

Doch die Anspannung ging nicht so schnell wieder weg.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 105

 

 

 

Anemundi-Moment

 

 

Manche Erlebnisse
gehen nicht einfach vorbei.

 

Sie bleiben,
weil sie an eine Grenze führen,
an der nichts mehr
selbstverständlich ist.

 

Angst.

 

Verlust.

 

Leben.

 

Tod.

 

Und die Erkenntnis,
dass ein Augenblick
alles verändern kann.

 

ANEMUNDI ist ein Raum
für Menschen,
die eine tiefgreifende Erfahrung
in sich tragen.

 

Ein Raum,
in dem das Erlebte
seinen Platz finden darf.

 

Und das Leben
wieder Gestalt annehmen kann.

 

Wenn dich eine solche Erfahrung
bis heute begleitet:

 

 

Melde dich.

 

kontakt@anemundi.de

 

 

 

 

Die Nächte waren nicht vorbei.
Sie hatten den Ort gewechselt.

 

 

 

Private Partys, Drogenkonsum und das Ende der Ausbildung.

 

 

 

Andere Räume

 

 

Es war gegen Ende der Ausbildung. Anemun war ungefähr neunzehn.

 

Nach der Nacht mit den Bikern mied er die Öffentlichkeit. Stattdessen traf er sich in Wohnungen, wo man unter sich war.

 

Bei einem Kumpel oder dessen Freundin. Einige von ihnen kannte er noch aus der Zeit als Jugendvertreter.

 

Alkohol war weiter da. Aber er stand nicht mehr im Mittelpunkt. Es kam anderes dazu. Es wurde geraucht, geschnieft, geschluckt und gemischt.

 

Was gerade da war, wurde genommen.

 

Sie saßen herum, machten Quatsch, hörten Musik und dröhnten sich bis tief in die Nacht zu. Am nächsten Tag stand trotzdem Arbeit an.

 

Auf den Tischen stapelten sich Flaschen, volle Aschenbecher, Bongs und Material zum Stopfen von Pfeifen. Niemand achtete besonders darauf, was schon seit Tagen dort rumlag.

 

Einmal waren sie durstig und nahmen vom Tisch eine Orangensaftpackung, die offenbar schon länger dort stand. Das Getränk wurde rumgereicht. Erst als Anemun die Packung noch einmal nahm und den Rest in ein Glas leerte, hing aus der Öffnung ein dicker Schimmelschlauch heraus.

 

Er zeigte den anderen die Packung. Alle verzogen das Gesicht, als müssten sie sich übergeben.

 

Anemun ging sofort ins Bad und spülte sich den Mund aus.

 

Der Durst war zunächst weg.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 106

 

 

 

 

Manchmal merkt man erst,
dass etwas anders ist,
wenn es nicht mehr aufhört.

 

 

 

Polizeieinsatz und verstörende Wahrnehmung.

 

 

 

Im Zimmer

 

 

Es war eine Privatparty. Zu laut. Zu voll.

 

Alle waren auf Trip. Es wurde geraucht, geschluckt und gemischt.

 

Irgendwann stand die Polizei draußen vor dem Balkon. Die Nachbarn hatten sich wegen der Lautstärke beschwert.

 

Anemun zog sich in ein anderes Zimmer zurück. An der Wand hing ein Bild aus einem alten Medizinbuch: ein Gesicht ohne Haut, Muskeln und Strukturen offen sichtbar. Er blieb davor stehen und sah es sich an.

 

Das Bild begann sich langsam zu bewegen. Das Gesicht schien zu kauen.

 

Gleichmäßig. Ruhig.

 

Er konnte nicht wegsehen. Es faszinierte ihn. Eine ganze Weile.

 

Dann setzte er sich hin und nahm ein Buch in die Hand. Schwarz-weiß. Düster. Zeichnungen von H. R. Giger.

 

Beim Blättern veränderte sich etwas.

 

Nicht nur die Bilder. Auch der Raum. Sein Gefühl.

 

Es fühlte sich an, als würde ihn etwas in diese Abbildungen hineinziehen. Nicht nur gedanklich. Als würde etwas an ihm ziehen und ihn weg von sich selbst führen.

 

Er hielt inne und schloss das Buch.

 

Für einen kurzen Moment.

 

Dann öffnete er es wieder.

 

Sofort war dieses Ziehen wieder da. Deutlicher. Stärker. Näher.

 

Zu nah.

 

Er wusste: Wenn er jetzt nicht aufpasste, würde er vielleicht nicht mehr zurückkommen.

 

Er schlug das Buch zu. Endgültig.

 

Dann saß er einfach da und wartete, bis es wieder runterkam.

 

Die Polizei war längst gegangen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 107

 

 

 

 

Etwas bleibt zurück,
auch wenn die Nacht vorbei ist.

 

 

 

Drogen-Erfahrung, Meditation und die Suche nach Orientierung.

 

 

 

Es blieb

 

 

Nach dieser Nacht war äußerlich nichts anders.

 

Und doch war etwas da.

 

Nicht deutlich. Nicht greifbar. Aber vorhanden.

 

Dieses Gefühl aus dem Zimmer. Das Ziehen. Der Eindruck, dass etwas geschehen war, das er nicht einordnen konnte.

 

Er dachte immer wieder daran. An dieses Anderssein. Als hätte sich etwas geöffnet und gleich wieder geschlossen.

 

Es passte nicht zu dem, was er bisher kannte. Also fing er an, sich damit zu beschäftigen.

 

Manchmal saß er da und malte mit Aquarellfarben. Farben liefen ineinander, Formen veränderten sich. Ohne Vorlage, ohne Ziel. Einfach, um diesem Gefühl näherzukommen.

 

Er las Bücher, die ihn früher nicht interessiert hätten: alte Texte, indische Schriften, das sechste und siebte Buch Mose. Texte, die von Dingen handelten, die weitergingen als das, was er kannte.

 

Am Morgen stand er früher auf. Er zündete eine Kerze an, stellte ein Räucherstäbchen hin und setzte sich.

 

Still.

 

Er versuchte, ruhig zu werden. Einfach da zu sitzen. Zu atmen. Nichts zu tun.

 

Es fiel ihm nicht leicht. Aber er machte es trotzdem.

 

Jeden Morgen ein Stück mehr.

 

Indien ließ ihn nicht los. Die Vorstellung, dorthin zu gehen, blieb. In dieser Zeit veränderte sich auch, mit wem er unterwegs war.

 

Wenn er nach Jugoslawien kam, traf er seinen alten Jugendfreund Niko wieder. Früher hatten sie zusammen gefeiert. Jetzt saßen sie stundenlang zusammen und redeten.

 

Nicht mehr nur über das, was draußen geschah.

 

Sondern über Bewusstsein. Wahrnehmung. Darüber, was wirklich ist. Und ob es mehr geben könnte als das, was man sieht.

 

Es waren keine Antworten. Eher neue Fragen, die dabei entstanden.

 

Sie nahmen oft etwas. Es war nicht mehr nur Flucht. Sie wollten sehen, was sich an ihrer Wahrnehmung veränderte, und hofften auf Erkenntnisse.

 

Sie wurden ruhiger. Bedächtiger. Die Zeit dehnte sich. Die Gespräche gingen tiefer.

 

Es gab Momente, in denen sich etwas zu lösen schien.

 

Für einen Augenblick. Dann war es wieder weg. Er verstand es nicht.

 

Aber er wollte es wissen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 108

 

 

 

 

Es fehlt wenig,
bis eine Nacht kippt.

 

 

 

Drogenkonsum und eine angespannte Begegnung im Park.

 

 

 

Am Rand

 

 

Es war Nacht. Der Park war weitläufig, mit Bäumen, kleinen Hügeln und dunklen Wegen. Über ihnen war ein klarer Sternenhimmel.

 

Anemun war mit seinem Kumpel, dessen Freundin und weiteren Leuten unterwegs. Sie hatten Mikros genommen, kleine schwarze und weiße LSD-Tabletten. Nicht wenig. Im Laufe der Nacht legten sie immer wieder nach.

 

Die Eindrücke waren stark. Im Dunkeln wurden die Bäume zu Gestalten. Alles bekam Konturen, die nicht wirklich da waren.

 

Ein Teil der Gruppe war weiter vorne. Anemun ging eher am Rand und bekam nicht alles mit, als sie auf eine andere Gruppe trafen.

 

Er war zu weit weg, um einzelne Worte zu verstehen. Aber die Spannung war sofort da. Etwas lag in der Luft. Es wirkte, als könnte es Stress geben.

 

Die Situation schien kurz davor, zu kippen.

 

Doch seine Kumpels beruhigten die Lage, bevor etwas passierte.

 

Die andere Gruppe ging weiter. Dann gingen auch sie weiter.

 

Der Park wurde wieder still.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 109

 

 

 

 

Die Stadt war dieselbe.
Doch er sah sie anders.

 

 

 

Veränderte Wahrnehmung und ein außerkörperlicher Moment.

 

 

 

Ein anderer Blick

 

 

Es war ein sonniger Tag. Sie waren draußen unterwegs, zwischen Menschen, Straßen und dem normalen Leben.

 

Sie hatten etwas genommen. Doch diesmal war es anders.

Es war leicht. Ruhig. Fast selbstverständlich.

 

Sie gingen nebeneinander, redeten und lachten. Es fühlte sich an, als würde sich etwas ordnen, ohne dass sie bewusst etwas dafür tun mussten.

 

Beim Gehen geschah es.

 

Nicht langsam. Nicht angekündigt.

 

Er löste sich von sich selbst. Ein oder zwei Meter nach oben, vielleicht. Und sah sich, wie er die Straße entlangging.

 

Über sich und gleichzeitig bei sich.

 

Es machte ihm keine Angst. Im Gegenteil. Es war ruhig, klar und faszinierend.

 

Als würde er sich selbst zum ersten Mal sehen.

 

Nach außen war alles normal. Und doch fühlte sich die Welt weiter, offener und friedvoller an. Niko erlebte dasselbe.

 

Kein Überschwang. Kein Lärm.

 

Eher ein stiller Moment, in dem etwas möglich schien, das sie vorher nicht kannten.

 

Sie sprachen darüber, wie es sich anfühlte und was es sein könnte.

 

Es war ruhig, klar und stimmig.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 110

 

 

 

 

Die Verweigerung führte ihn
weg von den Maschinen.

 

 

 

Zivildienst und Essen auf Rädern.

 

 

 

Mit Menschen

 

 

Er hatte verweigert. Nicht lange überlegt.

 

Klare Befehlstrukturen und ein System, in das er sich einfügen sollte, waren nicht sein Weg. Er konnte sich eher vorstellen, als Befehlsverweigerer im Bundeswehrknast zu landen, als dort zu funktionieren.

 

Er begründete die Verweigerung mit Gewaltlosigkeit und der Ablehnung von Waffengewalt.

 

Die Worte passten, auch wenn sie nicht ganz seine waren.

 

Seine erste Zeit beim ASB verbrachte er mit Essen auf Rädern. Keine große Aufgabe. Und doch war es etwas anderes als alles zuvor.

 

Er fuhr zu älteren Menschen, brachte Essen, half im Haushalt oder beim Einkaufen.

 

Gelegentlich blieb er noch, saß mit am Tisch, unterhielt sich und hörte Geschichten aus ihrem Leben.

 

Es waren einfache Dinge aus dem Alltag. Gerade deshalb wirkten sie anders.

Er war nicht mehr an einer Maschine. Nicht mehr in einem Takt, der von außen bestimmt wurde. Er war bei Menschen.

 

Das fühlte sich ruhiger an. Direkter. Näher.

 

Die morgendliche Meditation blieb zunächst. Auch die Erfahrungen aus den Jahren davor und die damit verbundenen Empfindungen verschwanden nicht.

 

Aber sie standen nicht mehr so im Vordergrund.

 

Etwas hatte sich verschoben: weg von dem, was nicht mehr passte, hin zu etwas, das er noch nicht ganz verstand.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 111

 

 

 

 

Der Blick verändert sich,
wenn man nicht mehr ausweichen kann.

 

 

 

Rollstuhl-Übung, Pflege und Dekubitus.

 

 

 

Näher dran

 

 

In einer Schulung für Zivildienstleistende saß Anemun für eine Übung im Rollstuhl. Sie fuhren durch die Stadt, schoben sich gegenseitig und machten zunächst Quatsch.

 

Es wirkte fast wie ein Spiel.

 

Dann merkte er, wie schnell sich der Blick veränderte.

 

Autos standen im Weg.

 

Bordsteinkanten wurden zu Hindernissen.

 

Wege waren plötzlich zu eng.

 

Geschäfte hatten Stufen, Regale waren zu hoch.

 

Kleine Dinge, die für andere keine Rolle spielten.

 

Für jemanden im Rollstuhl entschieden sie darüber, ob man weiterkam oder nicht.

 

Später wurde es direkter.

 

Zur Pflege gehörten Toilettengänge, Waschen und Windeln wechseln.

 

Auf einer Pflegestation zeigte man ihnen einen Dekubitus. Eine tiefe offene Stelle am Gesäß. Haut und verfaultes Gewebe, das nicht mehr heilte. Die Wunde musste versorgt und eingecremt werden. Es roch streng.

 

Später machte er das selbst.

 

Auch die Wohnungen blieben ihm im Gedächtnis. Manche waren schlecht gelüftet. Die Luft stand schwer in den Räumen. Sie rochen anders als die Wohnungen, die er bisher kannte.

 

Er war nicht mehr nur Besucher. Nicht mehr nur jemand, der Essen brachte.

 

Er war näher dran.

Am Körper. Am Alter. An dem, was Menschen nicht mehr allein schaffen konnten.

 

Es erweiterte sein Verständnis dafür, was es heißt, auf Hilfe angewiesen zu sein.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 112

 

 

 

 

Ein herzlicher Gruß.
Und ein Platz am Tisch.

 

 

 

Essen auf Rädern und Erlebnisse im Zivildienst.

 

 

 

Begegnungen

 

 

Er kam meistens zu denselben Menschen.

 

Morgens brachte er Brötchen, mittags das Essen. Er klingelte oder hatte einen Schlüssel und trat ein. Nach einer Weile kannte er die Wohnungen, die Küchen und den richtigen Platz am Tisch.

 

Manchmal stellte er das Essen nur ab und fuhr weiter. Oft blieb er noch.

 

Er setzte sich dazu, aß hin und wieder mit, half ein wenig oder hörte zu. Manche erzählten von früher. Von Dingen, die lange zurücklagen und trotzdem noch da waren.

 

Frau Selig lächelte jedes Mal, wenn er kam.

 

„Sodele Popodele“, sagte sie und setzte sich mit ihm an den Frühstückstisch.

 

Dann aßen sie gemeinsam und unterhielten sich.

 

Manche bedankten sich mit einem kleinen Trinkgeld oder steckten ihm etwas zu. Für sie war es wichtig, nicht nur Hilfe anzunehmen, sondern sich auch erkenntlich zu zeigen.

 

Dabei ging es nicht nur um das Essen, sondern darum, dass jemand da war.

 

Es gab auch die anderen Einsätze: Pflege, lange Tage, Menschen, die nicht mehr alles allein konnten.

 

Eine Frau bestand darauf, dass beim Saugen dreimal über denselben Teppich gegangen wurde. Einmal reichte nicht. Zweimal auch nicht. Erst beim dritten Mal war es für sie erledigt.

 

Zwischen Haushaltshilfe, Frühstücksbrötchen, Mittagessen und den Geschichten am Tisch entstand etwas anderes.

 

Anemun war nicht mehr nur unterwegs. Nicht mehr nur jemand, der etwas brachte und weiterfuhr.

 

Er war ein kleiner Teil ihres Alltags.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 113

 

 

 

 

Erst im Rückblick
wird sichtbar,
dass sich etwas verändert hat.

 

 

 

Zivildienst, selbstständige Touren und Abstand zur Arbeit an Maschinen.

 

 

 

Verschiebung

 

 

Es kam nicht an einem bestimmten Tag.

 

Eher mit der Zeit.

 

Morgens kam er zur Arbeit, hatte seinen Plan und fuhr los. Die Route stand fest, ebenso das, was zu tun war. Er erledigte seine Touren selbstständig. Niemand stand neben ihm und redete ständig dazwischen.

 

Er fuhr von Wohnung zu Wohnung, brachte Essen, half im Haushalt, kaufte ein oder setzte sich noch mit an den Tisch.

 

Er unterhielt sich mit den Menschen, hörte zu, lachte mit ihnen und machte auch mal Quatsch.

 

Es war selbstständiger als die Arbeit in der Werkhalle.

 

Dort hatte der Takt bestimmt, was geschah. Maschinen, Abläufe, Wiederholungen. Jede Schicht gleich, jede Bewegung vorgegeben.

 

Hier war es anders.

 

Es ging um Menschen. Um ihren Alltag. Um kleine Dinge, die für sie wichtig waren.

 

Mit der Zeit merkte er, wie wohl er sich dabei fühlte. Nicht an kalten Maschinen, sondern unter Menschen.

 

Wenn er an die Werkhalle zurückdachte, wurde eines klar.

 

Er konnte sich nicht mehr vorstellen, die nächsten dreißig oder vierzig Berufsjahre an einer Maschine zu verbringen.

 

Die Richtung war noch nicht klar.

 

Aber zurück wollte er nicht.

 

Aufzeichnungen von Anemun – 114

 

 

 

 

Nicht alles,
was sich gut anfühlt,
bleibt.

 

 

 

Babysitten und Rückzug aus einer beginnenden Beziehung.

 

 

 

Nähe

 

 

Er hatte eine Anzeige in der Zeitung gesehen. Es wurde ein Babysitter gesucht.

 

Er meldete sich, fuhr hin und lernte sie und ihr Kind kennen. Das Kind war ungefähr zwei Jahre alt, die Mutter alleinstehend und um die dreißig.

 

Zuerst ging es nur um das Babysitten. Er kam wieder. Und noch einmal.

 

Mit der Zeit wurde es mehr als ein Auftrag.

 

Wenn sie abends weg war und später nach Hause kam, saßen sie manchmal noch zusammen, tranken ein Glas Wein und unterhielten sich. Langsam wurde daraus Nähe und dann auch Intimität.

 

Sie sahen sich einige Monate. Nicht jeden Tag. Aber oft genug, dass er auch Zeit mit ihr und dem Kind verbrachte.

 

Bei gemeinsamen Ausflügen saß er am Steuer ihres Wagens. Es fühlte sich ruhig an. Vertraut. Fast wie eine Familie.

 

Und genau das machte es für ihn schwerer.

Es war nicht mehr nur Nähe. Das Kind gehörte dazu.


Dafür war er nicht bereit.

 

Er zog sich langsam zurück.

 

Irgendwann beendete er es kurz und knapp. Ohne großes Gespräch.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 115

 

 

 

 

Nicht alles, was endet,
lässt sich einfach zurücklassen.

 

 

 

Abbruch einer beginnenden Beziehung und die Bindung zu einem Kind.

 

 

 

Rückzug

 

 

Zuerst war es ruhig.

 

Kein Streit. Kein langes Nachspiel. Nur Abstand.

 

Doch nach einer Weile dachte er wieder daran. An sie. Mehr noch an das Kind.

 

Es war nicht nur Nähe gewesen. Das Kind hatte dazugehört. Es kannte ihn, hatte sich an ihn gewöhnt und mochte ihn. Jetzt war er nicht mehr da.

 

Er versuchte, nicht lange darüber nachzudenken und es für sich passend zu machen.


Doch richtig fühlte es sich nicht an.

 

Stolz war er darauf nicht.

 

Der Rückzug kam ohne bewussten Entschluss.

 

Seine innere Welt wurde wichtiger. Dort musste er nichts erklären, nichts halten und auf niemanden reagieren.

 

So entstand Abstand zu etwas, das ihm zu nah wurde.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 116

 

 

 

 

Eine Haltung kann Halt geben.
Und etwas kosten.

 

 

 

Kaufhausbegegnung, Askese und verpasste Nähe.

 

 

 

Die Rolltreppe

 

 

Er war mit anderen aus dem Zivildienstseminar in einem Kaufhaus unterwegs, als sie ihm auf der Rolltreppe entgegenkam.

 

Sie fuhr nach unten. Er nach oben.

 

Blond. Kristallblaue Augen. Hammerhübsch.

 

Oben drehte er um, fuhr ihr hinterher und sprach sie an. Sie blieb stehen. Sie redeten. Zum Abschied gab sie ihm ihre Nummer.

 

Später trafen sie sich wieder, bei ihr zu Hause. Sie erzählte ihm, dass sie für den Playboy fotografiert worden war. Er glaubte es ihr nicht wirklich.

 

Für ihn wirkte es so, als wäre Nähe ohne Umwege möglich gewesen. Daran bestand kein Zweifel.

 

Doch Anemun erklärte ihr früh, dass er asketisch lebte, meditierte und gerade anders leben wollte.

 

Seine Kumpels fanden das äußerst seltsam. Für sie war es keine große Sache. Für ihn schon.

 

An seinem Geburtstag kam sie zu ihm nach Stuttgart. Sie verband den Besuch mit einem Treffen bei Bekannten in der Nähe. Seine Kumpels waren ebenfalls da. Sie feierten zusammen.

 

Auch diesmal schien Nähe möglich.
Doch er blieb bei seiner Haltung.

 

Später suchte er in Läden immer wieder nach der neuen Playboy-Ausgabe. Eines Tages fand er sie tatsächlich darin.

 

Er war überrascht. Und ärgerte sich später darüber, dass er das Heft nicht gekauft und sie damals abgewiesen hatte.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 117

 

 

 

 

Die Richtung zeigte sich
in dem, was er jeden Morgen tat.

 

 

 

Vegetarismus und Meditation.

 

 

 

Ausrichtung

 

 

Es blieb nicht bei einer einzelnen Entscheidung. Langsam veränderte sich, wie Anemun lebte.

 

Er aß kein Fleisch mehr. Nicht, weil es jemand verlangte, sondern weil es sich für ihn stimmig anfühlte.

 

Jeden Morgen saß er um halb fünf vor einer brennenden Kerze und einem Räucherstäbchen und meditierte. Mindestens eine halbe Stunde, oft länger.

 

Stillzusitzen war ungewohnt. Nichts zu tun. Nur zu atmen und bei sich zu bleiben.

 

Aber er machte es. Jeden Morgen.

 

Mit der Zeit wurde er ruhiger. Nicht plötzlich. Aber weniger getrieben.

 

Aufmerksamer für das, was um ihn herum geschah.

 

Eine Erinnerung kam ihm wieder in den Sinn.

 

Damals war er als langhaariger Metaller mit Nieten unterwegs gewesen. Ernst im Gesicht, mehr mit sich selbst beschäftigt als mit den Menschen um ihn herum.

 

Als er aus einer S-Bahn stieg, half er einer älteren Frau beim Einsteigen. Sie bedankte sich.

 

Es war nur ein kurzer Moment. Aber das gute Gefühl blieb ihm in Erinnerung.

 

Im Zivildienst erkannte er etwas davon wieder: bei Menschen zu sein und zu helfen.

 

Es war keine große Erkenntnis.

 

Aber ein erster Hinweis darauf, was ihm wichtig war.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 118

 

 

 

 

Es gibt Erfahrungen,
die sich nicht erklären lassen
und trotzdem alles verändern.

 

 

 

Gottesdienst, Bekehrung und eine tiefe Erfahrung.

 

 

 

Begegnung

 

 

Er war nicht allein in dieser Zeit. Einer der anderen Zivildienstleistenden wohnte mit ihm in derselben Unterkunft. Er las viel in der Bibel, trug Wollsocken und Birkenstocks und war anders unterwegs als die meisten.

 

Sie arbeiteten zusammen und redeten immer wieder über Glauben, Gott und das, was dahinterliegen könnte.

 

Irgendwann nahm der Kollege ihn mit zu einem Gottesdienst der Freien Christengemeinde in Stuttgart.

 

Es waren ungefähr tausend Menschen in der Halle. Musik, Gesang, Tanz, Predigt und Gebet. Eine lebendige Stimmung, die ihn sofort mitnahm.

 

Dann kam der Aufruf zur Bekehrung.

 

Mitten in diesem Gesang, den Gebeten und den vielen Menschen geschah etwas in ihm.

 

Es war, als würde ein Licht aufgehen.

 

Er fühlte sich getragen, geborgen und dem Ursprung ganz nah.

 

Als säße er auf Gottes Schoß.

 

Alles schien miteinander verbunden.

 

Er kannte Rausch, Weite und Zustände, die durch Drogen entstanden waren. Aber nichts davon hatte ihn so tief berührt wie dieser Moment.

 

Ohne etwas zu nehmen.

 

Es war klarer. Tiefer. Weiter.

 

Er konnte es sich nicht erklären.

Und alles, was vorher gewesen war, trat zurück.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 119

 

 

 

 

Nach diesem Gottesdienst
wurde vieles für ihn eindeutig.

 

 

 

Kontaktabbrüche und Abschied von Rauschmitteln.

 

 

 

Ohne Rest

 

 

Es blieb nicht bei diesem einen Gottesdienst.

 

Diese erste Erfahrung wurde schnell zu einer klaren Linie.

 

Er nahm die Fotos aus seiner früheren Zeit. Bilder der Partys, Spottbilder und allem, was er mit dieser Welt verband. Er zerriss sie und warf sie weg.

 

Als müsste alles verschwinden, was ihn noch daran erinnerte.

 

Auch Kontakte brach er ab. Manche aktiv. Andere wurden von allein weniger.

 

Er ging in die Gemeinde, in Hauskreise, Gottesdienste und Gespräche. Nicht nur als Besucher, sondern aktiv und mittendrin.

 

Es gab kein Dazwischen.

 

Entweder war man für Gott oder gegen ihn. Himmel oder Hölle. Richtig oder falsch.

 

Die Lauwarmen würden am Ende der Tage ausgespieen.

 

Alkohol ließ er weg. Drogen auch. Sex war tabu. Nähe sollte es nur noch in einem klaren Rahmen geben. Kein Sex vor der Ehe.

 

Mit seiner Bekehrung veränderte sich auch sein Blick auf das Essen. Er verstand Jesu Worte so: Nicht das, was ein Mensch isst, macht ihn unrein, sondern das, was aus seinem Mund kommt.

 

Deshalb begann er wieder Fleisch zu essen. Das erste Mal gab ihm sein Zivi-Kollege und Glaubensbruder hausgemachten, geräucherten Speck. Er lag ihm schwer im Magen.

 

Täglich las er in der Bibel, betete und diskutierte bei jeder Gelegenheit. Das Gute wollte er nicht für sich behalten. Er wollte es weitergeben.

 

„Geht hinaus und verkündet das Wort.“

 

Er sprach klar und überzeugend. Kein Argument ließ er einfach stehen. In der Schrift fand er die Antworten und hielt sie dagegen.

 

Einmal nahm er einen Freund mit nach Stuttgart, zu einem Gottesdienst. Es war derselbe, bei dem er sich früher mit dessen Freundin auf Privatpartys zudröhnte.

 

Anemun dachte, dieser Gottesdienst würde ihn berühren wie ihn selbst.

 

Der Freund erlebte den Gottesdienst mit. Danach war er überrascht, sogar geschockt, was mit Anemun passiert war. Er konnte es nicht fassen und nichts damit anfangen.

 

Die Freundschaft verlief sich danach. Anemun war ihm zu radikal.

 

Er ging auch noch einmal in die Firma und besuchte den Betriebsrat. Dort erzählte er von seinem Glauben und seiner Begeisterung. Statt Interesse bekam er Kopfschütteln und Unverständnis.

 

Die Reaktionen trafen ihn.

 

Damals erklärte er sie sich durch seinen Glauben: Der Teufel wolle verhindern, dass Menschen zu Gott fanden.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 120

 

 

 

 

Was ihn erfasst hatte,
wollte er nicht für sich behalten.

 

 

 

Straßenmission, Predigt und Gespräche in deutschen Städten.

 

 

 

Bringt ihnen das Wort

 

 

Über seinen Zivildienstkollegen kam Anemun in die Freie Christengemeinde Ludwigshafen. Dort begann er, bei den Einsätzen der Gemeinde mitzugehen und sich aktiv einzubringen.

 

Mit den Leuten aus Ludwigshafen ging er nach Mannheim und Heidelberg. Sie fuhren auch weiter weg, bis nach Leipzig und Dresden.

 

Später kam eine freie christliche Gemeinde im Karlsruher Raum dazu. Mit ihr war er dort ebenfalls aktiv.

 

Sie standen in Fußgängerzonen und auf Marktplätzen. Sie machten Musik, beteten und predigten. Flyer wurden verteilt, Menschen angesprochen.

 

Manche blieben stehen. Manche fragten nach. Andere gingen weiter, schüttelten den Kopf oder wurden ausfällig.

 

Anemun predigte laut. Er sprach offen über das, was ihn verändert hatte: über seine Süchte und den Unterschied zwischen seinem früheren Leben und dem Glauben.

 

Über die Bekehrung zu Jesus.

 

Er diskutierte mit Fremden, mit Skeptikern und mit denen, die widersprachen.

 

Für ihn ging es nicht mehr darum, etwas zu suchen.

 

Er glaubte, etwas gefunden zu haben.

 

Und er wollte es weitergeben.

 

Von Ort zu Ort. Von Gespräch zu Gespräch. Von Mensch zu Mensch.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 121

 

 

 

 

Nicht jeder Ort
ist offen.

 

 

 

Straßeneinsätze im Mannheimer Rotlichtviertel und Gottesdienst in der JVA Mannheim.

 

 

 

An anderen Orten

 

 

Die Einsätze führten nicht nur in Fußgängerzonen und auf Marktplätze.

 

Im Mannheimer Rotlichtviertel gingen sie nachts auch in die Bars. Sie sprachen Menschen draußen auf der Straße an, aber auch drinnen. Flyer wurden verteilt, Gespräche geführt.

 

Vor allem Obdachlose reagierten oft überrascht. Nicht unbedingt wegen der Flyer. Sondern weil jemand sich zu ihnen setzte und mit ihnen sprach.

 

Es waren Begegnungen, die anders waren. Verwunderung, Skepsis, kurze Gespräche. Nicht immer zugänglich. Nicht immer leicht.

 

So auch in der Justizvollzugsanstalt Mannheim.

 

Sie waren eine kleine Gruppe von vier oder fünf Leuten aus der Gemeinde. Mit Gitarren und Flyern. Im Gottesdienst sangen sie, beteten und sprachen auch mit den Inhaftierten.

 

Die Gefangenen saßen da. Begeisterung war kaum zu spüren. Die Atmosphäre blieb fremd und seltsam.

 

Sie konnten jederzeit wieder gehen.

Die anderen nicht.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 122

 

 

 

 

Nicht alles,
was gut gemeint ist,
kommt an,
wo es soll.

 

 

 

Hilfsaktion im Kroatienkrieg und weiterverkaufte Hilfsgüter.

 

 

 

Der Transport

 

 

Es war ungefähr 1992. In Kroatien war Krieg.

 

Für eine Kleinstadt südlich von Zagreb organisierte Anemun mit seiner Gemeinde im Karlsruher Raum eine Hilfsaktion. Kleidung, Wintersachen und Lebensmittel wurden gesammelt.

 

Seine Mutter half bei der Organisation mit und über seinen Onkel, der bei der Bundeswehr war, kam der Kontakt zustande. Die Bundeswehr stellte zusätzlich Lebensmittelpakete bereit, organisierte die Verladung und Logistik.

 

Der Konvoi fuhr ohne ihn.

 

Später erfuhr Anemun von Bekannten aus der Stadt, dass Teile der Hilfsgüter auf dem Schwarzmarkt verkauft wurden.

 

Das traf ihn.

 

Die Aktion war groß gewesen. Die Absicht war klar. Doch zwischen dem Sammeln in Deutschland und der Übergabe vor Ort lag etwas, das niemand kontrollieren konnte.

 

Für die Aktion erhielten Anemun und seine Mutter später von der Stadt eine Ehrenurkunde.

 

Die Nachricht von den weiterverkauften Hilfsgütern blieb trotzdem hängen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 123

 

 

 

 

Manche Wege
führen weiter,
als man geplant hat.

 

 

 

Hilfskonvoi in die Mongolei, Lkw-Unfall und Grenzkontrollen.

 

 

 

Unterwegs

 

 

Etwa ein Jahr nach der Hilfsaktion für die kroatische Kleinstadt kam die Anfrage aus Lüdenscheid.

 

Dort war Anemun öfter zu Gast gewesen. Die Gemeinde begleitete Menschen mit Drogenabhängigkeit in Wohneinheiten. Jetzt fragten sie ihn, ob er mit auf eine Reise in die Mongolei kommen wolle.

 

Die meisten bezahlten ihre Reisekosten selbst. Für Anemun wurde im Gottesdienst Geld gesammelt, damit er mitfahren konnte.

 

Der Konvoi bestand aus einem 40-Tonner-Sattelzug, einem extralangen Iveco L5 mit großem Anhänger und einem weiteren Fahrzeug. Sie hatten Lebensmittel, Hilfsgüter, Medikamente und Bibeln geladen.

 

Anemun fuhr den Iveco im Wechsel. An Grenzen half er, weil er kyrillische Schilder lesen und mit Beamten sprechen konnte.

 

Schon in Polen kippte der 40-Tonner um.

 

Bei einer Stadteinfahrt geriet der Lkw in einer Kurve mit dem linken Reifen an eine Verkehrsinsel. Dann kippte er nach rechts.

 

Anemun saß im Iveco dahinter. Er konnte nichts tun. Nur zusehen und beten.

 

Verletzt wurde niemand. Aber sie blieben mehrere Tage in Polen. Mönche nahmen sie auf und halfen ihnen. Ein Teil der Fracht war beschädigt. Alles, was noch brauchbar war, wurde eingesammelt und in einer Scheune gelagert.

 

Die Feuerwehr musste kommen, weil Diesel ausgelaufen war. Danach kam noch eine Strafe wegen Umweltverschmutzung dazu.

 

Der Besitzer des Lkw und ein weiterer Mann blieben in Polen, regelten alles mit der Versicherung und fuhren später zurück nach Deutschland. Der Rest des Konvois fuhr mit ungefähr zehn Leuten weiter.

 

An der Grenze zu Weißrussland standen die Fahrzeuge dicht hintereinander. Dort gab es lange Kontrollschächte, über die Autos zur Prüfung fuhren.

 

Im Dunkeln wollte eine Frau aus der Gruppe zwischen den Fahrzeugen hinübergehen. Sie sah den Schacht nicht und fiel hinein.

Sie brach sich die Rippen und musste dort im Krankenhaus bleiben. Auf dem Rückweg holte der Konvoi sie wieder ab.

 

Nachts hielten sie nicht an. Man hatte ihnen gesagt, auch dann nicht stehen zu bleiben, wenn jemand am Straßenrand wartete.

 

Getankt und angehalten wurde nur tagsüber. Gekocht wurde am Straßenrand bei Tageslicht. Im Iveco waren Pritschen eingebaut, damit immer ein paar Leute schlafen konnten.

 

Nach dem Unfall und der Verletzung beteten sie mehr. In ihrer damaligen Sicht führten sie einen geistlichen Kampf gegen den Teufel, damit sie gut ankamen.

 

Mit der Zeit wurden die Straßen schlechter. Schlamm, Furchen und Wege, auf denen die Fahrzeuge kaum weiterkamen.

 

Manchmal hingen sie sich an die seitliche Schiebetür des Transporters und verlagerten das Gewicht, damit es weiterging.

 

In Nowosibirsk organisierten sie zusätzlich einen Jeep. Auch er wurde voll beladen. Sie kauften weitere Lebensmittel und Material ein, damit sie mit mehr Hilfsgütern weiterfahren konnten.

 

Die Mongolei lag noch weit vor ihnen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 124

 

 

 

 

Man kommt an.
Und versteht erst einmal nichts.

 

 

 

Ankunft in der Mongolei, Predigt auf dem Markt und Aufbau einer christlichen Gruppe.

 

 

 

Ankommen

 

 

Zehn Tage waren sie unterwegs gewesen. Dazwischen lag ein zweitägiger Aufenthalt in Polen. Den Rest der Strecke fuhren sie fast ohne Pause im Schichtwechsel.

 

Dann erreichten sie die Mongolei.

 

Sie kamen beim Deutschen Roten Kreuz unter. Doch dort wartete zunächst vor allem eine Sprachbarriere. Kein Deutsch. Kein Englisch. Keine Sprache, mit der sie sich verständigen konnten.

 

Sie hatten Hilfsgüter dabei, Medikamente, Gitarren, Boxen und Bibeln. Aber sie wussten nicht, wie es weitergehen sollte.

 

Dann gingen sie über einen Markt, auf dem alles Mögliche verkauft wurde. Dort hörte eine Frau, die mit jemandem unterwegs war, dass sie Deutsch sprachen.

Sie sprach sie an.

 

Die Frau hatte in der DDR studiert und konnte übersetzen.

 

Am anderen Ende der Welt, fast achttausend Kilometer von Deutschland entfernt, in einem kleinen Grenzstädtchen, war plötzlich jemand da, der ihre Sprache verstand.

 

Sie bauten auf dem Markt ihre Anlage auf. Sie sangen, predigten und beteten.

Hilfsgüter wurden verteilt.

 

Menschen blieben stehen. Hörten zu. Kamen näher. Ließen für sich beten.

Es entstand eine christliche Gruppe.

 

Nach einigen Tagen musste der Konvoi zurückfahren. Anemun blieb mit seinem Co-Pastor in der Mongolei. Er sollte die Arbeit unterstützen, während Anemun die Leitung übernahm.

 

Sie hielten Gottesdienste, suchten das Gespräch mit Menschen und überlegten, wie es weitergehen konnte. Später organisierten sie auch eine Taufe.

 

Sie blieben etwa zwei Monate, bis die Nachhut kam und übernehmen konnte.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 125

 

 

 

 

Was bisher innen war,
bekam an diesem Tag
eine sichtbare Form.

 

 

 

Taufe im eiskalten Khovd Gol in der Mongolei.

 

 

 

Die Glaubenstaufe

 

 

An einem sonnigen Vormittag traf sich die neu entstandene Gemeinde.

 

Gemeinsam gingen sie zu Fuß über steinige Wege hinaus zum Khovd Gol, einem klaren Gebirgsfluss mit eiskaltem Wasser.

 

Ringsum war weit und breit nichts. Nur Steine, Gestrüpp und rohe Natur.

 

Etwa zwölf Menschen aus der jungen Gemeinde hatten sich auf den Weg gemacht, um die Taufe mitzuerleben.

 

Der Co-Pastor trat nach vorn.

Als Kind war er katholisch getauft worden. Jetzt wollte er bewusst eine Glaubenstaufe. Es war seine Entscheidung.

 

Anemun hielt eine kurze Predigt über die Bedeutung der Taufe. Danach betete er für den Täufling.

 

Anschließend gingen er und der Co-Pastor in den Gletscherfluss. Die Kälte war sofort spürbar. Trotzdem gingen sie weiter hinein, bis das Wasser ihnen knapp über die Hüfte reichte.

 

Anemun taufte ihn im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

 

Dann tauchte er ihn vollständig unter Wasser.

 

Für die Glaubensgemeinschaft war das der Kern dieser Taufe: Der alte Mensch wurde begraben. Mit dem Auftauchen begann ein neues Leben im Glauben durch die Auferstehung Christi.

 

Danach sangen sie am Ufer Lobpreislieder und beteten noch einmal gemeinsam.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 126

 

 

 

 

Der Ort,
an dem nichts drängte.

 

 

 

Gebet, Gemeindearbeit und Alltag als Übergangspastor.

 

 

 

Die Ruhe

 

 

Nach der Taufe blieb Anemun noch eine Zeitlang mit seinem Co-Pastor in der kleinen Stadt.

 

Sie wohnten im Haus des Deutschen Roten Kreuzes. Anemun war als Übergangspastor eingesetzt, bis die Nachhut kommen und die Gemeinde übernehmen konnte.

 

Die Tage begannen ruhig. Aufstehen, ankommen, manchmal frühstücken. Dann Gebet, Bibelstudium und die Vorbereitung auf das nächste Treffen.

 

Er überlegte, welche Bibelstelle passen könnte. Worüber sie sprechen würden. Was den Menschen helfen oder sie erreichen könnte.

 

Sonntags hielten sie Gottesdienst. Unter der Woche gab es Gespräche und Gebetszeiten. Die Tür stand offen. Menschen konnten kommen, wenn sie reden oder beten wollten. Sie beteten auch für Heilung.

 

Dazwischen war viel Zeit.

 

Anemun ging durch die kleine Stadt, die eher wie ein Dorf wirkte. Sonne, wenige Menschen, keine Hektik. Es gab kaum Ablenkung. Nur die fremde Umgebung, die Landschaft und Raum für die eigenen Gedanken.

 

Er hatte Verantwortung, ohne dass ständig jemand etwas von ihm wollte. Er konnte sich vorbereiten, beten, Gespräche führen und das Leben dort einfach geschehen lassen.

 

Für ihn war es eine der friedlichsten und ausgeglichensten Zeiten seines Lebens.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 127

 

 

 

 

Der Rückweg begann anders als geplant.

 

 

 

Rückreise über Kasachstan, Moskau und Köln/Bonn.

 

 

 

Rückweg

 

 

Als die Nachhut kam, war auch für Anemun die Zeit gekommen zurückzukehren.

 

Der Plan war, von Olgii nach Almaty zu fliegen und von dort weiter nach Moskau. Doch am kleinen Flughafen in Olgii ging wegen Treibstoffmangels nichts mehr.

 

Dort trafen sie den Bürgermeister von Zaisan. Er bot an, sie in seine Heimatstadt mitzunehmen. Von dort aus konnten sie weiter nach Almaty.

 

Etwa sechs Stunden fuhren sie im Jeep durch die Steppe.

 

Bei ihm und seiner Familie wurden sie aufgenommen. Es wurde aufgetischt, gegessen, gesungen und gebetet. Sie übernachteten dort.

 

Am nächsten Morgen brachte er sie zum städtischen Provinzflughafen. Er sprach mit jemandem, sie gaben ihre Reisepässe ab, mit dem Geld für die Tickets darin.

 

Tickets gab es keine für sie, doch den Reisepass und einen Sitzplatz hatten sie unter der Hand erhalten.

 

Im Flugzeug saßen sie direkt hinter dem Cockpit auf Plätzen, die eigentlich zum Bordpersonal gehörten.

 

Der Pilot lebte in Almaty. Er nahm sie mit zu sich nach Hause. Sie lernten seine Frau kennen, übernachteten dort und sahen noch etwas von der Stadt.

 

Am nächsten Tag organisierte er den Weiterflug nach Moskau.

 

Dort wechselten sie mit dem Taxi zum internationalen Flughafen Scheremetjewo und flogen mit Aeroflot weiter nach Köln/Bonn.

 

Bei der Ankunft wurden sie von Beamten des Bundesgrenzschutzes zur Seite gebeten. Fragen, Blicke, der Verdacht, sie könnten Drogenkuriere sein.

 

Doch nach kurzer Zeit war klar, dass sie von einer Missionsreise zurückkamen und keine Drogen bei sich hatten.

 

Sie durften weiter.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 128

 

 

 

 

Etwas passte nicht mehr zusammen.
Er war selbst dort gewesen.

 

 

 

Rückkehr aus der Mongolei und Berichte über Heilungen.

 

 

 

Zurück

 

 

Aus der Mongolei kehrten sie nach Lüdenscheid zurück.

 

In der Gemeinde waren die Missionsreise und Gemeindegründung seit Wochen das Thema. Es gab Freude, Umarmungen, Fragen und viele Menschen, die hören wollten, was geschehen war.

 

In den Gottesdiensten wurde regelmäßig von der Mongolei berichtet.

 

Von Heilungen. Von Wundern. Von Menschen, die aus dem Rollstuhl aufgestanden sein sollten.

 

Die Worte klangen groß, klar und überzeugend.

 

Anemun hörte zu.

 

Er war selbst dort gewesen. Er hatte Gebete erlebt, Hoffnung, Gespräche mit Menschen.

 

Aber nicht das.

 

Nicht in dieser Form. Nicht in dieser Größe.

 

Sein Co-Pastor sagte dazu nichts.

 

Für Anemun blieb es nicht einfach nur eine Geschichte.

 

Es passte nicht zusammen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 129

 

 

 

 

Zwei unterschiedliche Stimmen.
Und beide im Namen Gottes.

 

 

 

Konflikt zwischen zwei Gemeinden und Zweifel am System.

 

 

 

Widerspruch

 

 

Die Gemeinde in Lüdenscheid sagte es klar.

Gott habe zu ihnen gesprochen. Anemun solle bleiben.


Bei ihnen.

 

Dann ging er zurück in den Karlsruher Raum, zu seiner Heimatgemeinde.

Auch dort hörte er etwas Ähnliches. Wieder hieß es, Gott habe gesprochen.
Wieder sollte er bleiben.

 

Diesmal dort.

 

Es war nicht derselbe Ort.

Nicht dieselbe Gemeinde.

Nicht derselbe Weg.

 

Und doch wurde beides mit derselben Gewissheit gesagt.

 

Beide beriefen sich auf Gott.
Beide waren überzeugt.

 

Etwas zog sich in ihm zusammen.

 

Es war kein Gedanke, den er erst lange prüfen musste.

Beides konnte nicht gleichzeitig stimmen.

 

Sein Zweifel richtete sich nicht gegen sich selbst.
Sondern gegen das System.

 

Er zog sich nach Stuttgart zurück. Er brauchte Abstand. Luft.

 

Doch der Widerspruch war nicht aufgelöst.
Er glaubte weiter, dass er auf dem richtigen Weg war.


Vielleicht musste er nur noch tiefer eintauchen. Noch konsequenter.

 

London.
Jesus Army.

 

Nicht zurück.

Sondern Flucht nach vorn.

 

Nur extremer.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 130

 

 

 

 

Er ging nicht zurück.
Sondern tiefer hinein.

 

 

 

Jesus Army und nachträgliche Kostenforderung.

 

 

 

London

 

 

Er wartete nicht lange.

 

Er packte seine Sachen, kaufte ein Ticket und fuhr nach London. Ohne große Ankündigung. Mit dem Gefühl, geführt zu sein.

 

Dort traf er auf die Jesus Army. Mit einem Doppeldeckerbus waren sie in London auf Missionseinsätzen unterwegs. Anemun nahm Kontakt auf.

 

Sie schickten ihn weiter zur New Creation Farm in der Nähe von Nether Heyford.

 

Dort blieb er knapp einen Monat.

 

Die Gemeinschaft hatte mehrere Betriebe, Läden und landwirtschaftliche Einrichtungen. Auf der Farm wurde gearbeitet, produziert, ausgeliefert und gemeinsam gelebt.

 

Anemun fuhr mit einem Fahrer Lebensmittel aus. Später arbeitete er in der Produktion, kontrollierte Eier und half beim Sortieren und Verpacken.

 

Dazwischen gab es Gebet, Gemeinschaft und Gottesdienste.

Die Gottesdienste waren laut und wild. Punks, Rockmusik, Stage Diving. Es war eine andere Form von Glauben, als er sie bisher kannte.

 

Extrem.

 

Aber vertraut genug, um zu bleiben.

 

Auch im Alltag fielen ihm Regeln auf. Beim Frühstück sollte man sich entscheiden: Wurst oder Käse. Nicht beides auf einem Brot. Es war wohl eine Form von Entsagung.

 

Anemun nahm es hin.

 

Er arbeitete mit, lebte mit und ging davon aus, dass Unterkunft und Essen Teil dieser Gemeinschaft waren.

 

Erst am Ende kam ein Gespräch.

 

Um Unterkunft. Um Verpflegung. Und darum, dass er dafür zahlen solle.

Vorher hatte niemand etwas davon gesagt. Keinen Betrag genannt.

 

Für Anemun passte das nicht.

 

Er hatte gearbeitet. Er hatte mitgetragen. Er war nicht als Gast dort gewesen.

Und trotzdem stand er nun da wie jemand, der etwas schuldete.

 

Danach hakte er das Kapitel ab und fuhr nach Hause, ohne zu zahlen.

 

Für ihn ließ sich diese nachträgliche Forderung nicht mit dem vereinbaren, was er damals als christlichen Auftrag verstand.

 

„Umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebt.“

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 131

 

 

 

 

Was trägt,
kann auch entzogen werden.

 

 

 

Verlust von Zugehörigkeit in der Gemeinde.

 

 

 

Fall

 

 

Aus London kehrte Anemun zunächst nach Stuttgart zurück.

 

Dort suchte er „nichtgläubige“ Gesellschaft und griff wieder zu Entspannungsmitteln. Seine Haltung hatte sich nach diesen Erfahrungen stark verändert.

 

Als er später nochmals in seine Gemeinde im Karlsruher Raum kam, war es nicht mehr wie früher.

 

Er ging hinein, an einen Ort, der lange sein Zuhause gewesen war. Doch die Blicke waren anders. Kühler. Ausweichend. Es gab keine Umarmung, keine Nähe, kein Willkommen.

 

Es war, als wäre es ihnen unangenehm, dass er da war. Sie ignorierten ihn. Fast, als wollten sie verhindern, dass er noch andere verführe und mit in den Abgrund risse.

 

Niemand sprach es direkt aus. Trotzdem spürte er, dass er nicht mehr als Bruder galt. Dass er nicht willkommen war.

 

Für sie war er ein Gefallener. Ein Abtrünniger. Einer, der den Weg verlassen hatte, den Gott für ihn vorgesehen habe.

 

Vorher hatte er eine feste Aufgabe in der Gemeinde gehabt. Er leitete den Lobpreis, führte einen Hauskreis und war bei Straßeneinsätzen und Missionen oft der Motor.

 

Musik, Gesang und Gebet waren für ihn damals mehr als ein Programmpunkt. Es war ein Dienst, durch den Menschen vor Gott geführt werden sollten.

 

Jetzt war davon nichts mehr übrig.

 

Was über Jahre gewachsen war, war weg: die Gemeinde, die Glaubensgeschwister, die Aufgaben, das Umfeld, seine geistliche Familie. Das christliche Gemeindeleben lag nun hinter ihm.

 

Und es gab niemanden, nichts, das ihn auffing.

 

Auch sein Glaube nicht.

 

Für Anemun war zu viel widersprüchlich geworden: die Worte über Gottes Führung, der Verlust der Gemeinschaft und der Fall danach.

 

Was ihn lange getragen hatte, war zusammengestürzt.

 

Nach dem Besuch ging er wieder nach Stuttgart, in seine Geburtsstadt.

 

Es war kein Übergang. Es war ein Fall.

 

Und diesmal überwog nicht der Zweifel.

 

Sondern unendliche, schmerzhafte Leere.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 132

 

 

 

 

Nichts hielt mehr.

 

 

 

Leben in einer alten Polizeistation, Baustellenarbeit und Alkohol.

 

 

 

Aufprall

 

 

Er war zurück.

 

Aber nicht angekommen.

 

Stuttgart. Sein Ort. Sein Platz.

 

Er war getrennt von allem, was einmal sein Leben war.

 

Die Gemeinde war weg. Die Menschen auch. Und das, was davor gewesen war, gab es längst nicht mehr. Kontakte, Verbindungen, Gespräche. Er hatte sie selbst abgebrochen.

 

Nur wenige blieben: ein Freund, seine Familie. Mehr nicht.

 

Über seinen älteren Bruder kam er in die alte Polizeistation. Das Gebäude war ausgemustert, leer und noch voller Zellen und Gitter.

 

Die Firma des Bruders für Innenausbau, Renovierungen und Komplettsanierungen hatte die Räume angemietet. Sie dienten als Lager für Werkzeuge und Material. Man konnte dort auch übernachten.

 

Einige polnische Arbeiter wohnten ebenfalls dort. Gemeinsam fuhren sie morgens auf Baustellen.

 

Sie machten Innenausbau, Wände, Böden und alles, was bei Renovierungen und Sanierungen anfiel. Tagsüber wurde gearbeitet.

 

Abends wurde es lauter.

 

Es wurde gefeiert und getrunken. Alkohol war das Wichtigste. Anderes kam dazu.

 

Was vorher klar war, war nun weg: Regeln, Haltung, Richtung.

 

Nichts hielt mehr.

 

Er funktionierte von Tag zu Tag. Ohne Ziel. Ohne Anspruch. Nur weiter.

 

Nicht einmal mehr der Versuch war da, es richtig zu machen.

 

Doch auch diese Zeit war nicht von Dauer.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 133

 

 

 

 

Es war nicht alles weg.
Da war noch jemand,
der seinen Weg kannte.

 

 

 

Wiedersehen mit einem Freund aus Jugend- und Glaubenszeit.

 

 

 

Wiedersehen

 

 

Niko war der jüngere Bruder seines besten Freundes aus Jugoslawien.

 

Schon in Jugendzeiten hatten sie viel miteinander erlebt. Nächte, Straßen, Konsum und die Erfahrung, bei der sie sich außerhalb ihres Körpers wahrnahmen.

 

Später, als Anemun tief im Glauben war, holte er ihn aus Jugoslawien nach Deutschland. Sie arbeiteten gemeinsam in der Gemeinde.

 

Niko heiratete eine Deutsche und blieb in Deutschland. Ihre Wege trennten sich, auch weil er später in einer anderen Gemeinde war.

 

Nach der Scheidung kam er nach Stuttgart, zu Anemuns Bruder, um zu arbeiten und Geld zu verdienen. Dort trafen sie sich wieder.

 

Sie wohnten gemeinsam in der Polizeistation, gingen auf Baustellen und teilten wieder Alltag, Arbeit, Gespräche und Konsum.

 

Es brauchte nicht viele Worte.

 

Er kannte Anemuns Jugend. Er kannte die Glaubenszeit. Er wusste, woher er kam und was in den Jahren dazwischen gewesen war.

 

Sie mussten einander nichts erklären.

 

Niko löste nichts. Aber er war da.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 134

 

 

 

 

Es war mehr gewesen.
Eine Zeit,
die sie beide getragen hatte.

 

 

 

Gebet und gemeinsame Glaubensarbeit.

 

 

 

Die zwei Engel

 

 

Manchmal saßen Anemun und Niko abends in der alten Polizeistation zusammen und sprachen über die Zeit davor.

 

Sie sprachen zum Beispiel über den Bauunternehmer, den sie in einer freien christlichen Gemeinde im Karlsruher Raum kennengelernt hatten. Er war von ihrem Glaubenseifer berührt. Von der Art, wie sie beteten, redeten und für Jesus brannten.

 

Der eine mit langen, glatten blonden Haaren. Der andere mit langen, dunklen Locken. Wegen ihrer Haare nannte er sie den blonden und den schwarzen Engel.

 

Irgendwann bot er ihnen an, bei ihm zu wohnen. Er stellte sie auf Minijob-Basis an. Unterkunft und Verpflegung gehörten dazu.

 

Er wollte, dass sie mit ihm beteten, mit ihm über Bibelstellen sprachen und ihn geistlich begleiteten, wenn es ihm nicht gut ging. Er war selbst auf einem Glaubensweg. Aber es gab persönliche Konflikte, die ihn belasteten und in seinem Glaubensumfeld schwer auszuhalten waren.

 

Er suchte Halt, Gespräche und Gebet.

 

Sie flogen mit ihm einige Male nach Spanien, nach Las Palmas. Dort hatte er eine Villa mit Pool. In diesen Momenten fühlte sich die Glaubensarbeit fast wie ein paradiesischer Urlaub an.

 

Sie aßen zusammen, teilten Alltag und Gespräche. Mal wurde morgens gebetet, mal abends, mal dann, wenn es gerade nötig war.

 

Fast zwei Jahre ging das so.

 

Dann gingen die Wege weiter.

 

Niko heiratete eine Glaubensschwester und zog zu seiner Frau.

 

Anemun ging weiter in andere Gemeindearbeit und auf Missionsreise.

 

Jetzt saßen sie wieder zusammen. Zwischen alten Zellen und Gittern.

 

Und erinnerten sich daran, wie frei sie sich damals gefühlt hatten.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 135

 

 

 

 

Nicht alles,
was entschieden wird,
ist wirklich frei.

 

 

 

Beziehung, Heirat und der Glaubenssatz: Kein Sex vor der Ehe.

 

 

 

Bindung

 

 

Miriam hatte im Karlsruher Raum zu einer Gemeinde gehört.

 

Sie fuhr einen schwarzen Golf II. Genau wie Anemun. Nur Anemuns Golf war mit riesigen Aufklebern wie „Jesus liebt dich!“ und ähnlichen Sprüchen komplett beklebt. So konnte es keine Verwechslung geben.

 

Sie verstanden sich schnell.

 

Sie war sechs Jahre älter als er. Für Anemun war das nie ein Thema.

 

Beide kannten den Kampf mit Konsum und Süchten. Beide versuchten, im Glauben dagegenzuhalten.

 

Sie waren zusammen. Vertraut. Nah.

 

Doch zwischen ihnen stand stets etwas.

 

Klare Linien. Klare Regeln.

Kein Sex vor der Ehe.

 

Als Anemun den Karlsruher Raum längst verlassen hatte und sich vieles aus dieser Zeit bereits aufzulösen begann, beschlossen sie zu heiraten.

 

Nicht groß. Keine Gemeinde.

 

Nur beim Standesamt. Familie und Trauzeugen waren dabei. Still.

 

Gefeiert wurde später zu Hause, in entspanntem Rahmen: mit Essen, Trinken und Gesprächen.

 

Sie heirateten, weil dieser Glaubenssatz noch tief in ihnen saß.

Doch solche Sätze lösen sich nicht an einem Tag.

 

Sie wirken weiter, auch wenn das, woran man einmal geglaubt hat, längst brüchig geworden ist.

 

Und so begann eine Verbindung.

 

Nicht aus Freiheit.

Sondern aus etwas, das noch wirkte.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 136

 

 

 

 

Was sicher war,
begann sich zu lösen.

 

 

 

Drewermann, Jung, Fromm und die Loslösung vom alten Glauben.

 

 

 

Lösen

 

 

Es war ein langwieriger Prozess. Langsam, Schicht für Schicht.

 

Was ihn lange getragen hatte, begann sich in ihm zu lösen. Gedanken, die früher klar waren, wurden brüchig. Nicht unbedingt falsch. Aber nicht mehr unangreifbar.

 

Er begann zu lesen. Drewermann, Jung, Fromm. Texte, die Religion, Psyche und Glauben anders betrachteten. Sie sagten ihm nicht, was richtig war. Sie öffneten Fragen.

 

Immer mehr verstand Anemun vieles in der Bibel und in anderen heiligen Texten als Bildsprache. Jesus hatte in Bildern gesprochen. Für ihn ließ sich daraus nicht mehr nur eine einzige, feste Deutung ableiten.

 

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ las er nicht mehr nur als einen Satz, der andere Wege ausschloss.

 

Für ihn wurde daraus die Frage, was ein Mensch auf seinem eigenen Weg erkennt, als Wahrheit in seinem Leben erfährt und tatsächlich umsetzt. Was darin Bestand hat, vielleicht auch über dieses Leben hinaus, wenn es ein Danach gibt.

 

Damit verloren Gemeinden, Prediger und auch das, was bisher als Wort Gottes gegolten hatte, ihre unantastbare Macht über ihn. Entscheidend wurde nicht mehr allein, was andere als Gottes Willen auslegten.

 

Miriam bekam diese Bücher und Gedanken nur am Rand mit. Sie fand manches daran gut, ging diesen Weg aber nicht mit derselben Intensität wie er.

 

Gemeinden besuchte er nicht mehr. In ihm war ein Widerstand gegen den Absolutheitsanspruch gewachsen, den er dort erlebt hatte. So stark, dass er auch die Bibel nicht mehr las.

 

Es gab noch keine neue Gewissheit.

 

Nur die alte hatte ihre Macht verloren.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 137

 

 

 

 

Wenn das Leben weiterläuft,
aber nichts mehr verbindet.

 

 

 

Dreischichtarbeit, Ehekrise und Rückkehr zu Alkohol und Substanzen.

 

 

 

Dazwischen

 

 

Es ging weiter.

 

Eine Stadt in der Pfalz. Eine Wohnung. Ein Alltag.

 

Miriam arbeitete in der Diakonie. Anemun war zunächst noch auf Arbeitssuche.

 

In der Maisonettewohnung zog er eine Zeit lang Cannabis.


Die Pflanzen standen in Seramis. Er kümmerte sich sorgfältig um sie, gab ihnen Wasser, versorgte sie und drehte sie immer wieder zur Sonne.


Er beobachtete, wie sie wuchsen.


Es hatte etwas Beruhigendes.


Etwas bekam Licht.
Etwas wurde versorgt.
Etwas gedieh.


Die Ernte wurde prächtig.


Anemun war stolz darauf.


Es war etwas, das sichtbar wuchs.


Später fand Anemun einen Job und ging nach Ludwigshafen zur Arbeit.

 

Dreischicht. Akkord.

 

Eine Woche Frühschicht. Eine Woche Spätschicht. Eine Woche Nachtschicht.

 

Ein Rhythmus, der keiner war.

 

Der Körper kam nicht hinterher. Kaum hatte er sich an eine Zeit gewöhnt, wechselte die Schicht wieder.

 

Schlaf zur falschen Zeit. Wach zur falschen Zeit.

 

Dazu kam immer mehr Druck: Stückzahlen, Tempo, Vorgaben.

 

Es hörte nicht auf.

 

Auch nach Feierabend zählte er weiter. Im Schlaf. Zu Hause. In der Freizeit. Als hätte sich dieser Ablauf in ihm festgesetzt.

 

Niko kam später ebenfalls nach Ludwigshafen. Er arbeitete mit Anemun im Akkord und im selben Schichtsystem.

 

Die Nähe zwischen ihnen blieb.

 

Doch Anemuns Beziehung zu Miriam veränderte sich.

 

Leise. Langsam.

 

Was früher verboten gewesen war, war jetzt möglich. Und doch war es nicht wirklich da.

 

Sie sprachen hin und wieder darüber. Versuchten zu verstehen, warum es nicht passte. Warum etwas fehlte, das eigentlich hätte da sein sollen.

 

Ihre Bedürfnisse waren unterschiedlich.

 

Nicht als großer Konflikt. Eher als Abstand.

 

Aus Nähe wurde etwas Vertrautes.

Mehr wie Bruder und Schwester.

 

Alkohol und andere Substanzen kamen wieder dazu.

 

Nicht als bewusster Absturz.

Eher als ein Gleiten.

 

Ein Leben, das funktionierte.

 

Von außen stimmig.

 

Von innen leer.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 138

 

 

 

 

Manche Grenzen
sollten nicht überschritten werden.

 

 

 

Kieferoperation, Ehekonflikt und körperliche Gewalt.

 

 

 

Der Griff

 

 

In dieser Zeit ließ Anemun seinen Kiefer operieren.

 

Das Kiefergelenk knackte schon lange. Ihm wurde gesagt, eine Operation könne spätere Schäden und Abnutzung verhindern. Heute würde er diese Entscheidung nicht mehr so einfach treffen.

 

Mehr als ein Jahr trug er vorher eine feste Zahnspange. Die Zähne mussten vorbereitet und verschoben werden. Danach blieb die Zahnspange fast noch einmal so lange.

 

Dann wurde der Kiefer operiert, mit einem Meißel gebrochen, neu ausgerichtet und wieder fixiert.

 

Danach war sein Mund vier Wochen lang verdrahtet. Er konnte ihn nicht öffnen. Er ernährte sich von Flüssignahrung durch einen Strohhalm.

 

Das Knacken blieb trotzdem. Auch eine taube Lippe blieb zurück.

 

Damals kam es zu einem Streit mit Miriam.

Sie sagte etwas über seine Mutter, das ihn traf.

 

Er schrie sie an, so gut es mit geschlossenem Mund ging. Sein Kopf wurde rot. Die Halsadern traten hervor.

 

Dann packte er sie am Hals.

 

Es war das erste und einzige Mal, dass er seine Frau körperlich angriff.

 

Er hatte eine Grenze überschritten.

 

In ihm blieb dieses Bild: der geschlossene Mund, die Wut, die aus ihm herausbrach, und dieser unnötige Griff.

 

Es erinnerte ihn daran, dass es nicht die erste körperliche Grenzüberschreitung in seinem Leben gewesen war.

 

An die Jugendvertreterin aus Nürnberg und einen Streit, in dem er die Kontrolle verlor. Er gab ihr eine Ohrfeige. Ihr Ohrring flog weg.

 

Danach ging sie zur Polizei.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 139

 

 

 

 

Wenn Weitergehen so nicht mehr möglich ist,
zieht der Körper eine Grenze.

 

 

 

Dreischichtarbeit, Erschöpfung und Weiterbildung zum Maschinenbautechniker.

 

 

 

Grenze

 

 

Er war wieder an Maschinen.

 

Zwischen Lärm, Takt und Wiederholung. An einem Ort, von dem er nach dem Zivildienst gesagt hatte, dass er nie wieder dorthin zurückgehen würde.

 

Doch das Leben hatte ihn genau dorthin geführt.

Nicht aus Überzeugung. Sondern weil es notwendig war, um wieder Fuß zu fassen.

 

Frühschicht. Spätschicht. Nachtschicht.

Der ständige Wechsel zehrte an ihm. Schlafmangel, Schlafprobleme und Erschöpfung wurden immer stärker. Dazu kamen körperliche Beschwerden.

 

Was nicht mehr ging, wurde überdeckt.

 

Alkohol und andere Substanzen. Nicht, um auszubrechen. Sondern, um weiterzumachen.

 

Eine Zeit lang hielt es.

Dann nicht mehr.

 

Nach drei Jahren im Dreischichtsystem war klar: So ging es nicht weiter. Nicht auf Dauer. Und nicht bis zur Rente.

 

Er dachte an die Sätze, die er sich früher gesagt hatte.

 

Nie wieder Drogen.

Nie wieder zurück an die Maschine.

Nie wieder.

 

Oft war es anders gekommen.

Er hatte wieder konsumiert. Und er stand wieder an Maschinen. Sogar im Dreischichtakkord.

 

Sag niemals nie.

 

Es war kein großer Zusammenbruch. Keine plötzliche Entscheidung. Eher ein stilles Wissen.

 

Es musste sich etwas ändern.

 

Nicht irgendwann.

Jetzt.

 

Schließlich begann er eine Vollzeitweiterbildung zum staatlich geprüften Maschinenbautechniker mit Fachrichtung Maschinentechnik.

 

Ein Schritt in eine andere Richtung.

 

Noch ohne Garantie.

 

Aber mit etwas, das lange nicht mehr da gewesen war.

 

Eine Entscheidung.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 140

 

 

 

 

Außer Kontrolle.

 

 

 

Tod der Großmutter und ein Brand in der Wohnung.

 

 

 

Allein

 

 

Am 4. Februar 1999 starb seine Oma.

 

Er war nicht bei ihr gewesen. Nicht am Ende.

 

Dann stand die Beerdigung an. In Jugoslawien. Nicht um die Ecke.

 

Anemun steckte mitten in seiner Weiterbildung und hatte Prüfungen. Das gab ihm einen Grund, nicht zu fahren.

 

Vielleicht mied er die Beerdigung auch. Er wollte seine Oma nicht so in Erinnerung behalten. Beerdigungen hatte er, so gut es ging, vermieden.

 

An dem Tag, an dem die Nachricht kam, war er allein in der Wohnung.

 

Im Wohnzimmer stellte er Teelichter auf einen Holztisch. Einundachtzig Stück. Für jedes Lebensjahr seiner Oma eines.

 

Er ordnete sie zu einem Kreuz.

Flamme für Flamme zündete er sie an.

 

Dann saß er davor.

Lange.

 

Er weinte. Ohne Halt. Ohne jemanden.

Nur er und diese Lichter.

 

Irgendwann ließ die Kraft nach. Er schlief ein.

Die Teelichter brannten weiter.

 

Als er die Augen öffnete, brannte es bereits.

 

Er riss sich hoch.

 

Hitze. Rauch. Feuer.

 

Die Flammen hatten sich bereits in den Holztisch gefressen.

 

Er bekam sie aus.

Gerade noch rechtzeitig.

 

Der Tisch war verkohlt.

 

Danach blieb ihm der Gedanke, dass ihn etwas geweckt hatte.

Sonst hätte es anders ausgehen können.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 141

 

 

 

 

 

Sie war nicht mehr da.
Doch was sie ihm gegeben hatte,
blieb.

 

 

 

Weiterbildung zum Techniker und Verlust der Großmutter.

 

 

 

Danach

 

 

Die Weiterbildung lief weiter.

 

Stoff. Prüfungen. Zeichnungen. Programme. CAD.

Das war der Alltag.

 

Und doch passte etwas nicht.

Dieses bekannte Gefühl, nicht dorthin zu gehören.

 

Nicht in diese technische Welt. Nicht in diese Form von Arbeit.

 

Gleichzeitig war da etwas anderes.

Leiser.

 

Der Tod seiner Oma war nicht einfach vorbeigegangen.

 

Sie war mehr gewesen als nur Familie.

Eine der wenigen, die für ihn da gewesen waren.

 

Er erinnerte sich an ihre liebevolle Art. An ihren sanften Blick.

Als Kind war er zu ihr ins Bett gekrabbelt und hatte bei ihr gekuschelt.
Sie hatte mit ihm gebetet.

 

Er erinnerte sich auch an die Eier ihrer eigenen Hühner.

Manchmal nahm sie nur Eigelb, manchmal das ganze rohe Ei, schlug es mit Zucker auf und gab ihm weiches, frisches Brot dazu.

 

Dieser Geschmack war ihm geblieben.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 142

 

 

 

 

Was sich öffnet,
fordert eine Entscheidung.

 

 

 

Ausbildereignung, Fachhochschulzugang und Studium.

 

 

 

Richtung

 

 

Schon vor der Weiterbildung zum Techniker hatte Anemun etwas erlebt, das ihm zeigte, dass Lernen auch bei ihm funktionieren konnte.

 

Ein Freund aus der Ausbildungszeit wollte seinen Meister machen und brauchte dafür einen Realschulabschluss. Anemun selbst brauchte ihn nicht. Durch Ausbildung und Berufserfahrung hatte er bereits Zugang zur Technikerweiterbildung.

 

Trotzdem suchte er mit seinem Freund das Gespräch mit dem Schulrektor und den für die Prüfung zuständigen Lehrern, um als Schulfremder zur Realschulprüfung in Pforzheim zugelassen zu werden.

 

Viel Zuspruch gab es von den Lehrern nicht. Eher rieten sie ab. In kaum zwei Monaten sei der gesamte Stoff nicht zu schaffen.

 

Die Sekretärin sah es anders. Weil Anemun keine Meldeadresse in Pforzheim hatte und sich nicht bei seinem Freund anmelden konnte, gab sie ihm ihre eigene Adresse. Sie machte daraus kein großes Thema.

 

Danach bekamen sie die Zusage, holten die Schulbücher und bereiteten sich zu Hause gemeinsam auf die Prüfungen vor.

 

Anemun bestand die schriftlichen und mündlichen Prüfungen gut. Nur in Englisch reichte es für eine Vier.

 

Zum ersten Mal merkte er: Lernen konnte ihm gelingen. Und es konnte sogar Freude machen.

 

Die Weiterbildung zum Techniker ging in die letzte Phase.

Stoff. Prüfungen. Zeichnungen. Programme.

 

Er machte einen guten Abschluss.

 

In dieser Zeit wurde eine freiwillige Ausbildereignung angeboten. Sie hatte mit der Technikerausbildung eigentlich nichts zu tun.

Aber sie interessierte ihn. Pädagogik. Methodik. Didaktik.

 

Nicht Maschine. Mensch.

 

Er merkte, dass ihn Zusammenhänge interessierten: wie Menschen lernten, was sie dafür brauchten und was sie dabei bewegte.

 

Und damit verstand er auch sich selbst ein Stück mehr.

 

Die Richtung wurde klar.

 

Nicht Technik.

Etwas anderes.

 

Psychologie lag nahe. Aber der Weg dorthin war lang. Zu viele Voraussetzungen. Zu viele Schritte.

 

Er wollte keinen Umweg mehr.

 

Also suchte er nach einem direkten Zugang.

Der Abschluss als staatlich geprüfter Techniker wurde in einem anderen Bundesland als Zugang zur Fachhochschule anerkannt.

 

In Ludwigshafen bekam er zunächst keinen Studienplatz an der christlichen Fachhochschule für Sozialpädagogik.

 

Dann bewarb er sich in Koblenz.

Dort bekam er noch im gleichen Jahr einen Studienplatz für Diplom-Sozialpädagogik.

 

Nicht nur Theorie.

Arbeit mit Menschen. Praxis. Begegnung.

 

Er nahm den Platz an.

Ohne Sicherheiten.

 

Aber mit etwas, das lange gefehlt hatte.

 

Klarheit.

 

Dieser Schritt entstand nicht aus Not.

 

Sondern aus Entscheidung.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 143

 

 

 

 

Was sich löst,
wird sichtbar.

 

 

 

Studium, erster eigener Wohnraum und Trennung.

 

 

 

Eigener Raum

 

 

Koblenz.

Ein neuer Ort.

 

Zuerst wohnte Anemun in einem Zimmer im Studentenwohnheim.

Übergang.

 

Dann fand er in der Nähe des Campus eine kleine Einzimmerwohnung. Zimmer, Küche, Bad, eine Terrasse.

Klein, aber sein eigener Raum.

 

Zum ersten Mal lebte er wirklich allein.

Vorher hatte er immer mit anderen zusammengewohnt. Bei der Familie, im Zivildienstwohnheim, bei Gemeindemitgliedern, mit Freunden oder später mit Miriam.

 

Jetzt war er für sich.

 

Das Studium begann.

Am Anfang besuchte er alle Vorlesungen. Er wollte sehen, wie genau alles ablief.

 

Es gab Pflichtveranstaltungen und freiwillige Angebote.

 

Mit der Zeit ging er nur noch zu dem, was notwendig war. Er besorgte sich die Unterlagen, lernte allein und arbeitete sich in seinem eigenen Tempo durch den Stoff.

 

Fast wie ein Fernstudium mitten auf dem Campus.

 

Er war älter als viele andere im Semester. Viele kamen direkt aus einer Erzieherausbildung. Anemun und einige wenige hatten bereits gearbeitet, Berufe gelernt und anderes erlebt.

 

Unter ihnen war Adrian, ein Kommilitone, der ebenfalls älter und zuvor bei der Bundeswehr gewesen war. Aus dem Kontakt wurde eine Freundschaft.

Sie besteht bis heute.

 

Miriam kam manchmal nach Koblenz. Aber die Besuche wurden seltener.

 

Auch seine Familie kam hin und wieder. Sein großer Bruder unterstützte ihn beim Umzug. Sein kleiner Bruder kam manchmal zu Besuch.

 

Doch zwischen Anemun und Miriam entstand mehr Abstand.

Schritt für Schritt.

 

Weniger Nähe. Weniger Verbindung.

 

Irgendwann saßen sie in Koblenz zusammen und sprachen darüber.

Beide weinten.

 

Es wurde klar, dass ihre Ehe nicht weiterging.

Kein Bruch. Kein Streit. Kein Kampf.

Eher das Anerkennen, dass es nicht mehr trug.

 

Später gingen sie gemeinsam mit Anemuns Anwalt zum Scheidungsgericht.

Es tat weh. Leise und endgültig.

 

Was gewesen war, stellten sie nicht in Frage.

Und doch war es vorbei.

 

Sie ließen sich friedlich scheiden.

Respekt und Kontakt blieben.

 

Bis heute.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 144

 

 

 

Anemundi-Moment

 

 

Nicht alles,
was endet,
war falsch.

 

Manches war richtig
für eine Zeit.

 

Und trotzdem
kann der Moment kommen,
in dem es
nicht weiterführt.

 

Anemun ging weiter,
ohne das Gewesene
zu verleugnen.

 

Loslassen heißt:

 

dem Vergangenen
seinen Platz zu lassen

 

und frei zu werden
für das,
was neu entstehen darf.

 

ANEMUNDI ist ein Raum
für Menschen,
die spüren,
dass etwas enden darf,
ohne wertlos zu werden.

 

Wenn du loslassen möchtest,
ohne das Gewesene abzuwerten:

 

 

Melde dich.

 

kontakt@anemundi.de

 

 

 

 

Man kann neu anfangen
und trotzdem derselbe bleiben.

 

 

 

Studium, alte Muster und eine erste eigene Projektleitung.

 

 

 

Neu

 

 

Das Studium war anders als Schule und alles, was davor gewesen war.

 

Anemun lernte zum ersten Mal wirklich. Nicht aus Druck, sondern aus Interesse. Er verstand, wie Lernen für ihn funktionierte und was es veränderte, wenn er sich einen Stoff selbst erschloss.

 

Die anderen waren jünger, oft deutlich jünger. Viele hatten eine Erzieherausbildung gemacht und bereits ein, zwei oder drei Jahre gearbeitet. Anemun und einige wenige hatten dagegen einen anderen beruflichen und persönlichen Weg hinter sich.

 

Im Studentenheim entstand auch eine kleine Gemeinschaft. In der Küche wurde zusammen gekocht, gegessen und musiziert. Anemun hatte meist eine Gitarre dabei, manchmal brachte auch jemand anderes eine mit. Besonders lustig wurde es, wenn Anemun die Worte auf den Etiketten der Lebensmittel auf dem Tisch spontan vertonte und sang. Dann lachten sie alle.

 

Auch nachdem er in seine eigene Wohnung gezogen war, kam er immer wieder ins Studentenheim zurück und verbrachte Zeit mit den anderen.

 

Partys und Nächte gehörten ebenfalls dazu. Anemun ging manchmal mit. Aber es war nicht mehr seine Welt. Wenn sie ausgingen, zeigte er den anderen auch, wie er früher vorglühte: Er nahm ein paar Schlucke aus einer Flasche selbstgebrannten Schnapses. Das wirkte schnell und sparte später Geld in der Disco.

 

Es gab Begegnungen. Manche blieben offen. Manche gingen tiefer, ohne dass daraus etwas Festes wurde.

 

Doch nicht alles war neu.

 

Alte Muster tauchten wieder auf: Substanzen, flüchtige Nähe, der Reiz, Grenzen zu testen und Dinge mitzunehmen, ohne dafür zu bezahlen.

 

Es war nicht dauerhaft.

Aber nah genug, um zu zeigen, dass es nicht einfach verschwunden war.

 

Parallel entstand in der zweiten Hälfte des Studiums etwas anderes.

 

Über die Evangelische Jugend Rheinland-Pfalz und die Hochschule übernahm Anemun die Leitung eines Projekts mit Jugendlichen aus vier Ländern des ehemaligen Jugoslawiens.

 

Krieg und seine Folgen waren für viele Beteiligte keine abstrakten Themen. Jugendliche aus den betroffenen Ländern zusammenzubringen, war deshalb eine besondere Herausforderung.

 

Für Anemun hatte das auch mit seiner eigenen Geschichte zu tun.

 

Er organisierte, koordinierte und setzte um.

 

Zum ersten Mal wurde er für eine Arbeit bezahlt, in der er selbst Verantwortung übernahm.

 

Es war ein Anfang. Sein eigener.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 145

 

 

 

 

Von Koblenz
in den Osten Deutschlands.

 

 

 

Neue Beziehung im Studium und Besuch im Osten Deutschlands.

 

 

 

Der Besuch

 

 

Im Studium lernte Anemun eine Kommilitonin kennen. Sie studierte im gleichen Studiengang, war ein Semester vor ihm, einige Jahre jünger und kam aus dem Osten Deutschlands.

 

Sie verstanden sich gut. Auch körperlich stimmte es zwischen ihnen.

An manchen Wochenenden verließen sie die Wohnung von Freitagnachmittag bis Montagmorgen kaum. Viel Zeit verbrachten sie im Bett und probierten miteinander einiges aus.

 

Anemun bereitete sich dafür Safran, Mandelmus und Honig zu – Zutaten, die er als stärkend und potenzfördernd kannte.

 

Ihre Beziehung blieb nicht auf Koblenz beschränkt. Irgendwann fuhren sie gemeinsam zu ihr. Anemun lernte ihre Eltern, ihren Herkunftsort und ihr Umfeld kennen.

 

Der Besuch erinnerte ihn zugleich an eine frühere Zeit. Während seiner Christenzeit war er in Städten im Osten unterwegs gewesen: auf Straßen und Plätzen, mit Musik, Gebet und Gesprächen.

 

Jetzt war er nicht dort, um zu predigen oder Menschen zu überzeugen.

 

Er war wegen ihr dort.

 

Wieder im Osten Deutschlands.

Aber sein Leben war ein anderes.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 146

 

 

 

 

Kathmandu, Smog und Armut.
Und Bilder aus New York,
die weit weg blieben.

 

 

 

Smog, sichtbare Armut und der 11. September 2001 in Nepal.

 

 

 

Kathmandu

 

 

Für die Reise hatten sie ein günstiges Ticket in der ersten Klasse bei Nepal Airlines gefunden. Sie buchten es, ohne zu wissen, wie wichtig es später noch werden würde.

 

Als sie in Kathmandu ankamen, lag Smog über der Stadt. Viele Menschen trugen Gesichtsmasken. Auf den Straßen war Armut sichtbar, viel unmittelbarer als alles, was er bisher kannte.

 

Der Alltag wirkte anders. Der Unterschied zwischen denen, die etwas hatten, und denen, die um das Nötigste baten, war nicht zu übersehen.

 

Manche Menschen sprachen Reisende an und baten um Geld für Babynahrung. Manchmal ging Anemun mit ihnen direkt zu einem Kiosk und kaufte die Nahrung selbst. Das schien ihm sicherer, als einfach Geld zu geben.

 

Die Freude war groß.

 

Später bekam er mit, dass einige die gekaufte Babynahrung wieder zum Kiosk zurückbrachten und sich das Geld auszahlen ließen.

 

Es irritierte ihn.

 

Nicht, weil die Armut dadurch weniger wirklich gewesen wäre. Sondern weil eine Situation, die so eindeutig wirkte, plötzlich anders aussah.

 

Am 11. September 2001 erreichte sie in Kathmandu die Nachricht von den Anschlägen in den USA. In einem Café liefen die Bilder in den Nachrichten.

Die Bilder und Berichte wirkten seltsam auf ihn. In Kathmandu nahm er die Reaktion weniger aufgeregt wahr als später in den Berichten aus Europa und den USA.

 

So richtig konnte er es nicht einordnen.

Für ihn war es weit weg.

 

Nicht unwirklich.

Aber nicht so unmittelbar.

 

Kathmandu blieb ihm als eine Stadt der Gegensätze in Erinnerung.

 

Smog und Armut.


Hilfsbereitschaft und Misstrauen.

 

Und eine Nachricht,
die die Welt veränderte.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 147

 

 

 

 

Die Reise ging weiter.

Für Anemun
zunächst nicht.

 

 

 

Nepal: starke Rückenschmerzen und ein Krankenhaus in Pokhara.

 

 

 

Pokhara

 

 

Sie waren in Nepal unterwegs. Von Kathmandu ging es weiter nach Pokhara, wo seine Freundin ihr Praktikum in einer Einrichtung mit Kindern beginnen sollte.

 

Die Fahrt von Kathmandu nach Pokhara dauerte fast acht Stunden für etwa zweihundert Kilometer – auf teils schlechten und holprigen Straßen.

 

Danach setzten starke Rückenschmerzen ein. Sie wurden so heftig, dass Anemun kaum noch gehen konnte. Auf dem Weg zur Toilette wurde ihm vor lauter Schmerz schwarz vor Augen, dass er beinahe zusammenbrach.

 

Er versuchte, die Schmerzen mit Cannabis zu dämpfen.

 

Doch es half ihm nicht wirklich.

 

Schließlich kam er in ein Krankenhaus in Pokhara. Es war anders als die Krankenhäuser, die er kannte. Die Räume waren hoch, die Wände nach oben hin offen. Er hörte die anderen Patienten, ihre Stimmen und die Unruhe im Haus.

 

Die Diagnose war eine Bandscheibenvorwölbung im Lendenbereich. Sein Bein war taub. Die Schmerzen zogen ins Bein und bis in den Kopf.

Später erklärte Anemun sie so: Es fühlte sich an, als würde beim Zahnarzt ein Nerv angebohrt. Wie ein Blitz, der durch den Körper fährt und nicht abgeleitet wird. Keine Lage brachte Erleichterung. Nicht im Liegen, nicht im Sitzen und nicht im Stehen.

 

Es war die Hölle.

 

Schmerzmittel bekam er keine.

Stattdessen legte man ihn auf eine Streckbank. Mit Gewichten wurde versucht, seinen Rücken zu entlasten.

 

Essen wurde nicht ins Zimmer gebracht. Wer nicht aufstehen konnte, war darauf angewiesen, dass jemand hinunterging, etwas kaufte und es wieder heraufbrachte.

 

Seine Freundin kam regelmäßig und versorgte ihn. Auch mit Englisch kam man dort oft nicht weit. Die Verständigung blieb schwierig.

 

Für eine Untersuchung wurde er in den Keller gebracht. Dort war es eisig kalt. Er hatte nur ein OP-Leibchen an.

 

Vor der Untersuchung unterschrieb er ein Formular. Wofür genau, wusste er in diesem Moment nicht. Es war ihm suspekt, aber er unterschrieb.

 

Dann bekam er eine Spritze in den Rücken. Er sollte sich dabei nicht bewegen. Doch sein ganzer Körper zitterte vor Kälte.

 

Innerlich betete er, dass alles gutgehen würde.

 

Besser wurde es nur langsam. Die Schmerzen ließen mit der Zeit etwas nach, verschwanden aber nicht.

 

Anemun reiste, sobald die Schmerzen es zuließen, wieder zurück. Seine Freundin blieb in Pokhara und setzte ihr Praktikum fort.

 

Die Rückreise wurde anders als geplant. Nepal Airlines stellte den Flug ein.

Anemun flog deshalb mit Austrian Airlines zurück. In der ersten Klasse von Austrian Airlines hatte er deutlich mehr Platz und Komfort als auf dem Hinflug. Für seinen Rücken war das entscheidend. Mit mehr Platz konnte er die lange Reise überhaupt aushalten.

 

Noch gut ein halbes Jahr blieb der Rücken ein Thema. Operiert werden musste nicht. Er sollte regelmäßig Übungen machen, um den Rücken zu stärken.

 

In der Zeit begann Anemun regelmäßig zu joggen. Das Buch „Gentle Running“ zeigte ihm eine schonende Art, wieder in Bewegung zu kommen.

 

Langsam wurde die Rückenmuskulatur stabiler und die Strecken länger.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 148

 

 

 

 

Zurück in Koblenz.
Die Reise
hatte etwas verändert.

 

 

 

Geständnis nach der Nepalreise, HIV-Tests und Trennung.

 

 

 

Nach der Rückkehr

 

 

Anemun war nach fast drei Monaten Aufenthalt wegen seines Rückens früher aus Nepal zurückgereist. Seine Freundin blieb in Pokhara und beendete ihr Praktikum.

 

Als sie später nach Koblenz zurückkam, erzählte sie ihm, dass sie in Nepal eine sexuelle Beziehung mit einem Nepalesen gehabt hatte.

 

Für Anemun war das schwer auszuhalten.

 

Schon in Deutschland hatte sie immer wieder die Sorge geäußert, dass er fremdgehen könnte. Zugleich hatte sie den Eindruck vermittelt, dass so etwas für sie selbst nicht infrage käme.

 

Nach ihrer Rückkehr aus Nepal war es genau andersherum gekommen.

 

Das traf ihn tief. Er war verletzt, gekränkt und in seinem Vertrauen erschüttert.

 

In seinem Kopf entstanden sofort ungeordnete Bilder von unhygienisch wirkenden Händen, Körpern und Füßen, von intimen Küssen und Berührungen.

 

Diese Vorstellungen lösten bei ihm Ekel aus, obwohl er nichts über den Mann und die konkrete Situation wusste.

 

Ob sie dabei geschützt gewesen war oder nicht, machte es für ihn nicht besser.

 

Er verlangte, dass sie einen HIV-Test machte. Er ließ sich ebenfalls testen.

 

Sie war mit den Tests einverstanden. Es tat ihr leid.

 

Oft sprachen sie darüber und stritten manchmal.

 

Doch die Gespräche und die negativen Tests änderten nichts daran, wie sehr ihn das getroffen hatte. Der Ekel blieb, und den Vertrauensbruch konnte er nicht überwinden. Er konnte die Beziehung nicht weiterführen.

 

Es war vorbei.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 149

 

 

 

 

Eine neue Freundin.
Ein neuer Plan.

 

 

 

Neue Beziehung im Studium und Planung einer Weltreise.

 

 

 

Der Plan

 

 

Einige Zeit nach dem Ende seiner vorherigen Beziehung lernte Anemun im Studium Nora näher kennen.

 

Nora war dreizehn Jahre jünger als er, liebenswürdig und klug, oft lächelnd und für jeden Spaß zu haben.

 

Als sie sich kennenlernten, war sie noch mit einem anderen Studenten zusammen. Die Beziehung war jedoch bereits am Ende, und sie lebte mit ihm noch in der gemeinsamen Studentenwohnung.

 

Anemun lernte ihren damaligen Freund kennen.

Als die Beziehung endete und zwischen Anemun und ihr etwas entstand, blieb das Verhältnis zu ihrem ehemaligen Freund friedlich. Hin und wieder traf Anemun ihn noch in der Wohnung.

 

Sie erzählte immer wieder von ihrem Wunsch, nach dem Studium die Welt zu sehen: Neuseeland, Australien, einmal um die ganze Welt.

 

In Neuseeland hatte sie einen Bekannten, mit dem sie regelmäßig in Kontakt stand. Er hatte sie eingeladen, vorbeizukommen.

 

Einen festen Plan gab es zunächst nicht.

Anemun hörte zu. Die Vorstellung, dass sie allein losziehen würde, ließ ihn nicht los.

 

Er war besorgt. Und auch ein wenig eifersüchtig.

 

Die Erfahrungen aus vorherigen Beziehungen spielten dabei mit hinein.

 

Mit der Zeit wurde aus ihrem Wunsch ein gemeinsamer Plan.

 

Sie planten die Route und kauften ein Round-the-World-Ticket. Dafür mussten das erste Reiseziel, drei Zwischenstopps und das Rückreiseland festgelegt werden.

 

Als sie dann ihr Studium beendet hatten, waren Flüge und einige Unterkünfte gebucht.

 

Die Reise stand.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 150

 

 

 

 

Die Wohnung war aufgegeben.
Die Flüge waren gebucht.

 

 

 

Studienabschluss und Beginn einer Weltreise.

 

 

 

Der Aufbruch

 

 

Das Studium ging zu Ende.

 

Anemun und Nora schrieben ihre Arbeiten, legten Prüfungen ab und bestanden gut.

 

Für ihn war es kein großer Triumph. Eher ein Abschluss.

 

Die Wohnung wurde aufgegeben. Was nicht mit auf die Reise kam, wurde eingelagert oder blieb zurück.

 

Die Reise sollte fünf Monate dauern.

 

Das Round-the-World-Ticket war gebucht. Für die ersten zwei oder drei Nächte an den jeweiligen Ankunftsorten hatten sie feste Unterkünfte reserviert.

 

Sie hatten genug Geld, um fast ein halbes Jahr unterwegs zu sein.

 

Das günstige Studententicket für die Weltreise kostete etwas mehr als 1.000 Euro pro Person.

 

Am Ende kostete die Reise für beide zusammen rund 16.000 Euro, etwa 8.000 Euro pro Person. Darin enthalten waren Flüge, Unterkünfte, Mietwagen, Essen und alles Weitere.

 

Anemun finanzierte seinen Anteil mit dem Honorar aus der Projektleitung. Sie hatte Ersparnisse. Unterwegs führten sie keine getrennte Kasse und rechneten nicht jeden Betrag einzeln ab. Die Gesamtkosten der Reise teilten sie zur Hälfte.

 

Jeder hatte einen großen Rucksack für mehrere Monate und einen kleineren fürs Handgepäck. Kleidung, Schuhe, Schlafsack, Reisepapiere, Unterlagen und Reiseführer – alles, was sie für eine lange Reise brauchten. Beim Packen nahmen sie bewusst nicht zu viel Kleidung mit. Vieles konnten sie unterwegs relativ günstig nachkaufen.

 

Es war kein klassisches Work and Travel. Sie wollten unterwegs nicht arbeiten.

 

Sie wollten reisen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 151

 

 

 

 

Frankfurt lag hinter ihnen.

Thailand war da.

 

 

 

Bangkok: Erste Tuk-Tuk-Fahrt und Eindrücke einer fremden Großstadt.

 

 

 

Bangkok

 

 

Im November 2003 landeten Anemun und Nora in Bangkok.

 

Nach dem Flug fuhren sie zuerst in ihr Hotel. Sie ließen das Gepäck dort und blieben die ersten Nächte in derselben Unterkunft.

 

Dann begann die erste Besichtigung der Stadt.

 

Bangkok war groß, laut und voll. Viele Menschen, viele Autos, viele Tuk-Tuks. Dazu die feuchte Hitze, die schweren Gerüche und der Verkehr.

 

Nichts wirkte ruhig oder übersichtlich.

 

Zwischen den größeren Straßen und Gebäuden lagen einfache Häuser direkt am Wasser. Wellblechdächer, enge Stege und trübes Wasser lagen nur wenige Schritte von der modernen Stadt entfernt.

 

Mit einem Tuk-Tuk fuhren sie zunächst durch die Straßen. Die Fahrweise des Fahrers gefiel Anemun: wenig Zurückhaltung, viel Hupen und immer im Fluss des Verkehrs. Der Fahrer schlängelte das Tuk-Tuk durch den dichten Verkehr und brachte sie schließlich zu einem Bekannten, der ihnen Touristenartikel verkaufen wollte. Sie lehnten freundlich ab und gingen zu Fuß weiter, mitten hinein in diese Stadt, die sich anders bewegte als alles, was sie bisher kannten.

 

Über den Straßen hingen dichte Kabelstränge. Darunter drängten sich Autos, Motorroller und Tuk-Tuks durch die Straßen.

 

Überrascht waren sie, dass ihnen auf den Straßen Elefanten begegneten. Auch an anderen Stellen tauchten sie auf. Sogar Hecken auf den Mittelstreifen waren in Elefantenform geschnitten.

 

Am ersten Abend waren sie richtig müde von der langen Reise und froh, gut angekommen zu sein.

 

Jetzt hatte die Reise wirklich begonnen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 152

 

 

 

 

Von Bangkok
weiter auf die Inseln.

 

 

 

Thailand, Kuala Lumpur und Singapur: erste Etappe der Weltreise.

 

 

 

Weiter nach Süden

 

 

Nach den ersten Tagen in Bangkok reisten Anemun und Nora mit dem Zug weiter in Richtung Süden. Von da aus ging es nach Koh Samui.

 

Dort wechselten sich Sonne und starker Regen manchmal schnell ab. Nach einem Schauer standen manche Straßen unter Wasser, während am Strand wenig später wieder gebadet wurde.

 

Zwei Wochen lang waren sie auf der Insel unterwegs: Strand und Zeit ohne festen Alltag.

 

In einem Sammel-Tuk-Tuk trafen sie auf andere Reisende. Sie wollten zur Polizei. In der Nacht waren sie in ihrer Unterkunft ausgeraubt worden.

Sie erzählten, dass sie wegen der Hitze Fenster und Tür offengelassen hatten.

 

Für Anemun war das kaum nachvollziehbar. Nachts alles offen zu lassen, erschien ihm fahrlässig – selbst bei dieser Hitze.

 

Er und seine Freundin mieden Situationen und Gegenden, die ihnen unsicher vorkamen. Dadurch fühlten sie sich unterwegs sicher und reisten entspannt.

 

Unterwegs zeigte sich auch, wie gut sie miteinander zurechtkamen. Nach den Erfahrungen aus früheren Beziehungen war es für Anemun ungewohnt, über Wochen und Monate so viel Zeit miteinander zu verbringen, ohne dass es zwischen ihnen zu Streit oder Reibungen kam.

 

Für alle Entscheidungen unterwegs fanden sie immer schnell eine gemeinsame Lösung – beim Essen, bei der nächsten Sehenswürdigkeit oder bei der Wahl der Unterkunft.

 

Von Thailand ging es weiter nach Malaysia. In Kuala Lumpur blieben sie ein paar Tage, sahen sich die Stadt an und besuchten die Petronas Twin Towers, die damals die höchsten Gebäude der Welt waren.

 

Von oben lag die Stadt weit unter ihnen: Hochhäuser, breite Straßen, viel Grün und die Berge am Horizont.

 

Auch die Rastplätze an der Autobahn fielen besonders auf. Einer wirkte mit Palmen, Grünanlagen und den offenen Gebäuden eher wie eine kleine Ferienanlage als wie ein gewöhnlicher Rastplatz.

 

Danach reisten sie nach Singapur.

 

Die Stadt wirkte auf sie geordnet, sauber und ruhig. Besonders die Sauberkeit fiel ihnen auf. Sie führten die Sauberkeit auf die dort herrschenden strengen Gesetze und empfindliche Strafen zurück, etwa für weggeworfene Zigarettenkippen oder Kaugummi.

 

Strände gab es kaum. An einigen Stellen waren Uferbereiche als Strand angelegt. Dahinter lagen Hafenanlagen, und auf dem Wasser standen große Frachter.

 

Während in Deutschland der Winter näher rückte, waren es dort etwa 25 Grad. Gleichzeitig standen vor Geschäften Weihnachtsmänner und Rentiere aus Pappe und künstlicher Schnee. In den Läden lief „Jingle Bells“.

 

Das wirkte auf sie fremdartig.

 

Singapur empfanden sie als angenehm, erholsam und als etwas Besonderes im asiatischen Raum.

 

Dann ging es mit dem nächsten fest gebuchten Flug weiter.

 

Von Singapur nach Bali.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 153

 

 

 

 

Bali war anders
als erwartet.

 

 

 

Strandbaustelle, Linksverkehr und riskante Fahrten im Mietwagen.

 

 

 

Bali

 

 

Im Dezember 2003 flogen Anemun und Nora von Singapur nach Bali.

 

Bali sollte eine weitere Station am Meer sein. Doch an der Küste war viel Sand weggespült worden. Fast jeden Morgen schoben Bagger neuen Sand zurück ans Ufer.

 

So begann der Bali-Urlaub mitten in einer Baustelle.

 

An manchen Stellen zeigte sich auch eine andere Seite der Insel. Offene Gräben an den Häusern waren voller Müll und Abwasser. Darin standen Kinder. Ob sie spielten oder nach Verwertbarem suchten, konnten Anemun und seine Freundin nicht erkennen. Ratten liefen zwischen den Abfällen herum.

 

Auch die Verkäufer ließen sie nicht in Ruhe. Viele liefen ihnen hinterher und wollten etwas verkaufen, egal, wie oft sie schon an ihnen vorbeigekommen waren. Das war anstrengender und nerviger als in Thailand.

 

Affen saßen am Straßenrand und kletterten auf abgestellte Fahrzeuge. Sie waren keineswegs scheu. Eher im Gegenteil: Sie holten sich, was sie wollten. Auch das gehörte zu den Bildern, die ihnen von Bali blieben.

 

Um die Landschaft zu erkunden, mieteten sie einen kleinen Jeep.

 

Anemun fuhr zum ersten Mal im Linksverkehr. Das Lenkrad war auf der anderen Seite, das Schalten ungewohnt.

 

Dazu kamen lockere Spiegel. Ein Außenspiegel hing lose an der Seite, auch der Innenspiegel saß nicht fest. Die Sicht nach hinten und zur Seite war eingeschränkt.

 

Auf den Straßen waren neben den Autos viele Motorroller unterwegs. Es wurde gehupt, gedrängt und schnell gefahren.

 

Anemun fuhr mit dem Strom, weil es anders kaum ging. Und eigentlich machte es ihm Spaß.

 

Die Fahrten fühlten sich oft brenzlig an. Mit dem ungewohnten Linksverkehr, den losen Spiegeln und dem dichten Verkehr war jede Strecke ein Stück weit eine Lotterie.

 

Es passierte nichts. Darüber war er auch im Nachhinein froh.

 

Abseits der Strände war Bali grün und ländlich schön. Doch das Bild eines unberührten Paradieses fanden sie dort eher nicht.

 

Von Bali ging es weiter nach Australien.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 154

 

 

 

 

Von Sydney nach Cairns,
über Adelaide bis Melbourne.

 

 

 

Sydney, Great Barrier Reef, Great Ocean Road und ein Strafzettel am Boxing Day.

 

 

 

Australien

 

 

Von Bali flogen Anemun und Nora weiter nach Australien und landeten in Sydney.

 

Sydney war groß, aber nicht laut oder hektisch. Das Wetter war gut, die Strände lagen nicht weit entfernt, und in den Parks bewegten sich Kakadus und Echsen frei zwischen den Menschen. Für Anemun war es ungewohnt, Papageien und andere exotische Tiere nicht hinter Gittern, sondern einfach in der freien Natur zu sehen.

 

Von Sydney flogen sie weiter nach Cairns. Dort nahmen sie einen Mietwagen und fuhren an der Ostküste Richtung Brisbane.

 

Sie sahen das Great Barrier Reef und lange Strände. An manchen Stellen standen Warnschilder vor gefährlichen Quallen im Wasser. Die Badestellen waren mit feinen Netzen umzäunt. Die Küste wirkte weit und offen, mit kilometerlangen Sandstränden. Bei hohem Wellengang war Bodysurfen ohne Brett möglich: eine Welle abwarten und sich flach, mit angespanntem Körper, bis an den Strand tragen lassen.

 

Vieles war anders als in Südostasien: Sie wurden nicht ständig angesprochen, niemand lief ihnen hinterher, um ihnen etwas zu verkaufen. Sie konnten anhalten, essen, übernachten und weiterfahren, ohne dauernd als Touristen im Mittelpunkt zu stehen.

 

Auch die Tiere gehörten zu dieser Reise. An Rastplätzen liefen Emus herum. Einer kam direkt zu ihrem Tisch und wollte ihr Essen. Das große Tier wirkte auf sie eher furchteinflößend als harmlos.

 

Sie sahen Kakadus, Pelikane, Echsen, Robben und Delfine. Ein kleiner Koala saß krank wirkend unter einem Eukalyptusbaum. In Tierparks konnten sie Koalas streicheln und Kängurus füttern. Das Fell der Kängurus war viel weicher, als Anemun erwartet hatte. Einmal kreuzte beim Wandern ein großes Reptil ihren Weg, das sie an einen Komodowaran erinnerte.

 

In der Zeit um Weihnachten und Neujahr war vieles ausgebucht. Einmal fanden sie erst spät noch ein Zimmer. Es war schon dunkel. In der Dunkelheit wollten sie nicht weiterfahren. In dieser Gegend kreuzten Kängurus häufig die Straßen, und sie wollten keinen Unfall riskieren.

 

Das Zimmer, das sie noch ergattert hatten, roch muffig. Alles wirkte ungepflegt und unrein. Sie legten sich angewidert vollständig angezogen aufs Bett, versuchten möglichst wenig anzufassen und fuhren am nächsten Morgen früh weiter.

 

Kein schöner Ort zum Bleiben.

 

Am 26. Dezember, dem Boxing Day, wurden sie an der Ostküste von der Polizei herausgewunken. Ein Beamter hatte ihre Geschwindigkeit mit einem Laser gemessen. Er stellte einen Strafzettel über 150 Dollar aus.

 

Ein Weihnachtsgeschenk der anderen Art.

 

Bezahlt wurde nie.

 

Von Brisbane flogen sie nach Adelaide. In der Nähe von Adelaide kamen sie durch Hahndorf, eine deutsch-bayerisch geprägte Siedlung. Fachwerkoptik, Brezeln, Bäckereien, Biergärten und Souvenirläden wirkten mitten in Australien beinahe unwirklich.

 

Danach ging es mit dem Mietwagen weiter an die Südküste. Sie fuhren über die Great Ocean Road, sahen Cape Bridgewater und die Felsformationen der Twelve Apostles. Steile Küsten und das offene Meer begleiteten sie bis nach Melbourne.

 

Von Melbourne ging es weiter nach Neuseeland.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 155

 

Zwei Inseln.
Regen, der keine Pläne zuließ.

 

 

 

Neuseeland: TranzAlpine, Pinguine, Thermalquellen und Dauerregen.

 

 

 

Zwei Inseln

 

 

Mitte Januar 2004 flogen Anemun und Nora von Melbourne nach Christchurch auf die Südinsel Neuseelands.

 

Sie reisten mit Bussen und Zügen durch das Land. Eine der Strecken führte sie mit dem TranzAlpine von Christchurch nach Greymouth. Der Zug fuhr durch Berge und weite Landschaften. In einem offenen Aussichtswagen konnten sie fotografieren und die Strecke ohne Fensterscheibe vor sich erleben.

 

Die Südinsel wirkte grün, weit und ursprünglich. Riesige Baumfarne standen am Weg. Manche Bäume waren so groß, dass mehrere Menschen nötig gewesen wären, um ihre Stämme zu umarmen.

 

Sie besuchten die steile Baldwin Street und reisten weiter an die Küste.

 

Bei einer geführten Kajaktour fuhren sie am Meer entlang. Robben lagen auf den Felsen oder tauchten im Wasser auf. Bei einem Spaziergang über die Küste roch es plötzlich stark nach Fisch. Hinter dem nächsten Felsen lag eine Robbe. Weiter draußen lagen noch viele andere Tiere auf den Felsen und sonnten sich.

 

Nachts warteten sie im Schutz eines Gebüschs auf Pinguine. Als es dunkel wurde, kamen sie aus dem Wasser und liefen direkt an ihnen vorbei. Sie waren so nah, dass man sie hätte berühren können.

 

Nach etwa einem Monat flogen sie mit einem kleinen Flugzeug auf die Nordinsel. Die Maschine geriet in Turbulenzen. Der Flug war kurz, aber unruhig.

 

Auf der Nordinsel besuchten sie in Auckland einen Bekannten und wohnten einige Tage bei ihm. Danach reisten sie weiter.

 

Die Landschaft war anders als auf der Südinsel. Es dampfte aus dem Boden. Schwefelgeruch lag in der Luft. An manchen Stellen standen Warnschilder vor heißen Quellen und thermischen Gebieten.

 

Überall im Land begegneten ihnen außerdem Spuren von „Herr der Ringe“.

 

Doch das Wetter wurde zunehmend zum Thema. Man sprach vom Jahrhundertwetter. Tagelang regnete es. Teilweise waren es keine kurzen Schauer, sondern richtiges Unwetter. Vieles, was sie draußen hätten machen können, fiel aus.

 

Sie verbrachten mehr Zeit in Backpacker-Unterkünften und Motels. Pläne wurden geändert, Wege verschoben und Tage anders genutzt als gedacht.

 

Trotzdem kam es zwischen ihnen kein einziges Mal zu Spannungen.

 

Ende Februar buchten sie einen Hin- und Rückflug nach Fidschi. Sie wollten zur Abwechslung ein wenig Sonne und Strand.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 156

 

Sie wollten Sonne
und endlich wieder ins Meer.

 

 

 

Fidschi: flaches Wasser, Einsiedlerkrebse und eine Kava-Kava-Zeremonie.

 

 

 

Fidschi

 

 

Ende Februar 2004 flogen Anemun und Nora von Neuseeland nach Fidschi.

 

Die Insel war schön. Palmen, dichtes Grün und klares Wasser. Doch auch dort gab es hin und wieder kräftige Schauer.

 

Das Meer entsprach nicht dem, was sie sich vorgestellt hatten. Die Brandung lag weit draußen. Bis dorthin war das Wasser über eine lange Strecke nur kniehoch.

 

Zum Baden war es kaum geeignet.

 

Sie gingen deshalb meist in den Pool. Für einen Strandurlaub auf Fidschi fühlte sich das widersprüchlich an.

 

Bei Spaziergängen am Strand fanden sie viele kleine Einsiedlerkrebse mit ihren Häusern. Manche waren kaum größer als ein Fingernagel. Andere waren fast so groß wie eine Hand und trugen große Schneckenhäuser mit sich herum. Auch einen blauen Seestern fanden sie am Strand.

 

In ihrer Unterkunft nahmen sie an einer Kava-Kava-Zeremonie teil. Sie saßen zusammen, tranken das Getränk und erlebten eine Tradition, die sie zuvor nicht kannten. Die Wirkung empfanden sie als entspannend, ohne dass sie sich wie ein Alkoholrausch anfühlte.

 

Die Tage auf Fidschi waren nicht der perfekte Strandurlaub.

 

Aber eine Pause zwischen Dauerregen, langen Fahrten und der nächsten Etappe.

 

Danach flogen sie zurück nach Neuseeland.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 157

 

 

 

 

Von Santiago
immer weiter nach Süden.

 

 

 

Chile mit Fernbussen: Puerto Montt, Puerto Varas und Punta Arenas.

 

 

 

Die lange Strecke

 

 

Nach Fidschi verbrachten Anemun und Nora noch ein paar Tage in Auckland. Mitte März 2004 flogen sie weiter nach Santiago de Chile.

 

Sie sahen sich die Stadt an. Danach reisten sie tagelang mit Fernbussen immer weiter nach Süden.

 

Die Busverbindungen waren gut. Die Busse waren modern und komfortabel, eher auf einem Niveau, das sie aus Europa kannten. Der Bahnverkehr spielte auf dieser Strecke kaum noch eine Rolle.

 

Die Landschaft veränderte sich ständig. An einem Fluss standen Wildpferde im Wasser und tranken. Über der Landschaft erhob sich ein schneebedeckter Vulkan.

 

In Puerto Montt kamen sie an einem Fischmarkt vorbei. Hinter den Marktständen und Restaurants lagen große Seelöwen auf den Stegen. Fischreste wurden ins Wasser geworfen. Die Tiere warteten direkt daneben auf die nächste Portion.

 

Etwa zwanzig Kilometer weiter lag Puerto Varas. Der Bahnhof war damals stillgelegt. Rostige Personenwagen standen auf den Gleisen, der Bahnsteig war leer. Es wirkte wie ein Ort aus einem alten Western.

 

Sie fuhren weiter bis nach Punta Arenas, direkt an der Magellanstraße, im äußersten Süden Chiles. Die vielen bunten Häuser gefielen ihnen dort besonders gut. Gerade nach der langen Fahrt durch das Land war die Stadt eine willkommene Abwechslung.

 

Von Punta Arenas flogen sie weiter nach Buenos Aires.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 158

 

 

 

 

Argentinien war die letzte Station.
Danach ging es zurück nach Frankfurt.

 

 

 

Buenos Aires, Zwischenlandung in Brasilien und die Rückkehr nach Hause.

 

 

 

Rückkehr

 

 

Von Punta Arenas flogen Anemun und Nora nach Buenos Aires. Dort blieben sie nur ein paar Tage.

 

Schon am Flughafen erlebten sie etwas, das ihnen im Gedächtnis blieb. Für den Bus brauchte man Kleingeld, das direkt im Bus in den Ticketautomaten eingeworfen wurde. Der Fahrer verkaufte keine Fahrkarten und wechselte auch kein Geld.

 

Anemun fragte die Menschen im Bus, ob jemand wechseln könne. Niemand half ihnen. Der Bus fuhr ohne sie los.

 

Erst später konnten sie Geld wechseln und den nächsten Bus nehmen. Die Situation wirkte auf sie abweisend und hinterließ einen schlechten ersten Eindruck.

 

Buenos Aires selbst war groß, laut und voller Verkehr. Ein großer Obelisk stand mitten in der Stadt. Besonders beeindruckten sie die breiten Straßen mit ihren vielen Fahrspuren, wie sie ihnen auf der Reise sonst nirgends begegnet waren.

 

Danach ging es zurück Richtung Frankfurt. Das Flugzeug machte in Brasilien einen Tankstopp. Sie stiegen nicht aus. Brasilien war als eigene Station nicht eingeplant gewesen.

 

Nach fast einem halben Jahr unterwegs waren sie froh, wieder nach Hause zu kommen. Ständig hatten sie gepackt, ausgepackt, Unterkünfte gesucht und waren weitergereist.

 

Und irgendwann war es genug. Nicht abrupt. Eher ein klares Gefühl: Es reichte, und es war Zeit, zurückzugehen.

 

Sie freuten sich darauf, wieder in ein einigermaßen geordnetes Leben einzutauchen.

 

Rückblickend war es eine wundervolle Reise. Sie hatten viel gesehen, waren durch unterschiedliche Länder gereist und hatten fast ein halbes Jahr eng miteinander verbracht.

 

Eine so entspannte Zeit hatte Anemun weder davor noch danach mit jemandem gemeinsam erlebt.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 159

 

 

 

Anemundi-Moment

 

 

Manche Wege
führen weit hinaus.

 

In andere Länder.

 

In ein anderes Leben.

 

Und irgendwann
kommt ein leiser Ruf.

 

Nach Hause.

 

Aufgabe.

 

Verantwortung.

 

Geliebte Menschen.

 

Anemun kehrte zurück.

 

Als Antwort
auf das,
was anstand.

 

ANEMUNDI ist ein Raum
für Menschen,
die spüren,
dass Rückkehr
mehr sein kann
als Heimkommen.

 

Wenn du klären möchtest,
was jetzt wichtig wird

 

und wohin der nächste Schritt
dich führen darf:

 

 

Schreib mir.

 

kontakt@anemundi.de

 

 

 

 

 

Die Weltreise war vorbei.

Der neue Alltag begann.

 

 

 

Anerkennungsjahr in der Sozialberatung eines großen Konzerns.

 

 

 

Ein Platz im System

 

 

Im April 2004 kamen sie von der Weltreise zurück. Ab Mai begann für beide das Anerkennungsjahr, der praktische Abschluss ihres Studiums. Es führte zur staatlichen Anerkennung als Diplom-Sozialpädagoge – der fachlichen Grundlage für die Arbeit in Beratung und psychosozialer Begleitung.

 

Anemun wohnte in Stuttgart, Nora in einer Stadt südlich von Stuttgart. Sie waren wieder in Deutschland, wieder im Alltag, aber nicht zusammen an einem Ort.

 

Beide begannen ihr Anerkennungsjahr in der Sozialberatung desselben großen Konzerns, nur an verschiedenen Standorten. Die Arbeit war neu für ihn. Zum ersten Mal bestand sein Alltag fast vollständig aus Büroarbeit, Gesprächen und Sitzungen.

 

Die beiden Sozialberaterinnen nahmen ihn gut auf. Sie leiteten ihn an, erklärten ihm die Abläufe und bezogen ihn ins Team ein. So entstand schnell eine gute Zusammenarbeit.

 

Er unterstützte selbstständig bei der Vorbereitung von Gesundheitstagen und Angeboten am Standort. Daneben ging es um Suchtberatung, die Betreuung betrieblicher Suchthelfer und die Organisation der Suchthelfertreffen.

 

Auch Mitarbeiter meldeten sich, wenn etwas schwierig geworden war. Manchmal ging es um familiäre Probleme, Konflikte mit Vorgesetzten oder um Sucht. Anemun hörte zu, unterstützte und versuchte, gemeinsam mit ihnen einen nächsten Schritt zu finden.

 

Die Weltreise lag noch nicht lange zurück.

 

Jetzt gab es feste Zeiten, Büros, Termine und Zuständigkeiten.

 

Und einen Platz in einem großen System.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 160

 

 

 

 

Nicht jede Idee trifft auf Verständnis.

 

 

 

Auseinandersetzung mit Zahlen, Belegen und anderen Maßstäben.

 

 

 

Konfrontation

 

 

Es war eine gute Zeit. Ankommen. Arbeiten. Ein Platz im System.

 

Dann entwickelte Anemun eine Idee zur Suchtberatung. Er dachte darüber nach, wie man vorsorglich arbeiten und Mitarbeiter rechtzeitig erreichen könnte, bevor eine Abhängigkeit so weit fortgeschritten war, dass ein Entzug nötig wurde.

 

Er arbeitete die Gedanken aus. Noch nicht perfekt, aber klar genug, um damit weiterzugehen. Die beiden Sozialberaterinnen bestärkten ihn. Sie fanden, dass der Ansatz tragfähig war.

 

Also ging er allein zum Vorstand der Krankenkasse des Konzerns. Der Termin fühlte sich wie eine Chance an. Er ging motiviert und voller Energie hinein, überzeugt von dem, was er vorbereitet hatte.

 

Doch das Gespräch kippte schnell.

 

Es ging um Zahlen, Belege und Daten. Was kostet das? Was bringt das? Wo sind die Daten?

 

Anemun hatte keine Antworten in der Form, wie sie dort erwartet wurden. Sein Ansatz wurde Satz für Satz, Gedanke für Gedanke auseinandergenommen.

 

Nicht als Gespräch auf Augenhöhe.

 

Sondern knallhart.

 

Am Ende war von dem, was er mitgebracht hatte, kaum noch etwas übrig. Er saß da, allein, und merkte, dass das, was für ihn und die beiden Kolleginnen Sinn machte, in diesem Raum nicht zählte.

 

Niemand hatte ihn auf diese Logik vorbereitet. Nicht auf diese Maßstäbe. Nicht auf das, was dort zählte.

 

Für ihn bekam diese Logik einen Namen:

 

Der Mammon.

 

Er ging hinaus.

 

Mit weniger, als er hineingegangen war.

 

Nicht fachlich.

 

Sondern innerlich.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 161

 

 

 

 

Manchmal beginnt etwas Kleines
und wird größer,
als man zuerst denkt.

 

 

 

Stuttgarter Halbmarathon 2004, gemeinsames Training und ein neues Ziel.

 

 

 

Der erste Halbmarathon

 

 

Nach der Weltreise sahen Anemun und Nora sich vor allem an den Wochenenden. Anemun fuhr oft zu ihr. Beide waren im Anerkennungsjahr und wieder in einem geregelten Alltag angekommen.

 

Dann begann Nora zu joggen. Sie meldete sich für einen Zehn-Kilometer-Lauf an. Anemun begleitete sie, ohne selbst mitzulaufen.

 

Danach beschlossen sie, gemeinsam für den Stuttgarter Halbmarathon zu trainieren.

 

Der Lauf fand im Juni 2004 statt. Zwei Monate lang richteten sie ihren Alltag danach aus. Morgens vor der Arbeit liefen sie, manchmal auch abends. Sie hielten sich an einen Trainingsplan und achteten auf ihre Ernährung.

 

Es war anstrengend.

 

Aber sie zogen es durch.

 

Dann standen sie gemeinsam am Start ihres ersten Halbmarathons.

 

Einundzwanzig Kilometer.

 

Es war heiß. An der Strecke standen Versorgungsstände mit Getränken. Immer wieder gab es Publikum, das anfeuerte und feierte. Auch ihre Familien fieberten mit.

 

Der Zieleinlauf ins Stuttgarter Neckarstadion war ein besonderes Gefühl. Noch ein paar Meter. Jubel von den Rängen. Dann waren sie im Ziel.

 

Ziemlich fertig.

 

Am nächsten Tag tat alles weh: Beine, Rücken, Schultern. Der ganze Körper.

Selbst nach späteren Marathons waren die Schmerzen nicht so stark wie nach diesem ersten Halbmarathon.

 

Nach dem Lauf erfuhren sie, dass ein vierundzwanzigjähriger Läufer kurz vor dem Ziel zusammengebrochen war.

 

Trotz der Nachricht und der Anstrengung stand für sie fest:

 

Das sollte nicht der letzte Lauf gewesen sein.

 

Sie beschlossen, einen Marathon zu laufen.

 

Ihre ersten zweiundvierzig Kilometer.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 162

 

 

 

 

Manchmal geht es nicht darum,
schneller zu sein.

Sondern darum,
anzukommen.

 

 

 

Erster Marathon in München, Ausdauer und ein Lauf ohne Zeitdruck.

 

 

 

Der erste Marathon

 

 

Nach dem Halbmarathon blieb der Gedanke. Nicht nur ein weiterer Lauf, sondern ein Marathon. Zweiundvierzig Kilometer.

 

Für ihren ersten Marathon fuhren Anemun und Nora nach München. Die Strecke gefiel ihnen. Sie führte durch die Münchner Innenstadt, vorbei an alten Gebäuden, über den Marienplatz und das Siegestor. Später ging es lange durch den Englischen Garten. Der Zieleinlauf war im Olympiastadion.

 

Es ging nicht um eine Zeit und nicht darum, etwas zu beweisen. Sie wollten ankommen und dabei sein.

 

Sie bereiteten sich gut vor: viele Trainingseinheiten, lange Läufe, bewusste Ernährung und genügend Flüssigkeit. Nach dem Halbmarathon wusste Anemun, dass ein solcher Lauf mit Vorbereitung machbar war.

 

Der Marathon war trotzdem etwas anderes. Sie liefen Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer, nicht hektisch und nicht verbissen. An manchen Stellen lief Anemun sogar rückwärts, nur um die Aussicht besser genießen zu können.

 

Sie ließen sich Zeit für die Strecke, für die Stadt und für diesen ersten Lauf.

 

Dann ging es durch den Olympiapark ins gut besuchte Olympiastadion.

 

Dort kamen sie an.

 

Ihr erster Marathon.

 

Der nächste ließ nicht lange auf sich warten.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 163

 

 

 

 

Manchmal kommt der nächste Schritt
nicht von einem selbst.

 

 

 

Niederlassungsleitung und Aufbau einer Bildungseinrichtung.

 

 

 

Übergang

 

 

Ende April war das Anerkennungsjahr vorbei. Anemun war staatlich anerkannter Diplom-Sozialpädagoge.

 

Er hatte erlebt, wie Menschen in einem großen Konzern Unterstützung suchten und wie unterschiedlich ein System reagieren konnte, wenn es um Beratung, Sucht oder persönliche Krisen ging.

 

Danach nahm er sich erst einmal Zeit. Er fuhr für einige Wochen nach Kroatien, besuchte Familie und Freunde und bekam Abstand vom Alltag.

 

Nora hatte inzwischen eine Stelle in der Personalabteilung desselben Konzerns an einem anderen Standort im Stuttgarter Raum bekommen.

 

Während Anemun noch pausierte, sah sie in der Zeitung eine Anzeige. Gesucht wurde eine Niederlassungsleitung für den Aufbau einer neuen Niederlassung einer privaten Bildungseinrichtung im Stuttgarter Raum.

 

Nora bereitete eine Bewerbung für ihn vor und schickte sie ab, ohne großes Aufheben.

 

Kurz darauf wurde Anemun kontaktiert. Das Büro stand bereits. Das Projekt mit der Agentur für Arbeit sollte beginnen.

 

Für die Stelle brachte er vieles mit: sein Studium und die staatliche Anerkennung, seine selbstständige Arbeitsweise, die Erfahrung aus einem internationalen Projekt sowie seine Kenntnisse aus Industrie und Maschinenbau.

 

Das passte, weil es um Nachhilfe und Bildungsangebote in unterschiedlichen Bereichen ging.

 

Er wurde als Niederlassungsleiter eingestellt.

 

Ein neuer Schritt.

 

Nicht geplant.

 

Im August 2005 ging es los.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 164

 

 

 

 

Verantwortung kommt schneller,
als man denkt.

 

 

 

Aufbau einer Niederlassung und Führungsverantwortung.

 

 

 

Der Aufbau

 

 

Die Räume waren eingerichtet und bereit. Anemun konnte sofort beginnen.

 

Es ging um Unterricht, Organisation und Auszubildende, die Unterstützung brauchten. Um Nachhilfe, feste Abläufe und die Frage, wie aus einem neuen Standort etwas Tragfähiges werden konnte.

 

Das Büro lag auf einer Etage in einem Wohnhaus. Vom Treppenhaus führte rechts eine Tür in die Büroräume, links in eine Wohnung. Zwischen beiden gab es eine verschlossene Verbindungstür.

 

Als Anemun herausfand, dass die Wohnung leer stand, mietete er sie. Zunächst behielt er das für sich.

 

Danach lag zwischen Bett und Arbeit nur noch diese Tür. Morgens ging er direkt ins Büro, abends war er schnell wieder in der Wohnung. Feierabend gab es dadurch kaum. Auch am Wochenende war er oft dort.

 

Nora kam regelmäßig zu ihm und richtete sich in der Wohnung mit ein. Ihre eigene Wohnung in der Nähe ihres Arbeitsplatzes behielt sie zunächst, weil sie dort arbeitete.

 

Der Aufbau war längst in vollem Gange. Dozenten mussten gefunden werden, Menschen, die unterrichten konnten. Abläufe mussten entstehen, Zuständigkeiten geklärt werden.

 

Die Finanzierung des Standorts lief vor allem über Maßnahmen, die von der Agentur für Arbeit gefördert wurden. Anträge mussten gestellt, Bewilligungen eingeholt und Vorgaben eingehalten werden. Solange die Fördermittel liefen, konnte der Standort wachsen.

 

Zunächst schien das nur der organisatorische Rahmen zu sein. Später würde es entscheidend werden.

 

Seine Aufgabe war klar: die Niederlassung aufbauen, sie tragfähig machen und zum Laufen bringen. Neben dem Aufbau unterrichtete er auch selbst.

 

Anemun arbeitete viel. Er übernahm Verantwortung, traf Entscheidungen und trieb Dinge voran.

 

Es ging nicht darum, etwas Bestehendes zu verwalten.

 

Es ging darum, etwas aufzubauen.

 

Die Bildungseinrichtung hatte bereits mehrere Standorte in Deutschland. Das System funktionierte, aber anders, als Anemun es erwartet hatte.

 

Er sah, was möglich wäre.

 

Und wollte es verbessern.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 165

 

 

 

 

Wenig lässt sich aufbauen,
wenn ein System
nicht wachsen will.

 

 

 

Fördermittel, Bildungsträger und Widerstand gegen mehr Unabhängigkeit.

 

 

 

Widerstand

 

 

Die Niederlassung lief an. Unterricht fand statt, Dozenten waren da und die ersten Abläufe griffen.

 

Doch Anemun wollte mehr, als Maßnahmen zu organisieren. Er wollte Unternehmen gewinnen, direkte Aufträge erhalten und eine Grundlage schaffen, die nicht allein von Fördermitteln der Agentur für Arbeit abhing. Er sprach mit Unternehmen, knüpfte Kontakte und suchte nach Wegen, die Niederlassung breiter aufzustellen.

 

Im Inneren des Bildungsträgers lag der Schwerpunkt jedoch woanders: Fördermittel, Anträge, Bewilligungen und Vorgaben. Solange diese Maßnahmen liefen, war der Standort abgesichert.

 

Für Anemun war das ein Anfang.

 

Für das System schien es der Kern zu sein.

 

Seine Ideen kamen kaum an. Alles blieb zäh. Entscheidungen dauerten, und das, was er öffnen wollte, blieb geschlossen. Nicht alles sollte an der Agentur für Arbeit hängen.

 

Der Inhaber war ein guter Pädagoge. Kaufmännisches Denken stand für ihn weniger im Vordergrund. Die Strukturen waren eingespielt und zu festgefahren, um sich wirklich zu bewegen.

 

Irgendwann entstand in Anemun der Gedanke:

 

So trägt es nicht auf Dauer.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 166

 

 

 

 

Manchmal zeigt sich der nächste Schritt
als Ergänzung.

 

 

 

Berufsbegleitender MBA, Unternehmensführung und berufliche Weiterentwicklung.

 

 

 

Erweiterung

 

 

Die Arbeit lief. Der Aufbau, die Verantwortung und der Alltag forderten ihn. Gleichzeitig wurde Anemun etwas klar.

 

Er kam aus der Technik und war in die Sozialpädagogik gegangen. Was ihm fehlte, waren kaufmännische Struktur, Unternehmensführung und ein tieferes Verständnis dafür, wie ein Unternehmen aufgebaut und geführt wird.

 

Nora bestärkte ihn darin. In einer Zeitung entdeckte sie einen berufsbegleitenden Studiengang: Master of Business Administration. Sie zeigte ihm die Anzeige.

 

Der Studiengang passte zu seiner Situation. Berufserfahrung hatte er bereits.

 

Er zögerte nicht lange.

 

Neben der Arbeit begann er zu studieren. Es gab Fahrten, Wochenenden, Vorlesungsunterlagen und Prüfungen. Mit drei anderen Kommilitonen aus dem Stuttgarter Raum bildete er eine Fahr- und Lerngemeinschaft. Regelmäßig trafen sie sich in seinen Schulungsräumen und lernten gemeinsam.

 

Es war viel.

 

Aber er hatte Unterstützung, Energie und den Willen, es durchzuziehen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 167

 

 

 

 

Noch einmal
gemeinsam dorthin zurück,
wo es ihnen gut gefallen hatte.

 

 

 

Australienreise 2006/07 mit Singapur, Sydney und gemeinsamer Zeit.

 

 

 

Noch einmal Australien

 

 

Anemun und Nora lebten zu diesem Zeitpunkt bereits in der Wohnung neben der Niederlassung. Nora pendelte täglich zu ihrem Arbeitsplatz.

 

Zwischen ihnen lief es gut. Sie fuhren immer wieder nach Südtirol, wo Noras Mutter herkam, und zu ihrer Familie nach Bayern. Regelmäßig besuchten sie auch seine Familie und Freunde in Kroatien. Nora begann, Kroatisch zu lernen.

 

Kinder und Heirat waren für beide kein Thema. Sie wollten zusammen leben, reisen, arbeiten und das Leben miteinander verbringen.

 

Im Winter 2006/07 nahmen sie sich etwa einen Monat frei. Von Frankfurt ging es über Singapur nach Australien.

 

Das Land hatte ihnen auf der Weltreise so gut gefallen, dass sie dorthin zurückkehren wollten. Sie waren in Sydney und fuhren von dort durch die Umgebung und an der Küste entlang. Sie sahen Strände, Buchten, Klippen und einen Leuchtturm über dem Meer.

 

Kängurus, Emus, große Echsen, riesige Spinnen in ihren Netzen mit unzähligem Nachwuchs und farbige Insekten kannten sie so aus Deutschland nicht.

 

Weihnachten und Silvester verbrachten sie in Australien. Es ging nicht um Arbeit, Studium oder Niederlassung. Es ging darum, wieder Zeit miteinander zu haben, am Strand zu bleiben, Ruhe zu genießen und Abstand vom Alltag zu bekommen.

 

Auf dem Rückweg blieben sie noch ein paar Nächte in Singapur. Dann ging es zurück nach Deutschland.

 

Arbeit, Studium und Alltag warteten wieder.

 

Es war ihr letzter großer gemeinsamer Urlaub.

 

Das ahnte Anemun damals noch nicht.

 

Gegen Ende des Jahres entwickelte sich in ihm etwas, das er nicht erklären konnte.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 168

 

 

 

 

Es kam nicht plötzlich.

Es zog ihn langsam
in etwas hinein.

 

 

 

Nachhilfe, Glaubensfragen und eine innere Verstrickung im Herbst 2007.

 

 

 

Der Sog

 

 

Im Herbst 2007 meldete sich Aylin zur Nachhilfe an. Ihre Freundin war bereits in der Niederlassung. Beide machten eine Ausbildung im selben Betrieb und brauchten Unterstützung für die Schule.

 

Aylin war volljährig, zwanzig Jahre jünger als Anemun und etwas jünger Nora. Ihr Blick wirkte traurig und unglücklich.

 

Die Nachhilfe fand meistens zu dritt statt: Aylins Freundin, Aylin und Anemun. Soweit es möglich war, achtete er darauf, nicht allein mit einer von ihnen zu sein. Doch manchmal kam die Freundin nicht. Dann wurde aus der Nachhilfe ein Gespräch, das tiefer ging.

 

Aylin erzählte ihm, dass ihre Familie erwartete, dass sie ihren Cousin in der Türkei heiraten sollte. Kurz zuvor hatte sie sich von ihrem Freund getrennt, weil ihre Eltern ihn nicht akzeptierten. Für eigene Entscheidungen blieb nach ihrer Schilderung wenig Raum.

 

Im Winter kam sie in dünnen Schlappen und mit einer leichten Jacke. Für Anemun verstärkte das den Eindruck, dass sie zu Hause wenig Halt bekam und nicht wirklich gesehen wurde.

 

Über Glaubensfragen kamen sie noch tiefer ins Gespräch. Sie war Muslima und hatte ein Buch mit Zusammenfassungen und Kommentaren zum Koran. Sie gab es ihm und bat ihn, seine Gedanken zu einzelnen Aussagen hineinzuschreiben. Das führte ihn zurück in eine Zeit, in der er christliche Glaubenssätze Satz für Satz auseinandergenommen hatte. Jetzt setzte er sich mit Aussagen aus dem Koran auseinander.

 

In Anemun begann etwas zu arbeiten, das er lange weggeschoben hatte. Jahrelang hatte er sich nicht einmal Atheist genannt. Selbst dieses Wort war ihm noch zu nah am Glauben. Für ihn und Nora war das kein Thema gewesen.

 

Nun kamen Indien, der Glaube und der Wunsch, nicht nur fachlich zu helfen, wieder hoch. Mit ihren dunklen Haaren, den großen dunklen Augen und ihrem Teint erinnerte sie ihn an eine Inderin, an die Zeit des Meditierens und an etwas, das er lange nicht vermisst zu haben glaubte.

 

Der Kontakt blieb nicht bei der Nachhilfe. Für die Schulungsräume wurde jemand gesucht, der aufräumte und Ordnung hielt. Anemun bot Aylin die Arbeit an. Sie sagte zu. So begegneten sie sich auch außerhalb der Nachhilfestunden häufiger.

 

Zur Weihnachtsfeier 2007 lud er die Schüler aus der Nachhilfe ein. Aylin und ihre Freundin kamen, die anderen nicht. Sie gingen zu dritt in eine Pizzeria.

 

Tage später wollte Aylin ihn küssen. Anemun versuchte, eine klare Grenze zu ziehen. Sie war viel jünger als er, sie war als Schülerin zu ihm gekommen, und er lebte in einer Beziehung, in der er glücklich war.

 

Trotzdem arbeitete etwas in ihm: eine Sehnsucht, etwas Vertrautes, etwas Bekanntes. Eine Resonanz war da. Doch erklären konnte er sie sich nicht.

 

Als er merkte, dass in seiner Gefühlswelt etwas in Bewegung geraten war, suchte er das Gespräch mit Nora. Noch war nichts geschehen. Aber so zu tun, als sei nichts, ging nicht.

 

Auch wenn er in seinem Leben schon genug Mist produziert hatte, fühlte er sich der Wahrheit verpflichtet. Er wollte nicht ausweichen. Er wollte zu seinen Gedanken und Handlungen stehen.

 

Wenn nicht er, wer dann.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 169

 

 

 

 

Manchmal spricht man etwas aus,
bevor man weiß,
was es auslöst.

 

 

 

Trennungsgespräch, Auszug und das Ende einer gemeinsamen Lebensphase.

 

 

 

Die leere Wohnung

 

 

Anemun und Nora lebten schon eine Weile in der Wohnung neben der Niederlassung. Noch vor Weihnachten setzte sich Anemun mit ihr zusammen. Er sprach direkt an, dass in ihm etwas passiert war, das er sich selbst nicht erklären konnte. Er wollte rechtzeitig mit ihr darüber reden, bevor es größer wurde.

 

Äußerlich war noch nichts geschehen. Im Stillen hoffte er, dass sie es gemeinsam durchstehen würden. Dass sie anschauen konnten, was da in ihm arbeitete und wie es weitergehen sollte.

 

Doch das Gespräch erschütterte Nora. Sie war verletzt. Für sie kam es aus heiterem Himmel. Auch Anemun verstand nicht wirklich, was in ihm geschah. Sie fragte sich, ob zwischen ihnen keine Liebe mehr war.

 

Aber Gefühle waren da. Das sagten beide. Gerade deshalb weinten sie so viel. Es passte nicht zusammen.

 

Das Gespräch brachte keine Lösung. Es wurde letztlich zu einem Trennungsgespräch.

 

Nora suchte sich kurzfristig eine Unterkunft in Stuttgart, in der sie unterkommen und ihre Sachen unterbringen konnte. Sie nahm nicht sofort alles mit. In den Wochen danach teilten sie nach und nach auf, was ihnen gemeinsam gehört hatte.

 

Anemun sagte immer wieder: „Nimm, was du brauchst.“

 

Materielle Dinge waren ihm nie wichtig.

 

Die Beziehung war damit dennoch vorbei.

 

Auch ihre Familien, Freunde und Bekannten waren erschüttert. Viele hatten sie als ein Paar erlebt, bei dem alles passte. Niemand konnte verstehen, warum es dazu kam.

 

Nora war offen und herzlich. Sie war handwerklich begabt, sah die Arbeit, packte an, war aktiv und sportlich. Mit ihr konnte er reden, philosophieren und das Leben teilen.

 

Sie war etwas Besonderes.

 

Ein Mensch, mit dem man Pferde stehlen konnte.

 

Gerade deshalb begriff er später immer mehr, was er zerstört hatte.

 

Als er allein in der Wohnung zurückblieb, blieb Leere. Auch Schuld und Traurigkeit. Er schämte sich, auch gegenüber ihren Eltern.

 

So hatte er es nicht gewollt.

 

So hatte er es nicht geplant.

 

Damals erkannte er nicht, dass er gerade den Menschen verletzte, mit dem er sich bis dahin wirklich reibungslos verstanden hatte. Er sah nur, dass sich etwas in ihm verschoben hatte.

 

Was es kosten würde, begriff er erst später.

 

An sie und an das, was er ihr angetan hatte, würde er in den Jahren danach noch oft denken.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 170

 

 

 

 

Manche Türen öffnen sich.

Und nichts bleibt
wie vorher.

 

 

 

Nachhilfe, Nähe, Musik und eine Grenze, die sich verschob.

 

 

 

Die offene Tür

 

 

Einige Zeit nach dem Gespräch mit seiner Partnerin kam die junge Frau wieder in die Schulungsräume. Anemun verband ihr die Augen. Es sollte eine Überraschung sein, denn von den Schülern wusste niemand, was sich hinter der Verbindungstür befand.

 

Er führte sie hinüber in die Wohnung und nahm ihr dort die Augenbinde ab. Sie war überrascht und zunächst auch erschrocken. Bis dahin kannte sie ihn aus den Schulungsräumen. Jetzt stand sie in seiner Wohnung.

 

Der Kontakt verschob sich weiter. Sie küssten und umarmten sich. Sie wollte mehr Nähe, doch Anemun hielt sie körperlich immer wieder auf Abstand. Sie war viel jünger als er, als Nachhilfeschülerin zu ihm gekommen, und er wusste, wie eng ihr Leben und ihre Entscheidungen mit ihrer Familie verbunden waren.

 

Übernachtungen gab es nicht. Aber Aylin kam nun regelmäßig zu ihm, nicht nur zur Nachhilfe. Sie gingen auch immer wieder spazieren. Dafür fuhren sie manchmal ein Stück weg, damit sie nicht gesehen wurden.

 

Der Kontakt war noch geheim.

 

Dieses Verstecken gab allem etwas Unruhiges und Spannendes.

 

Noch vor der Verlobung schenkte Anemun ihr ein Handy.


Abends telefonierten sie oft miteinander. Irgendwann sprachen sie nicht mehr.


Er blieb am anderen Ende der Leitung, bis sie eingeschlafen war. Dann legte er auf.


Auch in der Wohnung nahm er kleine Hinweise sehr genau wahr. Einmal ging sie durch das Bad, strich mit dem Finger über den Staub auf dem Spiegel und sagte, hier müsste einmal geputzt werden.


Anemun verstand es als Zeichen dafür, dass ihr Ordnung wichtig war.


Später merkte er, wie schnell er solche Kleinigkeiten in das Bild einpasste, das er sich von ihr machte.

Mit den Gesprächen über Glauben kam auch etwas Christliches in ihm wieder hoch. Eines Tages bereitete er in einem Schulungsraum alles vor und bat sie, die Schuhe auszuziehen.

 

Er wollte ihr die Füße waschen.

 

Für ihn war es als Zeichen gemeint. Er wollte ihr dienen. Ihr helfen. Für sie da sein.

 

Sie war entsetzt und konnte damit nichts anfangen.

 

Später erkannte Anemun auch darin, wie sehr er ihr Bedeutungen gab, die nicht ihre waren.

 

Irgendwann glaubte Anemun, verliebt zu sein. Später fragte er sich, ob er die Nähe zu ihr vorschnell als Verliebtheit gedeutet hatte – auch, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

 

Der Trennungsprozess, die Leere und der Schmerz brachten ihn wieder zur Musik. Er griff öfter zur Gitarre und komponierte mehrere Lieder. Manche alten Lieder waren früher Liebeslieder an Gott gewesen. Nun schrieb er Texte um und bezog sie auf sie, weil er mit ihrer ursprünglichen Form nichts mehr anfangen konnte.

 

Er versuchte, das, was in ihm geschah, in Musik zu bringen. Auch für sie schrieb er ein Lied.

 

Rückblickend erkannte Anemun, wie sehr er sie überhöht hatte. In seiner Leere und inneren Unruhe lud er sie mit einer Bedeutung auf, die sie nicht tragen konnte. Sie sollte etwas in ihm heilen, das viel älter war als diese Begegnung.

 

Mit Liedern, Geschenken und Aufmerksamkeit legte er ihr früh vieles zu Füßen. Für eine junge, unerfahrene Frau, die so etwas kaum kannte, muss das schwer gewesen sein.

 

Wahrscheinlich überforderte es sie.

 

Vielleicht erdrückte es sie sogar.

 

Damals sah Anemun das nicht.

 

Was als Nachhilfe begonnen hatte, war längst in sein privates Leben getreten.

 

Die Tür stand weit offen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 171

 

 

 

 

Die Maßnahmen liefen.

Bis die nächsten Ausschreibungen kamen.

 

 

 

Verlorene Ausschreibungen, Förderabhängigkeit und Standortschließungen.

 

 

 

Als die Aufträge wegbrachen

 

 

Als Anemun im August 2005 begann, hatte die neu aufzubauende Niederlassung den Zuschlag aus der ersten Ausschreibung erhalten. Die Förderperiode war jeweils auf zwei Jahre angelegt. Deshalb liefen die Maßnahmen auch 2006 weiter.

 

Die Arbeit war da. Die Teilnehmer kamen. Unterricht, Nachhilfe und Unterstützung für Auszubildende gaben dem Standort eine Grundlage.

 

Dann wurde über die Ausschreibungen für 2007 und 2008 entschieden.

 

In vielen Regionen gingen die Maßnahmen verloren. Vor allem in Ostdeutschland traf es mehrere Niederlassungen. Auch im Westen verloren einzelne Standorte ihre Aufträge. Die Agentur für Arbeit vergab die Maßnahmen an andere Träger, vermutlich auch, weil diese günstiger waren.

 

Von etwa neun Niederlassungen blieben nur wenige übrig. Rund zwei Drittel des Unternehmens brachen weg. Standorte wurden geschlossen. Menschen verloren ihre Arbeit.

 

Anemuns Niederlassung im Stuttgarter Raum blieb bestehen. Dort erhielt er erneut den Zuschlag und damit einen weiteren Arbeitsvertrag über zwei Jahre.

 

Recht zu behalten, gab ihm keine Genugtuung. Er sah nur, wie schnell ein Unternehmen wegbrechen konnte, wenn es nicht breit genug aufgestellt war und fast vollständig von einem Auftraggeber abhing.

 

Gerade deshalb wurde es für Anemun umso wichtiger, seine Weiterbildung konsequent voranzutreiben.

 

Sein Standort stand noch.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 172

 

 

 

 

Manche Pläne scheitern
an etwas,
woran keiner gedacht hat.

 

 

 

London-Sprachkurs, fehlendes Visum und eine gescheiterte Reise.

 

 

 

Der Flug, der nicht stattfand

 

 

Noch bevor ihre Familie von dem Kontakt erfuhr, ging Anemun für zwei Wochen nach London. Er machte dort einen Sprachkurs.

 

Für ein paar Tage wollte er, dass Aylin nachkam.

 

Damit sie die Reise zu Hause erklären konnte, fertigte er ein Schreiben an, das den Eindruck erwecken sollte, sie sei zu einem Bewerbungsgespräch nach Berlin eingeladen.

 

Am Flughafen scheiterte der Plan.

 

Aylin war damals türkische Staatsbürgerin und hätte für Großbritannien ein Visum gebraucht.

 

Daran hatten sie nicht gedacht.

 

Sie konnte nicht fliegen.

 

Anemun war am Boden zerstört. Er hatte sich auf die Tage mit ihr gefreut. Gleichzeitig machte er sich Vorwürfe. Er hatte alles vorbereitet und an etwas so Grundlegendes nicht gedacht.

 

Er blieb allein in London.

 

Sie blieb in Deutschland.

 

Der Besuch, auf den sie beide gehofft hatten, fand nicht statt.

 

Ob diese gemeinsame Zeit ihnen andere Wege gezeigt hätte, wusste er nicht.

 

Vielleicht wäre nichts anders geworden.

 

Vielleicht hätte sich alles nur schneller zugespitzt.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 173

 

 

 

 

Was verborgen gewesen war,
war plötzlich
sichtbar.

 

 

 

Familiärer Druck, Bedrohung und eine Entscheidung Anfang 2008.

 

 

 

Der Anruf

 

 

Anfang 2008 blieb Aylin einmal von der Arbeit fern und kam zu Anemun. Ihre Mutter fuhr an ihrem Betrieb vorbei, weil sie sie besuchen wollte. Im Betrieb und in der Berufsschule hatte sich bereits herumgesprochen, dass Anemun sie gelegentlich hinfuhr und wieder abholte.

 

So erfuhr ihre Familie von dem Kontakt.

 

Ihre Mutter rief sie an, beschimpfte sie schwer und sagte, sie solle nicht mehr nach Hause kommen.

 

Ihre Eltern waren geschieden und lebten getrennt. Wenig später meldete sich deshalb auch ihr Vater bei ihr.

 

Er sagte: „Komm vorbei, wir reden.“

 

An einem Sonntag fuhren sie zu ihm. Vorher informierten sie die Polizei, weil sie mit Schwierigkeiten rechneten.

 

In der Wohnung des Vaters wartete jedoch nicht nur er. Auch seine neue Frau war dort, ebenso das gemeinsame kleine Kind. Dazu kamen ihre Mutter, die Geschwister und weitere Angehörige. Was wie ein Gespräch angekündigt worden war, war längst zu einer versammelten Familiensituation geworden.

 

Schon im Treppenhaus wurde daraus ein Übergriff. Ihr Vater und ihr Cousin packten Anemun am Hals. Ihre Mutter zog Aylin an den Haaren die Treppe hinauf und bespuckte sie.

 

Anemun hielt sich zurück. Er war gekommen, um zu reden.

 

Es wurde fast nur Türkisch gesprochen. Er verstand wenig, merkte aber, wie stark sie unter Druck gesetzt wurde. Irgendwann sah er, wie sie ins Wanken geriet.

 

Auf Kroatisch sagte er zu ihr: „Volim te.“

 

Später sagte sie ihm, dass sie in diesem Moment wieder gespürt habe, wie sehr sie aus diesem Umfeld herausmusste.

 

Sie sagte ihrer Familie, sie wolle mit ihm nach unten gehen und alles klären. Als sie aus der Haustür traten und allein waren, sagte sie nur:

 

„Komm schnell, fahren wir.“

 

Später erzählte sie ihm, ihre Familie habe gedroht, sie direkt in die Türkei zu schicken und sie beide umzubringen.

 

Von da an war die Situation nicht mehr nur eine heimliche Nähe zwischen zwei Menschen. Für sie ging es nun auch um Ehre, Heirat und die Erwartungen ihrer Familie.

 

Anemun fühlte sich verantwortlich. Er hatte seine frühere Beziehung beendet und seine damalige Partnerin zutiefst verletzt. Jetzt stand Aylin vor ihm, die von ihrer Familie ausgestoßen worden war.

 

Im Rückblick sah er, dass es andere Wege gegeben hätte: eine eigene Wohnung für sie, Unterstützung und Abstand. Doch in diesem Moment schien dafür alles zu spät.

 

Irgendwo war Anemun falsch abgebogen.

 

Er glaubte, nicht mehr zurückzukönnen.

 

Wegen der Morddrohungen, die im Raum standen, schaute Anemun noch viele Tage nach rechts und links, wenn er das Haus verließ. Er rechnete damit, dass ihr Vater auftauchen könnte.

 

Was als Nachhilfe begonnen hatte, war zu etwas geworden, aus dem sich keiner von beiden einfach zurückziehen konnte.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 174

 

 

 

 

Manchmal wird aus einem Entschluss
schnell ein Weg,
der schon vorbereitet scheint.

 

 

 

Verlobung, schnelle Hochzeitspläne und ein Blick nach vorn.

 

 

 

Der Ring

 

 

Im März 2008 beschlossen Anemun und Aylin, sich zu verloben.

 

Für die Verlobung kauften sie auf die Schnelle zwei Edelstahlringe. Dann zogen sie sich etwas Schickeres an und gingen in ein gutbürgerliches Restaurant in Stuttgart. Anemun kannte das Lokal, weil seine Mutter dort früher immer wieder bedient hatte.

 

Die Stimmung war nicht gelassen.

 

Aber auch nicht traurig.

 

Sie schauten nach vorne.

 

Beim Essen tauschten sie die Ringe aus.

 

Groß machten sie die Verlobung danach nicht öffentlich. Stattdessen begannen fast sofort die Vorbereitungen für die Hochzeit.

 

Ein Termin Ende Mai stand bald fest. Auch ein Restaurant in der Region war bereits organisiert.

 

Dann ging es um Hochzeitskarten, Einladungen und den engsten Kreis der Familie.

 

Der Ring war schlicht.

 

Aber der Weg danach
war vorgezeichnet.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 175

 

 

 

 

Manchmal bleibt von einer Entscheidung
nur noch die Unterschrift.

 

 

 

Aufhebungsvertrag, Arbeitsplatzverlust und ein neuer Anfang.

 

 

 

Die Unterschrift

 

 

Im April 2008 fuhr Anemun in die Zentrale zu seinem Chef. Der Kontakt zu Aylin war inzwischen bekannt geworden.

 

Sein Chef erklärte, dass die Sache für die Bildungseinrichtung schwierig zu vertreten sei. Es könne Probleme mit dem Auftraggeber und den Unternehmen geben. Für den Chef spielte es keine Rolle, dass sie volljährig war. Aylin war als Nachhilfeschülerin zu Anemun gekommen und galt damit aus seiner Sicht als Schutzbefohlene.

 

Anemun bekam kaum Gelegenheit zu erklären, wie es dazu gekommen war. Der Chef wollte darauf nicht eingehen. Es sei ungünstig gelaufen, sagte er. Um weitere Probleme zu vermeiden, solle Anemun einen Aufhebungsvertrag unterschreiben.

 

Eine wirkliche Wahl blieb ihm nicht. Es gab keine Abfindung. Das Arbeitsverhältnis wurde mit sofortiger Wirkung beendet.

 

Anemun meldete sich umgehend arbeitsuchend. Der Verlust war ein Dämpfer. Er passte jedoch in die ganze Lage, in die er sich selbst manövriert hatte.

 

Noch im April sah Anemun eine passende Stelle im Stuttgarter Raum und bewarb sich. Aylin begleitete ihn zum Vorstellungsgespräch, wartete draußen und fieberte mit. Sie hatten ein gutes Gefühl.

 

Dort wurde schnell jemand gesucht, und seine Erfahrung passte. Bereits im Mai konnte er anfangen. Es ging um die Beratung von Unternehmen in Ausbildungsfragen und um die Überwachung betrieblicher Ausbildung.

 

Der MBA lief weiter. Seine Masterarbeit konnte er mit der neuen Arbeitsstelle verbinden.

 

Die neue Stelle war ein Lichtblick. Anemun hoffte, dass die neue Arbeit und ein späterer Umzug die Lage beruhigen würden.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 176

 

 

 

 

Der Termin stand fest.

 

Und alles ging schnell.

 

 

 

Standesamtliche Hochzeit, Familie und eine kleine Feier.

 

 

 

Das Ja-Wort

 

 

Ende Mai 2008 gingen sie zum Standesamt.

 

Für Anemun war Heirat nie etwas gewesen, das er aus eigenem Antrieb gesucht hatte. Schon seine erste Ehe mit Miriam war stark durch den damaligen christlichen Rahmen geprägt gewesen. Jetzt bestimmte der Druck nach dem Bruch mit Aylins Familie den Weg.

 

Sein jüngerer Bruder organisierte einen Mercedes der R-Klasse, ein wenig Blumenschmuck kam später dazu. Schon am Morgen begann für die Frauen das Schminken und Frisieren beim Friseur. Das Brautkleid hatte sie sich ausgeliehen. Zuvor hatte sie ein anderes kaufen wollen. Die Anzahlung von fünfhundert Euro war bereits geleistet, doch am Ende nahm sie das Kleid einer Bekannten, das ihr besser gefiel. Die Anzahlung bekam sie nicht zurück.

 

Die Eheringe hatten sie zuvor in einem türkischen Goldgeschäft gekauft. Goldringe mit kleinen Brillanten, innen mit ihren Namen und dem Hochzeitstag graviert.

 

Etwa fünfundzwanzig Gäste kamen zum Standesamt. Familie, Freunde wie Adrian und auch Nora. Von Aylins Familie waren nur ihre Schwestern da. Einige von ihnen wirkten den ganzen Tag und auch am Abend abweisend. Es war das erste Treffen nach dem Vorfall im Treppenhaus.

 

Für Anemuns Familie war dieser Tag ebenfalls nicht leicht.

 

Nora hatte lange zu ihnen gehört. Viele mochten sie und hatten sich an sie gewöhnt. Auch seine Mutter musste sich an die neue Wirklichkeit erst gewöhnen. Nach den Vorstellungen seines verstorbenen Vaters wäre eine solche Verbindung schwer vorstellbar gewesen.

 

Für Aylin dagegen war es deshalb nicht leicht, in dieser Konstellation einen eigenen Platz zu finden. Sie war von ihrer Familie getrennt und verlor zunehmend auch ihr vertrautes Umfeld.

 

Wie sehr sie das belasten würde, unterschätzte Anemun.

 

Vielleicht spürte sie es selbst schon.

 

Als die Standesbeamtin sie nach ihrem Ja-Wort fragte, zögerte sie lange.

 

So lange, dass die Stille im Raum auffiel.

 

Auch Anemun war überrascht. Die Hochzeit war ursprünglich von ihr ausgegangen.

 

Später blieb ihm diese Pause im Gedächtnis.

 

Nach dem Standesamt fuhren sie weiter zu einem gutbürgerlichen Restaurant in der Region. Sie kannte das Lokal, weil ihre Mutter dort früher geputzt hatte und sie selbst manchmal mitgeholfen hatte. Auch die Besitzer waren ihr bekannt.

 

Beim Einzug lief Musik: türkisch und kroatisch, modern und traditionell.

 

Es wurde gegessen, getrunken und getanzt. Anemun spielte für sie auf der Gitarre ihr Liebeslied, das er für sie geschrieben hatte. Später tanzte sie Bauchtanz für ihn.

 

Die Feier ging bis in die Morgenstunden. Danach fuhren sie in die Wohnung.

 

Bis dahin hatten sie nicht miteinander geschlafen. Anemun hatte körperliche Nähe zuvor immer wieder begrenzt. Erst in der Hochzeitsnacht waren sie zum ersten Mal auch körperlich zusammen.

 

Es war keine Geschichte, die mit Sex begann. Und für Anemun hatte alles nie mit ihrem Alter zu tun. Seine frühere Partnerin war nicht wesentlich älter gewesen.

 

Gerade deshalb zog er damals innerlich einen falschen Vergleich.

 

Er sah den Altersunterschied.

 

Aber er sah nicht klar genug, wie wenig Raum sie bis dahin gehabt hatte, eigene Erfahrungen zu machen, frei zu entscheiden und sich außerhalb der Erwartungen ihrer Familie zu bewegen.

 

Dabei wollte Anemun ihr genau das geben.

 

Raum.

 

Schutz.

 

Die Möglichkeit, selbst herauszufinden, wer sie war und was sie wollte.

 

Doch er unterschätzte, dass man einen solchen Raum nicht einfach öffnen kann und dann ist alles gut.

 

Man muss auch gelernt haben, ihn zu betreten.

 

Das sollte sich später zeigen.

 

Vielleicht hatte er ihr zu viel zugetraut.

 

Vielleicht zu viel zugemutet.

 

Das begriff er erst später.

 

Damals lag der Hochzeitstag erst einmal hinter ihnen.

 

Die Anspannung war vorüber.

 

Die Ehe war geschlossen.

 

Was von diesem Tag blieb, sollte nicht nur Erinnerung sein. Die Trauung, der Abend, die Musik, die Menschen – vieles wurde gefilmt.

 

Später schnitt Anemun aus den Aufnahmen eine DVD.

 

Anemun selbst sah die DVD nur selten. Seine Frau schaute sie häufiger, auch mit Freundinnen. Auch anderen wurde sie gezeigt.

 

Doch irgendwann waren die Aufnahmen verschwunden.

 

Keine Videos mehr.

 

Keine DVD.

 

Ein Bild blieb noch.

 

Vor dem Standesamt, am Brunnen, waren sie fotografiert worden. Aus diesem Foto wurde später eine größere Leinwand. Ein Porträt, auf dem vor allem ihre Köpfe zu sehen waren.

 

Dieses Bild hing lange an der Wand.

 

Es machte sichtbar, dass es diesen Tag gegeben hatte.

 

Doch auch diese Leinwand verlor irgendwann ihren Platz.

 

In den schlechten Tagen wurde sie abgehängt.

 

Wohin sie danach verschwand, wusste Anemun später nicht mehr.

 

Vielleicht wurde sie weggestellt.

 

Verstaut.

 

Vielleicht weggeworfen.

 

So blieb von diesem Tag immer weniger zurück.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 177

 

 

 

 

Ein Zuhause sollte entstehen.

 

Ohne die alte Geschichte.

 

 

 

Umzug in den Stuttgarter Raum, neue Arbeit und ein gemeinsames Zuhause.

 

 

 

Ein neuer Ort

 

 

In den Monaten nach der Hochzeit pendelte Anemun zunächst weiter zu seinem neuen Arbeitsplatz. Die neue Arbeit tat ihm gut. Er beriet Unternehmen in Ausbildungsfragen und war viel bei Kunden unterwegs. Er konnte selbstständig arbeiten, hatte neue Aufgaben und war mit dem Kopf wieder stärker bei der Arbeit.

 

Nach einiger Zeit fanden Anemun und Aylin dort eine Wohnung. Eine großzügige Zweizimmerwohnung im Souterrain, etwa achtzig Quadratmeter groß, mit zwei Balkonen. Sie lag in einer ruhigen Sackgasse, nicht weit vom See entfernt und nur etwa zehn Minuten zu Fuß von seiner Arbeit.

 

Die Küche konnte übernommen werden. Die Wohnung musste aber gestrichen und eingerichtet werden. Wann immer es möglich war, ging Anemun in der Pause oder nach Feierabend hinüber. Er strich die Räume in verschiedenen Farben, brachte Muster an und bereitete alles vor.

 

Möbel, Teppiche und die weitere Einrichtung suchten sie gemeinsam aus. Als die Wohnung fertig war, zogen sie ein. Seine Frau half beim Putzen und Aufräumen.

 

Es fühlte sich gut an.

 

Es war ihr gemeinsamer Ort. Ein Zuhause ohne die Vorgeschichte der alten Wohnung, ohne die Trennung, die Schulungsräume und alles, was dort passiert war.

 

Für Aylin war dieser neue Ort aber auch ein Bruch. Zu ihrer Familie hatte sie über lange Zeit keinen Kontakt mehr. Viele frühere Freunde waren weit weg oder hatten sich nach den Ereignissen zurückgezogen.

 

Ihr eigenes Umfeld war fast vollständig weggefallen.

 

Sie fand Anschluss vor allem über Anemuns Familie, seine Freunde, sein Umfeld und über Nachbarn im Haus. Für sie war es nicht leicht, ihren eigenen Platz zu finden.

 

Nach dem Umzug konnte Anemun mittags öfter nach Hause gehen. Die Wege waren kurz. Die Arbeit blieb fordernd, aber sie gab ihm Struktur.

 

Auch der MBA lief weiter. Die Prüfungen hatte er trotz allem mit gut bestanden. Seine Masterarbeit schrieb er in Verbindung mit der neuen Arbeitsstelle und bestand sie ebenfalls mit gut.

 

Aylin suchte nach einer eigenen Arbeit. Das gelang zunächst nicht.

 

Stattdessen rückte die Frage nach Kindern schnell in den Vordergrund. Wegen des Altersunterschieds wollten sie nicht lange warten. Die Kinder sollten keinen noch älteren Vater haben.

 

Sie verhüteten nicht, weil der Kinderwunsch da war und sie nicht lange warten wollten.

 

Sie hofften, dass mit dem Umzug, der neuen Arbeit und dem gemeinsamen Zuhause endlich Normalität einkehren würde.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 178

 

 

 

Anemundi-Moment

 

 

Ein neuer Ort
verändert vieles.

 

Wege.

 

Räume.

 

Gewohnheiten.

 

Doch nicht alles
ordnet sich neu.

 

Verantwortung bleibt.

 

Offene Fragen bleiben.

 

Manchmal auch
ein Schuldgefühl.

 

Anemun kam langsam an.

 

Aber Ankommen
ist mehr
als eine neue Umgebung.

 

Auch innen
braucht es Ordnung.

 

Für das,
was war.

 

Für das,
was wirkt.

 

ANEMUNDI ist ein Raum
für Menschen,
die neu beginnen

 

und spüren,
dass ein neuer Ort
nicht alles löst.

 

Wenn du klären möchtest,
was mit dir gekommen ist

 

und was leichter werden darf:

 

 

Melde dich.

 

kontakt@anemundi.de

 

 

 

 

Zwischen Arbeit und Alltag
entstand etwas Ruhiges.

 

 

 

Arbeit im Modehandel, gemeinsame Mittagessen und ruhiger Alltag.

 

 

 

Eine gute Zeit

 

 

Nach dem Umzug suchte Aylin nach einer eigenen Arbeit. Zunächst fragte sie bei zwei Supermärkten in der Nähe nach. Doch dort bekam sie keine Stelle.

 

Schließlich begann sie in einem Modegeschäft in einem großen regionalen Einkaufszentrum. Es war ein Anfang. Doch die Arbeit dort entsprach ihr nicht wirklich. Im selben Gebäude nahm sie später Kontakt zu einem größeren Modehaus auf und wechselte dorthin. Diese Arbeit gefiel ihr deutlich besser.

 

Sie mochte es, Kundinnen zu beraten, Kleidungsstücke miteinander zu kombinieren und darauf zu achten, welche Farben und Formen zu einem Menschen passten. Darin war sie gut.

 

Eines Tages erhielt sie ein Schreiben von der Leitung des Hauses. Eine Kundin hatte ihre Beratung ausdrücklich gelobt und sich dafür bedankt.

 

Ihre Arbeit wurde wahrgenommen.

 

An den Arbeitsbedingungen änderte das jedoch nichts.

Die Mitarbeiterinnen hatten kleine Aufkleber mit ihrer Kennzeichnung. Auf jedes Kleidungsstück, das sie verkauften, klebten sie einen davon. An der Kasse wurde so erfasst, wem der Verkauf zugerechnet wurde.

 

In den Teambesprechungen ging es darum, wer wie viel verkauft hatte und welche Vorgaben erreicht werden sollten. Eine Provision bekamen die Mitarbeiterinnen dafür nicht.

 

Das schuf Konkurrenz.

 

Sie versuchten, möglichst viele Kundinnen anzusprechen und die verkauften Kleidungsstücke mit ihrer eigenen Kennzeichnung zu versehen. Dabei ging es nicht nur um die Beratung, sondern auch darum, wem ein Verkauf am Ende zugerechnet wurde.

 

Die persönliche Beratung machte Aylin Freude. Zugleich war die Arbeit von Zielvorgaben, Kontrolle und Verkaufsdruck geprägt.

Die Arbeitszeiten waren ungünstig. Die Bezahlung war gering.

 

Anemuns Arbeit ließ ihm dagegen viel Freiheit. Seine Vorgesetzte war froh, dass er selbstständig arbeitete, und ließ ihn seine Termine selbst organisieren.

Wenn er bei Unternehmen in der Region zu tun hatte, schaute er regelmäßig bei Aylin im Geschäft vorbei.

 

Wenn sie frei hatte, kam er mittags nach Hause. Dann aßen sie gemeinsam.

Auch zwischen zwei Terminen konnte er kurz nach Hause kommen. Gelegentlich gingen sie noch eine Runde um den See.

 

Die Wege waren kurz.

 

Sie hatten Zeit füreinander.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 179

 

 

 

 

Ein Kind war unterwegs.
Noch unsichtbar.
Und doch schon da.

 

 

 

Schwangerschaft und Geburtsvorbereitung.

 

 

 

Bevor sie da war

 

 

Eines Tages blieb Aylins Periode aus. Sie machte einen Schwangerschaftstest. Er war positiv. Als Aylin es Anemun erzählte, freuten sie sich beide.

 

Das Kind war gewollt.

 

Die Schwangerschaft verlief ruhig. Aylin ging es körperlich gut. Auch bei den regelmäßigen Untersuchungen gab es keine Auffälligkeiten. Zunächst arbeitete sie in dem Kaufhaus weiter. Erst einige Monate vor der Geburt hörte sie auf.

 

Anemun ging weiterhin seiner Arbeit nach und schrieb parallel seine Masterarbeit. Noch vor der Geburt seiner Tochter schloss er damit sein MBA-Studium ab. Der Alltag lief weiter und richtete sich zugleich immer stärker auf das Kind aus.

 

Sie sprachen mit ihrer Tochter im Bauch und freuten sich über jeden Tritt. Was anfangs kaum sichtbar gewesen war, wurde mit jedem Monat wirklicher. Bei den Ultraschalluntersuchungen sahen sie die ersten Bilder ihrer Tochter. Auf einigen war bereits ihr Gesicht zu erkennen.

 

Noch war sie im Bauch ihrer Mutter. Und doch bekam sie für beide immer deutlichere Züge.

 

Nach und nach besorgten sie alles, was sie brauchen würden: ein Kinderbett, Kleidung, einen Kinderwagen und einen Sitz für das Auto. In der Wohnung standen nun Dinge, die dort vorher keine Rolle gespielt hatten. Sie warteten auf jemanden, den sie noch nicht kannten.

 

Anemun begleitete Aylin zu einem Geburtsvorbereitungskurs. Dort ging es um die Geburt, die Atmung und darum, wie er ihr während der Wehen beistehen konnte. Er hörte zu und machte mit. Trotzdem blieb vieles für ihn theoretisch.

 

Wie es wirklich sein würde, konnte er sich nicht vorstellen.

 

Sie kauften eine gute Spiegelreflexkamera mit Zoomobjektiv und Stativ. Dazu kam eine Videokamera. Anemun wollte die ersten Tage, die ersten Bewegungen und all die kleinen Veränderungen festhalten, die schnell wieder vorübergehen würden.

 

Während der Schwangerschaft fotografierten sie immer wieder den wachsenden Bauch. Als Aylin hochschwanger war, machten sie einen großen Gipsabdruck davon. Später wurde er bemalt und hing lange im Wohnzimmer.

 

Anemun hielt diese Zeit fest, noch bevor sie vorüber war.

 

Auch über die Geburt machten sie sich Gedanken. Zunächst sprachen sie über eine Hausgeburt. Später stellten sie sich eine Wassergeburt vor. Die Geburt sollte möglichst natürlich verlaufen. Ein Kaiserschnitt kam für sie nur infrage, wenn es medizinisch keine andere Möglichkeit gab. Auch eine PDA wollte Aylin nach Möglichkeit vermeiden.

 

Es war ihre erste Geburt. Sie bereiteten sich darauf vor, so gut sie konnten.

Das Kinderbett stand bereit. Die Kleidung lag im Schrank. Kinderwagen, Autositz und Kameras warteten auf ihren Einsatz.

 

Anemun freute sich auf seine Tochter.

 

Noch bestand das Vatersein für ihn aus Vorstellungen, Bewegungen unter der Bauchdecke und Dingen, die sie für das Kind ausgesucht hatten. Wie es sich anfühlen würde, wenn sie tatsächlich da war, wusste er nicht.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 180

 

 

 

 

Nach einer langen Geburt
war ihre Tochter da.
Sie konnten sie nur kurz sehen.
Dann wurde sie mitgenommen.

 

 

 

Geburt mit PDA und Versorgung des Neugeborenen im Brutkasten.

 

 

 

Als sie da war

 

 

Die Wehen begannen früh am Morgen. Anemun blieb bei Aylin und stand ihr während der Geburt bei. Am Abend bekam sie wegen der Schmerzen eine PDA. Auch danach dauerte es noch die ganze Nacht.

 

Am nächsten Morgen wurde ihre Tochter geboren.

 

Als Erstes sah Anemun das Gesicht seiner Tochter. Nicht mehr auf einem Ultraschallbild, sondern vollständig vor sich. Sie wirkte erschöpft und hatte kräftige schwarze Haare.

 

Aylin konnte sie kurz sehen. Dann wurde sie gleich mitgenommen. Wegen eines möglichen Infektionsrisikos wurde sie sofort medizinisch untersucht und behandelt.

 

Anemun lief ein Stück hinterher. Er wollte seine Tochter noch einmal genau ansehen und sich ihr Gesicht einprägen. Er wollte sicher sein, dass sie später nicht verwechselt würde.

 

In den Arm bekam er sie zunächst nicht.

 

Aylin war nach der langen Geburt völlig erschöpft. Auch die Kleine war geschwächt. Anemun hatte die ganze Nacht bei Aylin verbracht und ihr beigestanden. Auch er war müde. Trotzdem blieb er angespannt.

 

Es blieb ihm keine Zeit, die Behandlung zu verstehen oder einzuordnen. Alles ging sehr schnell.

 

Seine Tochter kam in einen Brutkasten. Als Anemun sie später dort sah, wurde er sehr traurig.

 

So hatte er sich die ersten Stunden mit ihr nicht vorgestellt.

 

Erst nachdem sie aus dem Brutkasten gekommen war, bekam er seine Tochter in den Arm.

 

Zum ersten Mal hielt er sie.

 

Was vorher nur aus Ultraschallbildern, Bewegungen unter der Bauchdecke und Vorstellungen bestanden hatte, lag nun in seinen Armen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 181

 

 

 

 

Zehn Tage nach der Geburt
kam ihre Tochter mit ihnen nach Hause.

 

 

 

Brutkasten und die erste Zeit mit dem Neugeborenen.

 

 

 

Zu dritt

 

 

Ihre Tochter verbrachte einige Tage im Brutkasten und blieb insgesamt etwa zehn Tage im Krankenhaus. Wegen eines möglichen Infektionsrisikos wurde sie medizinisch behandelt und überwacht.

 

Anemun konnte zunächst nur bei ihr sein und sie ansehen. Erst nach einigen Tagen durfte er sie zum ersten Mal in den Arm nehmen. Vorsichtig hielt er seine Tochter.

 

Als er sie später zum ersten Mal wickelte, machte sie ihm direkt in die Hand.

 

Eine deutliche Begrüßung.

 

Das Stillen funktionierte. Auch Aylin ging es den Umständen entsprechend gut. Nach etwa zehn Tagen durften sie das Krankenhaus gemeinsam verlassen.

 

Zu Hause mussten sie sich erst an das neue Leben gewöhnen. Die Tage und Nächte richteten sich nun nach dem Still- und Schlafrhythmus ihrer Tochter. Wann sie schliefen, aufstanden oder zur Ruhe kamen, bestimmten nicht mehr sie allein.

 

Anemun freute sich, Vater zu sein. Er achtete darauf, dass es Aylin und seiner Tochter gut ging.

 

Sie lag in ihrem Bett, wurde gestillt, getragen und gewickelt. Sie war sichtbar und selbstverständlich da.

 

Und doch dauerte es, bis er wirklich begriff:

 

Sie waren jetzt zu dritt.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 182

 

 

 

 

Fast drei Monate
war Anemun ganz zu Hause.
Dann begann wieder die Arbeit.

 

 

 

Erste Monate mit Baby, Elternzeit und Rückkehr in den Beruf.

 

 

 

Ein neuer Mittelpunkt

 

 

Fast drei Monate blieb Anemun vollständig zu Hause. Er unterstützte Aylin bei allem, was anfiel, wickelte seine Tochter, wusch Wäsche, putzte, bereitete das Essen vor und ging einkaufen.

 

Für die Spaziergänge hatten sie ein Tragetuch gekauft. Darin konnten sie ihre Tochter dicht am Körper tragen.

 

Es war eine interessante Zeit. Alles war neu, und bei ihrem ersten Kind mussten sie vieles erst kennenlernen. Was ihre Tochter brauchte, bestimmte zunehmend den Alltag. Schlaf, Mahlzeiten, Einkäufe und die Aufgaben im Haushalt richteten sich nun danach, wie es ihr ging und wann sie versorgt werden musste.

 

Auch die Beziehung zwischen Anemun und Aylin veränderte sich. Sie waren nicht mehr nur ein Paar. Der gemeinsame Blick richtete sich nun fast vollständig auf ihre Tochter.

 

Nach beinahe drei Monaten kehrte Anemun an seinen Arbeitsplatz zurück. Nach der gemeinsamen Zeit zu Hause war das ein deutlicher Einschnitt. Von einem Tag auf den anderen war er nicht mehr den ganzen Tag bei Aylin und seiner Tochter. Während zu Hause weiterhin alles seinen neuen Rhythmus suchte, gehörte ein großer Teil seines Tages wieder der Arbeit.

 

Die Monate vergingen. Seine Tochter konnte bald im Kinderstuhl sitzen und bekam ihren ersten Brei. Wenn sie hungrig war, bewegte sie ihren Oberkörper ungeduldig nach vorn und hinten, bis endlich der nächste Löffel kam. Sie konnte kaum erwarten, wieder etwas zu essen zu bekommen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 183

 

 

 

 

Es ging um die Gesundheit ihrer Tochter.
Doch statt verständlicher Antworten erlebten sie ärztlichen Druck.

 

 

 

Impfberatung, ärztlicher Druck und die Impfentscheidung für einen Säugling.

 

 

 

Die Verantwortung blieb bei ihnen

 

 

Bei der U4, der Untersuchung zwischen dem dritten und vierten Lebensmonat, fragte die Arzthelferin, ob die Kleine Fieber habe. Anemun wollte wissen, weshalb sie das fragte. Heute sei Impftag, antwortete sie.

 

Anemun war überrascht. Niemand hatte zuvor mit ihnen über eine Impfung gesprochen oder sie darauf vorbereitet. Als er sagte, dass sie noch nicht einmal aufgeklärt worden seien, meldete die Arzthelferin es sofort dem Kinderarzt.

Während der anschließenden Untersuchung redete der Arzt immer wieder energisch auf Anemun und Aylin ein. Ihre Tochter solle geimpft werden. Er verwies darauf, dass er Impfungen auch persönlich befürworte.

 

Doch er erklärte ihnen weder die einzelnen Impfungen noch deren konkreten Nutzen und mögliche Risiken. Er ging nicht mit ihnen durch, wogegen ihre Tochter geimpft werden sollte, welche Nebenwirkungen auftreten konnten und welche Bestandteile die jeweiligen Impfstoffe enthielten. Einen Beipackzettel öffnete er nicht. Statt einer für sie nachvollziehbaren medizinischen Aufklärung erhielten sie höchstens Flyer und Unterlagen, die auf sie eher wie allgemeines Informationsmaterial als wie eine individuelle ärztliche Beratung wirkten.

 

Anemun und Aylin waren keine Impfgegner. Beide waren selbst vollständig geimpft. Vor seiner Weltreise hatte Anemun sogar weitere Impfungen erhalten, ohne daraus eine grundsätzliche Frage zu machen. Erst als sie für ihren Säugling entscheiden sollten, veränderte sich etwas.

 

Nun ging es nicht mehr um ihren eigenen Körper. Sie mussten für ein Kind entscheiden, das weder zustimmen noch ihnen sagen konnte, wie es ihm nach einer Impfung ging. Deshalb wollten sie nicht einfach vertrauen.

 

Sie wollten verstehen.

 

Anemun erwartete keine Garantie, dass niemals etwas geschehen konnte. Er wollte wissen, wogegen ihre Tochter geimpft werden sollte, wie groß die Gefahr der jeweiligen Erkrankung war und welchen Schutz eine Impfung tatsächlich bot. Er wollte die möglichen Nebenwirkungen kennen, die Bestandteile verstehen und nachvollziehen können, wie Nutzen und Risiken bei einem gesunden Säugling gegeneinander abgewogen wurden.

 

Doch eine solche Auseinandersetzung fand nicht statt.
Sie wechselten den Kinderarzt. Aber auch bei weiteren Ärzten fanden sie nicht das Gespräch, das sie suchten. Immer wieder wurde auf der Impfempfehlung bestanden, ohne ihre Fragen im Einzelnen zu beantworten. Niemand nahm sich mit ihnen die Fachinformationen vor und erklärte nachvollziehbar, worauf die medizinische Abwägung beruhte.

 

Anemun fragte sich, wie sicher eine vorbeugende Maßnahme sein musste, wenn sie einem gesunden Säugling verabreicht wurde.

So oder so blieb die Verantwortung bei den Eltern. Wenn ihre Tochter ungeimpft schwer erkrankte, würden sie sich fragen, ob sie es hätten verhindern können. Wenn nach einer Impfung gesundheitliche Probleme auftraten, hätten sie selbst dem Eingriff an ihrem zuvor gesunden Kind zugestimmt.

 

Welchen Weg sie auch wählten: Sie mussten mit möglichen Folgen und Gewissensbissen leben.

 

Es war die härteste Entscheidung, die sie als Eltern treffen mussten.

 

Solange ihnen die notwendige Klarheit fehlte, schoben sie die Impfungen zunächst auf. Sie wollten keinen Schritt gehen, den sie anschließend nicht mehr rückgängig machen konnten.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 184

 

 

 

 

Sie suchten nach Gewissheit.
Doch je tiefer sie recherchierten,
desto mehr zerfiel die erhoffte Antwort in Bruchstücke.

 

 

 

Impfstoffwirkung, Nebenwirkungen, Inhaltsstoffe und die Impfentscheidung.

 

 

 

Aus Bruchstücken ein Bild

 

 

Monatelang recherchierten Anemun und Aylin. Sie lasen, speicherten und druckten stapelweise Dokumente zu allem, was sie über die Wirkungsweise von Impfungen, ihre Inhaltsstoffe, mögliche Nebenwirkungen und Berichte über vermutete Impfschäden finden konnten.

 

Zunächst beschäftigte Anemun die Frage, wie zuverlässig die einzelnen Impfungen wirkten. Was bedeutete Schutz konkret? Verhinderte eine Impfung die Ansteckung, die Erkrankung oder vor allem einen schweren Verlauf? Wie lange hielt dieser Schutz an, und wie verlässlich ließ er sich belegen?

 

Auch die Geschichte der früher verwendeten Polio-Schluckimpfung ließ ihn nicht los. Der darin enthaltene Lebendimpfstoff hatte in manchen Fällen eine impfstoffassoziierte Kinderlähmung ausgelöst. In Deutschland war die Schluckimpfung deshalb 1998 durch einen inaktivierten Impfstoff ersetzt worden.

 

Dass eine Impfung schützen und in seltenen Fällen zugleich eine schwere Komplikation verursachen konnte, zeigte Anemun, wie wenig Begriffe wie sicher oder wirksam für sich allein aussagten. Er wollte nicht nur wissen, ob ein Impfstoff grundsätzlich wirkte. Er wollte das Ausmaß seines Schutzes ebenso verstehen wie die Art und Häufigkeit möglicher Schäden.

 

Sie suchten nach Untersuchungen, die möglichst viele Merkmale dessen miteinander verbanden, was Anemun unter besonders belastbarer Forschung verstand: eine ausreichend große Teilnehmerzahl, zufällige Gruppenzuteilung, Verblindung, eine geeignete Kontrollgruppe, unabhängige Finanzierung und eine langfristige Beobachtung der körperlichen, neurologischen und immunologischen Entwicklung.

 

Eine einzelne Untersuchung, die all diese Anforderungen erfüllte und zugleich den vollständigen Impfplan der ersten Lebensjahre berücksichtigte, fanden sie nicht. Sie fanden klinische Studien zu einzelnen Impfstoffen und bestimmten Nebenwirkungen mit begrenzten Beobachtungszeiträumen, darunter auch von der Pharmaindustrie finanzierte – aber nicht jene umfassende Absicherung, die Anemun vor einem vorbeugenden Eingriff an seinem gesunden Kind erwartet hatte.

 

Auch die Wirkverstärker beschäftigten sie. Bestimmten Totimpfstoffen wurden unter anderem Aluminiumsalze zugesetzt, um die gewünschte Immunantwort zu verstärken. Für Anemun beantwortete diese Erklärung die Frage nicht.

 

Sie eröffnete eine neue.

 

Er wollte wissen, was diese Stoffe darüber hinaus im Körper bewirkten, wie sie verarbeitet oder ausgeschieden wurden und welche örtlichen oder körperweiten Reaktionen sie hervorrufen konnten. Vor allem fragte er sich, was ihre wiederholte Verabreichung für den sich entwickelnden Organismus eines Säuglings bedeutete.

 

Auch Hinweise darauf, dass Thiomersal als quecksilberhaltiges Konservierungsmittel in Impfstoffen verwendet worden war, beunruhigten sie. Deshalb wollten sie bei jedem konkreten Präparat wissen, welche Bestandteile ihrer Tochter verabreicht werden sollten und welche Funktion diese erfüllten.

 

Dabei ging es ihnen nicht allein um einen einzelnen Stoff oder eine einzelne Dosis. Sie wollten verstehen, wie sich die Vielzahl der empfohlenen Impfstoffdosen und Wirkverstärker in den ersten Lebensjahren zusammengenommen auf die Entwicklung eines Kindes auswirken konnte.

 

Was sie fanden, waren Studien, Stellungnahmen, Fachinformationen und gegensätzliche Darstellungen. Jede Quelle beleuchtete einen anderen Ausschnitt. Die einen sprachen beinahe ausschließlich über den Nutzen, die anderen vor allem über mögliche Risiken. Vieles erschien ihnen interessengeleitet. Eine zusammenhängende Untersuchung, die alle ihre entscheidenden Fragen beantwortete, fanden sie nicht.

 

So mussten sie sich aus unzähligen Bruchstücken selbst ein Bild zusammensetzen.

 

Es ging ihnen nicht darum, sich gegen Impfungen zu stellen. Sie wollten für ihre Tochter die bestmögliche Entscheidung treffen. Dafür waren sie bereit, unzählige Stunden zu recherchieren, Auseinandersetzungen mit Ärzten auszuhalten und notfalls auch vor Gericht zu gehen.

 

Denn eine Entscheidung wurde für sie nicht allein dadurch verantwortbar, dass sie empfohlen wurde.

 

Sie brauchte nachvollziehbare Grundlagen.

 

Anemun verstand auch den gesellschaftlichen Widerspruch nicht. Für gesunde Ernährung und vieles, was das Immunsystem eines Kindes im Alltag stärkte, mussten Eltern selbst sorgen und bezahlen. Impfungen dagegen wurden ohne unmittelbare Kosten angeboten und mit großem Nachdruck empfohlen. Natürlich wusste er, dass auch sie finanziert wurden. Dennoch verstärkte dieser Unterschied sein Gefühl, dass hinter der scheinbaren Selbstverständlichkeit wirtschaftliche und institutionelle Interessen standen, über die niemand offen mit ihnen sprach.

 

Kein Arzt konnte ihnen schriftlich garantieren, dass eine Impfung ihre Tochter zuverlässig vor jeder Ansteckung schützen würde. Ebenso konnte niemand persönlich die Verantwortung übernehmen, falls danach gesundheitliche Probleme auftraten.

 

Anemun wusste, dass kein Arzt vollkommenen Schutz oder völlige Risikofreiheit versprechen konnte. Er fragte sich jedoch, ob im Praxisalltag überhaupt genügend Zeit blieb, seine vielen Fragen im Einzelnen zu prüfen. Eine wirkliche Auseinandersetzung hätte Zeit gekostet.

 

Und Zeit war im Praxisalltag auch Geld.

 

Genau darin lag für ihn das Dilemma: Von den Eltern wurde eine weitreichende Entscheidung erwartet, während die Verantwortung für deren mögliche Folgen bei ihnen blieb.

 

Ihre Haltung war keine leichtfertige Ablehnung und kein spontaner Entschluss. Sie war das Ergebnis eines monatelangen Ringens, in dem jeder mögliche Weg mit Angst, Zweifeln und möglichen Schuldgefühlen verbunden war.

 

Am Ende fanden sie nicht die Gewissheit, nach der sie gesucht hatten. Sie fanden nur die Verantwortung, unter Ungewissheit selbst zu entscheiden.

 

Sie hielten deshalb zunächst am Aufschub fest.

 

Nicht aus grundsätzlicher Gegnerschaft.

 

Sondern weil zu viele ihrer Fragen unbeantwortet geblieben waren.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 185

 

 

 

 

Sie hatten ihre Entscheidung getroffen.
Was sie jetzt brauchten,
war jemand, der sie respektierte.

 

 

 

Eine Kinderärztin, die zuhörte, eine gesunde Tochter und eine Ruhe, die an einen Menschen gebunden war.

 

 

 

Als ihre Entscheidung noch respektiert wurde

 

 

Nach den Erfahrungen mit den bisherigen Kinderärzten suchten Anemun und Aylin weiter. Schließlich fanden sie eine Kinderärztin, die anders mit ihnen umging.

 

Sie machte deutlich, dass sie Impfentscheidungen differenziert betrachtete. Vor allem aber versuchte sie nicht, Anemun und Aylin zu überreden. Sie hörte ihnen zu und respektierte, dass die Entscheidung über ihre Tochter bei den Eltern lag.

 

Anemun und Aylin mussten sie nicht überzeugen. Und sie verlangte auch nicht, dass sie sich von ihr überzeugen ließen.

 

Zu dieser Zeit gab es noch keine gesetzliche Nachweispflicht für einen Masernschutz. Ihre Tochter ging ohnehin nicht in den Kindergarten. Aylin blieb zu Hause, und das Thema trat für einige Zeit in den Hintergrund.

 

Doch die Ruhe war an einen Menschen gebunden.

 

Als die Kinderärztin schwanger wurde und ihre Arbeit beendete, begann bei den anderen Kinderärzten dasselbe Spiel von vorn. Wieder wurde auf Impfungen gedrängt. Wieder entstand für Anemun und Aylin das Gefühl von Zwang. Und wieder war kaum jemand bereit, sich mit ihren eigentlichen Fragen auseinanderzusetzen.

 

Inzwischen hatte sich auch Aylin intensiv in das Thema eingelesen. Beide waren sich einig: Solange ihnen niemand belastbare, unabhängige Untersuchungen vorlegen konnte, die ihre wesentlichen Fragen zur Schutzwirkung und zu möglichen Folgen beantworteten, konnten sie einer Impfung ihrer Tochter nicht mit gutem Gewissen zustimmen.

 

Ihr Gewissen ließ ihnen keine andere Wahl.

 

Ihre Tochter entwickelte sich gut. Auch bei späteren ärztlichen Empfehlungen prüften Anemun und Aylin sorgfältig, ob eine Behandlung aus ihrer Sicht tatsächlich notwendig war. Solange der Zustand ihrer Tochter es zuließ, beobachteten sie zunächst die weitere Entwicklung.

 

Für sie war das kein Beweis dafür, dass Medikamente grundsätzlich nicht benötigt wurden. Aber es bestärkte sie darin, nicht jede ärztliche Empfehlung ungeprüft umzusetzen. Sie wollten beobachten, abwägen und nur dann eingreifen, wenn es tatsächlich notwendig erschien.

 

Solange ihre Tochter gesund war und niemand einen Nachweis verlangte, blieb diese Entscheidung in ihrer persönlichen Verantwortung.

 

Noch konnte ein Arzt sie respektieren.

 

Jahre später würde das nicht mehr genügen. Dann würde der Staat einen Nachweis verlangen. Und aus der Gewissensentscheidung zweier Eltern würde schließlich eine Angelegenheit vor Gericht.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 186

 

 

 

 

Ihre Tochter war noch ein Säugling,
als sie plötzlich die Brust verweigerte.
Was wie ein Ende aussah,
war das erste Zeichen eines neuen Anfangs.

 

 

 

Eine unerwartete Schwangerschaft, Anemuns Weg in die Verantwortung und eine Geburt,

für die kaum Zeit blieb.

 

 

 

Als das Leben keine Pause machte

 

 

 

Es hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass eine stillende Frau nicht schwanger werden könne. Anemun und Aylin erlebten, dass es nicht stimmte.

 

Ihre Tochter wollte plötzlich nicht mehr an die Brust. Sie verweigerte die Milch und stillte sich damit selbst ab. Zunächst wussten die Eltern nicht, weshalb. Erst als Aylin bemerkte, dass sie wieder schwanger war, ergab das Verhalten der Kleinen für sie einen Sinn. Durch die Schwangerschaft hatte sich der Hormonhaushalt der Mutter verändert – und vermutlich auch der Geschmack der Milch.

 

Die Nachricht war zunächst ein kleiner Schock. Mit einem zweiten Kind hatten sie so schnell nicht gerechnet. Ihre Tochter war selbst noch ein Säugling, und nun begann bereits die nächste Schwangerschaft.

 

Doch der Schreck hielt nicht lange an.

 

Sie freuten sich auf das zweite Kind. Als sie erfuhren, dass es ein Junge werden würde, wurde die Freude noch größer. Nun würden sie eine Tochter und einen Sohn haben.

 

Ein Schwesterchen und ein Brüderchen.

 

Noch lebten sie in der gleichen Wohnung. Die 80 Quadratmeter reichten für den Übergang aus. Nach der Geburt des Sohnes sollte im Schlafzimmer auf jeder Seite des Ehebettes ein Kinderbettchen stehen.

 

Kinderbetten in Stereo.

 

Für den Augenblick würde es gehen. Doch ihnen war klar, dass die Wohnung auf Dauer zu klein werden würde. Früher oder später stand der nächste Umzug bevor.

 

An eine Rückkehr Aylins in den Beruf war vorerst nicht zu denken. Sie kümmerte sich um die kleine Tochter und war bereits wieder schwanger. Unterstützung aus ihrer eigenen Familie gab es kaum. Zu ihren Geschwistern bestand weiterhin wenig Kontakt.

 

Im Alltag war Aylin im Wesentlichen auf Anemun und seine Familie angewiesen. Ihre Schwiegermutter war bereits älter und nicht mehr so beweglich, dass sie die junge Mutter umfassend hätte entlasten können. Vieles blieb an Aylin hängen, und sie schlug sich tapfer.

 

Für Anemun bedeuteten Ehe und Kinder eine Veränderung seines gesamten Lebens. Zum ersten Mal versuchte er, sich dauerhaft in ein System einzufügen und ein normales, verantwortungsvolles Leben zu führen. Früher war er gegangen, wohin er wollte. Er hatte Entscheidungen für sich getroffen und sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen geführt.

 

Jetzt hing sein Handeln nicht mehr nur von ihm ab.

 

Er hatte eine Frau und bald zwei Kinder zu versorgen. Darauf richtete er seinen gesamten Fokus. Wie bei allem, was für ihn Bedeutung bekam, ging er nicht mit halber Kraft hinein.

 

Er gab hundertfünfzig Prozent.

 

Im selben Jahr wies ihn sein damaliger Chef auf eine Stelle im Raum Ludwigsburg hin. Er gehörte dort ehrenamtlich dem Vorstand an, und die Organisation suchte einen Geschäftsführer. Aufgrund seines MBA und seiner selbstständigen Arbeitsweise hielt er Anemun für den richtigen Mann.

 

Doch er warnte ihn auch.

 

Diese Aufgabe werde ihm viele schlaflose Nächte bereiten.

 

Anemun bewarb sich und erhielt unter zahlreichen Bewerbern die Stelle. Wenig später wechselte er seinen Arbeitsplatz und übernahm die Geschäftsführung. Ein Jahr später wurde er beauftragt, die Geschäftsführerposition in eine Vorstandsposition umzuwandeln. Die bisherigen ehrenamtlichen Vorstände wechselten in den Aufsichtsrat, und Anemun wurde Vorstand.

 

Den beruflichen Wechsel hatte er vorher mit Aylin besprochen. Beiden war bewusst, dass die neue Aufgabe viel Zeit beanspruchen würde. Anemun konnte nun nicht mehr wie bisher in der Mittagspause nach Hause kommen. Er musste zwischen ihrem Wohnort und dem Raum Ludwigsburg pendeln, trug mehr Verantwortung und würde einen großen Teil des Tages fehlen.

 

Sie entschieden sich trotzdem gemeinsam dafür.

 

Es war ihre Aufteilung für diese Lebensphase: Aylin hielt zu Hause den Alltag mit den Kindern zusammen. Anemun konzentrierte sich darauf, die wirtschaftliche Grundlage der Familie zu sichern.

 

Je größer seine Verantwortung wurde, desto vollständiger ging er in ihr auf.

 

Gegen Ende des Jahres stand die Geburt ihres Sohnes bevor. In der Nacht vor der Geburt fuhr Anemun noch einmal eigens zu seinem Arbeitsplatz, um die Weihnachtskarten für die Geschäftskunden und Partner von Hand zu unterschreiben. Auf die Weihnachtsfeier mit den Kollegen verzichtete er. Er schaltete sich nur kurz von zu Hause dazu.

 

Seine Familie ging vor.

 

Als am nächsten Morgen die Wehen einsetzten, ging alles sehr schnell. Schon etwa eine Stunde später wurde Aylin mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht. Anemun fuhr hinterher und wäre beinahe zu spät gekommen.

 

Doch er schaffte es noch rechtzeitig.

 

Im Kreißsaal baute er die Kamera auf und hielt die Geburt auf Video fest. Viel Zeit blieb ihm dafür nicht. Wenig später kam sein Sohn zur Welt.

 

Keine zwei Stunden nach den ersten Wehen war er da. Anemun bekam ihn direkt in die Arme und konnte den Stammhalter begrüßen.

 

Mit ihm war die Familie zu viert.

 

Zu Hause wartete die Zweizimmerwohnung. Links und rechts vom Ehebett standen nun die Kinderbettchen. Noch passten sie alle hinein.

 

Doch das Leben war bereits größer geworden als der Raum, in dem sie lebten.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 187

 

 

 

 

Dreizehn Monate Unterschied,
fast wie Zwillinge.
Mit mehr Raum wuchsen auch die Aufgaben.

 

 

 

Zwei Kleinkinder, wenig familiäre Unterstützung und der Umzug.

 

 

 

Als aus Verantwortung Alltag wurde

 

 

Nach der Geburt seines Sohnes blieb Anemun noch einige Wochen zu Hause. Länger war es diesmal nicht möglich, denn er hatte gerade eine verantwortungsvolle Position übernommen.

 

Die ersten Wochen waren geprägt von Stillen, wenig Schlaf und zwei kleinen Kindern, die häufig gleichzeitig etwas brauchten. Aylin war erschöpft, gesundheitlich ging es ihr und beiden Kindern jedoch gut. Anemun unterstützte, wo er konnte. Er gab der Kleinen das Fläschchen, wechselte Windeln, kaufte ein, wusch Wäsche und kochte – je nachdem, was gerade anstand.

 

Als er wieder arbeitete, blieb Aylin mit vielem allein.

 

Zwischen den Kindern lagen nur dreizehn Monate. Es war beinahe wie mit Zwillingen. Beide mussten gefüttert, getragen, gewickelt und angezogen werden. Beide brauchten ihre Mutter, oft zur selben Zeit.

 

Besonders im Winter konnte schon ein Spaziergang zur Geduldsprobe werden. Aylin zog beide Kinder an, Schicht für Schicht. Kaum war das eine fertig, war die Windel voll. Also wieder ausziehen, wickeln und anziehen. War es endlich bereit, musste das andere gewickelt werden. Manchmal dauerte es wohl Stunden, bis sie die Wohnung verlassen konnten.

 

Und trotzdem ging sie mit ihnen hinaus, an die frische Luft und um den See spazieren.

 

Unterstützung gab es nur sporadisch. Die Schwiegermutter half, wenn es ihr möglich war, wohnte jedoch nicht in der Nähe und war nicht mehr so agil. Manchmal sprang jemand aus der Nachbarschaft ein. Den größten Teil des Alltags bewältigte Aylin allein.

 

Anemun arbeitete viel. Aylin fühlte sich vermutlich manchmal überfordert und allein. Trotzdem funktionierten sie in dieser Zeit als Team. Es gab keine offenen Vorwürfe und keinen größeren Streit. Beide erfüllten die Aufgabe, die sie übernommen hatten: Anemun sicherte die Familie wirtschaftlich ab, Aylin hielt den Alltag mit den Kindern zusammen.

 

Vielleicht wurde gerade deshalb manches zu spät ausgesprochen. Solange alles funktionierte, schien es keinen Grund zu geben, über den Preis zu sprechen.

Die bisherige Zweizimmerwohnung wurde für vier Menschen langsam zu klein. Da Anemun inzwischen im Raum Ludwigsburg arbeitete, verbanden sie den notwendigen Umzug mit seinem neuen Arbeitsweg.

 

In einer kleineren Stadt nördlich von Stuttgart fanden sie ein renoviertes Reihenendhaus mit mehr als 150 Quadratmetern Wohnfläche. Es war großzügig geschnitten und verteilte sich auf Erdgeschoss, ersten Stock und Dachgeschoss. Jedes Kind bekam ein eigenes Zimmer. Hinzu kamen großzügige, nutzbare Kellerräume mit einem Wäscheraum, einem Fitnessraum und einem Tanzraum für Aylin. Hinter dem Haus lag eine Terrasse.

 

Sie konnten sofort einziehen.

 

Dann begann wieder alles von vorn. Möbel mussten gekauft, Kisten ausgepackt und neue Abläufe gefunden werden.

 

Das Haus bot mehr Platz, brachte aber auch mehr Arbeit. Über 150 Quadratmeter Wohnfläche auf drei Ebenen und die großzügigen Kellerräume bedeuteten mehr Zimmer, mehr Flächen und mehr zu reinigen. Anemun schlug deshalb mehrfach vor, eine Haushaltshilfe zu holen. Manchmal stimmte Aylin zunächst zu, entschied sich dann aber meistens dagegen.

 

Auch seine Hemden wollte er in die Reinigung bringen, damit sie diese nicht bügeln musste. Doch das wollte sie ebenfalls nicht.

 

Warum sie angebotene Entlastung kaum annehmen konnte, klärten sie damals nicht. Als die Belastung später zu groß wurde, reichten eine Haushaltshilfe oder einige Hemden weniger nicht mehr aus.

 

Noch funktionierte der Alltag. Aylin ging mit den Kindern zur musikalischen Früherziehung, unternahm viel mit ihnen und gewöhnte sie früh an Bewegung. Schon an ihrem vorherigen Wohnort war sie mit ihnen um den See gelaufen.

 

Auch bei der Ernährung achteten die Eltern auf einen gesunden Anfang. Süßigkeiten und Zucker vermieden sie möglichst. Stattdessen bekamen die Kinder Früchte und natürliche Lebensmittel. Fernsehen und später auch Handys wollten sie so lange wie möglich von ihnen fernhalten.

 

In ihrem neuen Zuhause hatte jedes Familienmitglied mehr Raum.

 

Doch Räume schufen keine Zeit.

 

Das Haus gab ihnen vieles, was ihnen zuvor gefehlt hatte. Gleichzeitig vergrößerte es das, was täglich bewältigt werden musste.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 188

 

 

 

 

Aus dem kleinen Team wurden mehrere Dutzend Mitarbeiter.
Starre Strukturen, neue Freiheiten und Verantwortung bis in die Nacht.

 

 

 

Führung, Organisationsentwicklung und Verantwortung für Mitarbeiter.

 

 

 

Als Führung Freiheit bedeutete

 

 

Mit seiner neuen Führungsaufgabe entwickelte sich Anemun beruflich schnell weiter. Da die Organisation auch einen zweiten Standort in der Region hatte, war er bereits vor dem Umzug regelmäßig mit beiden Standorten verbunden.

 

Als Geschäftsführer wurde er beauftragt, die Satzung des gemeinnützigen Vereins zu ändern. Der ehrenamtliche Vorstand wollte die operative Verantwortung abgeben und wechselte nach der Umstrukturierung in den Aufsichtsrat. Anemun setzte den gesamten Übergang um und wurde zum alleinigen Vorstand.

 

Als er die Organisation übernahm, arbeiteten dort rund ein Dutzend Menschen auf mehreren Hierarchieebenen. Die Strukturen waren eng, streng und wenig flexibel. Zunächst setzte Anemun die gesamte Hierarchie auf null.

 

Er wollte unmittelbar mitbekommen, was in der Organisation geschah, wo es Schwierigkeiten gab und was die Menschen für ihre Arbeit benötigten. Deshalb führte er anfangs alle Mitarbeiter direkt. Er hörte zu, fragte nach und begann, die Abläufe grundlegend zu verändern.

 

Die Organisation bot berufliche Bildungsmaßnahmen an. Anemun richtete sie neu aus und baute einen zusätzlichen Geschäftsbereich auf. Die Zahl der Teilnehmer verdoppelte sich nahezu. Auch der Umsatz stieg auf beinahe das Doppelte.

 

Aus dem kleinen Team wurden mehrere Dutzend Mitarbeiter. Hinzu kamen mehrere hundert Trainer.

 

Mit dem Wachstum konnte Anemun nicht mehr alles unmittelbar führen. Er setzte Bereichsleiter ein, übertrug ihnen Verantwortung und sorgte dafür, dass sie die notwendigen Möglichkeiten für ihre Aufgaben erhielten. Dazu gehörten auch Dienstwagen sowie MacBooks, iPads und iPhones. Eine solche Ausstattung war zuvor keineswegs selbstverständlich gewesen.

 

Er passte die Gehälter an und führte Provisionsregelungen ein. Zuerst erhielten die Mitarbeiter ihre Provisionen. Nur wenn danach noch etwas übrigblieb, bekam Anemun selbst seinen Anteil.

 

Einem dieser Bereichsleiter ermöglichte Anemun wegen einer veränderten familiären Situation, regelmäßig von zu Hause aus zu arbeiten. So konnte er Beruf und private Verantwortung besser miteinander verbinden.

 

Er stellte die Menschen, für die er Verantwortung trug, vor sich selbst.

 

Für Anemun waren Mitarbeiter nicht lediglich Arbeitskräfte. Er wollte sie so behandeln, wie er Familie verstand: ihnen zuhören, ihnen vertrauen und wahrnehmen, was sie für ihr Leben benötigten.

 

In den Mitarbeitergesprächen führte er deshalb die „Big Three“ ein: die drei großen persönlichen Wünsche jedes einzelnen Mitarbeiters. Diese Gespräche fanden jährlich statt. Die Wünsche wurden systematisch festgehalten und, wenn sie die gemeinsame Arbeit berührten, in die weitere Planung der Organisation einbezogen.

 

Eine Mitarbeiterin wünschte sich eine längere persönliche Auszeit. Weil Anemun frühzeitig davon wusste, konnten die Abwesenheit und die notwendige Vertretung rechtzeitig eingeplant werden. In einem anderen Fall unterstützte die Organisation einen Mitarbeiter bei einem wichtigen persönlichen Vorhaben mit einem Darlehen.

 

Es ging nicht darum, jeden Wunsch zu erfüllen. Doch was einem Menschen wirklich wichtig war, sollte im Arbeitsleben nicht einfach übergangen werden. Anemun wollte eine Organisation schaffen, in der nicht nur Aufgaben und Ergebnisse gesehen wurden, sondern auch die Menschen dahinter.

 

Als er die Organisation übernahm, hatte eine Auszubildende keinen eigenen Schlüssel zum Büro. Sie konnte nur zur Arbeit kommen, wenn bereits jemand anderes anwesend war. Für Anemun war das nicht hinnehmbar. Er ließ ihr sofort einen Schlüssel geben.

 

Es war nur ein Schlüssel.

 

Doch er bedeutete Selbstständigkeit, Zugehörigkeit und Vertrauen.

 

Auch fachlich wollte Anemun seiner neuen Verantwortung gewachsen sein. Gleich zu Beginn musste er Zertifizierungen im Qualitätsmanagement durchführen. Deshalb absolvierte er selbst eine umfassende Ausbildung bis hin zum Qualitätsmanagement-Auditor. Später folgten Ausbildungen zum Business-Mediator und Business-Coach sowie weitere Schulungen.

 

Er wollte für seine Aufgaben bestmöglich aufgestellt sein.

 

Die Veränderungen verlangten ihm viel ab. In den ersten Jahren arbeitete er häufig sechzig, siebzig oder achtzig Stunden in der Woche. Richtigen Urlaub gab es kaum. Selbst wenn er mit seiner Familie verreiste, arbeitete er nebenher weiter.

 

Manchmal wachte er nachts auf, weil ihn etwas beschäftigte. Sein Kopf schaltete sich sofort ein. Dann stand er auf, schrieb Gedanken nieder, entwickelte Lösungen oder hielt fest, was als Nächstes verändert werden musste.

 

So ging es über viele Jahre.

 

Bei einem gemeinsamen Workshop trugen alle Teilnehmer ein Blatt auf dem Rücken. Darauf sollten die Mitarbeiter festhalten, wie sie den jeweiligen Menschen wahrnahmen.

 

Auf Anemuns Blatt stand unter anderem ein Wort:

 

Retter.

 

Er hatte den Mitarbeitern Freiheiten gegeben. Er hatte ihnen zugehört, Hindernisse beseitigt und versucht, ihnen das zu geben, was sie beruflich oder persönlich benötigten.

 

Das Wort war Anerkennung.

 

Vielleicht war es zugleich ein erster Hinweis.

 

Denn Anemun übernahm nicht nur Verantwortung für eine Organisation. Er fühlte sich auch für die Menschen verantwortlich, die darin arbeiteten.

 

Was sie brauchten, nahm er wahr.

 

Was ihn selbst diese Verantwortung kostete, bemerkte er kaum.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 189

 

 

 

 

Zeit mit den Kindern trotz langer Arbeitstage.
Die ersten Jahre in ihrem neuen Zuhause waren gut.

 

 

 

Familienleben und berufliche Wege, die nicht weiterverfolgt wurden.

 

 

 

Die Jahre, die gut waren

 

 

Auch wenn Anemuns Arbeit viel Raum einnahm, versuchte er, für seine Familie da zu sein. Wenn abends repräsentative Veranstaltungen anstanden, bemühte er sich trotzdem, noch nach Hause zu kommen, um die Kinder zu sehen, ihnen Gute Nacht zu sagen und sie zuzudecken.

 

Wenn Aylin zum Tanztraining oder zu einem Kurs ging, achtete er darauf, rechtzeitig zu Hause zu sein. Dann übernahm er die Kinder und brachte sie ins Bett. An ihren Geburtstagen nahm er sich immer frei.

 

Die Familie ging gemeinsam auf Spielplätze, machte Spaziergänge und besuchte Tierparks. Sie reisten nach Holland und Kroatien. Hin und wieder mieteten sie einen Bungalow auf der Schwäbischen Alb, auch im Winter oder über Weihnachten, wenn draußen Schnee lag.

 

Anemun versuchte, neben seiner Arbeit so viel gemeinsames Leben wie möglich zu schaffen.

 

Die ersten Jahre in ihrem neuen Zuhause waren gut. Sie hatten ein großes Haus, den Kindern fehlte es an nichts, und auch zwischen Anemun und Aylin schien alles zu funktionieren.

 

Beide stellten ihre Ernährung um. Anemun ernährte sich vollständig von Rohkost und begann, für einen Ironman zu trainieren. Auch Aylin veränderte ihre Ernährung, hielt sich fit und kümmerte sich intensiv um die Kinder. Sie kauften ein großes Dörrgerät und bereiteten damit selbst Cracker und andere Lebensmittel in Rohkostqualität zu.

 

Als die Kinder alt genug waren, gingen sie in den Kindergarten. Dadurch gewann Aylin wieder mehr Zeit für sich.

 

Im Keller hatten sie einen Tanzraum mit Spiegeln und einigen Fitnessgeräten eingerichtet. Dort entstand die Idee, dass sie sich mit Bauchtanz selbstständig machen könnte. Tanzen begleitete sie bereits seit ihrer Kindheit. Sie hatte Bauchtanz gelernt, weitere Kurse besucht und war zwischenzeitlich auch schon aufgetreten. Sie überlegte, selbst Unterricht anzubieten.

 

In ihrer Herkunftsfamilie stieß das jedoch nie auf Anerkennung. Dort galt Bauchtanz als ehrenlos.

 

Aus der Idee wurde jedoch keine Selbstständigkeit. Ob die Haltung ihrer Familie bei ihrer Entscheidung eine Rolle spielte, klärten sie damals nicht.

 

Später wollte sie als Tagesmutter im eigenen Haus arbeiten. Die Voraussetzungen dafür waren gut. Sie absolvierte die erforderliche Schulung, und gemeinsam entwickelten sie einen Flyer. Es fanden sogar erste Gespräche mit Eltern statt.

 

Fast alles war vorbereitet.

 

Doch auch dieser Weg wurde nicht weiterverfolgt.

 

Eine zusätzliche Weiterbildung war ebenfalls im Gespräch, blieb jedoch eine Idee. Anemun fragte sich gelegentlich, weshalb aus den verschiedenen Möglichkeiten nichts Dauerhaftes entstand.

 

Lag es daran, dass keine Notwendigkeit bestand?

 

Das Einkommen war gesichert. Das Haus war da. Die Kinder wurden versorgt. Aylin musste keiner Arbeit nachgehen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen.

 

Anemun wollte ihr alle Freiheit lassen. Sie sollte selbst entscheiden können, was sie tun und welchen Weg sie einschlagen wollte. Vielleicht war gerade diese Freiheit, die sie aus ihrem früheren Leben kaum kannte, zu groß. Vielleicht hätte sie neben der Freiheit mehr Struktur, Verbindlichkeit oder eine klare Aufgabe gebraucht.

 

Ob seine gut gemeinte Freiheit für sie tatsächlich hilfreich war, fragte Anemun sich damals nicht.

 

Was Aylin selbst suchte oder was ihr trotz all der Möglichkeiten fehlte, besprachen sie damals nicht grundlegend. Für Anemun waren die aufgegebenen Pläne kein Zeichen dafür, dass in ihrem gemeinsamen Leben etwas nicht stimmte.

 

Sie hatten zwei Kinder, unternahmen viel miteinander und verbrachten gemeinsame Urlaube. Aylin konnte sich frei überlegen, welchen Weg sie einschlagen wollte. Anemuns berufliche Arbeit entwickelte sich erfolgreich, und er versuchte zugleich, seiner Verantwortung als Vater und Ehemann gerecht zu werden.

 

Es gab für ihn keinen Grund, an ihrem gemeinsamen Leben zu zweifeln.

 

Die Jahre waren gut.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 190

 

 

 

 

Der Tod ihres Vaters und die Rückkehr zu ihrer Herkunftsfamilie.
Alte Bindungen, Erwartungen und Zugehörigkeiten.

 

 

 

Eine Veränderung, die Anemun zunächst kaum greifen konnte.

 

 

 

Als die Herkunft wieder rief

 

 

Irgendwann begann Aylin wieder häufiger ihre Mutter und ihre Geschwister zu besuchen.

 

Ihr Vater war inzwischen schwer erkrankt. Anemun begleitete sie ins Krankenhaus, damit sie sich von ihm verabschieden konnte. Wenig später starb er.

 

Mit Aylins Besuchen bei ihrer Herkunftsfamilie veränderte sich etwas. Anemun bemerkte immer wieder, dass Aylin anders zurückkam, als sie gegangen war. Die Gespräche, Erwartungen und Bindungen innerhalb der Familie beeinflussten sie stark.

 

Anemun konnte diesen inneren Konflikt zumindest teilweise nachvollziehen. Auch er kannte den Kampf unterschiedlicher kultureller Prägungen im eigenen Inneren: die deutsche und die kroatische Seite in sich, verschiedene Zugehörigkeiten und Vorstellungen davon, wie ein Mensch zu leben hatte. Er glaubte, auch in Aylin einen solchen inneren Kampf zu erkennen.

 

Anemun erlebte das Leben in ihrer Herkunftsfamilie als stark auf Zusammenhalt, Ansehen und gemeinsame Erwartungen ausgerichtet. Aus seiner Sicht stand nicht die Entfaltung des einzelnen Menschen im Mittelpunkt, sondern das vermeintliche Wohl der Familie. Eigene Wünsche, abweichende Lebensentwürfe und individuelle Entscheidungen schienen nur wenig Raum zu haben.

 

Aylin hatte sich einst von dieser familiären Ordnung lösen wollen. Ihre Heirat und das gemeinsame Leben mit Anemun sollten ihr einen Weg in ein anderes, selbstbestimmtes Leben eröffnen.

 

Eine Zeit lang schien das gelungen zu sein.

 

Sie hatten zwei Kinder, ein großes Zuhause und einen Alltag, den sie miteinander aufgebaut hatten. Doch je enger der Kontakt zu ihrer Familie wieder wurde, desto stärker schienen deren Erwartungen und Bindungen erneut Einfluss auf sie zu gewinnen.

 

Für Anemun war diese Veränderung zunächst schwer zu greifen. Es gab keinen einzelnen Augenblick, in dem alles zerbrach. Es waren die wiederkehrenden Besuche und das Gefühl, dass Aylin danach jedes Mal ein Stück weiter von dem gemeinsamen Leben entfernt war.

 

Was in ihr vorging, konnte er nicht vollständig erkennen. Vielleicht suchte sie nach Zugehörigkeit. Vielleicht kehrten alte Bindungen, Erwartungen und Verpflichtungen zurück. Vielleicht wurde der Tod ihres Vaters zu einer Erinnerung daran, woher sie kam und was sie glaubte, ihrer Familie schuldig zu sein.

 

Anemun sah nur, dass der Einfluss stärker wurde.

 

Der Weg in ein anderes, selbstbestimmtes Leben, den sie einst begonnen hatte, schien sich umzukehren. Was hinter ihr liegen sollte, trat wieder zwischen sie und das gemeinsam geschaffene Leben.

 

Damals wusste Anemun noch nicht, wohin diese Entwicklung führen würde.

 

Doch rückblickend begann für ihn hier das Ende.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 191

 

 

 

 

Was Anemun lange für einzelne Vorfälle hielt,
fügte sich erst Jahre später zusammen.

 

 

 

Vertrauensverlust in Ehe und Familie.

 

 

 

Die Zeichen waren längst da

 

 

Was mit dem stärkeren Einfluss ihrer Familie deutlicher hervortrat, war nicht neu. Schon vor der Ehe hatte es Dinge gegeben, die Aylin ihm verschwieg. Sie brachte Schulden mit, von denen er zunächst nichts wusste. Kosten im Zusammenhang mit ihrem Führerschein waren nicht bezahlt worden. Erst als Zahlungen fällig wurden und der Gerichtsvollzieher drohte, erzählte sie ihm davon.

 

Während ihrer Ehe kam ein weiterer Vorfall hinzu. Von der Fahrerflucht erfuhr Anemun erst, als die Polizei erschien. Ebenso verschwieg sie ihm in der ersten Zeit, dass sie immer wieder ihre Mutter besuchte.

 

Anemun betrachtete jeden dieser Vorfälle für sich. Er sah einzelne Geheimnisse und Unwahrheiten, aber noch kein zusammenhängendes Muster. Wie vieles tatsächlich vor ihm verborgen geblieben war, konnte er nicht wissen, sondern nur erahnen.

 

Erst im Laufe der Jahre begann er, diesen Umgang mit Wahrheit mit Aylins familiärer Prägung in Verbindung zu bringen. In der Welt ihrer Herkunftsfamilie, wie Anemun sie erlebte, schien Wahrheit häufig hinter Zusammenhalt, persönlichem Vorteil und dem Schutz der Familie zurückzutreten. Je nachdem, ob mit einer Schwester, einem anderen Familienmitglied oder einem Außenstehenden gesprochen wurde, konnte dieselbe Begebenheit unterschiedlich erzählt werden. Tatsachen schienen ausgelassen, verändert oder so dargestellt zu werden, wie sie im jeweiligen Augenblick gebraucht wurden.

 

Auch Konflikte wirkten auf Anemun häufig nicht wirklich geklärt. Man stritt miteinander, sprach anschließend nicht mehr darüber und verhielt sich am nächsten Tag, als sei nichts geschehen.

 

Für Anemun waren Wahrheit, Verlässlichkeit und gemeinsam getragene Absprachen Grundlagen einer Beziehung. Ein Streit war für ihn nicht beendet, nur weil niemand mehr darüber sprach. Er wollte verstehen, aussprechen und klären, damit anschließend wieder etwas Gemeinsames entstehen konnte.

 

Lange glaubte er, genau dieses Gemeinsame mit Aylin aufgebaut zu haben. Später begann er daran zu zweifeln. Vielleicht wurde die Grundlage nicht erst brüchig. Vielleicht hatten beide von Anfang an etwas Verschiedenes darunter verstanden.

 

Als sie sich kennengelernt hatten, hatte Aylin Anemuns Alter und seine Lebenserfahrung als Teil ihrer Beziehung angenommen. Er hatte ihr Halt gegeben und geglaubt, ihr eine verlässliche Stütze sein zu können. Je stärker sich ihre Herkunftsfamilie wieder in ihr Leben schob, desto mehr veränderte sich seine Stellung.

 

Aus der Stütze wurde zunehmend derjenige, der falschlag, zu alt war und nicht mehr in ihr Lebensbild passte. Schließlich erschien er als der Böse.

 

Seine Worte verloren an Gewicht. Wenn er versuchte, mögliche Folgen einer Entscheidung zu erklären, erreichte er sie immer weniger.

 

Bei der Frage nach der Masernimpfung hatten sie zunächst gemeinsam entschieden, die Kinder nicht impfen zu lassen. Aylin verstand Anemuns Bedenken. Als mit den Jahren deutlich wurde, dass sie für diese Haltung möglicherweise kämpfen und sich sogar vor Gericht dafür einsetzen müssten, wollte sie diesen Stress nicht mehr. Sie wollte die Kinder einfach impfen lassen.

 

Als Anemun ansprach, was es aus seiner Sicht bedeuten könnte, wenn die Kinder dadurch krank würden, antwortete sie:

 

„Dann ist es halt so.“

 

Für Anemun ging es nicht darum, immer recht zu behalten. Er wollte, dass sie gemeinsam betrachteten, welche Folgen eine Entscheidung haben konnte und welche Verantwortung sie als Eltern dafür trugen. Doch seine Stimme verlor zunehmend an Gewicht.

 

Je weniger seine Worte zählten, desto nachdrücklicher versuchte er, zu ihr durchzudringen. Irgendwann wurde er lauter, um sich überhaupt noch Gehör zu verschaffen.

 

Auch das hinterließ etwas bei den Kindern. Ihre Mutter war im Alltag viel mit ihnen allein. Wenn Anemun da war und versuchte, sich in den immer häufiger werdenden Auseinandersetzungen durchzusetzen, wurde es laut. Für die Kinder verband sich die Anwesenheit ihres Vaters dadurch zunehmend mit Anspannung und Streit.

 

Dass er lauter wurde, trug dazu bei. Doch zugleich wurde sein Wort als Vater immer weniger gestützt. Das Bild von ihm als demjenigen, der störte und Unruhe brachte, wurde nicht aufgefangen, sondern setzte sich immer tiefer fest.

 

So verlor Anemun nicht nur innerhalb der Ehe an Gehör. Auch der Respekt der Kinder vor ihrem Vater wurde schwächer. Aus seiner Sicht wurden sie zunehmend darin bestärkt, ihn nicht mehr als gleichberechtigten Elternteil wahrzunehmen, sondern als Störenfried.

 

Dabei waren sie nicht plötzlich in allem entzweit. Sie hatten gemeinsam entschieden, wann die Kinder in den Kindergarten gehen sollten. Auch die Privatschule hatten sie miteinander ausgewählt, weil deren offenes Lernkonzept zu den Kindern zu passen schien.

 

Doch es wurde immer weniger, was tatsächlich gemeinsam blieb. Absprachen verloren ihre Verbindlichkeit. Aylin entschied zunehmend allein, und Anemun hatte immer weniger mitzusprechen. Auch bei Dingen, die ihr gemeinsames Leben und die Kinder betrafen.

 

Gleichzeitig gewann er den Eindruck, dass ihre Familie in ihm vor allem denjenigen sah, der für alles bezahlen sollte. Wie weit dieses Bild bereits reichte, erfuhr er eines Tages durch seinen eigenen Sohn:

 

„Die Oma meint wohl, dass der Papa ein Goldesel sei.“

 

Anemun hörte den Satz. Er sah die einzelnen Unwahrheiten, die missachteten Absprachen und die wachsende Geringschätzung – doch noch immer nicht das Ganze. Lange glaubte er, sie müssten nur wieder miteinander sprechen und zu einer gemeinsamen Haltung zurückfinden.

 

Doch die Zeichen waren längst da.

 

Anemun hatte sie nur noch nicht als Ganzes erkannt.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 192

 

 

 

 

Anemun unterstützte ihre Pläne und half ihr, erste Schritte zu gehen.
Doch sobald aus einer Idee ein dauerhafter Weg werden sollte,
schien ihr Interesse nachzulassen.

 

 

 

Berufliche Pläne, wiederholte Anfänge und die Frage nach eigener Selbstständigkeit.

 

 

 

Der nächste Anfang

 

 

Anemun fragte sich hin und wieder, wie Aylin zurechtkäme, falls ihre Ehe eines Tages auseinandergehen sollte. Er hoffte, dass es nicht dazu kommen würde, zumindest nicht, solange die Kinder noch klein waren. Doch er wollte, dass sie auch ohne ihn für sich sorgen konnte.

 

Wenn Aylin eine Idee hatte, unterstützte er sie. Sie hätte eine Weiterbildung zur Fachwirtin machen können. Anemun besorgte beim Bildungsträger sämtliche Schulungsunterlagen und brachte sie ihr mit, damit sie sich einlesen konnte. Aufgrund ihres guten Berufsabschlusses verfügte sie sogar über einen Gutschein im Wert von mehreren Tausend Euro. Die Unterlagen lagen bereit, die Finanzierung wäre gesichert gewesen. Doch auch daraus entstand kein weiterer Schritt.

 

Andere Vorhaben wurden konkreter. Als sie sich stärker dem Tanzen widmen wollte, nahm sie Unterricht und besuchte zusätzlich Ballettstunden. Schließlich hatte sie einen kleineren Auftritt. Auch ihr Wunsch, als Tagesmutter zu arbeiten, ging über eine bloße Überlegung hinaus. Es fanden Gespräche mit Eltern statt, und erste Möglichkeiten zeichneten sich ab.

 

Aylin nahm Anemuns Unterstützung an und forderte sie ein, wenn sie sie brauchte. Er wollte ihr nichts vorschreiben, sondern ihr ermöglichen, aus den eigenen Fähigkeiten etwas aufzubauen. Doch sobald aus der ersten Begeisterung Verbindlichkeit werden musste, brach die Bewegung ab.

 

Was begonnen hatte, wurde nicht weitergeführt. Eine neue Idee trat an die Stelle der alten. Es sollte besser, größer oder schöner werden, bevor der erste Weg überhaupt zu Ende gegangen war.

 

Beim Tanzen sprach sie bisweilen mit einer Überzeugung von sich, als würde ihre Begabung alle anderen überragen. Die anderen seien längst nicht so gut. Anemun sah eine immer größer werdende Kluft zwischen ihrem Selbstbild und dem, was sie tatsächlich bereit war, dauerhaft dafür zu tun.

 

Er wusste nicht, was dahinterlag. War es Gleichgültigkeit? Die Angst, sich an der Wirklichkeit messen zu lassen? Oder brauchte jede neue Idee nur so lange zu bestehen, wie sie noch das Gefühl von etwas Großem vermittelte?

 

Er konnte es nicht beantworten.

 

In Anemuns Wahrnehmung wiederholte sich jedoch ein Muster. Am Anfang erschien alles großartig. Sie wurde gebraucht, bewundert oder, so hatte er den Eindruck, von allen geliebt. Doch sobald Schwierigkeiten entstanden, Erwartungen nicht erfüllt wurden oder Ausdauer notwendig war, kippte das Bild. Dann war plötzlich alles schlecht, und etwas Neues musste beginnen.

 

Anemun konnte Möglichkeiten schaffen. Er konnte Zeit geben, Geld einsetzen, ermutigen und mittragen.

 

Den Weg für sie gehen konnte er nicht.

 

Lange hoffte er, dass sie eines Tages etwas Eigenes aufbauen würde. Nicht, weil er sie loswerden wollte, sondern weil er spürte, wie unsicher ihre gemeinsame Zukunft geworden war. Sollte ihre Ehe scheitern, wollte er wenigstens wissen, dass sie für sich selbst sorgen konnte.

 

Doch auch diese Verantwortung schien bei ihm zu bleiben. Er sollte unterstützen, ermöglichen und auffangen. Was daraus entstand, lag nicht in seiner Hand.

 

Mit der Zeit kamen weitere Forderungen hinzu. Anemun solle mehr da sein, sie stärker unterstützen und mehr im Haushalt übernehmen. Wiederholt schlug er vor, eine Haushaltshilfe zu engagieren. Doch auch dieses Angebot führte zu keiner Entlastung. Die mögliche Hilfe wurde nicht angenommen, der Vorwurf an ihn blieb.

 

Langsam begann Anemun zu begreifen, dass nicht jede begonnene Bewegung auch ein wirklicher Schritt war. Manche Anfänge dienten vielleicht nur dazu, für einen Augenblick an eine größere Version des eigenen Lebens zu glauben.

 

Sobald dieses Leben Arbeit verlangte, begann bereits der nächste Traum.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 193

 

 

 

 

Mit dem Umzug zog auch die Frage mit,
was zwischen ihnen noch wahr war.
Und welche Grenzen längst keine mehr waren.

 

 

 

Heimlichkeiten in der Ehe, andere Männer und die Folgen für die Kinder.

 

 

 

Ein Zuhause ohne Gewissheit

 

 

Äußerlich bot ihr neues Zuhause ihnen vieles von dem, was man sich für ein Familienleben wünschen konnte. Sie lebten in einem freistehenden Haus mit Garten, Gartenhäuschen, einem Feigenbaum und einer kleinen Werkstatt. Besonders im Sommer mussten der Garten bewässert sowie der Rasen und die Hecke gepflegt werden. Darum kümmerte sich meist Anemun.

 

Es war ein Zuhause, das ihnen viel bot. Doch ein schönes Zuhause konnte nicht ersetzen, was zwischen ihnen zunehmend verloren ging.

 

Aylin arbeitete zeitweise als Integrationskraft an einer Schule. Über diese Tätigkeit kam sie auch mit der Stadt und mit geflüchteten Menschen in Kontakt. Schließlich begann sie, für geflüchtete Frauen und Kinder Bauchtanz anzubieten.

 

Auf diesem Weg lernte Aylin einen Mann kennen, der eine Gruppe leitete, in der sich Menschen zum gemeinsamen Singen trafen. Sie übten miteinander und traten später auch als Duo auf.

 

Einer ihrer gemeinsamen Auftritte endete zur üblichen Zeit. Danach waren Aylin und der Mann jedoch noch bis in die Morgenstunden unterwegs. Anemun wusste weder, wo sie sich befand, noch ob ihr etwas zugestoßen war. Gerade nachts konnten manche Orte in Großstädten unsicher sein. Er machte sich Sorgen, konnte nicht schlafen und musste am nächsten Morgen trotzdem wieder funktionieren und arbeiten.

 

Später hieß es, sie habe ihr Mobiltelefon am Veranstaltungsort vergessen und deshalb noch einmal zurückfahren müssen.

 

Für Anemun war kaum begreiflich, dass Aylin als seine Ehefrau und Mutter zweier Kinder im Grundschulalter bis zum Morgen unterwegs und unerreichbar blieb.

 

Was in dieser Nacht tatsächlich geschehen war, konnte er nicht wissen. Ebenso wenig wusste er, welche Art von Beziehung zwischen Aylin und diesem Mann wirklich bestand. Er wusste lediglich, dass sie sich auch außerhalb der gemeinsamen Singtreffen regelmäßig sahen.

 

Einmal unternahm Aylin mit diesem Mann und den beiden Kindern einen Ausflug. In einem Biergarten sollen ältere Frauen die vier für eine Familie gehalten haben. Als Aylin Anemun davon erzählte, war allein diese Vorstellung für ihn schwer auszuhalten.

 

Er hatte Aylin mehrfach gesagt, dass er nicht wollte, dass Männer, die er kaum kannte, ohne Weiteres in den unmittelbaren Lebensraum ihrer Kinder gelangten. Es ging ihm nicht darum, ihr Kontakte zu verbieten. Er wollte wissen, mit wem seine Kinder Zeit verbrachten, und ihr Zuhause als geschützten und verlässlichen Ort bewahren.

 

Doch seine Bedenken änderten nichts.

 

Über den besten Freund seines Sohnes entstand außerdem Kontakt zu dessen Vater. Aylin und der Mann fanden schnell einen selbstverständlichen Zugang zueinander und teilten manche familiären Vorstellungen. Dazu gehörte auch der Umgang mit Smartphones.

 

Anemun sah das anders. Dennoch beschlossen die beiden, seinem Sohn zum Geburtstag ein Smartphone zu schenken, und organisierten den Kauf, ohne ihn einzubeziehen. Ob ein Smartphone in diesem Alter überhaupt sinnvoll war, wurde mit ihm als Vater nicht besprochen.

 

Für Anemun ging es deshalb nicht nur um das Gerät. Es ging um eine grundsätzliche Entscheidung über seinen Sohn, die Aylin und ein anderer Erwachsener ohne ihn getroffen hatten.

 

Aylin sah das gelassen. Wie so oft sagte sie im Nachhinein:

 

„Du hast recht, das habe ich gar nicht so gesehen.“

 

Sie besuchte auch die Familie des Mannes. Später erfuhr Anemun, dass dort bereits über eine mögliche Hochzeit und über Aylin als künftige Schwiegertochter gesprochen worden sein soll. Ob sie selbst solche Absichten verfolgte, wusste er nicht.

 

Für Anemun war es verantwortungslos, eine derart familiäre Nähe entstehen zu lassen, ohne zu wissen, was sie bedeutete und ob sie Bestand haben konnte. Als der Kontakt zwischen den Erwachsenen später zerbrach, durfte der beste Freund seines Sohnes nicht mehr zu ihnen kommen. Das belastete auch die Freundschaft der beiden Jungen, obwohl keiner von ihnen etwas für das Verhalten der Erwachsenen konnte.

 

Wieder mussten Kinder die Folgen einer Geschichte tragen, die sie weder begonnen noch beeinflusst hatten.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 194

 

 

 

 

Was Anemun verletzte, waren nicht allein die anderen Männer.
Es war das Gefühl,
dass weder sein Vertrauen noch seine Wahrnehmung einen Wert hatten.

 

 

 

Vertrauensverlust, Selbstzweifel und eskalierende Konflikte in der Ehe.

 

 

 

Wo kein gemeinsamer Boden blieb

 

 

Eine weitere Begebenheit erzählte ihm Aylin mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn irritierte. Als sie mit einer Freundin in einer Pizzeria essen gewesen war, hatte ein Kellner, den sie nicht kannte, ihr seine Telefonnummer hingelegt. Sie hatte sie mitgenommen, als wäre es das Natürlichste der Welt.

 

Anemun versuchte ihr zu erklären, welches Signal sie damit senden konnte, und fragte sie, was sie sich davon versprach. Eine klare Antwort bekam er nicht. Wieder hieß es nur, sie habe es so nicht gesehen und er habe, so betrachtet, recht.

 

Als ihre Beziehung bereits weitgehend zerbrochen war, ging Aylin häufiger mit einem Mann ihres Alters in Diskotheken und entwickelte eine Beziehung zu ihm. Später erfuhr Anemun, dass sie ihm eine Uhr geschenkt hatte. Auch davon hatte er zunächst nichts gewusst. Bezahlt worden war das Geschenk aus dem gemeinsamen Geld.

 

Besonders schwer wog für Anemun, dass ihm all diese Männer nicht ganz fremd waren. Er hatte den Mann aus der Singgruppe kennengelernt. Der Mann, dem Aylin später die Uhr schenkte, war ihm vorgestellt worden. Den Vater des besten Freundes seines Sohnes kannte er über die Kinder und den Fußball. Selbst der Mann, mit dem sie früher fremdgegangen war, war ihm bekannt.

 

Was für ein erbärmliches Bild musste er in den Augen dieser Menschen und ihres Umfelds als Ehemann abgegeben haben?

 

Alle waren über Aylin, die Familie und den gemeinsamen Alltag in seinen Lebenskreis gelangt. Dennoch schien es möglich zu sein, hinter seinem Rücken Nähe entstehen zu lassen, Entscheidungen zu treffen und Grenzen zu überschreiten.

 

Für Anemun fühlte es sich an, als hätten weder seine Gefühle noch sein Vertrauen einen Wert. Als könne man auf beidem herumtrampeln und anschließend von ihm erwarten, auch das noch hinzunehmen oder den Fehler zuerst bei sich selbst zu suchen.

 

Genau das tat er.

 

In solchen Situationen zweifelte Anemun zunächst an sich. Hatte er etwas falsch gemacht? Hatte er etwas missverstanden oder erinnerte er sich nicht richtig an das, was gesagt und besprochen worden war? Bevor er einen anderen Menschen infrage stellte, überprüfte er seine eigene Wahrnehmung.

 

Doch meistens konnte sich Anemun sehr genau daran erinnern, was er gesagt hatte und was nicht. Wenn ihm später ein anderer Ablauf geschildert wurde, obwohl er wusste, dass es so nicht besprochen worden war, konnte er diese Darstellung nicht einfach übernehmen.

 

Dabei ging es ihm nicht darum, recht zu behalten. Er wollte klären, was tatsächlich gesagt und vereinbart worden war, damit Verständigung und eine gemeinsame Richtung möglich wurden. Doch wenn bereits die Ausgangslage immer wieder verändert wurde, konnte keine gemeinsame Linie entstehen.

 

Anemun versuchte Aylin zu erklären, dass ein Leben in ständigen Unwahrheiten nicht nur das Vertrauen des anderen zerstörte. Wer sich die Wirklichkeit immer wieder anders erzählen musste, belog am Ende vor allem sich selbst. Man deutete das eigene Handeln um, verdrängte und rechtfertigte, bis man selbst nicht mehr wusste, was noch wahr war. Wer auf diese Weise dauerhaft vor sich selbst auswich, konnte irgendwann auch den Halt in sich selbst verlieren.

 

Die Spannungen zwischen ihnen nahmen dadurch weiter zu. In Auseinandersetzungen wurde Anemun laut und schrie, um sich irgendwie Gehör zu verschaffen. Er ertrug es immer weniger, behandelt zu werden, als sei er ein Nichts, ein Niemand oder ein Dummkopf, der vom Leben keine Ahnung hatte.

 

Sein Schreien machte die Verständigung nicht leichter. Auch die Kinder waren ihm unmittelbar ausgesetzt. Manchmal schrie er auch sie an, wenn er genervt war. Wenn er sich später wieder beruhigt hatte, kam das schlechte Gewissen. Er wusste, dass die Kinder nichts für seine Überforderung konnten und dass sein Verhalten sie verletzte.

 

Seine wachsende Ohnmacht erklärte, woher dieses Verhalten kam. Sie entschuldigte es nicht.

 

Anemun konnte fragen, widersprechen und seine Besorgnis ausdrücken. Verlässlichkeit konnte er jedoch nicht erzwingen. Manches erfuhr er erst viel später. Bei anderem wusste er bis heute nicht, ob sein Misstrauen berechtigt gewesen war oder ob es eine harmlose Erklärung gegeben hatte.

 

Wo die Wahrheit immer wieder ihre Form veränderte, konnte Anemun irgendwann auch seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 195

 

 

 

 

Sie hielten noch vieles am Laufen.
Doch kaum etwas davon
hielt sie noch zusammen.

 

 

 

Drei Vorstandsämter und eine freie Privatschule.

 

 

 

Was noch weiterlief

 

 

Beruflich trug Anemun erhebliche Verantwortung. Hauptamtlich war er bereits Vorstand einer Bildungseinrichtung. Zugleich gehörte er dem Vorstand der Stiftung an, die aus dieser Einrichtung hervorgegangen war. Als der damalige Vorstand der freien Privatschule seiner Kinder aufhörte, übernahm Anemun dort zusätzlich sein drittes Vorstandsamt.

 

Die Schule war klein und wirtschaftlich angespannt. Anemun sah dennoch, welches Potenzial in ihrem pädagogischen Ansatz lag. Er wollte das Schulmodell weiterentwickeln, vergrößern und wirtschaftlich tragfähig machen. Ideen dafür hatte er. Über Strukturen, Finanzierung und die weitere Entwicklung bestanden jedoch unterschiedliche Vorstellungen, sodass sich seine Überlegungen nicht dauerhaft umsetzen ließen.

 

Das Unterrichtssystem unterschied sich grundlegend von dem gewöhnlicher Schulen. Es gab keine festen Klassen, sondern klassenübergreifendes Lernen. Am Morgen entschieden die Kinder, womit sie sich an diesem Tag beschäftigen wollten. Die Erwachsenen begleiteten sie dabei, halfen ihnen und gaben Orientierung, ohne ihnen jeden Schritt vorzugeben.

 

Auch Aylin brachte sich in der Schule ein. Wenn jemand ausfiel, unterstützte sie zeitweise im Unterricht und begleitete die Kinder durch den Tag. Trotz allem, was zwischen ihnen bereits schwierig geworden war, schätzten beide die Schule und versuchten, zu ihrem Erhalt beizutragen.

 

Beide Kinder besuchten die Schule. Ihr offenes Konzept ermöglichte einen flexiblen Einstieg, der sich stärker an der individuellen Entwicklung als an starren Altersgrenzen orientierte. Dadurch konnten ihre Kinder ihre Kindheit noch einige Jahre freier und spielerischer erleben.

 

Mit der Zeit wollte die Tochter in das reguläre Schulsystem wechseln. Sie wollte Noten bekommen und wissen, wo sie im Vergleich zu anderen Kindern stand. Schließlich wechselten beide Kinder auf eine gewöhnliche Schule.

 

Hinzu kamen Vorfälle, die Anemuns Vertrauen in die private Schule beschädigten. Ein Erwachsener aus dem Umfeld der Schule sprach wiederholt und ausführlich mit den Kindern über Religion und betete mit ihnen.

 

Anemun wollte Religion nicht aus dem Leben seiner Kinder ausschließen. Er hatte selbst genügend Erfahrung damit, wie die Suche nach Wahrheit und Orientierung einen Menschen tragen, aber auch wie weit er sich darin verrennen konnte. Gerade deshalb wollte er seinen Kindern keinen Glauben vorgeben. Sie sollten erst in einem Alter intensiver damit in Berührung kommen, in dem sie Fragen stellen, unterschiedliche Sichtweisen prüfen und selbst entscheiden konnten, woran sie glaubten.

 

Dass ein anderer Erwachsener ohne sein Wissen begann, seine Kinder religiös zu prägen, empfand Anemun deshalb als Überschreitung und Vertrauensbruch. Schließlich hatten sie diese Schule auch gewählt, weil sie ausdrücklich ohne Religionsunterricht angeboten worden war.

 

Damit verlor auch dieses gemeinsame Vorhaben einen Teil seiner Grundlage. Was als Alternative zum gewöhnlichen Schulsystem begonnen hatte, ließ sich nicht dauerhaft tragen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 196

 

 

 

 

Er glaubte, Liebe durch Leistung beweisen zu können.
Doch während zu Hause alles vorhanden war,
fehlte immer häufiger er selbst.

 

 

 

Berufliche Überlastung, familiäre Konflikte und die Verwechslung von Fürsorge mit Versorgung.

 

 

 

Während er für alles sorgte

 

 

Zu Hause versuchten Anemun und Aylin weiterhin, wenigstens einen Teil des Familienlebens aufrechtzuerhalten. Sie aßen gemeinsam und bemühten sich, den Alltag mit den Kindern so gut wie möglich zu bewältigen. Doch selbst beim Essen zeigte sich, dass zwischen ihnen kaum noch eine gemeinsame Linie bestand.

 

Wenn Anemun eines der Kinder aufforderte, nicht mit vollem Mund zu sprechen, widersprach Aylin ihm häufig und nahm die Kinder in Schutz. Aus einer alltäglichen Ermahnung entstand Streit, weil es längst nicht mehr nur um Tischmanieren ging. Fast jede Grenze, die er zu setzen versuchte, wurde infrage gestellt. Die Kinder erlebten, dass ihre Eltern selbst in kleinen Dingen nicht mehr gemeinsam handelten. Oft nutzten sie dies zu ihren Gunsten aus.

 

Die fehlende gemeinsame Linie zeigte sich jedoch nicht nur im Umgang mit den Kindern. Auch darin, was Verbindlichkeit, Ehrlichkeit und gegenseitige Verantwortung innerhalb einer Beziehung bedeuteten, lagen Anemun und Aylin weit auseinander.

 

Ehrlichkeit und Treue waren für Anemun kein Anspruch, den er nur an Aylin stellte. Das hatte sich bereits gezeigt, als er Aylin kennenlernte und noch mit Nora zusammen war. Zwischen ihm und Aylin begann sich ein Prozess zu entwickeln, den er selbst nicht einordnen konnte. Noch bevor die Situation komplizierter wurde, sprach er offen mit Nora darüber. Er wollte sie nicht hintergehen und aus der entstehenden Nähe kein Geheimnis machen. Es war kein heimlicher Seitensprung. Gerade weil ihm seine damalige Partnerin wichtig war, sprach er aus, was in ihm vorging, bevor daraus vollendete Tatsachen entstehen konnten.

 

Auch während seiner Ehe war er nicht in Kneipen unterwegs, hatte keine Affären, verspielte kein Geld und gab es nicht für kostspielige Hobbys aus. Seine eigenen Ausgaben flossen vor allem in Alkohol, Cannabis und andere Suchtmittel. Da er überwiegend Alkohol und Cannabis konsumierte, blieben selbst diese Kosten im Verhältnis zu seinem Einkommen überschaubar. Immerhin verdiente er im sechsstelligen Bereich.

 

Er versuchte, als Ehemann und Vater so zu funktionieren, wie er glaubte, dass es von ihm erwartet wurde: arbeiten, Verantwortung tragen und die Familie versorgen.

 

Anemun verstand Familie damals auch als eine Aufteilung zwischen einem geschützten Innen und einer fordernden Außenwelt. Aylin hatte die Möglichkeit, mit den Kindern zu Hause in einem sicheren Rahmen zu leben. Er sah es als seine Aufgabe, hinauszugehen, sich den Gefahren, dem Druck und den Herausforderungen der Welt zu stellen und all das möglichst von seiner Familie fernzuhalten.

 

Darin lag für ihn ein wesentlicher Teil seiner Verantwortung: Er wollte nicht, dass Aylin und die Kinder tragen mussten, womit er draußen kämpfte. Während sie geschützt sein sollten, glaubte er, Belastungen aushalten, Probleme lösen und für die notwendige Sicherheit sorgen zu müssen.

 

Die Kinder sollten stets eine Bezugsperson haben und nicht irgendwo in Obhut abgegeben werden. Ihnen sollte auch materiell an nichts mangeln. Sie sollten keine bereits getragenen Schuhe oder Kleidungsstücke bekommen, sondern neue und möglichst schadstoffarme Sachen. Sie sollten gut essen und in einem guten Zuhause aufwachsen. Auch für Aylin war äußerlich vieles vorhanden, bis hin zu einem neuen SUV.

 

Doch diese Vorstellung hatte eine Kehrseite. Je mehr Anemun glaubte, draußen allein gegen die Welt bestehen zu müssen, desto weniger war er im Inneren der Familie wirklich anwesend. Was sie schützen sollte, trennte ihn zugleich immer stärker von ihnen.

 

Vermutlich hatte dieses Verständnis von Verantwortung eine ältere Wurzel.

 

Als Kind erlebte Anemun seine Mutter nicht als jemanden, der wirklich für ihn da war. Sie arbeitete die meiste Zeit. Und doch hatte er frische Wäsche, gebügelte Kleidung, gekochtes Essen und ausreichend Kleingeld für den Bäcker. Das Notwendige war da. Äußerlich war für ihn gesorgt. Trotzdem fehlten Nähe, echtes Interesse und das Gefühl, mit dem, was in ihm geschah, gesehen zu werden.

 

Möglicherweise hatte er daraus früh eine Gleichung übernommen, ohne sie jemals bewusst zu formulieren: Für einen Menschen da zu sein bedeutete, dafür zu sorgen, dass alles Erforderliche vorhanden war.

 

So verstand er später auch seine Aufgabe als Ehemann und Vater. Er arbeitete, organisierte und stellte bereit. Er sorgte dafür, dass es der Familie äußerlich an nichts fehlte. Dass ein Mensch für alles sorgen und dennoch selbst fehlen konnte, hatte er in seiner Kindheit erlebt. Ohne es zu erkennen, wiederholte er diese Trennung später durch die eigene Rolle.

 

Anemun glaubte, wenn er dem Beruf hundertfünfzig Prozent gab, sollten auch zu Hause hundertfünfzig Prozent von allem vorhanden sein.

 

Zu diesem beruflichen Einsatz gehörte für ihn auch, sich kontinuierlich weiterzubilden. Zeitweise war er deshalb über ein Jahr hinweg an vielen Wochenenden nicht zu Hause. Aylin warf ihm dies später vor, als sei es sein persönliches Vergnügen gewesen. Anemun empfand das als ungerecht, weil er die Weiterbildungen im Zusammenhang mit seiner Arbeit und damit auch mit der Versorgung der Familie sah.

 

Rückblickend musste er dennoch anerkennen, dass er seine Familie dadurch vernachlässigt hatte. Seine Absicht änderte nichts an seiner Abwesenheit. Während er alles dafür tat, dass es zu Hause an nichts Materiellem fehlte, fehlte er dort selbst häufig.

 

Beides war wahr.

 

Anemun handelte nicht aus Gleichgültigkeit gegenüber seiner Familie. Er wollte ihr Sicherheit geben und glaubte, seine Liebe durch Leistung, Versorgung und Verlässlichkeit beweisen zu können. Er gab seiner Familie vieles von dem, was er selbst früh als Fürsorge kennengelernt hatte: Ordnung, Versorgung und die Gewissheit, dass alles Notwendige vorhanden war.

 

Diese Prägung erklärte manches. Sie nahm ihm die Verantwortung für seine Abwesenheit nicht ab.

 

Er hatte Fürsorge zunehmend mit dem verwechselt, was sich organisieren, bezahlen und bereitstellen ließ. Wie in seiner eigenen Kindheit konnte äußerlich vieles vorhanden sein und zugleich der Mensch fehlen.

 

Diesmal war Anemun selbst derjenige, der oft fehlte.

 

Nähe, gemeinsame Zeit und ein wirkliches Miteinander ließen sich durch nichts davon ersetzen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 197

 

 

 

 

Er wollte nicht nur genug.
Er wollte so viel, dass die Leere
ihn nicht mehr erreichen konnte.

 

 

 

Maßlosigkeit, Suchtverhalten und die Suche nach Sicherheit durch große Vorräte.

 

 

 

Was das Zuviel beruhigen sollte

 

 

Wenn Anemun etwas tat, dann selten halb. Er arbeitete mit voller Kraft, wollte unbedingt eine Familie und übernahm Verantwortung, als gäbe es in ihm keine Grenze. Meistens gab er nicht hundert, sondern hundertfünfzig Prozent. Er ging mit Vollgas voran, manchmal selbst dann noch, wenn er längst im Blindflug unterwegs war.

 

Darin lag eine Kraft, die ihn weit gebracht hatte. Er konnte beschleunigen, durchhalten und immer noch mehr übernehmen. Was er kaum konnte, war innezuhalten und zu prüfen, ob die Richtung noch stimmte.

 

Dieses Grundmuster zeigte sich auch in seinem Suchtverhalten. Zu dieser Zeit kaufte er nicht nur eine Kiste Bier, sondern vier, fünf oder sechs – dunkles, helles und trübes Bier, die unterschiedlichsten Sorten. Er wollte auswählen können, doch vor allem sollte immer genügend da sein.

 

Das Bedürfnis nach großen Vorräten kannte er bereits aus früheren Zeiten. Vor Weihnachten – der Engpasszeit – besorgte er sich mitunter hundert Gramm Cannabis und mehrere Gramm Kokain für den Eigenbedarf.

 

Anemun wusste, was mit ihm geschah, wenn nichts mehr da war und er in einen Zustand geriet, der einem beginnenden Entzug ähnelte. Dann verengte sich der gesamte Tag auf die Frage, woher er wieder etwas bekommen konnte. Die Stunden zogen sich, jede Minute wurde spürbar, und beinahe alles schien einen Versuch wert, wenn es versprach, die innere Unruhe wenigstens für einen Augenblick zu lindern.

 

Schon in seiner Jugend hatte er in solcher Not Aspirin und sogar Räucherstäbchen geraucht. Er probierte alles Mögliche, um sich irgendwie zu beruhigen. Alkohol war leicht zugänglich und wurde auch deshalb über viele Jahre zu seinem ständigen Begleiter. Eigentlich waren jedoch andere bewusstseinsverändernde und psychedelische Stoffe eher seine Welt.

 

An Energie fehlte es Anemun ohnehin nicht. Kokain brauchte er nicht, um sich anzutreiben. Was er in den Stoffen suchte, waren Lockerheit, innere Ruhe und ein gewisser Abstand zu dem, was ihn beschäftigte und bedrängte.

 

Weil Cannabis, Kokain und andere Substanzen nicht jederzeit verfügbar waren, beruhigte ihn nicht nur ihr Konsum. Schon das Wissen, ausreichend Stoff im Haus zu haben, vermittelte ihm Sicherheit, Befriedigung und eine Art Frieden. Der Vorrat schützte ihn vor der gefürchteten Leere und vor jenem Zustand, in dem die Beschaffung alles andere verdrängte.

 

Rückblickend erkannte Anemun darin ein Muster, das sich nicht auf Alkohol und Drogen beschränkte. Viel Arbeit, viel Verantwortung, viel Alkohol, viel Cannabis, viel Pornografie und viel Sexualität. Was ihn erfüllte, antrieb, beruhigte oder betäubte, sollte möglichst intensiv und in ausreichender Menge vorhanden sein.

 

Es ging nicht allein um Genuss oder Befriedigung. Die Menge selbst sollte offenbar etwas in ihm beruhigen, das sich durch nichts dauerhaft beruhigen ließ.

 

So wurde dieselbe Kraft, mit der Anemun sein Leben aufgebaut hatte, zunehmend zerstörerisch. Das Zuviel bestimmte nicht nur seinen Konsum. Es prägte auch die Art, wie er arbeitete, Verantwortung übernahm und versuchte, sein Leben zu tragen.

 

Dass er Rauschmittel nahm, blieb seine Verantwortung. Doch dieses Verhalten entstand nicht in einem leeren Raum. Seine Maßlosigkeit war nicht nur ein Laster. Sie war zugleich der Versuch, einer inneren Unruhe zuvorzukommen, die er anders nicht zu beruhigen wusste.

 

Was ihm für kurze Zeit Sicherheit gab, begann ihn immer tiefer zu beherrschen.

 

Die Menge schützte ihn nicht vor der Leere.

 

Sie zeigte nur, wie groß sie in ihm geworden war.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 198

 

 

 

 

Ein Teil von ihm wollte verstehen und aushalten.
Der andere wollte aufstehen
und eine Grenze ziehen.

 

 

 

Kulturelle Prägung, verletzte Würde und der innere Konflikt zwischen Aushalten und Abgrenzung.

 

 

 

Der Deutsche und der Kroate in ihm

 

 

Rückblickend erkannte Anemun, dass seit seiner Jugend zwei kulturell geprägte Kräfte in ihm miteinander gerungen hatten. Er nannte sie den Deutschen und den Kroaten.

 

Damit meinte er keine allgemeingültigen Eigenschaften zweier Völker. Er beschrieb Haltungen, die aus seiner eigenen Erfahrung entstanden waren und in ihm für zwei unterschiedliche Arten standen, mit dem Leben sowie mit Verletzung, Verrat und Verantwortung umzugehen.

 

Wäre Anemun damals in ihrem früheren Zuhause seiner kroatischen Seite gefolgt, hätte er nach Aylins Geständnis eine klare Grenze gezogen. Für diesen Teil in ihm waren Lüge und Verrat nicht hinnehmbar. Er hätte Aylin aufgefordert, das Haus zu verlassen, und damit beendet, was für ihn bereits zerbrochen war.

 

Mit seiner kroatischen Herkunft verband Anemun den Stolz und die Entschlossenheit, einen solchen Verrat nicht über Jahre hinzunehmen. In seinem damaligen Verständnis stand diese Seite auch für die Erwartung, auf Verrat mit einem harten Bruch oder einer noch heftigeren Reaktion zu antworten.

 

Doch diese Seite setzte sich nicht durch.

 

Es war der Deutsche in ihm, der blieb: jener Teil, der vernünftig sein, verstehen und aushalten wollte. Er hatte das Wohlergehen der Kinder und das Gute ihrer gemeinsamen Zeit im Blick. Er schluckte, passte sich an und suchte nach Erklärungen. Dabei beugte er sich immer tiefer, bis er sich kaum noch aufzurichten vermochte.

 

Er übernahm Verantwortung, erfüllte seine Aufgaben und versuchte, alles so zu richten, dass es auch für Aylin weitergehen konnte. Die Frage, was das Geschehene mit ihm machte und welche Grenze längst überschritten worden war, stellte er sich kaum noch.

 

Der Kroate in ihm wurde zurückgedrängt. Manchmal meldete er sich, wenn Anemun widersprach, eine klare Ansage machte oder seine Wut herausschrie. Doch meistens blieb er im Hintergrund, während der Deutsche weitertrug und Anemun sich zunehmend kleiner machte.

 

Beide Seiten trugen eine Kraft und eine Gefahr in sich. Der Deutsche konnte Verantwortung übernehmen, nach Lösungen suchen und selbst dort noch ein gemeinsames Weiter ermöglichen, wo vieles bereits zerbrochen war. Sein Aushalten drohte jedoch in Selbstaufgabe umzuschlagen.

 

Der Kroate stand nicht allein für Wut und Lautstärke. In ihm lebten auch Stolz, Würde und die Fähigkeit, eine notwendige Grenze zu ziehen. Doch weil dieser Teil so lange keinen Raum erhalten hatte, trat er selten als ruhige Entschiedenheit hervor, sondern meist als aufgestaute Wut.

 

Zwischen beiden fand Anemun damals keinen eigenen, stimmigen Weg. Er konnte nicht bleiben, ohne sich immer weiter zu verlieren. Und er konnte keine Grenze ziehen, ohne befürchten zu müssen, damit seine Familie und die Beziehung zu seinen Kindern endgültig zu zerstören.

 

Was ihm fehlte, war eine Verbindung aus beidem: die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen, ohne sich selbst aufzugeben, und die Kraft, eine Grenze zu ziehen, ohne erst laut und heftig werden zu müssen.

 

Solange Anemun diese Verbindung nicht fand, blieb ihm scheinbar nur die Wahl zwischen Schlucken und Schreien.

 

Die ruhige Kraft, aufrecht stehen zu bleiben, hatte er noch nicht gefunden.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 199

 

 

 

 

Er wollte seine Familie nicht verlassen.
Doch irgendwann blieb ihm kein Platz mehr,
an dem er noch zu ihr gehören konnte.

 

 

 

Familiäre Sprachlosigkeit, Trennung und der Weggang eines gebrochenen Vaters.

 

 

 

Als kein gemeinsames Wir mehr blieb

 

 

Anemun hielt lange an der Vorstellung fest, dass sich die Beziehung noch klären ließe. Doch Offenheit war zwischen ihnen schon früh schwierig gewesen.

 

Rückblickend erinnerte er sich an ein erstes Zeichen. Als Anemun Aylin kennenlernte, erzählte sie von ihrem ehemaligen Verlobten. Sie hatte sich von ihm getrennt, nachdem ihre Eltern der Verbindung nicht zugestimmt hatten. Dabei ließ sie erkennen, dass sie ihn für schwach hielt und sich selbst als diejenige sah, die mehr wusste und ihm sagen musste, wo es langging. Nicht mit diesen Worten, doch diese Haltung blieb Anemun in Erinnerung.

 

Damals maß er dem keine größere Bedeutung bei. Später fragte er sich, ob darin bereits etwas von dem sichtbar geworden war, woran ihre eigene Beziehung scheitern würde. Wer überzeugt war, schon zu wissen, wie es sich verhielt und was richtig war, konnte die Worte eines anderen zwar hören. Sie wirklich aufzunehmen, die eigene Sicht daran zu prüfen und sich möglicherweise korrigieren zu lassen, war etwas anderes.

 

Vielleicht hatte Anemun ihre zweckmäßige Klugheit und Durchsetzungsfähigkeit anfangs mit innerer Klarheit verwechselt. Erst viel später erkannte er, dass Entschlossenheit auch aus einer Haltung entstehen konnte, die für eine andere Sicht kaum noch offen war.

 

Anemun konnte nicht wissen, was wirklich in Aylin vorging. Doch was er als Wahrheitsverdrehungen erlebte, die Widersprüche und jene Phasen, in denen sie für ihn kaum noch erreichbar war, ließen sich aus seiner Sicht irgendwann nicht mehr allein mit Streit, Bosheit oder menschlicher Schwäche erklären. Die Möglichkeit, dass auch psychische Belastungen und traumatische Erfahrungen eine Rolle spielten, hatte er lange nicht wahrhaben wollen – vor allem, weil er seine Familie gesund und glücklich sehen wollte.

 

Eine Trennung war für ihn trotz aller Konflikte kein Ziel, auf das er insgeheim zuging. Dass die Familie tatsächlich auseinanderbrechen könnte, kam für ihn überraschend.

 

Nach seinem damaligen Verständnis erfüllte er seine Aufgabe. Er arbeitete, versorgte die Familie, organisierte und trug Verantwortung. Er wusste, dass er zugleich schwere Fehler machte, sich berauschte, laut wurde und als Vater häufig fehlte. Dennoch verstand er diese Schwierigkeiten nicht als Ankündigung eines unmittelbar bevorstehenden Endes. Er glaubte, man könne eine solche Zeit gemeinsam überstehen – notfalls so lange, bis die Kinder älter waren. Es wären nur noch einige Jahre gewesen.

 

Während Anemun zwar von einer schwer belasteten, aber weiterhin bestehenden Familie ausging, war für Aylin offenbar längst die Frage entstanden, wer von beiden gehen musste.

 

Darüber hatten sie nie offen gesprochen.

 

Anemun suchte weiter die Auseinandersetzung, weil Streit für ihn noch Verbindung bedeutete. Er erklärte, fragte, widersprach und wurde zunehmend lauter. Dass sein Schreien die Kinder belastete und keine Verständigung ermöglichte, blieb seine Verantwortung. Zugleich erlebte er, dass seine Versuche, etwas zu klären, immer öfter an derselben Antwort endeten:

 

„Dann ist es halt so.“

 

Für ihn war das keine Klärung, sondern deren Abbruch.

 

Eine Erinnerung zeigte, wie weit der Zerfall bereits fortgeschritten war. Während eines eskalierenden Streits saß Aylin mit den Kindern auf der Holztreppe, die im Haus nach oben führte. Vor ihnen sagte sie zu ihm:

 

„Entweder du gehst oder ich.“

 

Anemun empfand diesen Satz nicht als offene Entscheidung zwischen zwei gleichwertigen Möglichkeiten. Für ihn war es ein Rausschmiss.

 

In ihm kam nur an:

 

Du gehörst nicht mehr zu uns.

 

Vor den Kindern ausgesprochen, wirkte der Satz auf ihn wie eine öffentliche Verkündung. Aylin und die Kinder gehörten zum gemeinsamen Wir, er stand außerhalb. Für ihn war sein Ausschluss aus der Familie nun auch vor den Kindern besiegelt.

 

Vielleicht traf ihn das so tief, weil er selbst erlebt hatte, was es bedeutete, ohne verlässlich anwesende Eltern aufzuwachsen. Seine Mutter hatte äußerlich für ihn gesorgt, war aber kaum wirklich für ihn da gewesen. Ein Vater war noch weniger vorhanden.

 

Deshalb wollte Anemun den Kindern nicht auch ihre Mutter als ihre bisher täglich anwesende Bezugsperson nehmen. Von Aylin zu verlangen, das Haus und die Kinder zu verlassen, konnte er sich nicht vorstellen.

 

Später fragte er sich, ob er mit seinem späteren Blick auf mögliche psychische Belastungen und die familiäre Dynamik noch einmal genauso entschieden hätte.

 

Damals fragte Anemun weder, was er selbst brauchte, noch ob die Kinder ihren Vater ebenso täglich an ihrer Seite benötigten. Er dachte zuerst daran, wen sie seiner Vorstellung nach auf keinen Fall verlieren durften. Dass sie ihn dadurch als täglich anwesenden Vater verlieren würden, trat dahinter zurück.

 

Anemun hielt weiter fest und hoffte auf ein Gespräch, das nicht mehr zustande kam. Er hätte seine Familie nicht verlassen, solange er noch einen gemeinsamen Weg gesehen hätte.

 

Doch eine Familie ließ sich nicht von einem Menschen allein zusammenhalten.

 

Irgendwann hatte er keine Kraft mehr, weiter gegen Verschlossenheit, Misstrauen und Sprachlosigkeit anzurennen. Er ging nicht, weil er sich für ein anderes Leben entschieden hatte. Er ging, weil er in diesem gemeinsamen Leben keinen Platz mehr sah, an dem er noch stehen konnte.

 

Es war kein Aufbruch aus freien Stücken.

 

Anemun ging – gebrochen an dem, was er hatte bewahren wollen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 200

 

 

 

Anemundi-Moment

 

 

Anemun wollte bewahren,
was ihm am wichtigsten war.

 

Er arbeitete.
Er versorgte.
Er hielt aus.

 

Doch er betäubte seine Unruhe,
wurde laut
und fehlte gerade dort,
wo er für seine Familie
da sein wollte.

 

Im Versuch,
alles zusammenzuhalten,
verlor er sich selbst.

 

Was Anemun damals
noch nicht sagen konnte:

 

Auch ich gehöre zu dem,
was geschützt werden muss.

 

ANEMUNDI ist ein Raum
für Menschen,
die viel getragen
und sich dabei verloren haben,
aber sich selbst wiederfinden wollen.

 

 

Wenn du dich darin erkennst:

 

Melde dich.

 

kontakt@anemundi.de

 

 

 

 

Er suchte eine Wohnung.
Aber nicht nur für sich.
Auch dort sollten die Kinder
einen festen Platz haben.

 

 

 

Wohnungssuche nach der Trennung und ein zweites Zuhause für die Kinder.

 

 

 

Die Wohnung für drei

 

 

Nachdem feststand, dass Anemun gehen würde, begann er nach einer Wohnung zu suchen. Viele Besichtigungen brauchte es nicht. Schon nach kurzer Zeit fand er etwas, das zu dem passte, was ihm damals wichtig war.

 

Die Wohnung lag nahe an seiner Arbeitsstelle. Zu Fuß brauchte er ungefähr zwanzig Minuten, mit dem Fahrrad fünf bis zehn. Der Weg zur Arbeit sollte unkompliziert bleiben. Nach dem Auszug wollte Anemun nicht noch mehr Zeit auf der Straße verbringen und keinen zusätzlichen Stress durch lange Fahrten.

 

Auch die Wohnung selbst sollte ruhig sein. Über ihm wohnte niemand. Sie lag in einem Neubau, war modern, großzügig und als Maisonette über zwei Ebenen verteilt.

 

Sie war allerdings auch entsprechend teuer.

 

Anemun entschied sich trotzdem dafür. Er suchte keine möglichst kleine Übergangslösung. Die Kinder sollten bei ihm nicht nur irgendwo übernachten können. Sie sollten dort einen festen Platz haben.

 

Seine Tochter bekam ein eigenes Zimmer. Sie war die Ältere und sollte sich zurückziehen können, wenn sie Ruhe brauchte. Das Zimmer war nicht als Gästezimmer gedacht, das bei Bedarf für sie freigemacht wurde.

 

Es war ihres.

 

Der Sohn schlief damals noch bei seinem Vater im Kingsize-Bett. Auch für ihn war gesorgt: Im Wohnzimmer standen die neueste PlayStation, eine Rennfahrerkonsole und ein großer Bildschirm.

 

So entstand eine Wohnung für drei, obwohl Anemun zunächst allein dort leben würde.

 

Im Herbst half ihm sein großer Bruder beim Umzug. Aus dem gemeinsamen Haus nahm Anemun nur wenig mit. Fast alles blieb dort: die Möbel, die Einrichtung und das, was zum bisherigen Alltag der Familie gehörte.

 

Anemun wollte das Zuhause der Kinder nicht zusätzlich auseinandernehmen. Deshalb richtete er seinen neuen Haushalt weitgehend neu ein.

 

Damit entstand ein zweiter vollständiger Haushalt. Die hohen Kosten nahm er zunächst in Kauf. Wichtiger war ihm, dass die Kinder regelmäßig zu ihm kommen konnten. Vorgesehen war ungefähr jedes zweite Wochenende.

 

Heute erkennt Anemun in dieser Wohnungssuche mehr als eine praktische Entscheidung. Das vertraute Haus sollte den Kindern bleiben. Gleichzeitig wollte er ihnen auch bei sich einen festen Ort schaffen – nicht nur einen Platz zum Übernachten.

 

Er hatte das gemeinsame Zuhause verlassen.

 

Vater wollte er trotzdem bleiben.

 

Die Wohnung war vorbereitet.

 

Ob das Leben mit den Kindern darin so stattfinden würde, wie er es sich vorgestellt hatte, wusste er noch nicht.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 201

 

 

 

 

Ein gemeinsames Leben war beendet.
Die Verantwortung nicht.
Was zuvor ein Haushalt getragen hatte,
verteilte sich nun auf zwei.

 

 

 

Trennung, zwei Haushalte, gemeinsamer Mietvertrag und unregelmäßiger Kontakt zu den Kindern.

 

 

 

Zwei Haushalte

 

 

Die Wohnung war eingerichtet. Die Tochter hatte ihr Zimmer, der Sohn seinen festen Platz bei Anemun. Vorgesehen war, dass die Kinder ungefähr alle zwei Wochen zu ihm kamen.

 

Doch eine verlässliche Regelung entstand nicht.

 

Die Besuche wurden meist kurzfristig abgesprochen. Immer wieder kamen andere Termine dazwischen: Geburtstage in Aylins Familie, Treffen mit Verwandten oder weitere Verpflichtungen. Aus Anemuns Sicht hatte häufig etwas anderes Vorrang vor der vereinbarten Zeit mit ihm.

 

Manchmal kamen die Kinder. Manchmal wurde die Planung geändert. Eine feste Linie entwickelte sich nicht.

 

Später fragte sich Anemun, ob sich dadurch bei den Kindern allmählich der Eindruck verfestigt hatte, dass die Zeit mit ihm verschiebbar war. Dass es nicht besonders wichtig war, ob ein gemeinsames Wochenende tatsächlich stattfand.

 

Als die Kinder älter wurden und in die Pubertät kamen, wurde der Zugang zu ihnen noch schwieriger. Eigene Interessen, Freunde und andere Pläne traten stärker in den Vordergrund. Ob die frühen Unregelmäßigkeiten dazu beigetragen hatten, konnte Anemun nicht beurteilen. Für ihn fühlte es sich jedoch an, als habe sich etwas fortgesetzt, das schon Jahre zuvor begonnen hatte.

 

Wenn die Kinder da waren, war seine Welt für einen Moment wieder in Ordnung. Es wurde gesprochen, gespielt und gemeinsam gegessen. Die Räume waren nicht mehr leer. Er war nicht nur der Mann, dessen gemeinsames Leben auseinandergebrochen war.

 

Er war ihr Vater.

 

Solange sie da waren, reichte ihm das.

 

Wenn sie gingen, wurde nicht nur die Wohnung wieder leer. Für Anemun brach jedes Mal etwas weg. Mit der Stille kehrten auch die Trennung und die Leere zurück.

 

Über viele Jahre hatte Anemun vor allem für seine Aufgaben und die Kinder gelebt. Er arbeitete, organisierte und sorgte dafür, dass finanziell alles getragen werden konnte. Dabei konzentrierte er sich so vollständig auf seine Verpflichtungen, dass anderes zunehmend aus seinem Blick geriet.

 

Selbst die Kommunikation mit seiner eigenen Familie, mit Freunden und Bekannten hatte Aylin zu einem großen Teil übernommen. Sie hielt Kontakte, stimmte Termine ab und wusste meist besser als er, was in ihrem gemeinsamen Umfeld geschah. Anemun nahm diese Entlastung an und bemerkte lange nicht, wie sehr er dadurch auch seine eigenen Beziehungen vernachlässigte.

 

Er hatte sich an eine Ordnung gewöhnt, in der er vor allem funktionierte. Eigene Freundschaften, Interessen und persönliche Freiräume bekamen immer weniger Platz. Vieles erschien ihm weniger wichtig als das, was Arbeit, Familie und Kinder von ihm verlangten.

 

Damals verstand er das vor allem als Verantwortung.

 

Er passte sich dem gemeinsamen System an und verzichtete dabei zunehmend auf seine eigene Freiheit. Erst nach der Trennung wurde sichtbar, welchen Preis diese Konzentration gehabt hatte. Ihm fehlte nicht nur das gemeinsame Familienleben. Auch viele Verbindungen nach außen waren dünn geworden. Er hatte kaum noch ein eigenes Leben, auf das er hätte zurückgreifen können.

 

Während innerlich vieles abbrach, blieben die äußeren Verpflichtungen bestehen.

 

Der Mietvertrag für das frühere Haus lief weiterhin auf Aylin und Anemun. Der Vermieter wollte ihn nicht daraus entlassen, weil Anemun für ihn die finanzielle Absicherung des Mietverhältnisses war.

 

So blieb Anemun rechtlich und finanziell an ein Haus gebunden, in dem er selbst nicht mehr lebte. Er trug weiterhin dessen Miete und zugleich die Miete seiner eigenen Wohnung.

 

Hinzu kamen der Unterhalt sowie Kleidung, Fahrräder, Freizeiten, Schulausflüge und weitere Ausgaben für die Kinder.

 

Anemun führte darüber zunächst keine innere Gegenrechnung. Für ihn gehörte es zu seiner Verantwortung als Vater. Die Kinder sollten durch die Trennung möglichst wenig verlieren.

 

Finanziell konnte er das zunächst tragen. Er hatte gut verdient und Rücklagen aufgebaut. Doch die bisherigen Mittel mussten nun zwei vollständige Haushalte tragen, ohne dass sie sich verdoppelt hätten.

 

Was zuvor ausgereicht hatte, wurde Monat für Monat weniger.

 

Anemun erinnerte sich an einen früheren Mitarbeiter, der nach seiner Trennung seine Wohnung nicht mehr bezahlen konnte und wieder zu seinen Eltern ziehen musste. Damals hatte Anemun von außen gesehen, wie sehr eine Trennung einen Menschen auch wirtschaftlich auszehren konnte.

 

Nun erlebte er es selbst.

 

Nicht durch einen einzigen großen Verlust, sondern weil bestehende Kosten weiterliefen, während an anderer Stelle fast alles neu bezahlt werden musste.

 

Noch war Geld vorhanden.

 

Schwerer wog etwas anderes. Anemun hatte seine Freiheit über Jahre zurückgestellt und geglaubt, darin liege seine Aufgabe. Nach der Trennung bekam er diese Freiheit zurück.

 

Aber sie fühlte sich nicht frei an.

 

Ohne die Kinder wusste er zunächst nicht, womit er sie füllen sollte.

 

Noch hielt er den Raum für sie offen. Noch hoffte er, dass sich mit der Zeit eine verlässlichere Ordnung finden würde.

 

Die Wohnung war für sie vorbereitet.

 

Nur die gemeinsame Zeit ließ sich nicht auf Vorrat einrichten.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 202

 

 

 

 

Er arbeitete weiter.
Doch seine Aufmerksamkeit war geteilt.
Die Warnung hörte er.
Ihre Bedeutung erkannte er zu spät.

 

 

 

Trennung, berufliche Erschöpfung und ein zweites Gespräch mit weitreichenden Folgen.

 

 

 

Das zweite Gespräch

 

 

Nach dem Auszug ging Anemun weiter zur Arbeit. Er nahm an Besprechungen teil, traf Entscheidungen und erfüllte seine Aufgaben. Von außen funktionierte er noch.

 

Innerlich war er jedoch nicht mehr derselbe.

 

Die Trennung war erst wenige Monate her. Die Kinder kamen unregelmäßig, die Wohnung wurde nach ihren Besuchen wieder still, und vieles in seinem bisherigen Leben hatte seinen festen Platz verloren.

 

Anemun nahm all das mit zur Arbeit.

 

Er war weiterhin handlungsfähig. Doch ihm fehlte zunehmend jene Wachsamkeit, mit der er früher Widerstände erkannt und Interessenlagen eingeschätzt hatte. Seine Aufmerksamkeit war geteilt, auch wenn er sich das damals kaum eingestand.

 

Dabei hatte es eine Warnung gegeben.

 

Schon Monate zuvor hatte ihm jemand aus dem Aufsichtsgremium gesagt, er solle aufpassen. Man habe ihn im Visier.

 

Anemun nahm das zur Kenntnis, doch es beunruhigte ihn nicht. Widerstand war für ihn nichts Neues. Seit seinem Eintritt hatte er versucht, eine schwerfällige Organisation zu verändern. Strukturen waren neu geordnet, Verantwortlichkeiten verschoben und Satzungen angepasst worden.

 

Er hatte oft das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen.

 

Das System war bürokratisch. Regeln, Zuständigkeiten und gewachsene Interessen schienen mitunter mehr Gewicht zu besitzen als die Frage, was die Organisation wieder lebendig und zukunftsfähig machen könnte.

 

Anemun wollte nicht nur verwalten, was vorhanden war. Er wollte entwickeln, verändern und neu ausrichten. Damit stieß er zwangsläufig auf Menschen, die am Bestehenden festhielten.

 

Widerstände gehörten deshalb seit Jahren zu seinem beruflichen Alltag.

 

Gerade das wurde ihm nun zum Verhängnis.

 

Anemun wusste, dass sich der Widerstand einzelner Personen im Aufsichtsgremium auch gegen ihn persönlich richtete. Er hatte die Organisation radikal umstrukturiert und damit gewachsene Machtverhältnisse berührt. Die Warnung war für ihn deshalb nichts grundsätzlich Neues.

 

Was er unterschätzte, war nicht die persönliche Gegnerschaft, sondern wie weit die Entwicklung inzwischen fortgeschritten und wie unmittelbar seine Position gefährdet war.

 

Auch Menschen, die er selbst in das Aufsichtsgremium gebracht oder deren Aufnahme unterstützt hatte, sagten ihm nichts, als es darauf ankam. Sie warnten ihn nicht vor dem, was sich dort entwickelte.

 

Warum, wusste er nicht.

 

Als ein angeblich anonymes Beschwerdeschreiben auftauchte, dessen Inhalt man ihm nicht mitteilte, kam es zu einem ersten Gespräch. Für Anemun blieb vieles unklar. Vorwürfe standen im Raum, ohne dass er erkennen konnte, ob und was im Hintergrund bereits vorbereitet worden war und wer welche Position vertrat.

 

Er hätte abwarten können. Er hätte Informationen sammeln, sich beraten lassen und die Warnung aus dem Aufsichtsgremium noch einmal neu bewerten können.

 

Doch Anemun wollte kein weiteres Schweben.

 

Privat lebte er bereits in einer Wirklichkeit, in der kaum noch etwas verlässlich war. Er wusste nicht, wann die Kinder kamen, wie sich die Beziehung zu ihnen entwickeln würde und was von seinem früheren Leben übrig blieb.

 

Auch beruflich hielt er die Unklarheit nicht mehr aus.

 

Deshalb verlangte er ein zweites Gespräch.

 

Er wollte wissen, woran er war. Noch immer glaubte er, dass sich offene Fragen in einem direkten Gespräch klären ließen. Vorwürfe sollten konkret benannt, Missverständnisse ausgeräumt und Entscheidungen nachvollziehbar gemacht werden.

 

Ein halbes Jahr nach seinem Auszug fand dieses Gespräch statt.

 

Dort wurde ihm gekündigt.

 

Was Anemun erst später vollständig erkannte, war die Bedeutung seiner eigenen Entscheidung, dieses Gespräch einzufordern.

 

Für ihn stand fest: Ohne sein Drängen wäre die Kündigung nicht so schnell ausgesprochen worden. Vielleicht wäre sie später gekommen. Vielleicht hätten sich die Kräfteverhältnisse noch verändert. Doch durch sein Verlangen nach sofortiger Klarheit beschleunigte er eine Entwicklung, auf die er selbst nicht vorbereitet war.

 

Er hatte beruflich anders gehandelt als früher.

 

Nicht strategisch.


Nicht abwartend.


Nicht abgesichert.

 

Er hatte Klarheit verlangt, weil er keine weitere Ungewissheit mehr ertrug.

 

Die Kündigung traf ihn dennoch mit voller Wucht. Die Arbeit war einer der letzten Bereiche, in denen er noch eine feste Aufgabe und eine erkennbare Rolle besaß. Das gemeinsame Zuhause hatte er verloren. Die Kinder waren nur zeitweise bei ihm. Viele seiner persönlichen Beziehungen waren dünn geworden.

 

Nun brach auch seine berufliche Position weg.

 

Später sah Anemun deutlicher, wie sehr seine private Verfassung seine berufliche Wahrnehmung beeinflusst hatte. Er war nicht ahnungslos gewesen. Er hatte gewusst, dass einzelne Personen gegen ihn arbeiteten.

 

Unterschätzt hatte er, wie weit der Kampf um seine Position bereits fortgeschritten war.

 

Das zweite Gespräch beendete die Ungewissheit.

 

Der eigentliche Kampf hätte danach beginnen können.

 

Doch dafür fehlte Anemun inzwischen etwas Entscheidendes.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 203

 

 

 

 

Er hätte kämpfen können.
Die Aussichten waren nicht schlecht.
Doch der Mann, der so oft Widerstand geleistet hatte,
hatte keine Kraft mehr für eine weitere Front.

 

 

 

Aufhebungsvertrag, Scheidung und fehlende Kraft für weitere rechtliche Auseinandersetzungen.

 

 

 

Der Kampf, den er nicht führte

 

 

Nach dem zweiten Gespräch wurde Anemun von seiner Arbeit freigestellt.

 

Von einem Tag auf den anderen war sein beruflicher Alltag beendet. Keine Besprechungen mehr, keine Entscheidungen, keine Mitarbeiter, die mit ihren Fragen zu ihm kamen. Die Organisation, die über Jahre einen großen Teil seines Lebens beansprucht hatte, lief ohne ihn weiter.

 

Sein Arbeitsverhältnis bestand zunächst noch. Der Vertrag wäre regulär bis zum Sommer des folgenden Jahres gelaufen. Zwischen der ausgesprochenen Kündigung und diesem Zeitpunkt lag mehr als ein Jahr.

 

Anemun ließ sich anwaltlich beraten.

 

Die vorzeitige Beendigung seines Vertrags hätte rechtlich überprüft werden können. Eine Rückkehr an seinen Arbeitsplatz kam für ihn nach allem, was geschehen war, jedoch nicht mehr infrage. Auch eine Fortsetzung der Zusammenarbeit konnte er sich nicht mehr vorstellen.

 

Realistisch hätte er nur noch um eine höhere Abfindung und damit um einen größeren finanziellen Ausgleich kämpfen können.

 

Früher hätte Anemun vermutlich auch diesen Kampf geführt.

 

Er hatte sich über Jahre mit Gremien, Satzungen und bürokratischen Strukturen auseinandergesetzt. Er hatte Konflikte ausgehalten, Entscheidungen verteidigt und auch dort weitergemacht, wo andere längst aufgegeben hätten.

 

Nun stand er vor einer Auseinandersetzung, deren Aussichten nicht schlecht waren.

 

Und führte sie nicht.

 

Es lag nicht daran, dass ihm die Arbeit gleichgültig geworden war. Auch die Art, wie mit ihm umgegangen worden war, ließ ihn nicht kalt. Die Vorwürfe, die fehlende Offenheit und das Schweigen von Menschen, denen er vertraut hatte, beschäftigten ihn weiterhin.

 

Doch in ihm war kaum noch etwas vorhanden, womit er einen langwierigen Rechtsstreit hätte tragen können.

 

Ein solcher Kampf hätte Akten, Gespräche, Stellungnahmen und immer neue Auseinandersetzungen bedeutet. Anemun hätte sich erneut mit den Vorwürfen, dem Aufsichtsgremium und den vergangenen Jahren beschäftigen müssen.

 

Dafür hätte er Klarheit und Ausdauer gebraucht.

 

Beides fehlte ihm.

 

Die Trennung lag erst wenige Monate zurück. Das gemeinsame Zuhause war nicht mehr seines. Die Kinder kamen nur zeitweise. Nach jedem Besuch kehrte die Stille zurück. Viele seiner früheren Kontakte waren dünn geworden, und nun war auch die Arbeit weggefallen.

 

Gleichzeitig stand die Scheidung bevor.

 

Auch dafür brauchte es einen Anwalt und einen Gerichtstermin. Aylin und Anemun fuhren gemeinsam zum Gericht. Dort wurde die Ehe, die sie über Jahre miteinander verbunden hatte, rechtlich beendet.

 

Anschließend gingen sie zusammen zu Mittag essen.

 

Es war eine widersprüchliche Situation. Sie konnten noch gemeinsam im Auto sitzen, miteinander zum Gericht fahren und danach an einem Tisch essen. Doch der Grund für diesen Tag war das endgültige Ende ihrer Ehe.

 

Es gab keinen offenen Streit und keine laute Szene. Gerade darin lag etwas Eigentümliches. Ein gemeinsames Leben wurde vor Gericht beendet, und wenig später saßen sie einander beim Essen gegenüber.

 

Auch dieser Tag verlangte Kraft.

 

Zugleich zeichnete sich bereits die nächste rechtliche Auseinandersetzung ab. Wegen eines Maskenattests beschäftigte sich die Staatsanwaltschaft mit Anemun. Am Ende stand eine Strafe von 1.000 Euro.

 

Auch dagegen ging er nicht vor.

 

Nicht, weil ihm die Angelegenheit gleichgültig war oder er die Entscheidung für richtig hielt. Er wollte nur keine weitere Kraft in Akten, Stellungnahmen und einen erneuten Streit investieren.

 

Also nahm er die Strafe hin, damit auch diese Front endete.

 

Innerhalb kurzer Zeit brachen mehrere Bereiche weg, über die Anemun sich bis dahin definiert hatte: seine Familie, seine Aufgabe und die Verantwortung, aus der er einen großen Teil seines Selbstverständnisses bezogen hatte.

 

Was blieb, waren Verpflichtungen.

 

Die Mieten liefen weiter. Der Unterhalt musste gezahlt werden. Die Kinder brauchten regelmäßig etwas. Auch die Verantwortung für seine Mutter verlangte zunehmend Aufmerksamkeit.

 

Finanziell war Anemun zu diesem Zeitpunkt noch nicht am Ende. Er hatte Rücklagen und konnte die laufenden Kosten zunächst tragen.

 

Geld war damals nicht sein knappstes Gut.

 

Kraft war es.

 

Nach der anwaltlichen Beratung entschied er sich für einen Aufhebungsvertrag. Bis zum Sommer blieb er freigestellt, danach endete das Arbeitsverhältnis endgültig.

 

Damit verzichtete er nicht auf eine Rückkehr an seinen Arbeitsplatz. Diese Möglichkeit war für ihn ohnehin ausgeschlossen. Er verzichtete darauf, um eine höhere Abfindung zu streiten.

 

Mehr Geld hätte die Art, wie sein berufliches Ende zustande gekommen war, nicht verändert. Es hätte ihm weder das Vertrauen noch seine Aufgabe zurückgegeben. Um einen höheren finanziellen Ausgleich durchzusetzen, hätte er jedoch erneut einen Konflikt führen müssen.

 

Die Scheidung lag hinter ihm. Die Strafe wegen des Maskenattests hatte er hingenommen. Nun wollte er keine weitere Front eröffnen, nur um mehr Geld zu erhalten.

 

Privat hatte er lange versucht, die Familie zusammenzuhalten. Beruflich hatte er jahrelang gegen ein System gearbeitet, das sich nur widerwillig bewegte.

 

Heute sieht Anemun darin weder reine Schwäche noch eine besonders kluge Entscheidung. Er entschied aus seiner Erschöpfung heraus. Vielleicht verzichtete er auf Geld, das er hätte erstreiten können. Vielleicht schützte er sich damit vor einem Verfahren, das ihn noch weiter zerrieben hätte.

 

Damals dachte er nicht in solchen Abwägungen.

 

Er unterschrieb.

 

Nicht, weil der Konflikt geklärt war.

 

Sondern weil ihm die Kraft fehlte, ihn weiterzuführen.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 204

 

 

 

 

Die Wohnung war für drei gedacht.
Doch immer häufiger lebte nur einer darin.
Was Nähe ermöglichen sollte,
wurde zum sichtbaren Zeichen der Entfernung.

 

 

 

Wohnungsaufgabe nach der Trennung, weniger Besuche der Kinder und die Reduzierung des eigenen Lebens.

 

 

 

Die Räume, die leer blieben

 

 

Die große Wohnung hatte Anemun nicht nur für sich ausgesucht. Seine Tochter hatte dort ihr eigenes Zimmer. Der Sohn schlief bei ihm im Kingsize-Bett, und im Wohnzimmer war alles für gemeinsame Stunden vorbereitet.

 

Die Wohnung sollte ein zweites Zuhause für die Kinder sein.

 

Doch sie kamen nicht so regelmäßig, wie es ursprünglich vorgesehen gewesen war. Aus einzelnen Verschiebungen wurden größere Abstände. Das Zimmer der Tochter blieb häufiger unbenutzt, die Spielkonsole stand bereit, und die Wohnung wartete auf ein Leben, das immer seltener stattfand.

 

Anemun hielt trotzdem lange daran fest.

 

Solange die Räume vorhanden waren, konnten die Kinder kommen. Sie mussten nichts mitbringen und sich nicht wie Gäste fühlen. Alles war für sie eingerichtet.

 

Wenn sie da waren, erfüllte die Wohnung ihren Zweck. Dann wurde gemeinsam gegessen, gesprochen und gespielt. Für diese Zeit war sie tatsächlich ein Zuhause für drei.

 

Wenn sie wieder gingen, blieben die Räume zurück.

 

Anfangs konnte Anemun die hohe Miete noch tragen. Er hatte gut verdient und Rücklagen aufgebaut. Doch sein regelmäßiges Einkommen war weggefallen, während die Kosten für zwei Haushalte, der Unterhalt und die weiteren Ausgaben für die Kinder bestehen blieben.

 

Seine Rücklagen verschafften ihm Zeit.

 

Sie bewahrten ihn davor, sofort irgendeine neue Stelle annehmen zu müssen. Doch das Geld, das ihm diese Freiheit ermöglichte, wurde nicht mehr aufgefüllt.

 

Anemun begann deshalb dort zu reduzieren, wo es ihn selbst betraf. Die Verpflichtungen gegenüber den Kindern stellte er nicht infrage. Auch an das frühere Haus blieb er weiterhin gebunden. Verändern konnte er vor allem seine eigenen Lebenshaltungskosten.

 

Gleichzeitig hielt er sich immer häufiger in Kroatien auf. Seine Mutter lebte überwiegend dort und benötigte zunehmend seine Unterstützung. Als ihr Generalbevollmächtigter musste er sich um organisatorische Fragen und Entscheidungen kümmern.

 

Während Anemun in Kroatien war, stand die große Wohnung in Deutschland oft leer.

 

Damit verlor sie nach und nach auch ihren praktischen Sinn.

 

Die Nähe zur Arbeitsstelle, die bei der Wohnungssuche wichtig gewesen war, hatte keine Bedeutung mehr. Der Arbeitsplatz war weggefallen. Die Kinder kamen seltener, und Anemun selbst war häufig nicht in Deutschland.

 

Er bezahlte für Räume, die auf ein Leben vorbereitet waren, das kaum noch stattfand.

 

Die Entscheidung, die Wohnung aufzugeben, war deshalb wirtschaftlich vernünftig. Sie bedeutete aber mehr als die Kündigung eines Mietvertrags.

 

Anemun hatte sie als Ort für sich und die Kinder gewählt. Sie sollte zeigen, dass er nach dem Auszug weiterhin Vater blieb und dass sie auch bei ihm einen festen Platz hatten.

 

Nun musste er sich eingestehen, dass sich Nähe nicht durch unbenutzte Zimmer bewahren ließ.

 

Er konnte die Beziehung zu seinen Kindern nicht durch Quadratmeter sichern. Er konnte keinen regelmäßigen Alltag entstehen lassen, indem er Räume dafür freihielt.

 

Schließlich gab er die Wohnung auf.

 

In Deutschland zog er in die Wohnung seiner Mutter und ihres Lebensgefährten. Da sie sich überwiegend in Kroatien aufhielt und auch Anemun häufig dort war, brauchte er keinen vollständigen eigenen Haushalt mehr. So konnte er seine Kosten deutlich senken.

 

Nach außen war es eine vernünftige Anpassung an seine veränderte Situation.

 

Ein Mann ohne feste berufliche Aufgabe, der viel Zeit im Ausland verbrachte und dessen Kinder nur noch selten kamen, verkleinerte seinen Haushalt.

 

Innerlich fühlte es sich anders an.

 

Anemun war über viele Jahre derjenige gewesen, der verdiente, organisierte und dafür sorgte, dass andere abgesichert waren. Nun gab er seine eigene Wohnung auf und zog in die Räume seiner Mutter.

 

Er war nicht mittellos.

 

Doch er begann, das aufzugeben, was er für sich selbst geschaffen hatte.

 

Die große Wohnung war sein Versuch gewesen, nach der Trennung einen zweiten Ort für die Familie zu erhalten. Ihre Aufgabe bedeutete nicht, dass er seine Kinder oder seine Verantwortung aufgab.

 

Aber er ließ die Vorstellung los, ein vorbereiteter Raum allein könne bewahren, was sich zwischen Menschen veränderte.

 

Er reduzierte seine Kosten.

 

Und verlor dabei erneut einen Ort, den er einmal mit Resthoffnung eingerichtet hatte.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 205

 

 

 

 

Er hatte keine eigene Wohnung mehr.
Aber einen Ort, den er abschließen konnte.
Zwei Meter Länge
und niemand, dem er etwas erklären musste.

 

 

 

Schlafen im Auto, Rückzug auf Parkplätzen und ein unerwartetes Gefühl von Freiheit.

 

 

 

Das kleine Reich

 

 

Der geräumige ältere Kombi war ein Zufallsfund.

 

Er stammte aus erster Hand, war gut gepflegt und für sein Alter nur wenig gefahren worden. Vieles war neu oder bereits erneuert. Für Anemun erschien er wie ein Schnäppchen.

 

Vor allem aber bot das Auto Platz.

 

Wenn er die Rücksitze umlegte, entstand eine zwei Meter lange Fläche über die gesamte Breite des Fahrzeugs. Auf einer Seite legte Anemun zwei selbstaufblasbare Matratzen übereinander. Darauf kamen zwei Schlafsäcke und mehrere Decken, bis eine weiche Liegefläche entstand.

 

Auf der anderen Seite standen weiße Kunststoffkisten mit Deckeln. Darin bewahrte er Kleidung, Schuhe und alles auf, was er unterwegs brauchte. Wasser und Lebensmittel besorgte er nach Bedarf. Für den Notfall stand eine leere Fünf-Liter-Kunststoffflasche bereit, falls er bei Regen nicht hinauswollte.

 

Es war sein kleines Reich.

 

Die hinteren Seitenfenster und die Heckscheibe hatte Anemun professionell mit dunkler Folie bekleben lassen. Vor die Windschutzscheibe stellte er nachts eine silberne Sonnenschutzfolie. Nur durch die Fenster an Fahrer- und Beifahrerseite hätte noch jemand hineinsehen können.

 

Zum ersten Mal hatte Anemun auf seinen Fahrten nach Kroatien im Auto geschlafen. Dabei entdeckte er, dass ihm diese Art des Reisens gefiel. Er musste kein Hotel suchen, niemanden um einen Schlafplatz bitten und sich nach keinem fremden Tagesablauf richten.

 

Er hielt an, wenn er müde war. Manchmal reichte ein kurzer Schlaf, dann fuhr er weiter.

 

Er war für sich.

 

Später wurde das Auto auch in Deutschland zeitweise zu seinem Schlafplatz. Nachdem Anemun seine große Wohnung aufgegeben hatte, lebte er in der Wohnung seiner Mutter. Sie hielt sich zwar überwiegend in Kroatien auf, kam anfangs aber noch gemeinsam mit ihrem Lebenspartner nach Deutschland. Manchmal musste dieser zu einem Arzttermin oder blieb aus anderen Gründen einige Tage dort.

 

Anemun hätte auch dann in der Wohnung bleiben oder bei Verwandten und Bekannten unterkommen können.

 

Doch das wollte er nicht.

 

Er wollte sich nicht nach anderen richten und nicht das Gefühl haben, jemandem zur Last zu fallen. Ein Hotel kam für ihn ebenfalls kaum infrage. Dafür war ihm das Geld zu schade.

 

Lieber zog er sich in seinen Kombi zurück.

 

Über ein oder zwei Jahre geschah das vielleicht sechs-, sieben- oder achtmal. Manchmal blieb es bei einer Nacht, manchmal waren es einige Nächte hintereinander.

 

Es waren meist die milderen Monate. Im Winter wäre es ohne Standheizung zu kalt gewesen. Doch in angenehmen Nächten reichte ihm das Auto vollkommen aus.

 

Er suchte sich einen Platz, an dem er möglichst ungestört blieb. Mit der Zeit entwickelte er einen Blick dafür, wo ein abgestelltes Fahrzeug nicht sofort auffiel und wo die Wahrscheinlichkeit gering war, dass die Polizei ihn in der Nacht weckte.

 

Manchmal stand er auf einem Pendlerparkplatz, manchmal in der Nähe eines Stadions oder auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums. Es ging ihm nicht darum, sich zu verstecken. Er wollte nur schlafen können, ohne erklären zu müssen, weshalb ein erwachsener Mann in einem Kombi lag.

 

Besonders lange schlief er ohnehin nicht.

 

Früh am Morgen wurde er meist von selbst wach. Wenn er auf dem Parkplatz eines Supermarktes stand, fuhr er weg, bevor die ersten Kunden kamen. Er wechselte den Standort, klappte die Sitze zurück und räumte den Innenraum auf.

 

Die Liegefläche wurde gerichtet, Decken und Schlafsäcke zusammengelegt, die Kisten an ihren Platz geschoben.

 

Er machte sein Bett.

 

Wenn die Geschäfte geöffnet hatten, fuhr er zu einem Discounter, kaufte sich einen Kaffee und etwas zum Frühstück. Danach kehrte er zur Wohnung seiner Mutter zurück.

 

Es gab keine besondere Nacht, die sich aus den anderen hervorhob.

 

Kein Unwetter.


Keine bedrohliche Begegnung.


Keine Polizei, die an die Scheibe klopfte.

 

Gerade das war für Anemun das Besondere.

 

Die Nächte waren ruhig.

 

Von außen hätte diese Lebensphase leicht wie ein weiterer Abstieg wirken können. Ein Mann, der jahrelang gut verdient, Verantwortung getragen und eine große Wohnung eingerichtet hatte, schlief nun auf Parkplätzen in seinem Auto.

 

Anemun selbst erlebte es anders.

 

Er fühlte sich dort nicht gedemütigt. Er fühlte sich auch nicht wie jemand, der keinen Ort mehr hatte. Der Omega gehörte ihm. Alles besaß seinen Platz. Er konnte die Türen verriegeln, die Fenster abdunkeln und sich in sein gemachtes Bett legen.

 

Niemand erwartete etwas von ihm.

 

Niemand stellte Fragen.

 

Niemand störte seine Ruhe.

 

Nach den Jahren, in denen er gearbeitet, organisiert, versorgt und sich an die Bedürfnisse anderer angepasst hatte, lag er nun in einem Auto und musste für einige Stunden nichts erfüllen.

 

Er war allein.

Bei sich.

Mit sich.

 

Aylin erfuhr irgendwann davon, als sie neugierig nachfragte. Sie konnte zunächst kaum glauben, dass Anemun tatsächlich in seinem Auto übernachtete. Auch anderen Menschen erzählte er nur selten davon. Nicht, weil er sich dafür schämte, sondern weil er keine Diskussion darüber führen wollte. Schließlich hatte er in seinem Leben schon wesentlich unbequemere und kältere Nächte erlebt.

 

Andere hätten ihm vermutlich einen Schlafplatz angeboten oder gefragt, warum er sich das antat.

 

Doch für Anemun war es kein Aushalten.

 

Er wollte es so.

 

In diesen Nächten begann er zugleich anders auf Menschen zu schauen, die tatsächlich keinen sicheren Ort zum Schlafen hatten. Er lag weich, geschützt und trocken. Sein Auto war groß genug, damit er sich ausstrecken konnte. Er hatte Decken, Lebensmittel, frische Kleidung und Geld für Kaffee und Frühstück.

 

Er konnte jederzeit wegfahren – sobald er die beschlagenen Scheiben freigeputzt hatte.

 

Andere hatten nicht einmal das.

 

Sie suchten Schutz unter Brücken, in Hauseingängen oder an Orten, die wenigstens etwas Wind abhielten. Sie mussten ihre wenigen Dinge bei sich tragen und wussten nicht, ob sie in Ruhe gelassen oder vertrieben wurden.

 

Anemun verstand nun ein wenig besser, was es bedeutete, keinen selbstverständlichen Raum zu besitzen.

 

Seine Lage war damit nicht gleichzusetzen.

 

Doch zum ersten Mal spürte er körperlich, wie viel ein geschützter Platz wert war. Ein Ort, an dem man liegen, die Augen schließen und für einige Stunden ungestört bleiben konnte.

 

Früher hatte Anemun Wohnungen nach Größe, Lage und Ausstattung beurteilt. Nun genügten ihm zwei Meter Länge, eine weiche Unterlage und eine verschlossene Tür.

 

Er hatte vieles verloren.

 

Doch in diesen Nächten fehlte ihm wenig.

 

Das Auto war sein Zuhause.

 

Ein Ort, der nur ihm gehörte.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 206

 

 

 

 

In Kroatien begann das Auge einzubluten.
Die Rückfahrt nach Deutschland bewältigte er fast nur mit dem anderen.
Was als Behandlung begann,
endete mit einer dauerhaften Einschränkung.

 

 

 

Augenblutung, Laserbehandlungen, Netzhautoperation und bleibender Verlust der Sehkraft.

 

 

 

Zwanzig Prozent

 

 

Es begann während eines Aufenthalts in Kroatien.

 

Anemun bemerkte, dass sich sein Sehen auf einem Auge veränderte. Im Inneren kam es zu einer Einblutung. Das Bild wurde zunehmend schlechter, bis er auf dieser Seite kaum noch verlässlich sehen konnte.

 

Er musste zurück nach Deutschland.

 

Auf der langen Fahrt war er fast vollständig auf das andere Auge angewiesen. Entfernungen, Bewegungen und den Verlauf der Straße konnte er mit dem betroffenen Auge kaum noch erfassen.

 

Anemun konzentrierte sich auf die Strecke und brachte die Fahrt hinter sich.

 

In Deutschland wurde das Auge zunächst gelasert. Anschließend schickte ihn der behandelnde Arzt in ein Krankenhaus. Dort folgten weitere Laserbehandlungen.

 

Anemun hoffte, dass die Blutung gestoppt und das Auge stabilisiert werden konnte.

 

Doch das Sehen besserte sich nicht dauerhaft. Schließlich kam es zu einer schweren Komplikation an der Netzhaut. Eine umfassende Operation wurde notwendig.

 

Anemun war überzeugt, dass das Auge im Verlauf der Behandlungen nicht gerettet, sondern zusätzlich geschädigt worden war.

 

Er war wegen einer Einblutung zum Arzt gegangen. Danach wurde das Auge mehrfach gelasert. Am Ende musste die Netzhaut operiert werden.

 

Die frühere Sehkraft kehrte nicht zurück.

 

Seitdem verfügte Anemun auf diesem Auge nur noch über ungefähr zwanzig Prozent Sehkraft.

 

Die Einschränkung blieb.

 

In anderen Bereichen seines Lebens hatte Anemun versucht, auf Verluste zu reagieren. Er konnte Kosten reduzieren, eine Wohnung aufgeben, seinen Aufenthaltsort verändern oder einen Vertrag unterschreiben.

 

Beim Auge konnte er nichts selbst regeln.

 

Krankenhäuser hatten Anemun bis dahin nie beunruhigt. Schon als Kind ging er ohne großen Widerstand und manchmal sogar gern dorthin, wenn etwa seine Polypen oder Mandeln behandelt werden mussten. Die Atmosphäre war ihm auf eine schwer erklärbare Weise vertraut. Dort erhielt er Geschenke und Aufmerksamkeit.

 

Vielleicht hing das mit den drei Monaten zusammen, die er zu Beginn seines Lebens im Krankenhaus verbracht hatte. Sicher wusste er es nicht. Doch Kliniken waren für ihn nie grundsätzlich bedrohliche Orte gewesen.

 

Gerade deshalb wog diese Erfahrung so schwer.

 

Er musste sich behandeln lassen und darauf vertrauen, dass die Menschen, in deren Hände er sich begab, die richtigen Entscheidungen trafen. Dieses Ausgeliefertsein fiel ihm schwer.

 

Die Klinik war zugleich eine Ausbildungsstätte für Ärzte. Dass Ärzte in Weiterbildung unter Anleitung behandelten und dabei praktische Erfahrung sammelten, gehörte dort zum Auftrag. Daran störte sich Anemun grundsätzlich nicht.

 

Irritiert hatte ihn vielmehr, dass wiederholt zunächst Ärzte in Weiterbildung mit der Behandlung begannen und der Oberarzt erst anschließend hinzukam. In Verbindung mit den mehrfachen Laserbehandlungen entstand bei ihm der Eindruck, dass an seinem Auge weiterbehandelt und geübt wurde, bevor die Risiken jedes neuen Eingriffs ausreichend geprüft worden waren.

 

Am Ende kamen sie alle zu derselben Einschätzung wie zuvor sein Augenarzt: Die betroffene Stelle im Auge war nur schwer zu erreichen.

 

Vor den Eingriffen hatte Anemun eine Aufklärung unterschrieben, in der ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, dass Laserbehandlungen die Netzhaut schädigen können. Trotzdem wurde das Auge mehrfach hintereinander gelasert.

 

Er fragte sich später, weshalb trotz dieses bekannten Risikos immer weiterbehandelt worden war.

 

Rückblickend fühlte er sich dabei nicht als Mensch wahrgenommen, sondern wie ein Fall, an dem behandelt, geübt und gelernt wurde.

 

Anemun konnte weiterhin sehen und seinen Alltag bewältigen. Doch fortan musste das andere Auge den größten Teil dessen übernehmen, was zuvor beide gemeinsam geleistet hatten.

 

Er gewöhnte sich an die Einschränkung.

 

Wie an so vieles.

 

Er machte sie nicht zum Mittelpunkt seines Lebens. Doch bei jedem Blick blieb die Erinnerung daran, dass nicht alles wiederhergestellt werden konnte, nur weil es behandelt worden war.

 

Auf diesem Auge blieben ihm ungefähr zwanzig Prozent Sehkraft.

Mehr kam nicht zurück.

 

Seit dieser Erfahrung mied Anemun Ärzte grundsätzlich. Daran hatte sich auch Jahre später nichts geändert.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 207

 

 

 

 

Er wechselte den Ort.
Kaufte Land, Wald und einen Traktor.
Er wollte ein anderes Leben beginnen.
Doch er nahm sich selbst mit.

 

 

 

Kroatien, Verantwortung für die Mutter und ein einfacheres Leben.

 

 

 

Ein anderes Leben

 

 

Anemun verbrachte zunehmend mehr Zeit in Kroatien.

 

Dort war seine Mutter. Als ihr Generalbevollmächtigter kümmerte er sich um Entscheidungen und organisatorische Fragen. Er unterstützte sie bei allem, was sie nicht mehr allein regeln konnte. Nach Trennung, Kündigung und Scheidung war diese Verantwortung eine der wenigen Aufgaben, die eindeutig geblieben waren.

 

Er wurde gebraucht.

 

Das gab seinen Tagen eine Richtung.

 

Gleichzeitig bot Kroatien Abstand zu dem Leben, das in Deutschland auseinandergebrochen war. Dort lagen die frühere Familie, die verlorene Arbeit, die leeren Räume und die Beziehungen, die immer dünner geworden waren.

 

In Kroatien war vieles unmittelbarer.

 

Es ging um die Mutter, das Haus, das Grundstück und die Dinge, die getan werden mussten. Nicht um Gremien, Verträge oder die Frage, was andere über ihn dachten.

 

Er kaufte einen Weinberg mit einem kleinen Weinberghaus und einem angrenzenden Waldstück. Dazu kam ein Traktor. Hinter dem Haus wuchs Aronia. Anemun erntete die Früchte und ließ daraus Saft in Bio-Qualität herstellen. Der Weinberg wurde nicht gespritzt, und aus den Trauben entstand Bio-Wein. Auch frische Brennnesseln und Gräser sammelte er für Salate. In einer Saison pflanzte er sogar Süßkartoffeln an.

 

Er begann wieder unmittelbarer mit dem zu leben, was der Boden hervorbrachte. Er erntete, verarbeitete und aß, was dort wuchs. Ein wenig fühlte es sich an wie in seiner Jugend.

 

Die Aufgaben waren überschaubar und ihre Ergebnisse sichtbar.

 

Land konnte gepflegt werden. Eine Maschine musste funktionieren. Eine Ernte hatte einen Anfang und ein Ende. Was getan worden war, ließ sich am Abend erkennen.

 

Das unterschied sich von vielen Bereichen seines früheren Lebens.

 

Jahrelang hatte Anemun an Organisationen gearbeitet, Strukturen verändert und versucht, Menschen für neue Wege zu gewinnen. Er hatte Entscheidungen getroffen, deren Folgen oft erst Monate oder Jahre später sichtbar wurden. Manche Widerstände blieben, unabhängig davon, wie viel Kraft er investierte.

 

Im Weinberg musste er niemanden überzeugen.

 

Der Wald diskutierte nicht.

 

Der Traktor fragte nicht nach seiner Vergangenheit.

 

Anemun gefiel diese Einfachheit.

 

Er konnte im Schweiße seines Angesichts arbeiten, ohne sich erklären zu müssen. Er konnte etwas aufbauen, ohne auf die Zustimmung eines Gremiums zu warten. Wenn er allein sein wollte, war er allein. Wenn seine Mutter etwas brauchte, war er in ihrer Nähe.

 

Von außen sah es aus wie der Beginn eines anderen Lebens.

 

Vielleicht wollte Anemun genau das.

 

Er wollte nicht nur den Ort wechseln. Er wollte auch den Mann zurücklassen, der über Jahre funktioniert, getragen und gekämpft hatte. Den Verletzten und Zerstörten. Den Ehemann, dessen Ehe gescheitert war. Den Vater, der seine Kinder immer seltener sah. Den Vorstand, dessen Organisation ihn nicht mehr wollte.

 

In Kroatien wollte er wieder einfacher werden.

 

Weniger denken.


Weniger erklären.


Weniger verlieren.

 

Er kaufte Land, weil Land blieb. Mit dem Traktor konnte er etwas bewegen. Er beschäftigte sich mit Ernte und Saft, weil am Ende ein sichtbares Ergebnis vorhanden war.

 

Doch auch dort blieben die stillen Stunden.

 

Wenn die Arbeit getan war, verschwand das Vergangene nicht. Vor allem vermisste Anemun seine Kinder. Kroatien schuf Abstand zu Deutschland, aber nicht zu seiner Sehnsucht nach ihnen.

 

Der Weinberg beantwortete nicht die Frage, warum sein bisheriges Leben auseinandergefallen war.

 

Anemun konnte sich beschäftigen.

 

Er konnte sich erschöpfen.

 

Er konnte neue Aufgaben schaffen.

 

Aber er konnte nicht dauerhaft vor sich selbst davonarbeiten.

 

Zunächst glaubte er, die Veränderung des äußeren Lebens könnte auch in seinem Inneren etwas neu ordnen. Vielleicht brauchte er nur einen anderen Rhythmus, andere Aufgaben und einen anderen Ort.

 

Doch die alten Muster reisten mit.

 

Auch in Kroatien neigte Anemun dazu, sich über Aufgaben zu definieren. Wieder kümmerte er sich. Wieder organisierte er. Wieder schuf er etwas, das getragen und erhalten werden musste.

 

Die Umgebung hatte sich verändert.

 

Seine Art, mit sich selbst umzugehen, zunächst kaum.

 

Er blieb derjenige, der tätig wurde, sobald es in ihm still und leer zu werden drohte. Solange es Arbeit gab, musste er sich nicht vollständig mit dem beschäftigen, was darunter lag.

 

Mit der Zeit wurde sichtbarer, dass der Weinberg kein neues Leben garantierte, der Wald ihn nicht zu einem anderen Menschen machte und auch ein Traktor ihn nur über das Grundstück tragen konnte – nicht aus seiner eigenen Geschichte hinaus.

 

Trotzdem war diese Zeit nicht wertlos.

 

Die praktische Arbeit brachte ihn zurück zu Dingen, die sich nicht beschleunigen ließen. Pflanzen wuchsen in ihrem eigenen Rhythmus. Eine Ernte konnte vorbereitet, aber nicht erzwungen werden. Land verlangte Aufmerksamkeit, ohne sich von Ungeduld beeindrucken zu lassen.

 

Anemun musste lernen, dass nicht alles durch mehr Einsatz schneller wurde.

 

Vielleicht begann dort eine erste Veränderung.

 

Nicht die große, nach der er gesucht hatte. Kein vollständiger Neuanfang.

 

Er hatte Land gekauft, einen Wald, ein kleines Haus und einen Traktor.

 

Doch sich selbst hatte er mitgebracht.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 208

 

 

 

 

Er suchte keinen Titel.
Er suchte eine Aufgabe,
bei der Anspruch und Wirklichkeit
nicht wieder auseinanderfielen.

 

 

 

Bewerbungen auf Leitungsstellen, berufliche Neuorientierung und Interimsmanagement.

 

 

 

Die Aufgabe, die vor ihm lag

 

 

Nach der Kündigung und der ersten Zeit der Neuorientierung begann Anemun, sich wieder auf Leitungspositionen zu bewerben.

 

Seine beruflichen Voraussetzungen waren weiterhin vorhanden. Er hatte Organisationen geführt, Strukturen verändert, Mitarbeiter entwickelt und Verantwortung für wirtschaftliche Ergebnisse übernommen. Hinzu kamen seine Ausbildungen, Weiterbildungen, der Diplomabschluss und der MBA.

 

Anemun wusste, was er konnte.

 

Doch er wollte nicht irgendeine Position annehmen, nur um wieder eine Aufgabe zu haben. Verantwortung und Entscheidungsräume mussten zusammenpassen. Er wollte vorher genauer erkennen, ob eine Organisation tatsächlich Entwicklung suchte oder lediglich jemanden, der das Bestehende weiterverwaltete.

 

Eine seiner Bewerbungen ging an eine christlich geprägte Hochschule mit einem deutlich missionarischen und evangelistischen Ansatz. Religiöse Strukturen und Glaubenswelten waren Anemun aus seinem eigenen Leben vertraut. Auch mit Bildungsinstitutionen kannte er sich sehr gut aus.

 

Von der Hochschule erhielt er eine Absage.

 

Auch bei zwei oder drei freien christlichen Gemeinden bewarb er sich um eine Aufgabe als Gemeindeleiter. Doch auch dort kam es nicht zu einer Zusammenarbeit. Allerdings lagen seine praktischen Erfahrungen in diesem Bereich bereits mehrere Jahrzehnte zurück.

 

Damit blieb ihm auch ein beruflicher Weg verschlossen, der Führung, Verantwortung und christliches Gemeindeleben miteinander verbunden hätte.

 

Eine weitere Möglichkeit war eine Vorstandstätigkeit bei einem gemeinnützigen Träger in der Gefangenenhilfe.

 

In einem ersten Telefonat zeigte der Träger Interesse daran, Anemun persönlich kennenzulernen. Gleichzeitig erfuhr er, dass sich die Organisation bei den Corona-Maßnahmen nach seinem damaligen Verständnis deutlich strenger verhielt, als es gesetzlich erforderlich war.

 

Für Anemun passte das nicht zusammen.

 

Einerseits sprach der Träger davon, ehemals Inhaftierte wieder in Selbstständigkeit und Eigenverantwortung zu führen. Andererseits erlebte Anemun eine Haltung, die Menschen stärker begrenzte und kontrollierte, als es aus seiner Sicht notwendig war.

 

Er konnte diesen Widerspruch für sich nicht auflösen.

 

Noch während des Telefonats sagte er ab.

 

Nicht, weil ihn die Arbeit in der Gefangenenhilfe nicht interessiert hätte. Er wollte jedoch keine Verantwortung für eine Organisation übernehmen, deren erklärter Anspruch und tatsächliches Handeln für ihn bereits im ersten Gespräch auseinanderfielen.

 

Eine andere Leitungsposition blieb zunächst offen.

 

Anemun hatte ein Gespräch mit dem Vorstandsgremium vereinbart. Dabei sollte nicht nur geprüft werden, ob er zur Aufgabe passte. Er wollte auch Zuständigkeiten, Verantwortung und Entscheidungsräume so klären, dass beide Seiten wussten, worauf sie sich einließen.

 

Die Position kam für ihn weiterhin infrage.

 

Er hatte sich nicht grundsätzlich gegen eine Festanstellung entschieden. Aber nach seinen bisherigen Erfahrungen wollte er nicht mehr darauf vertrauen, dass sich unklare Bedingungen später schon irgendwie ordnen ließen.

 

Noch bevor das Gespräch stattfand, ergab sich eine konkrete Aufgabe, die Anemuns Profil entsprach.

 

Er beendete die laufende Bewerbungsphase und sagte auch das vorgesehene Gespräch mit dem Vorstandsgremium ab. Nicht, weil die Leitungsposition grundsätzlich nicht mehr zu ihm gepasst hätte. Die neue Aufgabe verlangte seine volle Aufmerksamkeit, und Anemun wollte sich nicht gleichzeitig mehrere Möglichkeiten offenhalten.

 

Wenn er eine Aufgabe übernahm, wollte er sich ihr widmen.

 

Über einen Vermittlungspartner wurden ihm später weitere mögliche Einsätze angeboten. Nicht jeder davon entsprach seinem Profil. Einige Aufgaben waren stark kaufmännisch oder buchhalterisch ausgerichtet. Im Mittelpunkt standen Zahlenverwaltung, Finanzsteuerung und administrative Abläufe.

 

Anemun konnte wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen und hatte über Jahre finanzielle Verantwortung getragen. Doch seine eigentliche Stärke lag nicht in der reinen Verwaltung von Zahlen.

 

Er wollte erkennen, was hinter ihnen geschah.

 

Ihn interessierte, warum Strukturen nicht funktionierten, weshalb Mitarbeiter innerlich ausstiegen und an welchen Stellen Verantwortung, Kommunikation und Entscheidungsmöglichkeiten nicht zusammenpassten.

 

Er wollte Organisationen als Ganzes verstehen.

 

Deshalb lehnte er Aufgaben ab, deren Schwerpunkt zu weit von seinem Profil entfernt lag. Nicht jede Tätigkeit, die er fachlich hätte bewältigen können, war deshalb auch die richtige für ihn.

 

Diese Unterscheidung war neu.

 

Früher hatte Anemun häufig übernommen, was getan werden musste. Er hatte Lücken geschlossen, zusätzliche Verantwortung getragen und versucht, selbst dort etwas zu bewegen, wo die Voraussetzungen nicht stimmten.

 

Nun begann er genauer zu prüfen.

 

Der erste große Beratungsauftrag führte ihn schließlich in ein mittelständisches Unternehmen der Automobilbranche. Das Unternehmen beschäftigte rund 250 Mitarbeiter.

 

Anemun hatte bereits während seiner Vorstandstätigkeit mit dem Unternehmen zusammengearbeitet und sich gut mit dessen Inhaber verstanden. Nun kam dieser auf ihn zu und bat ihn um Unterstützung.

 

Anemun sollte die Fluktuation stoppen und den betroffenen Bereich neu strukturieren.

 

Damit lag eine Aufgabe vor ihm, die seinem eigentlichen Profil entsprach. Es ging nicht nur um Zahlen oder Buchhaltung. Er musste Abläufe verstehen, Verantwortlichkeiten klären und erkennen, weshalb der Bereich nicht so funktionierte, wie es notwendig gewesen wäre.

 

Es war ein konkreter Auftrag mit einem klaren Ziel.

 

Und es war der Beginn einer neuen beruflichen Form.

 

Die Selbstständigkeit entstand für Anemun nicht aus einem großen unternehmerischen Traum. Sie begann auch nicht mit der endgültigen Entscheidung, nie wieder für einen Arbeitgeber tätig zu werden.

 

Sie begann, während er noch nach einer passenden Leitungsposition suchte.

 

Dann lag eine Aufgabe vor ihm.

 

Vier Standorte. Rund 250 Mitarbeiter. Ein Bereich, der neu geordnet werden musste.

 

Anemun nahm den Auftrag an.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 209

 

 

 

 

Anemun half, Verlässlichkeit aufzubauen.
Und sah, wie schnell sie wieder verloren ging.

 

 

 

Mitarbeiterfluktuation und Organisationsentwicklung in einem mittelständischen Unternehmen.

 

 

 

Wasch mich, aber mach mich nicht nass

 

 

Das erste Gespräch fühlte sich für Anemun nicht wie die Akquise eines neuen Auftrags an.

 

Er kannte das mittelständische Unternehmen der Automobilbranche bereits aus seiner früheren Vorstandstätigkeit. Man hatte zusammengearbeitet, und mit einem der beiden Inhaber verstand er sich besonders gut.

 

Sie sprachen über das eigentliche Problem.

 

Im Unternehmen herrschte Unruhe. Mitarbeiter gingen, die Stimmung war schlecht, und besonders in einem Bereich hatte die Fluktuation ein Ausmaß erreicht, das nicht länger übersehen werden konnte.

 

Das Unternehmen beschäftigte rund 250 Mitarbeiter an vier Standorten. Anemun sollte herausfinden, warum die Menschen den betroffenen Bereich verließen und was sie brauchten, damit sie wieder zufriedener arbeiteten und im Unternehmen blieben.

 

Der Auftrag erhielt den Namen Feel-Good-Management.

 

Die Bezeichnung klang leichter als die Aufgabe. Es ging nicht um kleine Aufmerksamkeiten oder darum, für einige Wochen eine freundlichere Stimmung zu erzeugen.

 

Es ging um die Frage, warum Menschen innerlich ausstiegen oder das Unternehmen verließen.

 

Der offizielle Auftrag umfasste deshalb weit mehr als das Wohlbefinden der Mitarbeiter. Anemun sollte die Stimmung erfassen, Schwachstellen herausarbeiten, Gegenmaßnahmen entwickeln, die Motivation steigern, Fehler reduzieren und die Umsetzung der Veränderungen begleiten.

 

Er begann mit Einzelgesprächen.

 

Anemun sprach mit Mitarbeitern, Auszubildenden, Führungskräften und Verantwortlichen der Bereiche. Er fragte nach ihren Aufgaben, nach Belastungen, Konflikten und den Hindernissen im täglichen Ablauf.

 

Er wollte verstehen.

 

Die Gespräche zeigten, dass es nicht an einem einzelnen Problem lag. Viele Mitarbeiter vermissten klare Führung und verlässliche Kommunikation. Zuständigkeiten waren nicht eindeutig geregelt, Informationen erreichten sie verspätet oder nur zufällig. Manche fühlten sich überlastet, während andere aus ihrer Sicht mit Fehlverhalten durchkamen, ohne dass etwas geschah.

 

Auch zwischen den Niederlassungen und angrenzenden Abteilungen funktionierte die Zusammenarbeit nicht zuverlässig. Es wurde häufiger übereinander als miteinander gesprochen. Arbeitsmittel fehlten, manche Arbeitsplätze waren unzureichend ausgestattet, und unklare Abläufe erzeugten zusätzliche Arbeit und Fehler.

 

Einige Mitarbeiter hatten den Eindruck, innerhalb des Unternehmens weniger wert zu sein als andere.

 

Dabei erlebte Anemun die beiden Inhaber im persönlichen Umgang keineswegs als gefühllos. Wenn ein Mitarbeiter unmittelbar mit einem Anliegen zu ihnen kam, wurde ihm häufig geholfen.

 

Doch persönliche Freundlichkeit ersetzte kein funktionierendes Führungssystem.

 

Zwischen den Inhabern und dem Arbeitsalltag der Mitarbeiter lagen mehrere Ebenen. Dort gingen Informationen verloren, Verantwortlichkeiten verschwammen, und Führungskräfte waren so stark in operative Aufgaben eingebunden, dass ihnen kaum Zeit für die Menschen blieb.

 

Die Mitarbeiter wurden persönlich freundlich behandelt.

 

Als Teil der Organisation fühlten sie sich dennoch häufig nicht ernst genommen.

 

Anemun erhielt weitgehend freie Hand.

 

Er führte regelmäßige Besprechungen ein und ließ Entscheidungen und Verantwortlichkeiten schriftlich festhalten. Führungskräfte wurden begleitet, Aufgaben klarer verteilt und Teilbereiche neu geordnet. Arbeitsmittel wurden beschafft, Arbeitsplätze verbessert und Vertretungsregelungen entwickelt.

 

Auch die Arbeitsabläufe wurden gemeinsam mit den Mitarbeitern beschrieben. Nicht am Schreibtisch und nicht über ihre Köpfe hinweg. Diejenigen, die täglich mit den Prozessen arbeiteten, sollten benennen, wo Fehler entstanden und was sich verändern musste.

 

Ein besonderes Augenmerk legte Anemun auf die Ausbildung.

 

Bis dahin konnte es geschehen, dass ein Auszubildender kurzfristig für Hilfsarbeiten eingesetzt wurde, ohne dass jemand seinen gesamten Ausbildungsweg im Blick behielt. Im Projekt wurde deshalb ein Ausbildungsverantwortlicher benannt. Dieser sollte als fester Ansprechpartner die Einsätze koordinieren und darauf achten, dass der Auszubildende alle vorgesehenen Abteilungen durchlief und tatsächlich die Inhalte erlernte, die zu seiner Ausbildung gehörten.

 

Dafür wurden Ausbildungspläne, zeitliche Abläufe und klare Zuständigkeiten entwickelt. Der Abschlussbericht dokumentiert neben der Benennung der Verantwortlichen auch Checklisten, Durchführungspläne und eine zeitliche Gliederung der Ausbildungsstationen.

 

Auch für die Mitarbeiterinnen im telefonischen Kundenkontakt entwickelte Anemun einen eigenen Workshop. Sie mussten täglich Beschwerden entgegennehmen und den Ärger von Menschen auffangen, die am Telefon oder vor Ort Druck ausübten. Das eigens auf ihre Situationen zugeschnittene Training behandelte Konflikte, Deeskalation und innere Abgrenzung.

 

Die Rückmeldungen waren gut. Anemun war überzeugt, dass dieses Training fortgesetzt und auch in anderen Bereichen eingesetzt werden konnte.


Doch dazu kam es nicht.

 

Zunächst entwickelte sich das Projekt positiv. Die Mitarbeiter erlebten, dass ihre Aussagen nicht nur angehört wurden. Aus den Gesprächen entstanden Entscheidungen, bessere Arbeitsbedingungen und nachvollziehbarere Abläufe.

 

Die Stimmung stabilisierte sich. Fehler wurden reduziert, die Zusammenarbeit verbesserte sich zumindest teilweise, und während der gesamten Projektzeit verließ kein weiterer Mitarbeiter den betroffenen Bereich. Ein Mitarbeiter, der bereits gekündigt hatte, erklärte, er wäre geblieben, wenn das Projekt früher begonnen hätte.

 

Für Anemun war das mehr als eine erfolgreiche Kennzahl.

 

Nach dem Verlust seiner eigenen beruflichen Position zeigte sich, dass seine Erfahrung weiterhin etwas bewirken konnte. Er konnte zuhören, Zusammenhänge erkennen und aus den Aussagen der Mitarbeiter konkrete Strukturen entwickeln.

 

Er wurde wieder gebraucht.

 

Doch gegen Ende des Auftrags zeigten sich erste Risse.

 

Als Anemun nach einem Aufenthalt in Kroatien in das Unternehmen zurückkehrte, stellte er fest, dass der Auszubildende in eine andere Niederlassung versetzt worden war.

 

Der zuständige Abteilungsleiter hatte den Einsatz angeordnet.

 

Ohne Rücksprache mit dem Ausbildungsverantwortlichen.

 

Damit wurde genau die Struktur außer Kraft gesetzt, die zuvor geschaffen worden war. Der Ausbildungsverantwortliche sollte den gesamten Ablauf koordinieren und dafür einstehen, dass der junge Mann nicht beliebig für anfallende Arbeiten eingesetzt wurde. Dennoch nahm der Abteilungsleiter den Auszubildenden aus dem vereinbarten Plan heraus, ohne den Verantwortlichen für die Ausbildung auch nur einzubeziehen.

 

Für Anemun ging es nicht nur um den Einsatz in einer anderen Niederlassung.

 

Ein Ausbildungsplan durfte verändert werden. Vielleicht konnte ein anderer Einsatz sogar sinnvoll sein. Doch dann musste darüber gesprochen werden.

 

Stattdessen wurde entschieden und anschließend erwartet, dass alle mit der neuen Situation arbeiteten.

 

Der Auszubildende konnte sich nicht auf seinen Ausbildungsplan verlassen. Der Ausbildungsverantwortliche konnte sich nicht auf seine Zuständigkeit verlassen. Und die Mitarbeiter erlebten erneut, dass gemeinsam getroffene Vereinbarungen jederzeit von oben aufgehoben werden konnten.

 

Anemun hatte viel Zeit investiert, damit die Menschen wieder Vertrauen in Zuständigkeiten und Absprachen entwickelten. Nun zeigte ein einzelner Vorgang, wie schnell dieses Vertrauen beschädigt werden konnte.

 

Später, als das Projekt beendet und Anemun nicht mehr für das Unternehmen tätig war, verließ auch der damalige Ausbildungsverantwortliche den Betrieb.

 

Sein Weggang passte zu dem Muster, gegen das das Projekt ursprünglich angetreten war: Menschen erhielten Verantwortung, konnten sich aber nicht immer darauf verlassen, dass diese Verantwortung von der nächsten Hierarchieebene respektiert wurde.

 

Auch an anderen Stellen bemerkte Anemun, dass eingeführte Regelungen wieder verändert oder nicht mehr konsequent umgesetzt wurden. Besprechungen fanden seltener statt. Absprachen verloren ihre Verbindlichkeit, und Führungskräfte gerieten erneut stärker in ihre operative Überlastung.

 

Die Mitarbeiter hatten offen über ihre Unzufriedenheit gesprochen, Hoffnung geschöpft und sich auf Veränderungen eingelassen. Nun erlebten sie erneut, dass eine eingeführte Ordnung nur so lange galt, bis jemand über ihnen anders entschied.

 

Anemun gewann zunehmend den Eindruck: Man wollte Veränderung, solange sie die gewachsenen Gewohnheiten nicht zu stark berührte.

 

Wasch mich, aber mach mich nicht nass.

 

Es sollte sichtbar sein, dass etwas getan wurde. Doch sobald Veränderung bedeutete, vertraute Abläufe, das eigene Führungsverhalten oder bestehende Entscheidungswege dauerhaft infrage zu stellen, ließ die Bereitschaft nach.

 

Anemun sprach darüber offen mit den Inhabern.

 

Er hatte den Auftrag übernommen, um die Ursachen der Fluktuation sichtbar zu machen und Maßnahmen zu entwickeln, die tatsächlich etwas veränderten.

 

Dabei sprach er auch dann Klartext, wenn seine Einschätzung unbequem war.

 

Anemun vermutete später, dass diese Offenheit dazu beigetragen haben könnte, dass er keinen Folgeauftrag erhielt. Sicher wissen konnte er es nicht. Doch er wusste, dass er sich mit seiner Klarheit nicht nur Freunde gemacht hatte.

 

Trotzdem wollte er den Inhabern keinen pauschalen Vorwurf machen.

 

Sie waren in dem Traditionsunternehmen aufgewachsen. Sie kannten den Betrieb, seine Geschichte, die Kunden und viele Mitarbeiter seit Jahrzehnten. Gerade diese Nähe machte es ihnen schwer, die gewachsenen Muster aus einer übergeordneten Managementperspektive zu betrachten.

 

Was für sie vertrauter Alltag war, erkannte Anemun von außen als strukturelles Problem.

 

Hinzu kam, dass sich die Inhaber langsam dem Ruhestand näherten und die Automobilbranche vor erheblichen Veränderungen stand. Die Bereitschaft, noch einmal viel Kraft in eine langfristige Organisationsentwicklung zu investieren, war begrenzt.

 

Nach fast fünfzehn Monaten endete das Projekt.

 

Die Ergebnisse waren dennoch sichtbar. Die Fluktuation war gestoppt, Prozesse beschrieben, Arbeitsplätze verbessert, Zuständigkeiten geklärt und zahlreiche Abläufe neu geordnet.

 

Besonders enttäuschte Anemun, dass einige Mitarbeiter intern offen über die erneute Verschlechterung sprachen, ihre Kritik aber nicht offiziell vertreten wollten. Sie fürchteten mögliche Konsequenzen.

 

Zunächst ärgerte ihn das.

 

Sie hatten Veränderungen verlangt und davon profitiert. Als diese wieder zurückgenommen wurden, wollte kaum jemand mit seinem Namen dafür einstehen.

 

Später erkannte Anemun darin noch etwas anderes.

 

Wenn Mitarbeiter Angst hatten, sachliche Kritik offen zu äußern, war auch diese Angst Teil des Problems. Ihr Schweigen war nicht nur fehlender Mut. Es zeigte, wie wenig sicher sie sich innerhalb der Organisation fühlten.

 

Der Auftrag war erfolgreich gewesen.

 

Und unvollendet geblieben.

 

Anemun hatte erlebt, dass Menschen blieben, wenn man ihnen zuhörte, ihre Arbeitsbedingungen verbesserte und Verantwortung verlässlich ordnete.

 

Er hatte aber auch gesehen, wie wenig eine gute Struktur wert war, wenn sich die Führung selbst nicht an sie gebunden fühlte.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 210

 

 

 

 

Er erwartete keine heile Welt.
Doch er hatte gehofft,
dass Menschlichkeit dort mehr galt,
wo sie täglich verkündet wurde.

 

 

 

Interimsmanagement, kirchliche Umstrukturierung und die Kluft zwischen christlichem Anspruch und gelebter Führung.

 

 

 

Wo Menschlichkeit erwartet wurde

 

 

Nach dem Auftrag im mittelständischen Unternehmen vermittelte ein Partner Anemun eine weitere Aufgabe.

 

Es handelte sich um eine kirchliche Verwaltung, die eng mit einem sozialen Träger verbunden war. Beide Bereiche wurden von derselben Geschäftsführerin geleitet.

 

Als Anemun dort begann, war die Atmosphäre gut. Die Mitarbeiter nahmen ihn schnell an. Viele wirkten erleichtert, dass endlich jemand kam, der die Geschäftsführerin entlastete und liegen gebliebene Themen aufgriff.

 

Diese Unterstützung war dringend notwendig.

 

Die Geschäftsführerin trug seit Längerem Verantwortung für beide Bereiche. Hinzu kam, dass die jeweiligen Stellvertretungen gekündigt hatten. Zwei wichtige Führungskräfte fehlten, und auch hier war Fluktuation bereits Teil des Problems.

 

Anemun und die Geschäftsführerin fanden schnell einen direkten Zugang zueinander. Sie sprachen offen, vertraulich und ohne Umwege. Die Geschäftsführerin war fachlich erfahren und besonders im sozialen Bereich zu Hause. Kaufmännische und organisatorische Aufgaben gehörten ebenfalls zu ihrer Verantwortung, lagen ihr jedoch weniger nahe.

 

Vor allem war es zu viel geworden.

 

Zwei Organisationen, fehlende Vertretungen, eine bevorstehende Umstrukturierung und ein Arbeitsalltag, in dem ständig neue Anforderungen hinzukamen.

 

Anemun unterstützte sie beim Jahresabschluss, in Personalfragen und bei der Stabilisierung der Verwaltungsprozesse. Er begleitete Vertragsangelegenheiten, klärte Zuständigkeiten und half, die Organisation während der Veränderungen handlungsfähig zu halten.

 

Die Arbeit fand rund zweihundert Kilometer von seinem damaligen Lebensmittelpunkt entfernt statt. Mindestens zwei bis drei Tage in der Woche war Anemun vor Ort, manchmal blieb er die ganze Woche oder über das Wochenende. Er fuhr mit dem Zug, lebte aus dem Koffer und übernachtete in Hotels.

 

Gleichzeitig lief bereits ein kleinerer Auftrag bei einem Start-up-Unternehmen. Die kirchliche Organisation beanspruchte jedoch den größten Teil seiner Aufmerksamkeit.

 

Anemun hatte wieder viel Arbeit.

 

Aber kaum noch einen festen Ort.

 

Bald bemerkte er, wie stark Entscheidungen auf der obersten Leitungsebene gebündelt blieben. Verantwortung wurde zwar nach unten übertragen, doch selbst einfache operative Fragen konnten jederzeit von oben wieder an sich gezogen werden.

 

Wie weit diese Kontrolle reichte, zeigte sich an einem Stuhlwagen.

 

Anemun hatte die Beschaffung an den zuständigen Mitarbeiter übergeben. Dieser sollte verschiedene Möglichkeiten prüfen und nach bestem Wissen eine geeignete Lösung auswählen.

 

Als die oberste Leitung davon erfuhr, musste der Vorgang rückgängig gemacht werden. Bestellt werden sollte genau die Ausführung, die sie zuvor vorgesehen hatte.

 

An dem kleinen Beispiel zeigte sich ein Grundmuster:

 

Verantwortung wurde nach unten gegeben.

 

Die Entscheidung blieb oben.

 

Wesentlich größer war die bevorstehende Umstrukturierung. Aufgaben, Zuständigkeiten und möglicherweise auch Arbeitsorte sollten verändert werden.

 

Unter den Mitarbeitern entstanden Fragen und Ängste.

 

Was würde mit ihren bisherigen Aufgaben geschehen? Mussten sie künftig an einem anderen Ort arbeiten? Wer würde wofür verantwortlich sein?

 

Anemun hielt es für entscheidend, diese Veränderungen rechtzeitig vorzubereiten. Gemeinsam mit der Geschäftsführerin entwickelte er eine sinnvolle Reihenfolge der notwendigen Schritte. Zuständigkeiten sollten geklärt und die Mitarbeiter kontinuierlich informiert und einbezogen werden.

 

Für Anemun war Kommunikation keine nachträgliche Öffentlichkeitsarbeit.

 

Sie war Teil der Veränderung.

 

Die Mitarbeiter mussten erfahren, was geplant war und weshalb es geschah. Sie brauchten Gelegenheit, Fragen zu stellen, Befürchtungen zu äußern und ihre Erfahrungen einzubringen. Auch Beiträge, Videos und soziale Medien konnten helfen, den Prozess verständlich zu machen.

 

Gerade dieser Schwerpunkt führte zu einem offenen Konflikt.

 

Die oberste Leiterin hatte einen eigenen Kommunikationsverantwortlichen, der ihr unmittelbar zugeordnet war. Anemun gewann den Eindruck, dass sie die kirchliche Kommunikation ausschließlich aus ihrer Perspektive steuern wollte.

 

Als er seine Vorschläge zur Vorbereitung der Umstrukturierung vorstellte und die Kommunikation mit den Mitarbeitern in den Mittelpunkt rückte, wurde die Leiterin laut.

 

Anemun hatte diesen Umgang nicht zum ersten Mal erlebt.

 

In ein oder zwei Gesprächen, an denen auch die Geschäftsführerin teilgenommen hatte, hatte er bereits mitbekommen, wie die Leiterin mit ihr sprach. Anemun empfand den Ton und die Art als abwertend.

 

Damals griff er nicht ein.

 

Die Geschäftsführerin hielt sich zurück und versuchte, die Situation nicht weiter zu verschärfen. Anemun blieb ebenfalls sitzen. Vielleicht, weil er als Externer die internen Verhältnisse noch nicht vollständig einschätzen konnte. Vielleicht auch, weil er in diesen Momenten selbst nicht die Klarheit fand, eine Grenze zu setzen.

 

Später tat ihm das leid.

 

Als die Leiterin schließlich auch ihm gegenüber laut wurde, erkannte er deutlicher, dass es sich aus seiner Sicht nicht nur um einen einzelnen schwierigen Konflikt handelte.

 

Es zeigte sich ein wiederkehrendes Führungsmuster.

 

Wenn bereits ein externer Berater in diesem Ton behandelt wurde, konnte Anemun besser verstehen, weshalb die Geschäftsführerin in solchen Gesprächen schwieg.

 

Sie geriet regelmäßig unter erheblichen Druck. Mehr als einmal kam sie sichtbar belastet aus Besprechungen mit der Kirchenleitung.

 

Nach einer dieser Besprechungen weinte sie.

 

Anemun und sie sprachen anschließend lange und persönlich miteinander.

 

Er erlebte keine fachlich schwache Geschäftsführerin. Er erlebte eine Frau, die eine kaum noch zu bewältigende Doppelverantwortung trug und zugleich in einer Struktur arbeitete, in der Entscheidungen immer wieder von oben beeinflusst oder aufgehoben wurden.

 

Seit Längerem war mit ihr vereinbart, dass Anemun im Mai aus familiären Gründen einige Wochen nach Kroatien musste. Für die Geschäftsführerin war das kein Problem.

 

Auf der übergeordneten Leitungsebene wurde seine Abwesenheit jedoch anders aufgenommen.

 

Anemun war nicht bereit, eine längst getroffene Vereinbarung immer wieder zu rechtfertigen. Nach dem, was er erlebt hatte, fehlte ihm auch der Antrieb, die Zusammenarbeit durch zusätzliche Gefälligkeit aufrechtzuerhalten.

 

Während er in Kroatien war, wurden andere Wege eingeschlagen.

 

Nach Anemuns Kenntnis hatte die Geschäftsführerin diese Entscheidung nicht veranlasst. Auch sie wurde im Wesentlichen vor vollendete Tatsachen gestellt.

 

Noch vor seiner Rückkehr wurden Anemuns digitale Zugänge gesperrt. Eine geordnete Vorbereitung der Übergabe war damit kaum noch möglich.

 

Als ihn die oberste Leiterin schließlich anrief, war bereits alles entschieden. Sie erklärte sinngemäß, sie hätte ihm gern persönlich mitgeteilt, dass er nicht mehr kommen solle.

 

Doch zu diesem Zeitpunkt war seine Ablösung längst vorbereitet.

 

Ein persönliches Abschlussgespräch fand nicht statt.

 

Für Anemun war es nicht das erste Mal, dass andere über seinen Verbleib entschieden, während er selbst kaum noch Einfluss auf den Ausgang hatte.

 

Seinen Vorstandsposten hatte man ihm entzogen. Seine Ehe mit Aylin war auseinandergebrochen, und am Ende war er aus dem gemeinsamen Zuhause gegangen. Nun hatte man während seiner Abwesenheit seine Zugänge gesperrt und seine Ablösung vorbereitet.

 

Die Situationen waren nicht gleich.

 

Trotzdem traf ihn das Ende an derselben Stelle.

 

Wieder erlebte Anemun, dass andere entschieden hatten, dass für ihn kein Platz mehr vorgesehen war. Wieder fiel die Entscheidung weitgehend ohne ihn. Wieder blieb ihm nur, seine Angelegenheiten zu ordnen und zu gehen.

 

Anemun begann zu erkennen, wie stark er Zugehörigkeit mit seinem Einsatz verband.

 

Er übernahm Verantwortung, investierte Zeit und Kraft und hoffte, dass die Verlässlichkeit, die er selbst gab, auch von anderen erwidert wurde.

 

Doch Leistung schützte nicht vor Ausschluss.

 

Er erlebte, ein weiteres Mal abserviert worden zu sein.

 

Der Einsatz hatte Anemuns Blick auf kirchliche Organisationen verändert.

 

Er hatte dort nicht grundsätzlich Schlimmeres erlebt als in säkularen Unternehmen. Kontrolle, Überforderung und mangelnde Kommunikation kannte er auch aus anderen Zusammenhängen.

 

Doch in einer christlichen Organisation schmerzte der Abstand zwischen Anspruch und Wirklichkeit stärker.

 

Mitarbeiter erwarteten dort nicht nur einen Arbeitsplatz.

 

Viele erwarteten auch ein wenig mehr Menschlichkeit.

 

Der kirchliche Auftrag war beendet.

 

Der andere, der bisher nebenhergelaufen war, blieb.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 211

 

 

 

 

Er misstraute seinem ersten Eindruck.
Später vertraute er umso mehr.
Er half, ein Unternehmen aufzubauen.
Die offene Rechnung blieb bei ihm.

 

 

 

Unternehmensaufbau, unbezahlte Beratungsleistungen und die Folgen fehlender persönlicher Grenzen.

 

 

 

Die offene Rechnung

 

 

Anemun lernte den Unternehmer über einen Bekannten kennen.

 

Der Mann arbeitete in der Baubranche und berichtete, ein früherer Geschäftspartner habe ihn finanziell geschädigt und mit erheblichen Schulden zurückgelassen. Nun wollte er neu beginnen.

 

Anemuns erster Eindruck war nicht gut. Der Mann erschien ihm schwer einzuschätzen. Etwas in ihm blieb zurückhaltend.

 

Doch statt dieser Wahrnehmung nachzugehen, stellte Anemun sie infrage. Vielleicht wollte er den Mann nicht vorschnell beurteilen. Vor allem sah er jemanden, der Unterstützung brauchte.

 

Dieses Muster kannte er.

 

Anemun begann zu helfen.

 

Zunächst unentgeltlich.

 

Er unterstützte den Unternehmer bei der Gründung eines Einzelunternehmens und später bei der Umwandlung in eine GmbH. Die Aufgabenteilung war klar: Der Unternehmer kümmerte sich um die Baustellen und die handwerkliche Arbeit. Anemun übernahm den kaufmännischen und organisatorischen Aufbau.

 

Er kümmerte sich um Banken, Verträge und Versicherungen, suchte einen Steuerberater und führte die Korrespondenz mit Krankenkassen, Sozialversicherungsträgern, Berufsgenossenschaften und anderen Stellen. Zudem entwickelte er das Erscheinungsbild, das Marketing und die Außendarstellung des Unternehmens.

 

Auch die Frau des Unternehmers bezog er in die Abläufe ein. Anemun hatte sie bei gemeinsamen Essen kennengelernt. Da sie kaum Deutsch sprach, half er ihr, Schreiben und administrative Anforderungen zu verstehen. Sie bereitete später Teile der Buchhaltung vor, während Anemun ihr und ihrem Mann erklärte, welche Unterlagen benötigt wurden und wie die betrieblichen Abläufe in Deutschland organisiert werden mussten.

 

Er zeigte dem Unternehmer auch, wie er mit ChatGPT Schreiben formulieren, überarbeiten und überprüfen konnte.

 

Anemun wollte nicht, dass das Unternehmen dauerhaft von ihm abhängig blieb.

Er wollte, dass es tatsächlich funktionierte.

 

Aus dem Einzelunternehmen entwickelte sich ein kleiner Betrieb. Die Frau wurde als Teilzeitkraft beschäftigt, vier Mitarbeiter arbeiteten auf den Baustellen, hinzu kamen mehrere selbstständige Handwerker als Subunternehmer.

 

Zwischen Anemun und dem Unternehmer entstand ein beinahe freundschaftliches Verhältnis. Einmal besuchte Anemun ihn privat zu seinem vierzigsten Geburtstag. Es blieb der einzige private Besuch, zeigte ihm damals aber, dass ihre Verbindung über einen gewöhnlichen Beratungsauftrag hinausging.

 

Der Unternehmer stellte Anemun zudem in Aussicht, dass er später in die GmbH einsteigen und die Geschäftsführung übernehmen könne.

 

Anemun nahm diese Perspektive ernst.

 

Eine Beteiligung an der Geschäftsführung in Teilzeit schien ihm grundsätzlich möglich. Doch über Gespräche und Zusagen kam es nicht hinaus. Gleichzeitig benötigte der Unternehmer seine Unterstützung zunehmend häufiger. Anemun gewann den Eindruck, möglichst jederzeit zur Verfügung stehen zu sollen, während seine Leistungen nur teilweise und immer später bezahlt wurden.

 

Der Auftrag lief zunächst neben seiner Tätigkeit für die kirchliche Organisation. Häufig arbeitete er deshalb abends oder am Wochenende für das Bauunternehmen. Auch sonntags war er erreichbar, weil der Unternehmer unter der Woche auf Baustellen unterwegs war und organisatorische Fragen oft erst dann besprechen konnte.

 

Die Zusammenarbeit hatte für Anemun zugleich einen praktischen Vorteil. Einen großen Teil seiner Aufgaben konnte er aus der Ferne erledigen.

 

Zum Aufbau des Unternehmens gehörte auch die Frage, wie Fachkräfte aus den Balkanstaaten und anderen Ländern für eine Tätigkeit in Deutschland gewonnen werden konnten. Anemun beschäftigte sich mit den dafür notwendigen Kontakten und organisatorischen Voraussetzungen. Auch deshalb war er wiederholt in Kroatien unterwegs.

 

Zugleich musste er dort regelmäßig für seine Mutter da sein. Während eines besonders heißen Sommers blieb er längere Zeit bei ihr, damit sie nicht allein war.

 

Die Möglichkeit, beide Aufgaben miteinander zu verbinden, kam ihm entgegen. Ein klassisches Beratungsmandat mit dauernder Präsenz in Deutschland hätte sich mit seiner damaligen familiären Situation kaum vereinbaren lassen.

 

Auch deshalb hielt Anemun länger an der Zusammenarbeit fest.

 

Vereinbart war ein Stundensatz von 150 Euro.

 

Doch Anemun rechnete längst nicht alles ab, was er leistete. Manchmal stellte er nur die Hälfte seiner tatsächlichen Arbeitszeit in Rechnung, manchmal lediglich ein Drittel. Er kannte die angespannte finanzielle Lage des Unternehmens und wollte es nicht zusätzlich belasten.

 

Wieder verband er Hilfe mit Verzicht.

 

Anfangs arbeitete er weitgehend unentgeltlich. Später stellte er Rechnungen, doch auch diese wurden zunehmend verspätet beglichen. Manchmal verging ein Monat, manchmal zwei oder drei. Dann wurde eine ältere Rechnung bezahlt, während die nächsten bereits wieder offen waren.

 

Anemun kannte die Kontobewegungen. Er sah, welche Einnahmen kamen und welche Verpflichtungen zuerst bedient werden mussten.

 

Deshalb wartete er, rechnete weniger ab und arbeitete weiter.

 

Bereits im Sommer teilte er dem Unternehmer mit, dass er ein eigenes Projekt entwickelte. Bis zum Ende des Jahres wollte er noch zur Verfügung stehen. Danach sollte das inzwischen aufgebaute Unternehmen ohne seine dauerhafte Unterstützung weiterarbeiten können.

 

Das neue Projekt sollte ANEMUNDI heißen.

 

Anemun ließ den Unternehmer nicht plötzlich allein. Er kündigte seinen Rückzug mehrere Monate vorher an und wollte sämtliche Aufgaben geordnet übergeben.

 

Später fragte er sich, ob diese Ankündigung das Verhalten des Unternehmers beeinflusst hatte. Vielleicht spielte es eine Rolle, dass Anemun nicht dauerhaft in die Gesellschaft eintreten würde. Vielleicht war die Aussicht auf eine gemeinsame Geschäftsführung weniger verbindlich gewesen, als er angenommen hatte.

 

Wissen konnte er es nicht.

 

Fest stand, dass die Rechnungen immer später bezahlt wurden. Über ungefähr ein halbes Jahr sammelten sich offene Forderungen von rund 30.000 Euro brutto an.

 

Doch diese Summe bildete nur den sichtbaren Teil des wirtschaftlichen Verlusts ab.

 

Viele Leistungen hatte Anemun gar nicht oder nur teilweise berechnet. Die dafür eingesetzte Zeit konnte er zugleich nicht für ein regulär vergütetes Mandat nutzen. Nach seiner rückblickenden Einschätzung hätte er mit derselben Arbeitsleistung in einem üblichen Beratungsauftrag möglicherweise ein Mehrfaches der offenen Summe erwirtschaften können.

 

Verloren waren deshalb nicht nur unbezahlte Rechnungen.

 

Verloren waren auch nicht berechnete Arbeit und andere Aufträge, die Anemun in dieser Zeit nicht übernehmen konnte.

 

Zum Jahresende drängte er auf eine klare Lösung. Sie vereinbarten die Aufhebung der Zusammenarbeit und hielten die offenen Forderungen in einer Ratenzahlungsvereinbarung fest. Eine erste Zahlung sollte bis Mitte Januar erfolgen, anschließend sollten regelmäßige Raten folgen.

 

Für Anemun schien die Angelegenheit damit geordnet.

 

Die vereinbarten Zahlungen sollten ihm den finanziellen Übergang in ANEMUNDI ermöglichen. Das neue Projekt verlangte seine volle Aufmerksamkeit und ließ kaum Raum für weitere Beratungsmandate.

 

Anemun erledigte die noch offenen Aufgaben und übergab Unterlagen, Zugänge und Passwörter. Das Unternehmen war arbeitsfähig und konnte ohne ihn weitergeführt werden.

 

Die erste Zahlung kam nicht.

 

Anemun erinnerte an die Vereinbarung. Dann schrieb er eine Mahnung und schließlich eine weitere. Als weiterhin nicht gezahlt wurde, leitete er ein gerichtliches Mahnverfahren ein.

 

Der Unternehmer widersprach und erklärte die Forderung für unbegründet.

 

Damit war aus der beinahe freundschaftlich begonnenen Zusammenarbeit ein möglicher Rechtsstreit geworden.

 

Anemun hielt seine Forderung aufgrund der unterschriebenen Vereinbarung für gut begründbar. Doch seine Rechtsschutzversicherung deckte den geschäftlichen Konflikt nicht ab. Er hatte den privaten Vertragsrechtsschutz nach Beginn seiner Selbstständigkeit nicht entsprechend anpassen lassen.

 

Auch das war sein Versäumnis.

 

Ein Gerichtsverfahren hätte weiteres Geld gekostet. Hinzu wären Zeit, Schriftverkehr und die fortdauernde Beschäftigung mit einem Konflikt gekommen, dessen Ausgang trotz der Vereinbarung nicht sicher war. Selbst ein gewonnenes Verfahren hätte noch nicht garantiert, dass die Forderung bei einem finanziell belasteten Unternehmen tatsächlich vollständig eingetrieben werden konnte.

 

Anemun musste sich entscheiden.

 

Entweder investierte er weitere Kraft in den Versuch, verlorenes Geld zurückzuholen.

 

Oder er setzte diese Kraft für das ein, was nun vor ihm lag.

 

Er entschied sich gegen das Gerichtsverfahren.

 

Nicht, weil ihm die rund 30.000 Euro gleichgültig waren. Das Geld fehlte bei seinen eigenen Verpflichtungen. Und was ihm fehlte, konnte letztlich auch seinen Kindern nicht mehr zugutekommen. Er gab ihnen weiterhin, was sie unmittelbar brauchten. Doch alles, was darüber hinaus möglich gewesen wäre, wurde durch den Verlust geringer.

 

Das schmerzte ihn mehr als der finanzielle Schaden für ihn selbst.

 

Trotzdem wollte er nicht zulassen, dass ihm ein langwieriger Rechtsstreit zusätzlich Zeit und Energie nahm. Er wollte seine Kraft nicht zwischen Mahnungen, Anwälten, fremden Unternehmen und seinem eigenen Vorhaben aufteilen.

 

Anemun entschied sich für ANEMUNDI.

 

Nicht nebenbei und nicht mit einem kleinen Rest seiner Aufmerksamkeit. Er wollte sich vollständig darauf einlassen und alles geben, was ihm noch zur Verfügung stand.

 

Diese Entscheidung hatte einen Preis.

 

Anemun lehnte fortan auch Beratungsaufträge ab, wenn sie fachlich oder menschlich nicht wirklich zu ihm und seinem weiteren Weg passten. Er wollte nicht erneut Monate seines Lebens in fremde Organisationen investieren, nur weil dort Arbeit vorhanden war und Geld verdient werden konnte.

 

Dadurch fehlten ihm zunächst laufende Einnahmen.

 

Er lebte wieder von Rücklagen.

 

Zugleich musste Anemun anerkennen, wie die offene Forderung so groß werden konnte.

 

Der Unternehmer hatte die vereinbarten Zahlungen nicht geleistet und später der Forderung widersprochen. Doch Anemun hatte zuvor Entscheidungen getroffen, die den Verlust begünstigten.

 

Er hatte seinem ersten Eindruck nicht vertraut. Er hatte zunächst unentgeltlich gearbeitet, später nur einen Teil seiner Stunden berechnet und verspätete Zahlungen über Monate hingenommen. Schließlich hatte er sämtliche Unterlagen und Zugänge übergeben, bevor die erste vereinbarte Rate tatsächlich eingegangen war.

 

Vor allem hatte er erneut geglaubt, dass Großzügigkeit und Loyalität irgendwann in gleicher Weise erwidert würden.

 

Heute sieht Anemun, dass Vertrauen und Klarheit keine Gegensätze sind.

 

Menschlichkeit verlangte nicht, die eigene Arbeit zu verschenken. Hilfe verlor ihren Wert nicht dadurch, dass sie abgesichert und rechtzeitig bezahlt wurde.

 

Aus Anemuns Sicht hatte der Unternehmer sein Entgegenkommen immer weiter in Anspruch genommen.

 

Doch Anemun hatte ihm auch den Raum dafür gegeben.

 

Diesen Raum wollte er nun zurücknehmen.

 

Nicht, um ihn mit einem langwierigen Streit zu füllen.

 

Sondern mit dem Projekt, in dem erstmals nicht ein fremdes Unternehmen im Mittelpunkt stand.

 

Es sollte aus Anemuns Leben entstehen, aus seinen beruflichen Erfahrungen, seinen Umbrüchen und den Fragen, die ihn bis hierher begleitet hatten.

 

Die Rechnung blieb offen.

 

Anemun setzte alles auf ANEMUNDI.

 

Aufzeichnungen von Anemun – 212

 

 

 

 

Er hatte lange versucht, Organisationen zu verändern.
Doch wirkliche Veränderung begann für ihn nicht mit neuen Strukturen.
Sie begann dort,
wo ein Mensch sich zeigen
und im Gegenüber selbst erkennen konnte.

 

 

 

Persönliche Krisen, menschliche Resonanz und die Entstehung von ANEMUNDI als Raum für Selbstklärung.

 

 

 

Der Raum, den er selbst gebraucht hätte

 

 

Bereits vor dem Ende seines letzten Beratungsauftrags veränderte sich Anemuns Blick auf seine bisherige Arbeit.

 

Ob er angestellt war oder als Selbstständiger Unternehmen beriet, machte für ihn immer weniger Unterschied. Als Berater konnte er zwar selbst entscheiden, für wen er arbeitete. Doch letztlich bewegte er sich weiterhin innerhalb von Organisationen, deren Strukturen und Grundhaltungen er kaum verändern konnte.

 

Er hatte erlebt, wie viel Zeit und Geld in Analysen, Mitarbeiterbefragungen und Veränderungskonzepte investiert wurde. Probleme wurden benannt, Maßnahmen entwickelt und neue Verantwortlichkeiten vorgeschlagen.

 

Doch sobald Veränderungen tatsächlich in Gewohnheiten, Zuständigkeiten oder Machtverhältnisse eingriffen, fehlte häufig die Bereitschaft, sie konsequent umzusetzen.

 

Man wollte Verbesserung.

 

Aber möglichst ohne die Folgen wirklicher Veränderung.

 

Auch der Aufbau des Bauunternehmens war zunächst anders erschienen. Dort hatte Anemun nicht nur beraten, sondern beinahe von Grund auf mitgestaltet. Doch auch diese Zusammenarbeit endete mit unerfüllten Zusagen und offenen Rechnungen.

 

Anemun wollte seine Kraft nicht länger in Systeme investieren, die Veränderung und Menschlichkeit anstrebten, ihre eigenen Strukturen aber kaum anzutasten bereit waren.

 

Er wollte näher an den einzelnen Menschen.

 

Schon im privaten Leben hatte er bemerkt, dass er lieber einem Menschen gegenübersaß als einer ganzen Gruppe. Im Gespräch zu zweit entstand eine andere Tiefe.

 

Manchmal fiel eine Maske.

 

Zumindest dann, wenn der Mensch dahinter bereit war, sie abzulegen.

 

Anemun wusste zugleich, wie schwer das sein konnte.

 

Er selbst hatte lange kaum über das gesprochen, was in ihm vorging. Wie so vieles hatte er auch seine Krisen zunächst mit sich allein ausgemacht. Er dachte nach, suchte Erklärungen und versuchte, sich selbst wieder aufzurichten.

 

Nach außen wirkte er häufig belastbarer, als er sich tatsächlich fühlte.

 

Gerade als Mann hatte er nur selten die Erfahrung gemacht, dass ein Raum vorhanden war, in dem er sich wirklich hätte öffnen können. Manchmal schien jemand zuzuhören. Doch Anemun spürte kaum, dass sein Gegenüber die Komplexität dessen erfassen konnte, was ihn beschäftigte.

 

Also schwieg er.

 

Dadurch wurde nichts leichter.

 

In Gesprächen mit anderen erkannte Anemun, wie viele Menschen Erfahrungen machten, die seinen ähnelten. Sie kämpften mit Trennungen, beruflichen Brüchen, Einsamkeit, Überforderung oder dem Gefühl, den eigenen Platz verloren zu haben.

 

Die Geschichten waren verschieden.

 

Doch die inneren Bewegungen ähnelten sich.

 

Durch das Sprechen konnte etwas geordnet werden. Gedanken ließen sich prüfen, Gefühle einordnen und Entscheidungen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Der Mensch blieb nicht mehr ausschließlich in seiner eigenen Wahrnehmung eingeschlossen.

 

Anemun erkannte dabei, dass nicht alles nur an ihm lag.

 

Umstände, Beziehungen und gesellschaftliche Entwicklungen hatten ebenfalls auf sein Leben eingewirkt. Verändern konnte er jedoch nur das, was in seinem eigenen Einflussbereich lag.

 

Was wirkte in ihm weiter?

 

Welche alten Verletzungen bestimmten noch immer seine Entscheidungen?

 

Was konnte er erkennen, annehmen und verändern, damit ein neuer Weg möglich wurde?

 

Gerade in einer solchen Phase hätte Anemun einen Menschen gebraucht, dem er zutraute, die Vielschichtigkeit seines Lebens wahrnehmen und aushalten zu können. Jemanden, bei dem er nicht nur einen einzelnen Ausschnitt seiner Geschichte hätte erzählen müssen und der nicht sofort bewertete, diagnostizierte oder eine schnelle Lösung anbot, sondern zunächst versuchte, den ganzen Menschen zu verstehen.

 

Anemun konnte sich nur dort wirklich öffnen, wo er spürte, dass sein Gegenüber auch die Widersprüche eines Lebens erfassen konnte.

 

Nicht, weil dieser Mensch genau dasselbe erlebt haben musste.

 

Gleiche Erfahrungen waren keine Voraussetzung für Verständnis. Doch Anemun musste spüren, dass sein Gegenüber nachempfinden konnte, was es bedeutete, wenn eine Bindung blieb und die Nähe dennoch verloren ging.

 

Auch sein eigenes Leben ließ sich nicht auf eine Trennung, einen beruflichen Verlust oder eine einzelne Krise reduzieren.

 

Er war Bandarbeiter und Vorstand gewesen, Couch-Potato und abhängig vom Konsum, später Marathonläufer. Er hatte als Einzelgänger gelebt und war zum Familienmenschen geworden. Er hatte geglaubt, seinen Glauben verloren und ihn später in veränderter Form wiedergefunden.

 

Zwischen diesen Polen lagen Erfolge und Abstürze, Verantwortung und Versagen, Disziplin und Haltlosigkeit, Nähe und Verlust.

 

Diese Widersprüchlichkeit, die Spannung zwischen den Polen, überforderte Anemun zeitweise selbst. Er konnte die einzelnen Teile erkennen, aber nicht immer verstehen, wie sie zusammengehörten.

 

Er brauchte deshalb kein Gegenüber, das einen Abschnitt herausgriff und daraus eine einfache Erklärung formte.

 

Er brauchte jemanden, der die Widersprüche stehen lassen konnte, bis sichtbar wurde, wie sie miteinander verbunden waren.

 

Für Anemun bestand ein Leben aus vielen Steinen.

 

Manche waren hell, andere dunkel. Einige lagen sichtbar an der Oberfläche, andere waren beinahe vergessen. Doch erst gemeinsam ergaben sie das Mosaik eines Menschen.

 

Beruf, Beziehung, Familie, Gesundheit, Körper, Glaube und Spiritualität ließen sich nicht dauerhaft voneinander trennen. Sie wirkten aufeinander ein und prägten das Erleben eines Menschen als Ganzes.

 

Anemun wollte einen Raum schaffen, in dem diese Teile nicht auseinandergerissen werden mussten.

 

Ein Mensch sollte dort nicht nur als Unternehmer, Führungskraft, Mitarbeiter, Vater, Partner oder Suchender erscheinen. Er war all das, was er erlebt hatte. Auch frühere Lebensphasen wirkten weiter, selbst wenn sie im Alltag kaum noch bewusst waren.

 

Anemun kannte den Schmerz, wenn mehrere tragende Bereiche innerhalb kurzer Zeit wegbrachen.

 

Die Ehe war gescheitert. Der gemeinsame Alltag mit den Kindern war verloren gegangen. Seine Mutter wurde pflegebedürftig. Seine berufliche Stellung war beendet worden. Während der Jahre des gesellschaftlichen Rückzugs waren zusätzlich viele vertraute Begegnungen und Sicherheiten verschwunden.

 

Nicht alles geschah gleichzeitig.

 

Doch in seinem Erleben verdichtete es sich zu einem umfassenden Verlust.

 

Damals fehlte Anemun genau dieses Gegenüber. Hätte er einen solchen Menschen gekannt, hätte er möglicherweise früher gesprochen. Vielleicht hätte er manche Zusammenhänge eher erkannt und wäre weniger lange allein in seinen Gedanken geblieben.

 

Aus diesem fehlenden Raum entstand allmählich eine Idee.

 

Anemun wollte mit seinen Erfahrungen und seinem Wissen Menschen in vergleichbaren Umbrüchen zur Seite stehen. Aber nur dort, wo die Bereitschaft vorhanden war, sich der eigenen Geschichte zu stellen und etwas zu verändern.

 

Nur dort, wo ein Mensch selbst nach Klarheit suchte.

 

Nicht ausschließlich für Männer nach einer Trennung. Nicht nur für Unternehmer, Führungskräfte oder Mitarbeiter. Sondern für Menschen, deren bisherige Ordnung ins Wanken geraten war und die spürten, dass sie sich mit dem auseinandersetzen mussten, was in ihnen wirkte.

 

Dafür brauchte es keine große Gruppe.

 

Es brauchte ein Gegenüber.

 

Doch Zuhören allein genügte nicht.

 

Zwischen dem Menschen, der sich öffnete, und dem Menschen, der ihn begleitete, musste Resonanz entstehen. Das Erzählte durfte nicht nur aufgenommen und sachlich eingeordnet werden. Wer sich öffnete, musste spüren, dass etwas von seiner Erfahrung im Gegenüber ankam, ohne vereinnahmt, bewertet oder vorschnell erklärt zu werden.

 

Erst durch diese Resonanz konnte sich der eigentliche Raum öffnen.

 

Der Raum von ANEMUNDI folgte keinem festen Verfahren. Er öffnete sich zwischen zwei Menschen, wenn einer bereit war, sich zu zeigen, und beide aushalten konnten, was dadurch sichtbar wurde.

 

Dieser Raum musste nicht nur geöffnet werden.

 

Er musste gehalten werden.

 

Durch Aufmerksamkeit, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, Widersprüche nicht sofort aufzulösen. Durch einen Zuhörer und Begleiter, der den Menschen weder auf sein Problem noch auf eine einzelne Rolle reduzierte.

 

Anemun wollte dabei nicht über dem anderen stehen. Er konnte dessen Weg weder bestimmen noch für ihn gehen. Er konnte zuhören, Fragen stellen, Widersprüche spiegeln und dabei helfen, Zusammenhänge zu erkennen.

 

Die Erkenntnis musste im Menschen selbst entstehen.

 

Ebenso die Entscheidung, was er daraus machte.

 

Erst dann konnte etwas sichtbar werden, das im Alltag häufig verborgen blieb.

 

Nicht sofort die richtige Antwort.

 

Sondern zunächst der ganze Mensch.

 

Der erste Arbeitstitel des Projekts lautete ANAMUNDI, angelehnt an Anima Mundi, die Weltseele. Doch erst im Verlauf der weiteren Entwicklung fand Anemun den Namen, der für ihn die Offenheit und Menschlichkeit dieses Raumes ausdrückte.

 

ANEMUNDI.

 

Der Name verband für ihn den Menschen, die Welt und das, was zwischen beiden lebendig werden konnte.

 

Anemun wollte keine neue Glaubenslehre schaffen. Auch keine Methode, die Menschen erklärte, wie sie zu leben hatten. Die Gedanken C. G. Jungs und die Frage nach dem eigenen Sein wurden dabei zu wichtigen Bezugspunkten.

 

Nicht höher, schneller oder erleuchteter.

 

Zunächst sein.

 

Sich selbst erkennen.

 

Und verstehen, was dieses eigene Sein verdeckte.

 

Aus dem Raum, den Anemun selbst gebraucht hätte, war eine Idee entstanden.

 

Sie hatte einen Namen.

 

ANEMUNDI.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 213

 

 

 

 

Eine Idee zu haben war das eine.
Ihr Zeit, Kraft und Zukunft anzuvertrauen, etwas anderes.
Anemun entschied sich,
nicht länger auf später zu warten.

 

 

 

Aufbau von ANEMUNDI, Entwicklung der Homepage und der wirtschaftliche Preis eines vollständigen Neuanfangs.

 

 

 

Als der Raum Gestalt annahm

 

 

Mit der Entscheidung gegen das Gerichtsverfahren hatte Anemun nicht nur einen geschäftlichen Konflikt beendet.

 

Er hatte sich für einen anderen Weg entschieden.

 

Die Idee zu ANEMUNDI begleitete ihn bereits seit Längerem. Nach dem Ende seines letzten Beratungsauftrags wollte er ihr jedoch nicht mehr nur die Zeit überlassen, die neben anderen Tätigkeiten übrig blieb.

 

Er wollte sich vollständig darauf konzentrieren.

 

Von Januar bis Ende Juli arbeitete Anemun nahezu ausschließlich an ANEMUNDI. Nicht jeder Tag bestand aus acht Arbeitsstunden. An manchen ging wenig voran, an anderen saß er vom Morgen bis zum Abend am Computer.

 

Entscheidend war nicht die Zahl der Stunden.

 

ANEMUNDI war das einzige berufliche Vorhaben, auf das er seine Kraft richtete.

Einige mögliche Beratungsaufträge standen kurz im Raum. Sie entwickelten sich nicht weiter oder passten nicht zu dem Weg, den Anemun nun gehen wollte.

 

Früher hätte er vielleicht trotzdem zugesagt.

 

Nun tat er es nicht.

 

Er wollte ANEMUNDI nicht erneut zwischen fremde Termine, Erwartungen und wirtschaftliche Zwänge schieben. Das Projekt sollte nicht aus dem Rest seiner Aufmerksamkeit entstehen.

 

Es sollte aus seiner ganzen Erfahrung wachsen.

 

Dazu gehörte, die Ungewissheit auszuhalten.

 

Die Grundidee war vorhanden. Doch zwischen einer inneren Vorstellung und einem tragfähigen Konzept lag umfangreiche Arbeit.

 

Von Beginn an sollte ANEMUNDI Menschen in Phasen des Umbruchs, der Entwicklung und der Transformation offenstehen. Nicht ein bestimmtes Geschlecht oder ein einzelner Anlass bildete den eigentlichen Kern, sondern die Erfahrung, dass die bisherige Ordnung nicht mehr trug und etwas im eigenen Leben neu betrachtet werden musste.

 

Für den ersten Schritt brauchte das Projekt dennoch einen klaren Schwerpunkt. Anemun entschied sich deshalb, zunächst Männer in Trennung anzusprechen. In diesem Bereich lagen seine unmittelbarsten Erfahrungen, seine größte persönliche Nähe zum Thema und ein Verständnis, das nicht nur aus Wissen, sondern aus eigenem Erleben entstanden war.

 

Die Ansprache an Männer verstand er dabei nicht als starre Grenze. Entscheidend war weniger das Geschlecht als die Frage, ob ein Mensch sich in den beschriebenen Erfahrungen und inneren Bewegungen wiedererkannte.

 

Die Fokussierung begrenzte den Raum nicht.

 

Sie gab ihm einen erkennbaren Eingang.

 

Er arbeitete an Begriffen, Texten, Bildern und Strukturen. Immer wieder verwarf er Formulierungen, ordnete Inhalte neu und versuchte, das, was er innerlich empfand, nach außen verständlich zu machen.

 

Die Homepage hatte er zunächst von einem Anbieter erstellen lassen.

 

Er bezahlte für die Gestaltung und Umsetzung. Doch das Ergebnis entsprach weder seinem inneren Bild noch der Atmosphäre, die ANEMUNDI vermitteln sollte.

 

Es war eine Homepage.

 

Aber noch nicht der Raum, den er vor sich sah.

 

Anemun begann deshalb, selbst daran weiterzuarbeiten. Er veränderte Texte, Abstände, Bilder, Übergänge und Seitenstrukturen. Er eignete sich technische Zusammenhänge an, mit denen er sich ursprünglich nicht hatte beschäftigen wollen, und versuchte, innerhalb des bestehenden Systems so viel wie möglich umzusetzen.

 

Dabei stieß er immer wieder an Grenzen.

 

Manches ließ sich nicht so darstellen, wie er es empfand. Technische Vorgaben schränkten die Gestaltung ein. Auf einzelnen Geräten wirkte die Seite anders als vorgesehen. Einige Gestaltungsfragen ließen sich nur annähernd, aber nicht vollständig lösen.

 

Anemun wusste, dass er später wahrscheinlich das gesamte System wechseln musste.

 

Doch zuerst musste ANEMUNDI als Ganzes stehen.

 

Die Homepage musste nicht vollkommen sein.

 

Sie musste erkennen lassen, wofür dieser Raum stand.

 

ANEMUNDI sollte bewusst reduziert wirken. Nicht Bilder, Effekte oder lange Erklärungen sollten den Besucher führen. Wie in einem stillen Raum sollten wenige Worte genügend Platz erhalten, um wirken zu können.

 

Gerade diese Einfachheit war schwer herzustellen.

 

Die ersten Entwürfe waren umfangreich. Anemun wollte erklären, wie ANEMUNDI entstanden war, was ihn geprägt hatte, wie er den Menschen verstand und wodurch sich dieser Raum von einer gewöhnlichen Beratung unterschied.

 

Doch je mehr er erklärte, desto weniger Raum blieb.

 

Also strich er, verdichtete und ordnete neu. Aus vielen Sätzen mussten wenige werden, die dennoch das Wesentliche trugen.

 

Die Texte sollten nicht alles vorwegnehmen.

 

Sie sollten den Eingang öffnen.

 

Für Anemun als Perfektionisten war das ein langer Prozess. Er musste lernen, dass Reduktion nicht bedeutete, etwas Wesentliches zu verlieren.

 

Sie bedeutete, es sichtbar werden zu lassen.

 

Trotzdem ließ sich ANEMUNDI nicht vollständig hinter verschlossenen Türen entwickeln.

 

Es brauchte Begegnung.

 

Es brauchte Rückmeldungen.

 

Und irgendwann musste Anemun zulassen, dass andere etwas sahen, das noch nicht fertig war.

 

Anemun dachte zunächst an einen Blog. Dort konnten Gedanken, Erfahrungen und Entwicklungen ihren eigenen Platz erhalten, ohne die Grundseiten der Homepage erneut zu überladen.

 

Aus dieser Überlegung entstand nach und nach eine eigene Form:

 

die Aufzeichnungen von Anemun.

 

Die Figur war weder ein erfundener Berater noch eine Maske, hinter der er sich verstecken wollte. Anemun war die erzählerische Gestalt, in der er zunächst sein eigenes Leben betrachtete – und in der sich später auch andere mit ihren Erfahrungen wiederfinden konnten.

 

Anemun, der Erste, der ANEMUNDI betrat.

 

Nicht als jemand, der anderen von außen erklärte, wie sie leben sollten. Sondern als Mensch, der sich selbst seiner Geschichte stellte.

 

Ungeschönt und direkt.

 

Anemun brachte seine Widersprüche mit.

 

Seine Entscheidungen und Irrtümer, seine Erfolge und Abstürze, seine Beziehungen, seine Schuld, seinen Glauben und seine Zweifel. Alles, was bisher in einzelne Lebensabschnitte zerfallen war, sollte in den Aufzeichnungen wieder als ein zusammenhängendes Leben sichtbar werden – als Versuch, das eigene Leben zu erkennen und jene inneren Ketten, Glaubensmuster und unnötigen Lasten aufzuspüren, die einem selbstbestimmten Leben im Weg standen.

 

Wer ANEMUNDI später betrat und bereit war, sich der eigenen Geschichte zu stellen, wurde in diesem Sinne ebenfalls zu einem Anemun.

 

Nicht weil die Lebensläufe gleich waren.

 

Sondern weil ein Mensch aufhörte, vor dem davonzulaufen, was in ihm wirkte.

 

So entstanden die Aufzeichnungen von Anemun.

 

Zunächst waren sie nur als ergänzende Texte gedacht. Doch mit jedem Kapitel wurde deutlicher, dass sie einen eigenen Teil von ANEMUNDI bildeten.

 

Die Aufzeichnungen sollten keine Anleitung sein. Sie waren vielmehr der offengelegte Weg eines Menschen, der versuchte, sich seinen Schatten zu stellen und aus der Reise zum eigenen Ich Erkenntnisse mitzubringen, die alte Ketten und Glaubensmuster lösen konnten.

 

Sie sollten zeigen, wie ein Mensch sein Leben als Ganzes zu erkennen versuchte.

 

Anemun begann mit Erinnerungen, ordnete Zeiträume und suchte nach Zusammenhängen. Er überprüfte, wo er nur aus seiner heutigen Sicht urteilte, wo er sich selbst zu entlasten versuchte und wo er anderen Motive zuschrieb, die er nicht kennen konnte.

 

Die Arbeit wurde umfangreicher, als er erwartet hatte.

 

Sie war nicht nur redaktionell.

 

Sie zwang ihn, sich erneut mit seinem eigenen Leben auseinanderzusetzen. Manche Abende endeten in Erschöpfung.

 

Die Arbeit glich dem Schürfen nach Gold: mühsam und kräftezehrend, doch immer wieder brachte sie etwas ans Licht, das den Aufwand rechtfertigte.

 

Manche Tage bestanden fast vollständig aus Schreiben, Prüfen und Überarbeiten. Anemun saß stundenlang vor dem Bildschirm. Besonders sein geschädigtes Auge reagierte auf die Belastung. Es begann zu schmerzen, und manchmal musste er es kühlen und die Arbeit für ein oder zwei Tage unterbrechen.

 

Als Anemun die ersten Inhalte freischaltete, zeigte er sie zunächst nur wenigen Menschen. Zwei oder drei erhielten einen Einblick.

 

Für andere mochte das ein kleiner Schritt sein.

 

Für ihn war es eine Veröffentlichung.

 

Etwas, das lange nur in seinem Inneren existiert hatte, war nun von außen sichtbar. Andere konnten es lesen, beurteilen oder missverstehen.

 

Zu den ersten Menschen, denen Anemun Einblick in das entstehende Projekt und die Aufzeichnungen gab, gehörte Adrian, ein langjähriger Freund.

 

Mit Christoph entwickelte sich daraus ein intensiverer und fortlaufender Austausch. Auch ihn kannte Anemun bereits seit Längerem.

 

Christoph befand sich in einer Lebensphase, in der Gewohntes ins Wanken geraten war und persönliche Fragen nicht länger beiseitegeschoben werden konnten. Er las einen der ersten Texte und erzählte Anemun anschließend von dem, was ihn selbst beschäftigte.

 

Aus einer Rückmeldung wurde ein Gespräch.

 

Und im Gespräch wurde etwas klarer.

 

Zum ersten Mal erlebte Anemun praktisch, was er zuvor nur als Idee beschrieben hatte.

 

Zwischen ihnen entstand Resonanz.

 

Der Raum öffnete sich.

 

Nicht, weil die Homepage vollkommen war oder bereits ein ausgearbeitetes Verfahren existierte. Sondern weil Christoph bereit war, sich zu zeigen, und beide aushielten, was dadurch sichtbar wurde.

 

Die Rückmeldungen der ersten Leser beeinflussten die weitere Entwicklung. Einzelne Formulierungen wurden verständlicher, Zielgruppen klarer und manche Bereiche reduziert. ANEMUNDI entstand nicht in einem abgeschlossenen Entwurf.

 

Es entwickelte sich in der Begegnung.

 

Den Namen hatte Anemun früh als Wortmarke angemeldet. Damit hatte er das Projekt auch nach außen verbindlicher gemacht.

 

Doch eine geschützte Marke war noch kein tragfähiges Unternehmen.

 

ANEMUNDI brachte zunächst keine Einnahmen.

 

Anemun lebte von seinen Rücklagen. Im vorausgegangenen Interimsmanagement hatte er gut verdient und wegen seiner geringen persönlichen Ausgaben Geld zurücklegen können. Doch ein erheblicher Teil war für Steuern, Versicherungen und laufende Verpflichtungen gebunden.

 

Gleichzeitig kosteten die Homepage, technische Leistungen und die Entwicklung des Projekts weiteres Geld.

 

Die Reserven wurden kleiner.

 

Also reduzierte er weiter.

 

Er verkaufte seine Gibson-Gitarre und den Marshall-Verstärker. Auch ein MacBook und andere Dinge, auf die er verzichten konnte, gab er ab.

 

Die Gegenstände hatten ihm etwas bedeutet.

 

Doch wichtiger war ihm die Zeit, die er dadurch gewann.

 

Bei den Kindern sparte Anemun nicht. Was sie brauchten, bezahlte er weiterhin. Unabhängig von seiner eigenen Unsicherheit wollte er ihnen gegenüber seinen Verpflichtungen nachkommen.

 

Für sich selbst benötigte er wenig.

 

Er kaufte nur das Nötigste. Meist ging er ein- oder zweimal am Tag spazieren und ein- oder zweimal in der Woche einkaufen. Dazwischen saß er vor dem Computer, hörte Musik und arbeitete an ANEMUNDI.

 

Immer wieder fuhr er nach Kroatien, um für seine Mutter da zu sein. Auch dort beschäftigte ihn das Projekt weiter. Er überarbeitete Texte, notierte Gedanken und ordnete Zusammenhänge neu.

 

Trotzdem waren viele dieser Monate einsam.

 

Anemun arbeitete an einem Raum für Begegnung, während ein großer Teil seines eigenen Lebens vor einem Bildschirm stattfand.

 

Draußen gingen Menschen ihren Beschäftigungen nach. In der Wohnung entstanden Seiten, Texte und Kapitel, von denen Anemun nicht wusste, ob sie jemals eine größere Zahl von Menschen erreichen würden.

 

Hinzu kamen belastende Entwicklungen im Verhältnis zu seinen Kindern. Die Nähe, die ihm selbstverständlich erschien, erlebte er zunehmend als unsicher. Einzelne Begegnungen und Aussagen trafen ihn tief.

 

Doch diese Entwicklung verlangte ihren eigenen Raum.

 

Manchmal fragte Anemun sich, ob er nicht wieder einen Auftrag annehmen, regelmäßig Geld verdienen und ANEMUNDI nebenbei weiterentwickeln sollte.

 

Wirtschaftlich wäre das wahrscheinlich sicherer gewesen.

 

Doch er kannte sich.

 

Das Dringende hätte erneut das Wesentliche verdrängt.

 

Also blieb er bei seiner Entscheidung.

 

Wenn die Arbeit an den Aufzeichnungen besonders schwer wurde, erinnerte Anemun sich daran, weshalb er damit begonnen hatte.

 

Vielleicht würde sich ein anderer Mensch in einem seiner Erlebnisse wiederfinden. Vielleicht würde jemand erkennen, dass er mit seinem Schmerz, seinen Widersprüchen oder seinem Schweigen nicht allein war.

 

Wenn auch nur einem Menschen dadurch geholfen wurde, die eigene Geschichte klarer zu sehen, wäre die Arbeit nicht vergeblich gewesen.

 

ANEMUNDI war noch nicht fertig.

 

Und vermutlich konnte ein lebendiger Raum niemals vollständig fertig sein.

 

Doch aus einer Idee waren ein Name, eine Homepage und die ersten Aufzeichnungen entstanden. Ein Mensch hatte sich geöffnet. Erste Gespräche hatten gezeigt, dass Resonanz nicht nur ein Gedanke blieb.

 

Der Raum, den Anemun selbst gebraucht hätte, nahm Gestalt an.

 

 

Aufzeichnungen von Anemun – 214

 

 

 

ANEMUNDI-Moment

 

 

Worte können einen Raum beschreiben.
Doch sie allein können ihn nicht öffnen.

 

Er öffnet sich,
wenn einer den Mut findet, sich zu zeigen
und der andere bereit ist, ihm wirklich zu begegnen.

 

Wenn beide aushalten,
was dabei spürbar wird,
kann Resonanz entstehen.

 

Dann beginnt ANEMUNDI.

 

Was würde sichtbar werden,
wenn du dir selbst nicht länger ausweichst?

 

Ein erstes Gespräch kann der Anfang sein,
wenn du diesen Raum lieber in Begleitung betrittst.

 

Erstes Gespräch anfragen